Zwei Reisen nach Amerika: Alexis de Tocqueville und Max Weber - Zusammenfassung des aktuellen Standes der Tocqueville-Weber-Forschung


Studienarbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Aufbau/ Einleitung

1. Inhaltliche Zusammenfassung und Kommentierung der Überblicksartikel
1.1 Freund, Dorrit, 1974: Max Weber und Alexis de Tocqueville, in: Archiv für Kulturgeschichte, 56, 457-464
1.2 Diggins, John P., 1996: America’s Two Visitors: Tocqueville and Weber, in: The Tocqueville Review/ Revue Tocqueville, 17, 2, 165-182
1.3 Ulmen, Gary L., 1991: Politischer Mehrwert. Eine Studie über Max Weber und Carl Schmitt, Weinheim, 341-365
1.4 Lassman, Peter, 1993: Democracy and Disenchantment: Weber and Tocqueville on the ‚Road to Servitude’, in: Herminio Martins (Hrsg.): Knowledge and Passion. Essays in Honour of John Rex, 99-118, London; New York
1.5 Hecht Martin, 1998: Modernität und Bürgerlichkeit. Max Webers Freiheitslehre im Vergleich mit den politischen Ideen von Alexis de Tocqueville und Jean-Jacques Rousseau, Berlin
1.6 Schwind, Robert, 1997: Die These vom Freiheitsverlust bei Alexis de Tocqueville und Max Weber. Unveröffentlichte Diplomarbeit aus dem Bereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrbereich politische Soziologie, Prof. Dr. Claus Offe
1.7 Weber, Marianne, 1984: Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen (Amerikareise im Speziellen: 292-317)

2. Anmerkung: Tocqueville und Benjamins Strom der Geschichte

3. Literaturverzeichnis

0. Aufbau/ Einleitung

Diese Arbeit gibt einen Überblick über den Stand der vergleichenden Tocqueville-Weber Forschung. Für das Thema relevante Artikel und Bücher (vgl. Inhaltsverzeichnis) wurden inhaltlich zusammengefasst und in Bezug auf den Forschungsstand kommentiert. Dementsprechend ist auch die Arbeit aufgebaut. Hinzugefügt ist eine ausführliche Literaturliste zur Tocqueville-Weber-Forschung.

1. Inhaltliche Zusammenfassung und Kommentierung der Überblicksartikel

1.1 Freund, Dorrit, 1974: Max Weber und Alexis de Tocqueville, in: Archiv für Kulturgeschichte, 56, 457-464

Dorrit Freund stellt in ihrem Aufsatz als Erste grundlegend und auf konkrete Textpassagen bezogen die Analogien zwischen Weber und AdT. her. Sie konstatiert beiden Denkern eine ähnliche Fragestellung, die sich um die (Un)Möglichkeit der Wahrung der persönlichen Freiheit im Demokratischen Staat dreht. Jedoch ergäben sich aus dem Fortschreiten der historischen Entwicklung und aus der Wissenschaftlichkeit Webers (vgl. auch Lassman 1993) grundlegende Unterschiede in der Art der Behandlung des aufgeworfenen Problems (459).

Nach Tocqueville führe die Entwicklung zur Gleichheit, verbunden mit ihrer politischen Form der Entwicklung zur Demokratie, zu einer Nivellierung der Gesellschaft, in der die individualisierten aber monotonen Individuen entweder einem individualistisch-anarchistischen oder kollektivistisch-despotischen Gesellschaftszustand zulaufen (ebd.). Gegenmittel für AdT. sind Dezentralisierung (intermediäre Gewalten) und Förderung des Vereinswesens. Durch die konkrete politische Beteiligung des Bürgers blieben seine liberalen politischen Werte erhalten und er ist in der Lage, seine Freiheit gegenüber dem Staat zu verteidigen.

Anders bei Weber: Das Fortschreiten des bürokratischen Rationalismus führe hier zum Verlust der bürgerlichen Freiheiten. Um dieser Bedrohung zu begegnen, fordere Weber „den Ausbau des Parlamentarismus. (...) Parlamentarische Verwaltungskontrolle und gesteigerte politische Verantwortlichkeit sollen die Stellung des Parlaments zu Lasten des Beamtentums stärken“ (460). Gleichberechtigt neben diesen Lösungsversuch stellt Freud Webers Konstruktion des plebiszitär legitimierten Führers, der dem sachlichen Rationalismus des Beamtentums eine (charismatische) Personifizierung der politischen Macht entgegenstellt.

