Unser Gedächtnis - reine Kopfsache?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gedächtnis
2.1 Das Gedächtnis liegt im Kopf: Theorien aus der Kognitionswissenschaft
2.2 Das Gedächtnis liegt außerhalb des Kopfs: Theorien aus Soziologie und Kulturwissenschaft

3. Landschaft
3.1 Die Landschaft als ‚Bühne’ für den Körper
3.2 Der Körper als Teil einer dynamischen Landschaft

4. Landschaft und Gedächtnis bei den Yolngu in Nord-Australien
4.1 Landschaft als Kosmologie und Lebensweg
4.2 Das Gedächtnis: im Kopf und in der Landschaft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Warum sollten sich Ethnologen mit dem Phänomen ‚Gedächtnis’ auseinandersetzen? Die Antwort hierauf gibt Ralf Ingo Reimann in seinem Buch Der Schamane sieht eine Hexe - der Ethnologe sieht nichts: menschliche Informationsverarbeitung und ethnologische Forschung (Reimann 1998: 149):

„Die unabdingbare Voraussetzung für Informationsverarbeitung ist Gedächtnis. Ge- dächtnis ist die Fähigkeit, Informationen für mehr oder weniger lange Zeitabschnitte bewahren zu können. Ohne die Möglichkeit, Informationen zu erhalten, gäbe es kein Leben und keine Evolution, keine sinnvolle Objekt- oder Situationswahrnehmung, kein konzeptuelles Verstehen, keine Sprache, keine Kultur und auch keine Identität. (...) Ohne Gedächtnis könnten wir keine Erfahrungen machen. (...) Ohne Gedächtnis könn- ten wir auch nicht denken, denn ohne erinnerbare Schemata, Konzepte und Kategorien gäbe es keine lohnenswerten mentalen Repräsentationen. (...) Die Welt wäre ein einzi- ges Rauschen und das Gehirn vielleicht ein Klumpen Porridge, aber keinesfalls mehr ein Gehirn.“

Das Gedächtnis ist demnach eine zentrale, wenn auch in der ethnologischen Forschung relativ neue Erscheinung, der man sich widmen sollte, wenn man die Denk- und Handelsweisen eines Volkes begreifen will.

Zunächst möchte ich in dieser Arbeit klären, WIE die Informationen verarbeitet und gespei- chert werden, die unseren Wissensbestand ausmachen und somit auch unsere Identität und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Gesellschaft. Dann gilt es als zentrale Frage zu klä- ren, WO dieses Wissen produziert und gespeichert wird. Ist unser Gedächtnis eine reine ‚Kopfsache’ oder kann man es irgendwo außerhalb des Gehirns, sogar außerhalb unseres Körpers verorten? Schließlich soll auch beantwortet werden, WER entscheidet, an was wir uns erinnern und was in Vergessenheit gerät. Liegt diese Entscheidung beim Individuum oder beim Kollektiv, in dem es sich befindet?

Um Antworten auf die genannten Fragen zu finden werde ich zunächst in Kapitel 2 Ansätze aus Kognitions- und Kulturwissenschaften aufzeigen, welche die Funktionsweisen und Eigen- schaften des Phänomens ‚Gedächtnis’ zu erklären versuchen. Anhand eines regionalen Bei- spiels aus Nord-Australien werde ich in Kapitel 4 zeigen, wie Gedächtnis sowohl im Kopf als auch außerhalb dessen, und zwar in der Landschaft, verortet wird. Da Landschaft ein ähnlich abstraktes und komplexes Gebilde wie Gedächtnis darstellt, werde ich zuvor in Kapitel 3 un- terschiedliche Landschaftskonzepte darstellen, sowohl das bei uns gängige, eher statische, als auch ein dynamisches, welches zentral für das regionale Beispiel sein wird. Auch die Frage, ob eher Individuum oder Kollektiv über die Art und Weise sowie den Inhalt unserer Erinne- rung entscheiden, soll hier geklärt werden. Abschließend werde ich ein Fazit ziehen, in dem ich allgemeingültige Antworten auf die oben genannten Fragen zu geben versuche.

2. Gedächtnis

Die Aufgabe des menschlichen Gedächtnisses ist es, Informationen zu verarbeiten, die durch die Sinnesorgane wahrgenommen werden und diese Informationen bei Bedarf wieder abzurufen. Für das wie und wo dieses Prozesses gibt es unterschiedliche Theorien.

