Mit Hinblick auf die queere Identität sowohl von Erzählfigur als auch von der Autor:inneninstanz stellt sich folgende Frage für die Hausarbeit: Inwieweit ermöglicht das in "Blutbuch" auftretende Hexenmotiv das Finden einer queeren Identität? Zunächst soll ein kurzer Überblick über die feministische Bewegung des 20. Jahrhunderts gegeben werden, die das Narrativ der Hexe großflächig vom männlich gelesenen "Bösen" hin zu einem rebellischen emanzipatorischen Narrativ umdeutet.
Explizit wird dann der spirituelle Feminismus als Unterbewegung thematisiert, dessen Gedankengut Starhawk, welche darauffolgend von Interesse ist, in ihre aktivistische Arbeit aufnimmt. Intertextuelle Verweise von Starhawk und Stauffer
zeigen die Relevanz ihres Hexenverständnisses für das in Blutbuch zugrundliegende Hexenverständnis. Diesem Kapitel liegt in Teilen die Forschung Wiedemanns (2007) zugrunde, die die unterschiedlichen Hexenbilder in diversen Bewegungen intensiv studiert. Aber auch explizit feministische Aufsätze von Brandl (2022) oder Kleesattel (2022) finden Eingang in das einführende zweite Kapitel dieser Arbeit.
Daran anknüpfend folgt im Hauptteil die Analyse, die sich in folgende Kategorien untergliedert: Den ersten Punkt der Analyse nimmt das Motiv der Eis- und Wasserhexe ein, welches thematisch dreiteilig untergliedert dargestellt wird. Danach folgt eine Analyse der naturmagischen Bezüge in Blutbuch, anhand dessen die Nähe zu Starhawk gezeigt werden kann. Der letzte Teil der Analyse widmet sich den weiblichen Genealogien und geht darauf ein, wie diese in Bezug auf das Finden einer queeren Identität erzählerisch eingesetzt werden. Alle Punkte der Analyse werden unter Berücksichtigung der Fragestellung untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hexenbilder in verschiedenen Bewegungen
2.1 Feministische Hexenbewegung
2.2 Neue Frauenbewegung und spiritueller Feminismus
2.3 Starhawk und der Wicca-Kult
3 Analyse
3.1 Die Eishexe und die Wasserhexe
3.2 Magische Naturverbundenheit und die Beziehung zu Starhawk
3.3 Weibliche Genealogie
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit das in Kim de l’Horizons Roman "Blutbuch" auftretende Hexenmotiv der erzählenden Instanz das Finden einer queeren Identität ermöglicht und welche Rolle dabei die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte sowie patriarchalen Strukturen spielt.
- Die Funktion des Hexenmotivs als Spiegelbild für Unterdrückung und Befreiung.
- Der Kontrast zwischen der destruktiven Eishexe und der als identitätsstiftend wahrgenommenen Wasserhexe.
- Der Einfluss ökofeministischer und naturmagischer Diskurse (insbesondere Starhawk) auf das Erzählwerk.
- Die Bedeutung der weiblichen Genealogie und des Modells des Hexennetzwerks für die queere Identitätsbildung.
Auszug aus dem Buch
Die Eishexe und die Wasserhexe
Im zweiten Kapitel „Die Suche nach der Kindheit“ werden unterschiedliche Situationen aus der Vergangenheit des Kindes erzählt. Es wird nicht chronologisch aus der Kindheit der Erzählfigur berichtet – immer wieder treten Bruchstücke der Erinnerung auf und fließen in den Text mit ein. So beginnen zahlreiche Unterkapitel mit kurzen hypotaktischen Sätzen, die die Situation und eventuell die das Setting der darauffolgenden Situationen beschreiben und anzeigen, dass wieder ein Wechsel der Erzählsituation stattfindet.
