Südtirol nach dem 1. Weltkrieg und zur Zeit des Faschismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Gliederung

1. Der Irredentismo und der Geheimvertrag von London
1.1 Der Irredentismo
1.2. Der Erste Weltkrieg
1.3. Die Friedensverhandlungen von Saint Germain 1919 und die Vittoria Mutilata
1.4. Die Teilung und der Marsch auf Bozen (1918-1922)
1.4.1 Der Beginn der Faschistischen Gewalt und der Bozner „Blutsonntag“

2. Südtirol während des Faschismus
2.1. Ettore Tolomei, der „Totengräber Südtirols“
2.1.1 Das Italianisierungsprogramm
2.2. Die schrittweise Italianisierung
2.2.1. Das Lex Gentile und die Katakombenschulen

3. Die Opzioni

Südtirol nach dem 1. Weltkrieg und zur Zeit des Faschismus

1. Der Irredentismo und der Geheimvertrag von London

1.1 Der Irredentismo

Der Irredentismo1 ist allgemein die italienische Bewegung zwischen 1866 und 1918, die das Ziel verfolgte, die außerhalb der Grenzen des italienischen Nationalstaats unter fremdnationaler Herrschaft lebenden fratelli irredenti, unerlöste Brüder, durch territoriale Angliederung dem Muttervolk wieder einzuverleiben. Nach dem Krieg um die Indipendenza 2 im Jahr 1866 waren im Norden und Nordos- ten der Halbinsel noch verschiedene Gebiete mit ausschließlich bzw. überwiegend italienischsprachiger Bevölkerung unter österreichischer Herrschaft geblieben. Die Irredentisten verlangten die Gebiete mit italienischem Bevölkerungsanteil dem ita- lienischem Staatsgebiet anzuschließen. Problematisch war, dass die von den Italie- nern beanspruchten Gebiete (das Trentino, das adriatische Küstenland mit Trieste, Görz und Gradisca, sowie Istrien und die Hafenstadt Fiume und Dalmatien mit Zara) nicht ausschließlich von Italienern bewohnt waren, sondern auch von anderen Volksgruppen wie Deutschen, Ladinern, Slowenen, Kroaten, Serbokroaten und Un- garn. Die Grundkomponente des Irredentismo war bis 1918 vor allem antiösterrei- chisch geprägt.

Angestachelt durch die französische Besetzung von Tunis 1881, das die Italiener aufgrund seiner Lage und seiner großen italienischen Siedlerschaft als ihre koloniale Interessensphäre betrachtet hatten, führte die Italiener zur verstärkten Annäherungen an den Zweibund, geschlossen zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn. Das große koloniale Interesse an Tunis seitens Italiens drängte die antiösterreichische Gesinnung des Irredentismo vorerst zurück.

Als Italien am 20.5.1882 an der Seite Österreich-Ungarns und Deutschlands dem Dreibund3 (Triplice Alleanza) beitrat, waren die politischen Lager gegenüber des irredentischen Bewegung eher abgekühlt.

Bis zur Jahrhundertwende war der Irredentismo weitgehend Teil der republikanisch- unitaristische und demokratischen Linken zugehörigen Gedankenwelt.

Seit 1900 geriet der Irredentismo jedoch ins Fahrwasser der nationalistischen Kreise der politischen Rechten, die 1914/1915 vehement den Eintritt Italiens in den Krieg gegen die Mittelmächte forderten.

Außerdem waren die Irredentisten maßgeblich bei der nach imperialistischen Kriterien erfolgten Grenzziehungen von Saint Germain und somit an der Einverleibung Südtirols in das italienische Staatsgebiet beteiligt.

1.2. Der Erste Weltkrieg

Am 28.7.1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien führt zum Ausbruch4 des Ersten Weltkriegs.

Die Bestimmungen des Dreibunds sicherten dem Bündnispartner ihr militärisches Eingreifen bei unprovozierten Angriffen zu. Bei einem nicht direkt vom ihm heraus- geforderten Krieg mehrere Mächte gegen den Bündnispartner waren die anderen beiden Dreibundmächte zu militärischen Unterstützung verpflichtet, wohingegen wenn es sich um einen Angriff der Dreibundmächte handelt nur zur wohlwollenden Neutralität.

Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges erklärt Italien somit entsprechend den Be- stimmungen des Dreibundes am 3.8.1914 vorerst seine Neutralität und warf Öster- reich-Ungarn vor seine Konsultationspflicht verletzt zu haben. Daraufhin forderte Italien seit Dezember 1914 unter Berufung des Artikels 7 in Wien territoriale Kom- pensationen. Diese bilateralen Verhandlungen zwischen Rom und Wien führten zu keinen Ergebnissen.

In den folgenden Monaten kam es zu erbitternden innenpolitischen Auseinandersetzungen um die Beibehaltung der Neutralität oder dem Kriegseintritt auf der Seite der Entente. Innenpolitisch wurde der Kriegseintritt durch den zum Krieg drängenden Ministerpräsidenten, Salandra, gestützt, der sich durch Massenagitationen gegen den die Kammermehrheit inne habenden, Giolotti durchsetzten konnte.