Zusammenfassend führt Freund die unterschiedlichen Problemlösungen der beiden Autoren, in Bezug auf ihre gleich gestellte Frage nach den Voraussetzungen zur Wahrung der Freiheit, auf deren unterschiedliches Demokratieverständnis zurück. Ihre auf diesen unterschiedlichen Deutungen der Demokratie (resultierend aus der zeitlich-geschichtlichen Differenz zwischen Weber und AdT. und Webers verwissenschaftlichter Perspektivität) aufbauende Schlussfolgerung ist, dass bei Weber der Bürger im massendemokratischen Parteienstaat nicht mehr in der Lage sei, unmittelbar zur Erhaltung der Freiheit beizutragen, wohingegen bei AdT. eine unmittelbare Konfrontation zwischen Bürger und Staat bestehe.

Anschließend zählt Freund weitere analoge Problemstellungen bei Weber und AdT. auf, als da seien:

- Formen der Vergesellschaftung im politischen Verband mit, auch in Bezug auf das Wechselspiel zwischen politischer und religiöser Ordnung.
- Die Wirkung der Institutionen und Herrschaftsformen auf die politische Kultur
- Frage nach der politischen Erziehung des Volkes
- Gesinnungsethische Parteien und ihre Bedeutung
- Stellenjägerei und Ämterpatronage
- Methodologische Analogien in Bezug auf die komparative Sozial- und Kulturanalyse beider.

Auch die Legitimationslehre Webers sei bei AdT., in dessen Differenzierung der traditionell-personenbezogenen, der charismatischen und der rationalen Legitimation schon angedacht. Darüber hinaus findet Freund Analogien in Webers Religionssoziologie (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus), die bei AdT. als „Geist der Religion“ und „Geist der Freiheit“ bezeichnet werden.

Um die Frage nach Webers Kenntnis von Tocqueville zu erhärten, führt Freund neben einem Zitat Marianne Webers – es ist sehr wahrscheinlich, dass er ihn gelesen hat, aber nicht beweisbar (aus einem Gespräch mit J.-P.Meyer (1939) – die geistige Bekanntschaft Webers mit Dilthey und Jellinek an.

Schlussendlich stellt Freund eine Wesensverwandtschaft der beiden Denker her, insofern sie unter ähnlichen politischen Umständen lebten. Sie vergleicht das Versagen des Bürgerkönigs Luis Philippe mit dem Scheitern des bismarckschen Scheinkonstitutionalismus. Beide stellten sich in den Dienst des Vaterlandes und beide bewirkten mehr auf analytisch-publizistischer Ebene, denn im direkten politischen Handeln. Beider kultursoziologischer Untersuchungen waren immer durch das vorschwebende politische Ideal bestimmt und „beide sind in ihrer Zielsetzung Politiker und nicht Soziologen (463). Ihre gemeinsame Tragik besteht in dem aus realistischer Unparteilichkeit resultierenden Vertreten von politischen Positionen jenseits der persönlichen politischen Neigung (vgl. auch Diggins 1996).

„So darf“ endet Freund, „Max Weber mit Fug als Erbe der Gedanken Tocquevilles bezeichnet werden“ (464). Aber: Tocqueville habe Weber nur im Sinne einer Anregung gedient, „was ersterer oft nur ahnte, (...) hat Weber zu Ende gedacht und in sein soziologisches System eingebettet“ (461).

Kommentar:

Dorrit Freund hat mit ihren konkreten Ausführungen von Analogien zwischen Weber und AdT. grundlegende Forschungsarbeit in dem Sinne geleistet, dass sie in relativer Allumfassendheit alle wesentlichen Vergleichskategorien zwischen den beiden Autoren angerissen hat. Dennoch scheint mir, dass sie AdT.s düstere Vision eines Verwaltungszentralismus unterschätzt und hier weitere konkrete Analogien zu Webers Bürokratisierungstendenzen herzustellen sind. Außerdem ist es möglich, dass sie die autoritär-elitären Züge in Webers Demokratiekonzeption (Führerdemokratie, Parlament mit hauptsächlich politischer Auslesefunktion) überschätzt. Hier sei erst mal auf Martin Hecht (1998) verwiesen, der versucht, die Auffassung Mommsens zu widerlegen, die Weber als autoritären Elitentheoretiker gegen den politischen Dilettantismus des dt. Reiches etabliert, und Webers Freiheitsidee in den Vordergrund rückt, mit der er versucht habe, eine politische Bürgeridee im Menschen wiederzubeleben. Unter diesem Gesichtspunkt käme es dann sehrwohl zu einer Deckungsgleichheit mit AdT. in Bezug auf das Hervorrufen der politischen Klugheit im Bürger.

