In dieser Arbeit möchte ich mich der Frage des Phänomens Gewissen in den biblischen Schriften nähern. Dabei möchte ich zu Anfang darauf hinweisen, dass bei diesem Thema zwei Einflüsse aufeinandertreffen. Zum einen die jüdische Denkweise und Anthropologie und zum anderen die hellenistische Philosophie. Im Alten Testament spielt das hellenistische Denken keine Rolle, dafür allerdings die Verdeutlichung der Unterschiede des Judentums zu den babylonischen- und den ägyptischen Göttern. Bei Paulus kann man den hellenistischen Einfluss erkennen. So auch der Begriff der syneidēsi. Mich interessiert hier nun besonders, wenn wir von einem Gewissen sprechen, welche Aspekte oder welche Vorstellungen des Gewissens sich im Verständnis der jüdisch-christlichen Tradition befindet. Dafür muss ich mich auf eine Auswahl von Bibelstellen beschränken, die die verschiedenen Perspektiven am treffendsten beschreiben. Vielfältig wurde das Gewissen weitergebildet. Heute hat jeder Mensch eine Vorstellung vom Gewissen, allerdings werden die wenigsten sagen können, ob ihre Vorstellung von biblischem oder hellenistischem Ursprung ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biblische Einordnung
2.1 Das Gewissen im Alten Testament
2.2 Das Gewissen bei den Synoptikern
2.3 Das Gewissen bei Paulus und im Hebräerbrief
2.4 Anhänge für das Gewissen
3. Das Phänomen Gewissen in den biblischen Schriften
4. Perspektiven des Gewissens in der Bibel
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Gewissens innerhalb der biblischen Schriften, wobei sie die Wechselwirkung zwischen jüdischer Anthropologie und hellenistischer Philosophie analysiert und aufzeigt, wie sich das Verständnis von moralischer Entscheidungsfindung und der Verantwortung vor Gott biblisch fundiert entwickelt hat.
- Untersuchung des Gewissensbegriffs im Alten Testament unter Berücksichtigung der Herzsymbolik.
- Analyse der paulinischen Verwendung des Begriffs "syneidēsis".
- Die Rolle von Glaube und Vernunft bei der Gewissensbildung.
- Abgrenzung des biblischen Gewissensverständnisses von rein hellenistischen Konzepten.
- Bedeutung der Gewissensreinigung und der Verantwortung des Menschen vor Gott.
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Gewissen im Alten Testament
Im Alten Testament gibt es keinen Begriff, der das Phänomen des Gewissens so versucht zu fassen, dass er unverkennbar erkannt werden kann. Erst in der Weisheitsliteratur werden einzelne Begriffe dafür genutzt. Im Alten Testament ist das Verständnis dieses Begriffes immer auf Gott bezogen. Es geht darum sein Wort zu hören und hören bedeutet auch, danach zu handeln. So handelt es sich beim Gewissen, um die Möglichkeit des Bewusstmachens des Willens Gottes und das „Sich vor Gott verantworten“.
Das Thema Gewissen ist auch schon vor Paulus zu finden. Oft erkennbar mit dem Wort „Herz“ oder beschrieben in Situationen, in denen zwischen Gut und Böse entschieden wird. So wird schon im zweiten Schöpfungsbericht, in Genesis 3,22, das Unterscheiden von Gut und Böse als eine Fähigkeit des Menschen beschrieben. Die Fähigkeit des Menschen über das Bewusstsein Gut und Böse zu unterscheiden, reicht allerdings dem Menschen nicht aus, um nicht in Sünde zu verfallen. Direkt nach der Zusprechung dieser Fähigkeit wird dem Menschen verwehrt, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Denn der Mensch ist trotz des Gewissens fähig, sich gegen das Gewissen und gegen das Gute zu entscheiden und sich von Gott zu trennen.
