Die Rolle des "russischen Berlin" im Roman von Vladimir Nabokov "Dar"


Hausarbeit, 2006

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Das „russische Berlin“
1. Drei Wellen der Migrationsbewegung
2. Das „russische Berlin“ als erste Welle der Migration
a) Berlin – eines der größten Migrationszentren
b) Die Gründe der Migration
c) Die zeitlichen Grenzen des „russischen Berlin“
d) Die Schichten der Emigrantengesellschaft

II. Die Realien des russischen Emigrantenlebens zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und im Roman „Дар“
1. „Habgierige Vermieter“
2. Lebensunterhalt
3. Kontakte nach außen
4. Das literarische Leben

III. Hierarchie der Rollen im Roman „Дар“
1. Die Rolle des „russischen Berlin“
a) Die Rolle Berlins als Stadt
b) Die untergeordnete Rolle des „russischen Berlin“ im „Дар“
2. Die Rolle der Literatur
a) Literatur als Hauptthema des Romans
b) Nationalcharakter der Literatur
c) Puschkinkult
d) Literarisches Schaffen von Федор

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Vladimir Nabokov (1899 – 1977) ist einer der wichtigsten russischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Er schuf seine literarische Meisterwerke nicht in Russland, sondern in Deutschland, Frankreich, USA und Schweiz. Fünfzehn Jahre seines Lebens verbrachte er in Berlin. Im Sommer 1922 kam Vladimir Nabokov nach Berlin und lebte dort bis Anfang 1937. Diese Zeit war bedeutsam für ihn: in Berlin heiratete er, sein Sohn kam dort zur Welt, sein Vater wurde dort ermordet. In Berlin wurde er zum Schriftsteller und fand seinen eigenen Stil (Zimmer 2001:7).

Acht Romane von Vladimir Nabokov spielen im Berliner Milieu. Seinen ersten russischen Roman „Maschenka“ schrieb er 1924 in Berlin, seine nächsten sieben Romane wurden auch dort geschrieben und sie spielen ganz oder zum Teil in Berlin: „Die Berliner Parks, die häßlichen Wohnhäuser, der Grunewald mit seinen interessanten Schmetterlingen und der glitzernde nasse Asphalt der Berliner Nächte seien der deutsche Beitrag zu den acht Romanen.“ (Mierau 1990:11)

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, den bekannten und letzten russischen Roman von Vladimir Nabokov zu analysieren und herauszufinden, welche Rolle das „russische Berlin“ in diesem Roman spielt. Als Stoff der Untersuchung diente, wie es schon im Thema der Arbeit anklingt, der Roman „Дар“, der 1938 erschien aber erst 1952 zum ersten Mal vollständig veröffentlicht wurde. Die Arbeit besteht aus insgesamt drei Teilen. Im ersten Teil wird der Begriff des „russischen Berlin“ vor dem Hintergrund der drei Migrationswellen des zwanzigsten Jahrhunderts erklärt. Im nächsten Teil der Arbeit wird der Inhalt des Romans einer näheren Betrachtung unterzogen. Es werden die Realien des russischen Emigrantenlebens im allgemeinen und im einzelnen Fall am Beispiel des Protagonisten des Romans Федор Годунов-Чердынцев kritisch betrachtet. Im dritten und letzten Teil wird es untersucht, welche Rolle das „russische Berlin“ an sich, sowie im Verhältnis zur Literatur und dem literarischen Schaffen von Федор im Roman spielt.

Die Figurennamen und die Auszüge aus dem Roman, genauso wie die Auszüge aus der russischsprachigen Sekundärliteratur werden auf russisch zitiert. Die Verweise auf die russischsprachige Literatur werden ebenfalls auf russisch gebracht.

I. Das „russische Berlin“

1. Drei Wellen der Migrationsbewegung

Der Geschichtswissenschaftler und Autor mehrerer Bücher über die soziale und politische Geschichte Russlands Марк Раев unterscheidet in seinem Buch „Россия за рубежом. История культуры русской эмиграции 1919-1939“ insgesamt drei Migrationswellen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts: zwischen 1919 und 1939, nach 1945 und schließlich die Welle der siebziger Jahre.

Die Emigrantengesellschaft der ersten Welle definiert er als „общество в изгнании“ und nennt zur Begründung seiner Definition zwei wichtige Punkte: erstens waren im Ausland alle gesellschaftlichen Schichten, die auch in Russland vor der Oktoberrevolution vertreten waren, vorhanden; zweitens hatten die Emigranten bewusst versucht, ein russisches Leben zu führen. Sogar in der fremden Umgebung haben sie als ein unabdingbarer Teil von Russland gelebt, gearbeitet und geschaffen.