Freunds These des unterschiedlichen Politik- und Demokratieverständnis von AdT. und Weber lässt sich gut auf den Betrachtungen Lassmans weiterdenken (vgl. Lassman 1993).

1.2 Diggins, John P., 1996: America’s Two Visitors: Tocqueville and Weber, in: The Tocqueville Review/ Revue Tocqueville, 17, 2, 165-182

Diggins Weber-AdT.-Vergleich ist primär auf deren jeweiligen Aussagen zu Amerika bzw. moderne Industriegesellschaften überhaupt bezogen, sprich er klammert bei der Untersuchung von AdT.s ‚Über die Demokratie in Amerika’ dessen verwaltungsdespotische Prognose im letzten Teil des zweiten Bandes aus. Was AdT. beschrieb, sei „what America was“ und Weber sage uns „what America became“ (165). Er unterscheidet auf der Zeitachse zwischen dem agrarischen Amerika AdT.s und dem industrialisierten Webers. Webers Prognosekraft beschreibe mit den Zentralbegriffen ‚Bürokratisierung, Rationalisierung, Zentralisierung’ bis heute gültige Strukturmerkmale von modernen Industriegesellschaften. Tocqueville dagegen sehe in dem amerikanischen Gesellschaftszustand einen von der Geschichte unbelasteten Sonderweg („exceptionalism“). Es handle sich um Unterschiede in der Problemstellung von AdT. und Weber.

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Autoren macht er an den Begriffen ‚Prognosefähigkeit’ (in Bezug auf Russland und Amerika), der Bedeutung der Religion für ein politisches Gemeinwesen, der ‚Bürokratie’ und dem ‚Tragikverständnis’ der beiden Autoren fest.

Die Unterschiede liegen wie bei Freund im Grund für soziale Nivellierung. Wo bei AdT. die egalitäre Demokratie, in der Ungleichheiten nicht ertragen werden, die soziale Angleichung und kulturelle und politische Nivellierung hervorruft[1], ist bei Weber der bürokratische Versorgungsstaat die Ursache. Darüber hinaus komme bei Weber der industriegesellschaftliche Aspekt eines weiterentwickelten Kapitalismus dazu, der die Macht der Bürokratie und unpersönlicher institutioneller Strukturen und Statushierarchien hervorbringt.

Gemeinsamkeiten bei der Analyse der amerikanischen Gesellschaft finden sich in der Beziehung zwischen Puritanismus, politischer Freiheit und wirtschaftlicher Entwicklung. Nur durch die protestantische Ethik konnte die Arbeit zur Lebenserfüllung werden. Beide sehen also einerseits den liberalen Kapitalismus als natürlichen Ausdruck einer liberalen Demokratie (gerade in Verbindung mit der Arbeitsethik). Andererseits fürchten jedoch beide eine durch die Massendemokratie bedingte „road to servitude“ (167). Aus dieser analogen Ausgangsanalyse werden jedoch unterschiedliche Gefahren abgeleitet: Die Überindividualisierung verbunden mit präsentistischem Erwerbsstreben führt bei AdT. zu mangelndem Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten und damit zu politischer Teilnahmslosigkeit, Indifferenz, Konformität und dem letztendlichen Unterliegen unter die Tyrannei der Mehrheit (168). Bei Weber dagegen birgt das Leben der Bürger von und nicht für die Politik die Transformation der Demokratie in eine Bürokratie. Das ursprünglich organisatorische Mittel Bürokratie wird zum gesinnungslosen Selbstzweck. Wo Weber die Freiheit und die Moral vor der Bürokratie (i.e. instrumentelle Vernunft, Rationalität) schützen will, will AdT. sie vor Auswüchsen der Demokratie (i.e. Tyrannei der Mehrheit und demokratischer Zentralismus) bewahren. Webers Gegenmittel sind aktive, aufgeklärte Bürger statt passiv Befohlene. Tocqueville setzt auf Religion, Gesetz, Gewaltenteilung und die ‚moers’.

[...]


[1] Ab hier spare ich mir bei den Zusammenfassungen den Konjunktiv.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zwei Reisen nach Amerika: Alexis de Tocqueville und Max Weber - Zusammenfassung des aktuellen Standes der Tocqueville-Weber-Forschung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V14566
ISBN (eBook)
9783638199285
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwei, Reisen, Amerika, Alexis, Tocqueville, Weber, Zusammenfassung, Standes, Tocqueville-Weber-Forschung, Seminar, John, Stuart, Mill
Arbeit zitieren
Dominik Sommer (Autor), 2003, Zwei Reisen nach Amerika: Alexis de Tocqueville und Max Weber - Zusammenfassung des aktuellen Standes der Tocqueville-Weber-Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14566

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