2.1 Das Gedächtnis liegt im Kopf: Theorien aus der Kognitionswissenschaft

Kognitionswissenschaftler nennen für die Informationsverarbeitung drei Schritte als grundlegend: das so genannte Encodieren, das Speichern und das Abrufen.

Ankommende Informationen werden zunächst encodiert, da keine exakte Abbildung der Rea- lität durch die Sinnesorgane im Innern des Gehirns erfolgt. Das Rohmaterial aus Dingen, Handlungen und Erlebnissen wird also in mentale Repräsentationen übersetzt (Hartmann & Zitterbarth 2001: 275). Man hat hierfür in der Hirnforschung ein Modell entworfen, „das von der semantischen Geschlossenheit des Gehirns ausgeht. (...) Gestalt und Bedeutung des Inputs von Sinnesrezeptoren [werden] innerhalb des Gehirns auf der Grundlage der eigenen System- geschichte selbstreferenziell erzeugt“ (Spangenberg 2001: 489, Zusatz von C.D.). Es hängt demnach allein von der individuellen Gehirntätigkeit ab, wie encodiert wird, wie die genann- ten Repräsentationen aufgebaut sind.

Die auf der Neurobiologie basierende Konnektionismus-Theorie besagt, dass mentale Reprä- sentation auf der Vernetzung von Nervenzellen (Neuronen) und Zellverbänden aufbaut. In diesem neuronalen Netzwerk findet eine parallele Verarbeitung von Informationen in unter- schiedlichen Zentren des Gehirns statt. Dieser Vorgang wird auch Parallel Distributed Pro- cessing genannt. Neuronale Netzwerke können durch die wiederholte Verarbeitung der glei- chen Information Muster in der Bedeutungszuweisung erkennen und immer wieder auf diese Muster zurückgreifen (Spangenberg 2001: 489). Der Mensch wird somit zu einem lernfähigen Wesen, er kann sich Wissen aneignen und auch wieder darauf zurückgreifen.

Für den Speicher- und Abrufvorgang, also das Erinnern, stellt die Schematheorie zusätzlich ein abstraktes Modell. Unter Schema versteht man hier „eine komplexe und hierarchische kognitive Struktur, die Teil eines semantischen Netzwerks ist und in der typisierte Annahmen über unterschiedlichste Sachverhalte _ Menschen, Situationen, Gegenstände, Orte oder Ereig- nisse sinnhaft organisiert sind. (...) Sie vermitteln Subjekten zum Beispiel eine Vorstellung davon, was ein Polizist, eine Prüfung, eine Steckdose, ein Dorf oder der 1. Advent (...) ist“ (Kölbl & Straub 2001: 520). Auch der Schematheorie zufolge werden demnach mehr oder weniger abstrakte Repräsentationen von Dingen, Vorgängen und Ereignissen gespeichert. Beim Vorgang des Erinnerns muss dann nicht auf eine unendlich große Anzahl von Einzelin- formationen zurückgegriffen werden, da diese ja in mentalen Modellen organisiert sind. So kann Erwartetes und Unerwartetes, Bekanntes und Unbekanntes sinnhaft aufeinander bezogen werden (ibid.).

Die Schematheorie ist durch den britischen Psychologen F.C. Bartlett begründet worden. Aus seiner bahnbrechenden Studie Remembering: A study in experimental and social psychology (1932) geht hervor, dass die individuelle Gedächtnisleistung und -funktion immer in Abhän- gigkeit des soziokulturellen Kontexts steht. Schematisierungen werden unbewusst immer durch den kollektiven Wissensbestand der jeweiligen Gesellschaft gefärbt (ibid.). Um den Einfluss des Kollektivs auf das Gedächtnis des Individuums geht es auch in den folgenden Theorien.

2.2 Das Gedächtnis liegt außerhalb des Kopfs: Theorien aus Soziologie und Kulturwis- senschaft

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs begründete und prägte das Konzept des kollektiven Ged ä chtnisses (Halbwachs posthum 1950). Assmann beschreibt es folgendermaßen (Assmann 1992: 35 ff., Zusatz von C.D.):

„[Halbwachs] sieht vollkommen ab von der körperlichen, d.h. neuronalen und hirnphy- siologischen Basis des Gedächtnisses und stellt statt dessen die sozialen Bezugsrahmen heraus, ohne die kein individuelles Gedächtnis sich konstituieren und erhalten könnte. (...) Gedächtnis wächst dem Menschen erst im Prozeß seiner Sozialisation zu. Es ist zwar immer nur der Einzelne, der Gedächtnis „hat“, aber dieses Gedächtnis ist kollektiv geprägt. (...) Erinnerungen auch persönlichster Art entstehen nur durch die Kommuni- kation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen [wie zum Beispiel Familien, Nati- onen, Kirchen, Unternehmen]. (...) Individuell im strengsten Sinne sind nur die Empfin- dungen, nicht die Erinnerungen.“

