Blaise Pascal zählt zu den großen Denkern des 17. Jahrhunderts, der sowohl die naturwissenschaftliche als auch die geisteswissenschaftliche Entwicklung der Neuzeit mitgeprägt hat. Sein Name begegnet den Zeitgenossen, die sich nicht mit Philosophie, Literatur oder Theologie befassen, bspw. in Gestalt der physikalischen Maßeinheit ‘Hektopascal’, womit im internationalen Messsystem der Luftdruck angegeben wird. Pascals diesbezügliche experimentelle Untersuchungen sicherten ihm einen Platz unter den „Großen“ der Physik.
Auch seine exzellenten Kenntnisse auf dem Gebiet der Mathematik riefen Ehrbezeugungen hervor. Die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte „höhere“ Programmiersprache ‘Pascal’ trägt seinen Namen. Als weiterer Grund kommt hinzu, dass er der Erfinder der ersten funktionstüchtigen Rechenmaschine ist.
Doch liegt die Hauptbedeutung Pascals in seinen literarischen Arbeiten, vor allem den polemischen Briefen an einen Freund in der Provinz (Lettres provinciales), in denen er sich kritisch über die Gnadenlehre und die Moraltheologie der Jesuiten äußert, und die ein klassisches „Denkmal“ der französischen Sprache darstellen.
Als gleichbedeutend mit den Briefen in die Provinz sind die Gedanken über die Religion und andere Gegenstände, die so genannten Pensées zu betrachten. Dieses Werk, das Pascal als große Apologie des Christentums angelegt hatte, jedoch nicht vollenden konnte, wurde erst nach seinem Tod durch seine Verwandten veröffentlicht und besteht aus literarischen Fragmenten.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Thema der Eigenliebe bei Blaise Pascal auseinander. Hierzu sind vor allem seine diesbezüglichen Formulierungen in den Pensées einschlägig. Aber auch andere Texte, wie bspw. die Biographie, die Gilberte Périer, die Schwester Pascals, ihm zu Ehren verfasste, können herangezogen werden, um Aufschluss über das Wesen der Eigenliebe zu gewinnen.
Pascals philosophische Betrachtung der Eigenliebe resultiert nicht aus einem genuinen Interesse an diesem Thema. Vielmehr ergibt es sich als Folge aus seinen Gedanken zur christlichen Religion und seinem persönlichen Streben zu Gott.
‘Eigenliebe’ bedeutet bei ihm eine dem Ich entspringende und auf das Ich sowie auf andere Subjekte gerichtete Überspielung der eigenen Unvollkommenheit, die den Menschen daran hindert, Gott zu erkennen. Ihr Wesen – so wie es Pascal vorschwebt – wird erst verständlich, wenn man seine religiöse, frömmelnde und asketische Lebensführung mit einbezieht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Eigenliebe – ein vorläufiges Verständnis
2 Blaise Pascal – Krankheit und christliche Religion bestimmen sein Leben
3 Eigenliebe – die Textgrundlage
4 Das Wesen der Eigenliebe
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Eigenliebe bei Blaise Pascal, eingebettet in dessen christlich-theologische Überzeugungen und sein persönliches Streben nach Gott. Ziel ist es, das Wesen der Eigenliebe nicht nur als psychologisches Phänomen zu definieren, sondern ihre sündhafte Qualität und ihre Auswirkungen auf das Erkenntnisvermögen Gottes sowie auf zwischenmenschliche Verhaltensweisen (insbesondere Lüge und Verstellung) kritisch zu analysieren.
- Die christlich-religiöse Prägung von Blaise Pascal und sein Umgang mit Leiden.
- Die kritische Einordnung der Textgrundlagen (insbesondere der Pensées) zur Eigenliebe.
- Die Analyse der Eigenliebe als Sündhaftigkeit und Hindernis der Gotteserkenntnis.
- Die praktischen Konsequenzen der Eigenliebe für den zwischenmenschlichen Umgang und die soziale Täuschung.