Leider konnte die russische Emigration als selbständige „общество в изгнании“ nicht überleben, weil die junge Emigrantengeneration, die im Krieg gegen Hitler kämpfte, und die Kinder dieser Generation in die Gesellschaft des Landes, das ihnen Zuflucht bot, völlig integriert wurden. Ein weiterer Grund für das Ende der „общества в изгнании“ war die zweite Migrationswelle, die so genannten „перемещенные лица“. Ein Teil davon wurde von Emigranten gebildet, die früher auf der Balkanhalbinsel und in Zentraleuropa gelebt hatten und wieder von der Roten Armee flüchteten. Im Großen und Ganzen waren es aber überwiegend Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und schließlich jene Leute, die vor dem stalinistischen Regime flohen. Sie hatten überhaupt nicht danach gestrebt, Russland im Ausland zu errichten. Ihr einziges Ziel war es, ein ruhiges und ungefährliches Leben zu finden.

Es ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, ob die dritte Migrationswelle dazu fähig war, ein neues Russland im Ausland zu gründen. Nach der Meinung von Марк Раев gibt es schon viele Fakten, die dagegen sprechen (Раев 1994:15).

2. Das „russische Berlin“ als erste Welle der Migration

Der zweite Punkt des ersten Teils der Arbeit zielt darauf ab, den Begriff des „russischen Berlin“ in Bezug auf die erste Welle der Migration des zwanzigsten Jahrhunderts zu erklären, indem die Entstehungsgründe, die zeitlichen Grenzen und die gesellschaftlichen Schichten eines der größten Zentren der Migration untersucht werden.

a) Berlin – eines der größten Migrationszentren

Während der ersten großen Migrationsbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts verließen ein bis zwei Millionen Flüchtlinge das russische Reich und verteilten sich über die ganze Welt. Deutschland war in den ersten Jahren ihr Hauptziel. 1922-1923 suchten dort bis zu 560 000 russische Emigranten ihre Zuflucht. Noch zu Beginn des Jahres 1919 befanden sich 250 000 russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern und selbst nach dem Ende der Rückführungen 1921 gab es trotzdem 4 500 Legale und etwa 15 000 Illegale auf deutschem Gebiet (Zimmer 2001:116). Karl Schlögel bemerkt aber, dass die statistischen Angaben über die Zahl der russischen Emigranten, die in Deutschland in der Zwischenkriegszeit gelebt hatten, auseinandergehen. Die Tatsache, dass nicht alle Flüchtlinge sich registrieren ließen, die unvollständigen Erhebungen verschiedener Organisationen und Behörden und die öfters problematische Klassifizierung und Zuordnung der Flüchtlinge erschwerten nach seiner Meinung die Genauigkeit der Angaben (Schlögel 1994:236).

Neben vielen Zentren der russischen Emigration (New York, Prag, Rom, Warschau, Shanghai, Belgrad, Riga, Istanbul, Sofia, Tallinn, Helsinki) waren Berlin und Paris zweifellos die größten und bekanntesten Zufluchtsorte der Russen. Dieter Zimmer konstatiert:

Die meisten Exilrussen zog es nach Berlin. 1921 lebten etwa 100 000

in der Stadt; nach dem Höhepunkt der Zuwanderungswelle im Winter

1921/22 waren es 300 000 bis 360 000, konzentriert in den Bezirken

Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöneberg. Der Kern des plötzlich

entstandenen „russischen Berlin“ lag im Dreieck Nollendorfplatz,

Prager Platz und Bahnhof Zoo. (Zimmer 2001:116)

Um die russischen Flüchtlinge betreuen zu können, entstanden nach den Worten von Reinhard Lauer in Berlin viele soziale und kulturelle Einrichtungen. Die russische Kolonie wuchs sehr schnell und wurde für die Jahre 1922-1923 auf eine halbe Million Emigranten geschätzt. Doch danach begann wieder die Abwanderung:

Die Einführung der Nansen-Pässe[1] seit Oktober 1923 […] und die

Stabilisierung der deutschen Währung im November 1923 […]

bewirkten, daß ein großer Teil der russischen Emigranten

Deutschland wieder verließ und nach Frankreich oder nach

Großbritannien, vielfach auch nach Prag strebte, wo inzwischen

ebenfalls kulturelle Einrichtungen und Hilfsfonds für sie entstanden

waren. Es zeigte sich, daß Berlin vielen Russen eben nur ein

vorübergehendes Ziel gewesen war, das man verließ, wenn sich

Aufenthaltschancen in erwünschteren Ländern ergaben. Bis zum

Jahre 1933 […] sank die Zahl der Berliner Russen auf ca. 40 000

Personen ab. (Lauer 2000:530)

Nur wenige Emigranten, setzt er fort, erklärten sich zur Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bereit. Viele Flüchtlinge, bemerkt Dieter Zimmer, kehrten in ihr Heimatland zurück und die, die nicht zurückkehrten, gingen nach Frankreich, besonders nach Paris, das zu ihrem zweiten und letzten Zufluchtsort wurde. So zählte zum Beispiel Paris im Jahre 1928 400 000 Exilrussen, wobei in Berlin im Jahre 1929 nur noch 75 000 waren. Im Frühling 1933 lebten in Berlin noch knapp 10 000 Emigranten (Zimmer 2001:116).