Somit wird hier implizit der freie Wille des Menschen aufgezeigt und als eine Grundvoraussetzung für das Gewissen gesehen. Nur wenn der Mensch einen eigenen Willen hat und auch fähig ist, ein Ziel zu verfolgen und Entscheidungen zu treffen, kann es ein solches Gewissen geben. Der Mensch wäre also fähig etwas Bestimmtes zu bejaen und als Gut anzuerkennen. Nun wäre allerdings die Frage, ob er sich auch dafür entscheidet und danach handelt. Schon Gen 3,10 zeigt, dass der Mensch sich seiner nicht würdig fühlt und sich deswegen vor Gott versteckt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Vielschichtigkeit des Begriffs Gewissen und steckt den Rahmen der Arbeit ab, die das Phänomen in der jüdisch-christlichen Tradition verortet.
2. Biblische Einordnung: Dieses Kapitel arbeitet die biblischen Vorstufen des Gewissensbegriffs heraus, angefangen beim Alten Testament über die Synoptiker bis hin zur zentralen Rolle bei Paulus.
2.1 Das Gewissen im Alten Testament: Hier wird untersucht, wie Gottbezogenheit und Herzsymbolik als moralische Wegweiser im Alten Testament fungieren.
2.2 Das Gewissen bei den Synoptikern: Dieses Kapitel beleuchtet, wie das Gewissen in der synoptischen Tradition verankert ist, wobei die Nähe zum alttestamentlichen Verständnis betont wird.
2.3 Das Gewissen bei Paulus und im Hebräerbrief: Der Fokus liegt auf der Etablierung des Begriffs syneidēsis bei Paulus als theologisches Instrument der moralischen Verantwortungsfindung.
2.4 Anhänge für das Gewissen: Hier werden Adjektive wie "untadelig" oder "rein" im Kontext der Gewissensbeschreibung analysiert.
3. Das Phänomen Gewissen in den biblischen Schriften: Dieses Kapitel synthetisiert die Erkenntnisse und arbeitet die übergeordneten Strukturen des biblischen Gewissensverständnisses heraus.
4. Perspektiven des Gewissens in der Bibel: Es wird diskutiert, wie sich das biblische Verständnis in nachfolgenden Theologien und bei modernen Denkern wie Thomas von Aquin weiterentwickelt hat.
Schlüsselwörter
Gewissen, syneidēsis, Herz, Bibel, Paulus, Glaube, Ethik, Vernunft, Moraltheologie, verantwortliches Handeln, Judentum, Gotteswille, Anthropologie, Sünde, Gewissensbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des Gewissens in den biblischen Schriften und untersucht, wie sich die Vorstellung von moralischer Verantwortung und Gewissensentscheidungen im alttestamentlichen und neutestamentlichen Kontext entwickelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die biblische Anthropologie, die Bedeutung des Herzbegriffs, das Wirken von Paulus bei der Etablierung des Gewissensbegriffs und die Verbindung von Glauben, Vernunft und ethischem Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Gewissen als "mit Wissen" um den Willen Gottes in der jüdisch-christlichen Tradition verstanden wird und eine Abgrenzung zum rein hellenistischen Begriff des Gewissensbisses vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theologische Hausarbeit, die methodisch exegetisch vorgeht und zentrale Bibelstellen unter Einbeziehung theologischer und philosophiegeschichtlicher Fachliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erstreckt sich von der Untersuchung des hebräischen Herz-Verständnisses über die paulinische Verwendung von "syneidēsis" bis hin zur systematischen Reflexion über die Rolle von Glaube und Vernunft in der Gewissensentscheidung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Gewissen, syneidēsis, christliche Ethik, Herzsymbolik, biblische Anthropologie und die Verantwortung des Menschen vor Gott.
Wie unterscheidet sich das alttestamentliche Gewissensverständnis von der paulinischen Sicht?
Während das Alte Testament "das Gewissen" primär durch Herzsymbolik und die direkte Gottesbezogenheit ausdrückt, führt Paulus mit "syneidēsis" einen differenzierteren Begriff ein, der das Bewusstsein und das bewusste Lernen im Glauben stärker in ein System integriert.
Warum ist das "reine Herz" für die Gewissensentscheidung so wichtig?
In der Arbeit wird deutlich, dass das reine Herz im biblischen Kontext nicht bloß eine Tugend ist, sondern die notwendige Bedingung darstellt, um Gott zu schauen und moralisch in Übereinstimmung mit seinem Willen zu handeln.
- Arbeit zitieren
- Silas Brutscher (Autor:in), 2023, Das Phänomen Gewissen in den biblischen Schriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1457503