Auszug aus dem Buch
Die tägliche Disziplinierung des Lebens
Als er sein zurückgezogenes Leben begann, hatte er die Nahrungsmenge festgelegt, die er für die Bedürfnisse seines Magens brauchte; seitdem ging er nie über dieses Maß hinaus, so groß sein Appetit auch sein mochte, und er zwang sich außerdem dazu, das zu essen, was er festgelegt hatte, so groß seine Abneigung auch sein mochte. Wenn man ihn fragte, warum er das tue, antwortete er, man müsse die Bedürfnisse des Magens und nicht die des Appetits befriedigen. Doch die Abtötung seiner Sinne beschränkte sich nicht allein darauf, daß er sich beim Essen wie bei den Arzneien alles versagte, was den Sinnen angenehm sein konnte: Er hat auch vier Jahre regelmäßig Kraftbrühen zu sich genommen, ohne den geringsten Widerwillen zu zeigen. Es genügte, daß man ihm etwas verordnet hatte, und er nahm es ohne Widerstreben, und wenn ich mich wunderte, daß er es nicht verabscheute, einige sehr widerwärtige Arzneien einzunehmen, machte er sich über mich lustig und sagte, er selbst könne nicht begreifen, wie man Widerwillen zeige, wenn man etwas freiwillig einnehme, nachdem man gewarnt worden sei, daß es schlecht schmecke; denn nur Zwang und Überraschung dürften solche Wirkungen hervorrufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Eigenliebe – ein vorläufiges Verständnis: Das Kapitel führt in den Kontext Pascals als Denker ein und definiert Eigenliebe vorläufig als eine auf das Ich gerichtete Überspielung der eigenen Unvollkommenheit, die den Menschen von Gott entfernt.
2 Blaise Pascal – Krankheit und christliche Religion bestimmen sein Leben: Hier wird der lebensgeschichtliche Hintergrund beleuchtet, insbesondere wie Krankheit und die Hinwendung zum Jansenismus Pascals religiöse Strenge und seinen Umgang mit der Welt prägten.
3 Eigenliebe – die Textgrundlage: Dieses Kapitel stellt die relevanten Quellen vor, wobei die Bedeutung der Pensées hervorgehoben und die Eignung der Abhandlung über die Leidenschaften der Liebe kritisch hinterfragt wird.
4 Das Wesen der Eigenliebe: Der Hauptteil analysiert die Eigenliebe als Sündenfall, der den Menschen zur Selbsttäuschung führt und ihn daran hindert, Gott zu erkennen sowie ehrlich mit Mitmenschen umzugehen.
5 Zusammenfassung: Die Ergebnisse werden synthetisiert, wobei die Eigenliebe als triebhafte, sündhafte Leugnung der eigenen Unvollkommenheit endgültig bestimmt wird.
Schlüsselwörter
Blaise Pascal, Eigenliebe, Pensées, Gotteserkenntnis, Jansenismus, Unvollkommenheit, christliche Religion, Sündhaftigkeit, Selbsttäuschung, Moraltheologie, Aszese, Menschenbild, Selbstliebe, zwischenmenschlicher Umgang, christliche Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das philosophisch-theologische Konzept der „Eigenliebe“ im Denken von Blaise Pascal und wie dieses seine Lebensführung und Weltsicht beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind Pascals religiöse Anthropologie, sein Verständnis von Sündhaftigkeit, die Rolle der christlichen Gnadenlehre und die Auswirkungen der Eigenliebe auf die zwischenmenschliche Moral.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Begriff der Eigenliebe bei Pascal in seiner ganzen sündhaften Tragweite zu erfassen und zu belegen, warum sie ein Hindernis für die angestrebte Gotteserkenntnis darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Methode angewandt, bei der die Pensées und biographische Zeugnisse der Schwester Gilberte Périer kritisch ausgewertet und in einen religiös-anthropologischen Zusammenhang gestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird erörtert, warum Eigenliebe als Trieb zur Gottähnlichkeit und Lüge entlarvt wird und wie sie die tägliche, teils asketische Lebensführung Pascals bestimmte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Eigenliebe, Pensées, Gotteserkenntnis, Sünde, Selbsttäuschung und christliche Lebensführung.
Warum lehnt der Autor die "Abhandlung über die Leidenschaften der Liebe" als Quelle ab?
Der Autor argumentiert, dass die Schrift stilistisch und inhaltlich nicht zu Pascals Leben und Denken passt, da er unverheiratet blieb und sich intensiv der asketischen Gottesverehrung widmete.
Wie korreliert bei Pascal die Liebe zu Gott mit der Vermeidung von Eigenliebe?
Pascal sieht eine selbstregulierende Dynamik: Je mehr der Mensch seine Eigenliebe unterdrückt, desto mehr erkennt er Gott; und je mehr er Gott erkennt, desto bewusster wird ihm die destruktive Kraft der Eigenliebe, was ihn zu deren weiterer Ablehnung motiviert.
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- Hermann Sievers (Author), 2009, Blaise Pascal - Das Wesen der Eigenliebe , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145782