Ein individuelles Gedächtnis per se existiert nach Halbwachs demzufolge nicht, jegliches Erinnern geschieht, weil sich der Mensch als soziales Wesen in einem oder mehreren Kollektiven befindet. Das Gedächtnis lässt sich weiterhin nicht, wie in den Theorien aus der Kognitionswissenschaft, schlicht im Gehirn verorten. Es ist vielmehr etwas das von außen, vom Kollektiv aus, ins Individuum ‚hineinwächst’.

Jan Assmann, Kulturwissenschaftler und Ägyptologe, hat Halbwachs’ Konzept des kollekti- ven Gedächtnisses weiterentwickelt. Er teilt das kollektive Gedächtnis als Oberbegriff in zwei „Gedächtnis-Rahmen“, die er „kommunikatives“ und „kulturelles Gedächtnis“ nennt (Assman 1992: 50). Das kommunikative Gedächtnis ist in seiner Form informell, basiert auf mündli- cher Alltagskommunikation, hat die „Geschichtserfahrungen im Rahmen individueller Bio- graphien“ zum Inhalt und wird von den „Zeitzeugen einer Erinnerungsgemeinschaft“ geteilt, das heißt etwa von drei bis vier Generationen (Assmann 1992: 56). Was erinnert wird, ist durch das Kollektiv geprägt, in dem man lebt, deshalb ist dieses Gedächtniskonzept auch ein sehr dynamisches, denn mit den Zeitzeugen stirbt auch die lebendige Erinnerung an die Ge schehnisse, die diese Menschen miterlebt haben (Assmann 1992: 50). Mit der Geburt von neuen Generationen entsteht hingegen wieder ein neuer Teil des kommunikativen Gedächt- nisses, so dass dieses sich über die Jahrzehnte hinweg reproduziert, Assmann zufolge etwa alle 80-100 Jahre. Vor dieser Zeitspanne findet man, durch ein floating gap getrennt, in oralen Gesellschaften Ursprungsmythen, in literalen Gesellschaften die offizielle Überlieferung in Schulbüchern, Biographien, Geschichtsromanen oder ähnlichem (ibid.). Diese Mythen und Geschichten stellen den Kern des kulturellen Gedächtnisses dar, das _als Gegenpol zum kommunikativen Gedächtnis_ folgendermaßen zustande kommt (Bering 2001:330):

„Schafft ein historisches Faktum aus jenem durchs floating gap abgetrennten Raum den Sprung aus dem Vergessenen ins dann kulturell genannte Gedächtnis, ändern sich Seinsformen vollkommen. Erinnertes verfestigt sich nun zu objektivierter Kultur. (...) So wird der beängstigenden Tatsache dauernden Wandels (...) Bleibendes, Verpflich- tendes entgegengestellt, das es den Kollektiven und seinen Mitgliedern ermöglicht, sich als Einheit zu empfinden.“

Inhalte des kulturellen Gedächtnisses, „Ereignisse in einer absoluten Vergangenheit“ (Ass- mann 1992: 52), werden jedoch nicht als die genannten historischen Fakten an sich memo- riert; Geschichte wird durch Erinnerung zu Symbolen und (Ursprungs-)Mythen transformiert (ibid.). Diese werden formell, in „zeremonielle[r] Kommunikation“ (Assmann 1992: 56, Zu- satz von C.D.) mittels „Inszenierung in Wort, Bild, Tanz, usw.“ (ibid.) durch „spezialisierte Traditionsträger“ wie beispielsweise Schamanen, Priester oder Philosophen als Teil des kultu- rellen Gedächtnisses am Leben erhalten, da sie für die Gegenwart als wichtig erscheinen.