Zentral in dem gesamten Kapitel ist jedoch die immer wieder auftretende Eishexe, die dem Kind das Finden der eigenen Identität erschwert. Das erste Mal tritt die Eishexe im Unterkapitel „Meer“ auf. Hier wird schon deutlich, dass es sich bei dem Wesen, um die Mutter des Kindes handelt, die sich in die Eishexe verwandelt. Dennoch sollte eine Gleichsetzung beider Figuren nicht stattfinden.
Die Mutter ist auf dem Sofa eingeschlafen, das Kind entwendet ihr das geblümte Kissen und „[…] zieht sich die verbotenen Zauberschuhe an.“ Von dem Kind werden die Absatzschuhe der Mutter als Zauberschuhe betrachtet, da es dank ihnen in eine andere, sonst nicht realisierbare, Rolle schlüpfen kann. Der Aspekt des Zauberns ist hier also mit einer Veränderung und dem Realisieren einer sonst nicht möglichen Identität verknüpft. Kurz darauf erfolgt dann der Satz, der den Auftritt der Eishexe ankündigt: „Plötzlich erstarren die Blumen. Die Blätter des Meertrübelistrauches knacksen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk "Blutbuch" ein, erläutert die nonbinäre Erzählweise und stellt die Forschungsfrage nach der Funktion von Hexenmotiven für eine queere Identität.
2 Hexenbilder in verschiedenen Bewegungen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die historische und aktivistische Entwicklung des Hexenbildes, vom feministischen Narrativ bis hin zum spirituellen Feminismus und dem Wicca-Kult.
3 Analyse: Die Analyse untersucht die symbolische Bedeutung der Eis- und Wasserhexe, die Rolle magischer Naturverbundenheit nach Starhawk sowie die Rekonstruktion weiblicher Genealogien im Roman.
4 Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass das Hexenmotiv ein ambivalentes Werkzeug bei der Identitätssuche darstellt, welches sowohl patriarchale Bedrohung als auch queere Empowerment-Potentiale in sich trägt.
Schlüsselwörter
Blutbuch, Kim de l'Horizon, Hexe, Hexenmotiv, Queer, Queere Identität, Feminismus, Weibliche Genealogie, Starhawk, Naturverbundenheit, Patriarchat, Identitätssuche, Autofiktion, Ökofeminismus, Wasserhexe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Hexenmotiv im Roman „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon und analysiert, inwiefern dieses Motiv zur Identitätsfindung einer queeren Erzählfigur beiträgt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die feministische Hexenrezeption, die Naturmagie als spirituelle Verbindung, die Aufarbeitung von Familiengeschichten sowie die Dekonstruktion patriarchaler Strukturen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob und wie Hexenmotive als empowernde Symbole fungieren können, um die unsichere Identität der Romanfigur in einer heteronormativen Welt zu stabilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Hausarbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen des Feminismus und der Gender-Studies mit einer strukturierten Textanalyse des Romans verknüpft.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Analysebereiche: die Motivik der Eis- und Wasserhexe, die magische Naturverbundenheit in Anlehnung an das Gedankengut von Starhawk sowie die Bedeutung weiblicher Genealogien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Hexenmotiv, queere Identität, Patriarchat, Weibliche Genealogie, Naturverbundenheit und Empowerment.
Wie unterscheidet sich die Eishexe von der Wasserhexe im Roman?
Die Eishexe wird als Sinnbild patriarchaler Härte und Unterdrückung interpretiert, während die Wasserhexe eine positivere Instanz verkörpert, die fluide Identitäten und ein Entkommen aus binären Kategorien ermöglicht.
Was bedeutet das "Verweben von Fäden" in der Analyse?
Dieses Leitmotiv dient als Metapher für die Rekonstruktion der weiblichen Familiengeschichte. Während die Mutter ein "Hexennetzwerk" webt, versucht die Erzählinstanz durch das Stricken und Erzählen die eigene, zerbrechliche Identität vor dem Verlust zu schützen.
- Arbeit zitieren
- Anna Kaup (Autor:in), 2023, Kim de l’Horizons "Blutbuch". Inwieweit ermöglicht das auftretende Hexenmotiv das Finden einer queeren Identität?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1457334