b) Die Gründe der Migration

Die Migrationsbewegung wurde in erster Linie von der Oktoberrevolution ausgelöst. Der danach folgende Bürgerkrieg und die Hungersnöte trugen auch zur Auswanderung bei (Zimmer 2001:116). Die Intelligenz fühlte sich von dem bolschewistischen Regime, das in Russland nach der Oktoberrevolution durchgesetzt wurde, bedroht. Die Zeitschrift „Das russische Berlin“ berichtete von den Möglichkeiten der Auswanderung: „Viele waren auf abenteuerlichen Wegen geflohen, anderen hatten alte Freunde sowjetische Ausreisevisa besorgt.“ (Burchard 1994:11) Den Hauptgrund für die Flucht sieht Марк Раев in der im Krieg gegen die Rote Armee erlittenen Niederlage und in der daraus folgenden Gefahr, in Gefangenschaft zu geraten oder von Repressionen betroffen zu werden. Der Hunger, die Entbehrungen, die Lebens- und Freiheitsgefahr als Ergebnisse der politischen Lage, spielten dabei seiner Meinung nach auch eine große Rolle (Раев 1994:29).

c) Die zeitlichen Grenzen des „russischen Berlin“

Die zeitlichen Grenzen des „russischen Berlin“ lassen sich nicht ganz genau bestimmen. Das „russische Berlin“ entstand nicht erst nach der Oktoberrevolution 1918 und es existierte auch nach der Mitte der zwanziger Jahre. Die Zuwanderung, wie auch die Abwanderung der Emigranten geschah nicht an einem Tag, sondern ging nach und nach über viele Jahre vonstatten. Aber das kulturelle, politische und soziale Leben der russischen Emigration in Berlin pulsierte im Laufe eines bestimmten Zeitabschnittes am heftigsten. Darunter ist die Zeit „zwischen der Oktoberrevolution und der vorübergehenden Stabilisierung der deutschen Wirtschaft nach 1923, als für viele Russen der Aufenthalt in der Hauptstadt der Weimarer Republik zu teuer wurde“ zu verstehen. Dieser Zeitabschnitt bestimmt einigermaßen die zeitlichen Grenzen des „russischen Berlin“ (Burchard 1994:10).

d) Die Schichten der Emigrantengesellschaft

Über die Schichten der Emigrantengesellschaft gehen die Meinungen der Historiker und Wissenschaftler ein wenig auseinander. So präsentiert zum Beispiel Thomas Urban die Feststellung eines deutschen Beobachters:

'Die russische Emigrantenkolonie in Berlin war eine Pyramide, von

der nur noch die Spitze übrig war. Es fehlten die unteren und

mittleren Volksschichten, die Arbeiter und Bauern, Handwerker und

kleinen Kaufleute. Stattdessen waren Offiziere, Beamte, Künstler,

Finanziers, Politiker und Mitglieder der alten Hofgesellschaft

vertreten.' (Zitiert nach Urban 2003:10)

Nach den Worten von Dieter Zimmer waren alle Schichten und Stände vertreten, wobei Offiziere und Aristokraten, Geschäftsleute und Politiker, Professoren und Künstler, Intellektuelle und ehemalige Beamte ein deutliches Übergewicht hatten. Er bemerkt auch, dass die fürstlichen Taxifahrer und die gräflichen Portiers sogar zu Klischeefiguren wurden (Zimmer 2001:116).

Die Zeitschrift „Das russische Berlin“ berichtete, dass auch ehemalige Soldaten und Offiziere der Bürgerkriegsarmeen nach Berlin kamen, die in Russland von der Roten Armee geschlagen worden waren. Viele von ihnen blieben bis Ende der zwanziger Jahre in Flüchtlingslagern vor der Stadt (Burchard 1994:11).

[...]


[1] Марк Раев erklärt den Begriff „Nansen-Pass“: „Этот документ служил удостоверением личности владельца и подтверждал его статус лица без гражданства. Паспорт Нансена можно было предъявить при обращении за визой, разрешением на выезд за рубеж (т.е. за пределы страны, предоставившей убежище данному человеку). В течении срока своего действия паспорт Нансена давал своему владельцу право обращаться к властям за получением вида на жительство. Страна, где постоянно проживал эмигрант, признавала этот паспорт в качестве полноценного документа при условии, что его владелец будет соблюдать все предписания, касавшиеся получения вида на жительство, и уплачивать определенную сумму за оформление паспорта и его периодическое продление.“ Vgl. Марк Раев: Россия за рубежом, Москва 1994, С. 53.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des "russischen Berlin" im Roman von Vladimir Nabokov "Dar"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Slavische Philologie)
Veranstaltung
Vladimir Nabokov: Dar
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V145736
ISBN (eBook)
9783640559725
ISBN (Buch)
9783640560066
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Zitate sind in der russischen Sprache gehalten.
Schlagworte
Vladimir Nabokov, Dar, Berlin, Migration, Geschichte, Russland und Deutschland, russisches Berlin
Arbeit zitieren
Anna Mikhaylova (Autor), 2006, Die Rolle des "russischen Berlin" im Roman von Vladimir Nabokov "Dar", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145736

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