Das kulturelle Gedächtnis steht im Gegensatz zum individuellen, rein im Kopf verorteten Ge- dächtnis, von dem oben genannte Theorien aus der Kognitionswissenschaft zunächst einmal ausgehen. „Was dieses [individuelle] Gedächtnis (...) inhaltlich aufnimmt, wie es diese Inhalte organisiert, wie lange es was zu behalten vermag, ist weitestgehend eine Frage nicht innerer Kapazität und Steuerung, sondern äußerer, d.h. gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbe- dingungen“ (Assmann 1992:19, Zusatz von C.D.). Der Ursprung des Gedächtnisses liegt, wie schon bei Halbwachs, außerhalb des Individuums; Identitätskonzepte werden durch Familien, Parteien, Völker, Kommunen oder Staaten begründet. Assmann bezeichnet das kulturelle Ge- dächtnis als eine das individuelle Gedächtnis unterstützende „Außendimension“ (ibid.). Wei- tere Außendimensionen, neben der kommunikativen und kulturellen, sind nach Assmann das „mimetische Gedächtnis“ sowie das „Gedächtnis der Dinge“ (Assmann 1992: 20). Ersteres ist für immer wiederkehrende Alltagshandlungen wie Kaffee kochen oder Fahrrad fahren zustän- dig, Handlungen, die wir meist durch Nachahmung erlernen. Auch hier liegt der Wissensinput außerhalb des Gehirns. Das „Gedächtnis der Dinge“ liegt in „alltäglichen und intimen Gerät schaften wie Bett, Stuhl, Eß- und Waschgeschirr, Kleidung und Werkzeug bis hin zu Häusern, Dörfern und Städten, Straßen, Fahrzeugen und Schiffen“ (ibid.). In diesen Dingen spiegelt sich die Vorstellung der Menschen wieder, was sowohl früher als auch heute als gut oder schlecht, schön oder hässlich, zweckmäßig oder bequem empfunden wurde beziehungsweise wird (ibid.). Die vier genannten Außendimensionen sind nicht als in sich abgeschlossen zu betrachten, sondern können unter Umständen mehr oder weniger nahtlos ineinander überge- hen. Wird aus der mimetischen Routine des Kaffeekochens zum Beispiel ein Ritual, in dem der Handlung eine tiefgründige Bedeutung zugesprochen wird, ist die Grenze der mimeti- schen Dimension überschritten. Das Kaffeekochritual ist nun Teil des kulturellen Gedächtnis- ses, weil es „eine Überlieferungs- und Vergegenwärtigungsform des kulturellen Sinns“ (Ass- mann 1992: 21) darstellt.

Für Assmann ist das Gedächtnis zusammenfassend etwas sowohl im als auch außerhalb des Kopfs Verortbares, wobei sich jedoch alle genannten Dimensionen des Gedächtnisses auf Grund der Teilnahme an Interaktionen im Kollektiv generieren (ibid).

Ein praktisches Beispiel für Assmanns Theorie lässt sich bei den Yolngu, einem Aborigine- Volk aus Nord-Australien, aufzeigen, denn bei den Yolngu dient die sie umgebende Land- schaft als zentrales Medium für das kulturelle Gedächtnis. Zunächst ist es jedoch nötig zu klären, welche unterschiedlichen Vorstellungen von dem bestehen, was man ‚Landschaft’ nennt.

3. Landschaft

Die Schwierigkeit zu beschreiben, was Landschaft ist, besteht universell darin, dass sich Landschaft und die individuelle Wahrnehmung davon nicht voneinander trennen lassen. Der Betrachter einer Landschaft auch immer gleichzeitig Teil von ihr. Um es in Clifford Geertz’ Worten auszudrücken: “It is difficult to see what is always there. Whoever discovered water, it was not a fish” (Geertz 1996: 259). Unser tägliches Leben und der geographische Rahmen in dem wir es leben, sind untrennbar miteinander verbunden. Wir nehmen die Welt zwar oft als etwas war, was außerhalb unseres Körpers liegt, jedoch eigentlich nur eine mentale Reprä- sentation dessen ist, was sich in unserem Inneren abspielt (Magritte 1938 nach Schama 1995: 12). Das, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen braucht ein bestimmtes Design, bevor wir es wirklich erkennen und zuordnen können. Dieses Design wird durch Kultur, Konventionen und Wahrnehmung geprägt (ibid.), daher entstehen auch unterschiedliche Landschaftskon- zepte.

[...]

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Details

Titel
Unser Gedächtnis - reine Kopfsache?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kultur und Gedächtnis
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V145742
ISBN (eBook)
9783640549627
ISBN (Buch)
9783640552917
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedächtnis, Kognition, Landschaft, Yolnu, Australien
Arbeit zitieren
Carolin Duss (Autor), 2007, Unser Gedächtnis - reine Kopfsache?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145742

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