Zur Kritik der hypokritischen Mimesis in Platons Politeia


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur traditionellen Auffassung von Kunst und Dichtung im antiken Griechenland

3. Platons Einstellung zur Dichtung

4. Zum Mimesisbegriff

5. Platons Mimesisgebrauch

6. Zur “politeia” S.10

7. Mimesiskritik in der “politeia”

8. Schlußbemerkung - Paradoxien und Widersprüche

9. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Der Einfluss Platons[1] auf die Entwicklung der Philosophie und der abendländischen Kultur überhaupt ist unbestritten. Nicht zuletzt deshalb stehen seine Werke immer wieder im Interesse diverser Geisteswissenschaften.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Platons zentrales Werk “politeia” unter dem Gesichtspunkt der Auseinandersetzung mit mimesis.

Aufgrund der Komplexität des Themas kann an dieser Stelle keine umfassende Analyse präsentiert werden. Vielmehr geht es mir um die Darstellung einiger weniger Aspekte, die exemplarisch in die Problematik einführen sollen.

Um die besondere Leistung in Hinblick auf das allgemeine Kunstverständnis im antiken Griechenland zu verdeutlichen, soll zunächst - quasi als historischer Hintergrund - die traditionelle Auffassung von Kunst und Dichtung umrissen werden, bevor sich eine Beschreibung von Platons Haltung zu diesem Thema anschließt.

In diesem Zusammenhang ist eine prinzipielle Annäherung an den Mimesisbegriff notwendig. Eine endgültige Klärung desselben scheint mir im Rahmen dieser Arbeit weder möglich noch zweckdienlich, da hier unterschiedliche Konzepte und Interpretationen aufeinandertreffen und zu entsprechend divergierenden Meinungen und Werturteilen führen. Bei meinen Ausführungen beziehe ich mich daher hauptsächlich auf die von G.Gebauer und C.Wulf verfasste Geschichte der Mimesis[2], die eben jene Vielschichtigkeit berücksichtigt.

Nach der Darstellung des spezifischen Gebrauchs des Mimesisbegriffs und seiner Entwicklung bei Platon, wobei mir Penelope Murrays Arbeit[3] als eine ergiebige Quelle diente, stelle ich die “politeia[4] als zentrales Werk Platons inhaltlich und in seiner Struktur vor, um dann anhand konkreter Textarbeit direkt zu der darin geübten Mimesiskritik überzugehen. Hierbei beschränke ich mich auf die Bücher III und X, in welchen sich Platon explizit auf die untersuchte Thematik bezieht.

Schließlich soll auf einige Widersprüchlichkeiten und Paradoxien im Werk Platons hingewiesen werden, ohne diese jedoch näher erläutern oder gar klären zu können, da dies Gegenstand einer anderen, über den Rahmen der hier thematisierten Problematik hinausgehenden Arbeit wäre.

2. Zur traditionellen Auffassung von Kunst und Dichtung im antiken Griechenland

In vorplatonischer Zeit wurde die Dichtkunst als Gabe der Musen[5] im Sinne göttlicher Eingebung angesehen. Die Dichter, auch sophoi (weise Männer) genannt, erhielten durch die Inspiration der Musen Zugang zu Wissen und Wahrheit. Dementsprechend gab es an dem Wahrheitsgehalt von Dichtung zunächst keine Zweifel.

In Verbindung mit dem Begriff der techné[6] galten Dichter aber auch als Handwerker mit besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Seit Pindar bediente man sich zunehmend handwerklicher Metaphern zur Beschreibung dichterischer Tätigkeit. Dies schlägt sich Ende des 5. Jahrhunderts v.Chr. - erstmals bei Herodot- in Bezeichnungen des Dichters als poietes (Schaffender) nieder.

Dabei machte man in Bezug auf die techné keine sprachliche oder konzeptuelle Unterscheidung zwischen Handwerk und den sogenannten “Schönen Künsten” im heutigen Verständnis. Vielmehr wandte man den Begriff sowohl auf Dichtung, Malerei, Bildhauerei als auch auf die Handwerkskünste an.

Kunst galt demnach in erster Linie als Können, wurde jedoch nie losgelöst von moralischen Aspekten betrachtet. Ihre unmittelbare pädagogische Funktion beruhte u.a. auf der Vermittlung historisch, ethisch und politisch bedeutungsvoller Stoffe. Didaktisch nutzte man Dichtung z.B. in Chören der griechischen Tragödien durch mimetisches Aufsagen und Einüben der Gesetzmäßigkeiten des frühgriechischen Lebens.

Dichtung fungierte entsprechend auch als kultureller Speicher, als “Enzyklopädie” von sozialen Habitusformen, Gewohnheitsrechten und gesellschaftlichen Konventionen.

3. Platons Einstellung zur Dichtung

Anders als beispielsweise Aristoteles[7] hat Platon weder eine poetologische Abhandlung verfasst, noch eine einheitliche Theorie über Dichtung entwickelt.

Dennoch spielt gerade dieses Thema eine wesentliche Rolle im Werk des Philosophen. Die Diskussionen über Literatur und Theater sind hier allerdings stets in größere Zusammenhänge eingebettet und geben oft unterschiedliche Haltungen und Bilder wieder. Platons Einstellung zur Dichtkunst kann somit nur mittels einer tiefergehenden Analyse seines Gesamtwerkes verdeutlicht werden.[8] Bei einer solchen Vorgehensweise stößt man allerdings auf ein weiteres Problem: die große Vielfalt, mit welcher Platon die Dichtung behandelt. Während er in den Dialogen “ion” und “phaidros” die Dichter und ihr Können in einer Art - wenn auch zweideutigen - Lobpreisung beschreibt, kategorisiert er dieselben in der “politeia” als wertlos, ja sogar gefährlich und schließt sie letztlich aus der idealen Gesellschaft aus.

Vor allem in seinen späteren Werken bezeichnet Platon Dichtung als wertlose Imitation einer Imitation der Wirklichkeit und trennt damit mimesis von Inspiration. Der Zustand des inspirierten Dichters gleicht einer Art Wahn oder Raserei[9], sein Schaffen erfolgt ohne Wissen von den Dingen durch göttliche Fügung. Des weiteren nimmt Platon eine Unterscheidung von künstlerischem Schaffen als Hervorbringung von Schein und handwerklichem Schaffen vor.

Im großen und ganzen übernimmt Platon demnach die traditionelle Sicht auf den Dichter als von den Musen inspirierter Künstler, transformiert diese jedoch durch die Betonung der Passivität des Dichters und der Irrationalität des poetischen Prozesses. Der traditionell so wesentliche Begriff der techné scheint ihm mit Inspiration unvereinbar. Vielmehr untergräbt Platon die Auffassung vom göttlichen Ursprung der Dichtung als Garantie für Wahrheit und Qualität und damit die Autorität des Dichters, indem er ihm die techné abspricht.[10]

[...]


[1] Geboren 427 v.Chr. in Athen, ebenda gestorben 347 v.Chr., wesentlich geprägt von seinem Lehrer Sokrates und Gründer der Akademie in Athen (387 v.Chr.). Auf eine biographische Einführung zu Platon wird mit dem Hinweis auf die Vielzahl von Biographien und entsprechenden Nachschlagewerken verzichtet.

[2] Gebauer,G. / Wulf,C.: Mimesis. Kultur - Kunst - Gesellschaft

[3] Murray,P.: Plato on poetry

[4] Ich wähle hier bewusst nicht die Übersetzung “Der Staat”, da mir die platonische Auffassung desselben weit über die heute mit dem Wort assoziierten Vorstellungen hinausreicht. Zudem werden in der “politeia” neben Fragen zur gerechten Staatsführung auch andere Aspekte erörtert.

[5] Schutzgöttinnen der Künste (und Wissenschaften), insbesondere der Dichtungsgattungen, dann des geistigen Lebens überhaupt. Drei, später neuen Töchter des Zeus und der Mnemosyne: Kalliope ("die Schönstimmige" - Muse epischer Dichtung mit Wachstafel und Griffel), Melpomene ("die Singende" - Muse der tragischen Dichtung mit tragischer Maske als Attribut), Thalia ("die Blühende" - Muse der komischen Dichtung mit komischer Maske), Euterpe ("die Erfreuende" - Muse der Lyrik mit Aulos), Terpsichore ("die Reigenfrohe" - Muse der Chorlyrik und des Tanzes mit der Lyra), Erato ("die Liebevolle" - Muse der Liebesdichtung mit einem Saiteninstrument), Polyhymnia ("die Hymnenreiche" - Muse der Hymnendichtung meist ohne Attribut in nachdenklicher Haltung dargestellt), Klio ("die Rühmerin" - Muse der Geschichtsschreibung mit Buchrolle oder Tafel und Griffel), Urania ("die Himmlische" - Muse der Sternkunde mit Himmelsglobus und Zeigestab). 'Muse' schlechthin ist die Patronin des epischen Dichters, deren inspirierenden Beistand er zu Beginn seines Werkes erbittet

[6] i.S. von Können, Kunst, Geschicklichkeit aber auch Kenntnis in allen Bereichen

[7] seine “Poetik” gilt als eines der Standardwerke der Geisteswissenschaften

[8] Eine solche Analyse kann und soll hier wie gesagt nicht vorgenommen werden Vielmehr beschränke ich mich auf einige wesentliche Ansätze, welche die Entwicklung und auch Widersprüchlichkeit veranschaulichen sollen.

[9] vgl. Koller: mimesis hervorgegangen aus dionysischem Kult - Rausch, Ekstase, selbstvergessene Raserei der Kulttänzer.

[10] Für Platon meint techné im hervorbringenden Bereich die auf Erfahrung (empeiria) beruhende "Erkenntnis des Allgemeinen" und damit verbunden auch die Kenntnis der Ursachen dessen, was sie hervorbringt.

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Details

Titel
Zur Kritik der hypokritischen Mimesis in Platons Politeia
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften - Seminar für Theaterwissenschaft und Kulturelle Kommunikation)
Veranstaltung
Formen der Theatralität im antiken Griechenland - Zum Problem der Bildkommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V14570
ISBN (eBook)
9783638199322
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Mimesis, Platons, Politeia, Formen, Theatralität, Griechenland, Problem, Bildkommunikation
Arbeit zitieren
Astrid Lukas (Autor), 2000, Zur Kritik der hypokritischen Mimesis in Platons Politeia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14570

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