Am 16.4.1915 lehnte Wien die italienischen Forderungen ab und vertröstete sie auf territoriale Kompensationen nach Kriegsende. Wien stellte Italien die Abtretung des größten Teils des Trentinos, Teilen von Friaul und Albaniens, sowie Triest als freie Stadt in Aussicht. Italien lehnte dieses Angebot als unbefriedigend ab und beauftrag- te am 3.3.1915 den italienischen Botschafter in London, Graf G. Imperiali, zu Ver- handlungen mit den Ententemächten. Dies führte am 26.4.1915 zur Unterzeichnung des Londoner Geheimvertrages zwischen Italien, Frankreich, England und Russland. Darin verpflichtete sich Italien zum Kriegseintritt an der Seite Entente innerhalb ei- nes Monats und erhielt dafür folgende territorialen Zugeständnisse: das Trentino, das zisalpine Tirol mit seiner geographischen und natürlichen Grenze, dem Brenner, Trieste, Görz und Gradisca, ganz Istrien bis zum Quarnero, istrianischen Inseln und die Provinz Dalmatien und die volle Souveränität über die Insel des Dodekanes. Al- baniens sollte ein neutraler Staat bleiben, den Italien in seinen Beziehungen zum Ausland vertreten sollte.

Mit den Zugeständnissen des Londoner Vertrages war der Forderungskatalog des Irredentismo offizielles Regierungsprogramm geworden.5

Italien kündigte am 3.5.1915 den Dreibund auf und erklärte am 23.5.1915 Österreich-Ungarn den Krieg, am 28.8.1916 erfolgte diese an Deutschland. 1914 sah Italien seine Bündnispflicht als nicht gegeben an, da es von ÖsterreichUngarn in dem Konflikt mit Serbien nicht konsultiert worden war und da der Vertrag einen defensiven Charakter habe.

Die italienische Frontlinie verlief der Tirol-Kärnten-Grenze und die Isonzo-Linie. In elf Schlachten an der Isonzo-Front erlangten die Italiener in harten Kämpfen nur Ge- ländegewinne. Der im Oktober 1917 durch deutsche Truppen erkämpfte Durchbruch bei Caporetto im heutigen Slowenien brachte Italien an den Rand des militärischen und politischen Zusammenbruchs. Mühsam gelang die Stabilisierung der Front ent- lang der Piave-Linie.

Aufgrund des schnell voranschreitenden Zerfalls der osterreich-ungarischen Doppelmonarchie errang Italien Anfang November 1918 den Sieg von Vittorio Veneto. Vittorio Veneto ist bis heute Synonym des italienischen Nationalstolzes.

„Am 3. November 1918 wurde in der Villa Giusti in Abano der Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und Italien geschlossen. Anschließend begann die kampflose Besetzung Südtirols durch die italienischen Truppen, die bereits am 4. November Salurn, den Mendelpaß und Schlunderns erreichten. Am 5. November wurde Meran besetzt. Von der Mendel kommend erreichte eine Kavalleriepatrouille am 6. November Bozen, am nächsten Tag schließlich besetzten Truppen der 7. Ar- mee die Stadt. Von Bozen drangen die Truppen dann nach durch das Eisacktal Rich- tung Brenner vor, am 10. November besetzten sie den Brennerpaß.“6 Bis zum 31. Juli 1919 unterstand Südtirol einer Militärregierung unter General Gugliemo Pecori- Giraldi.

1.3. Die Friedensverhandlungen von Saint Germain 1919 und die Vittoria Muti- lata

„ Die Abtrennung Südtirols und die Zuerkennung an Italien war der Preis, der Italien bereits im Jahre 1915 im geheimen Londoner Vertrag von der Entente zugesichert worden war, als es sich verpflichtete binnen einen Monats an alliierter Seite in den Krieg einzutreten.“7

Als Italien bei den Friedensverhandlungen von Saint Germain am 10.09.1919 zwi- schen der Entente und Österreich auf die Erfüllung des Vertrages bestand, stand dies im Gegensatz zu US-Präsident Wilsons am 18. Januar 1918 verkündeten 14-Punkte- Programms. Diese neue Friedensprogramm sollte dauerhaft den Frieden in Europa sichern und bestimmte in seiner Hauptthese das Recht der Völker auf Selbstbestim- mung. „Punkt 9 der „Vierzehn Punkte“ betraf die zukünftigen Grenzen Italiens; er lautete: A readjustment of the frontiers of Italy schould be effected along clearly re- cognizable lines of nationality.“8

Mit dieser Grenze war eindeutig die Volkstumsgrenze bei der Saluner Klause, die Südtirol vom Trentino trennt, gemeint. Dazu ging aus dem Britischen Memorandung zu den Friedensverhandlungen hervor: „The line of demarcation between the two races is remarkably clear, and to all intents and purposes coincides with administrative boundary between the Trentino and the Alto Adige.“9

Nichtsdestotrotz bestanden die Italiener auf die Erfüllung des Londoner Vertrages und fanden Unterstützung seitens der französischen und der britischen Delegation; „in Pariser Regierungskreisen hegte man die Hoffnung, daß die Brennergrenze als italienische Staatsgrenze einer zukünftigen Annäherung zwischen Italien und Deutschland im Wege stehen würde.“10

Nach Alfons Gruber ist die Frage, warum sich Wilson den territorialen Ansprüchen Italiens, obwohl sie seinem 14-Punkte-Programm widersprach, nicht widersetzte bis heute nicht geklärt.11

H.G. Nicolson schrieb dazu „Es gibt nichts, was erklären könnte, wie es möglich war, daß der Präsident gleich zu Anfang der Konferenz sich bereit fand, 230.000 Tiroler unter italienische Herrschaft zu bringen, in flagrantem Widerspruch zu dem zentralsten aller seiner Grundsätze. Ich ziehe die einfach Deutung vor, daß Woodrow Wilson sich damals völlig im unklaren darüber war, was sein Zugeständnis in Wahrheit bedeutete. Er hat nachträglich [...] eingestanden, daß seine Kapitulation in diesem Punkt nur die Folge ungenügenden Studiums gewesen sei.“12

Neben den Bedenken der Alliierten bezüglich der Annäherungen an Deutschland scheint Ettore Tolomei, der während der Friedensverhandlungen von Saint Germain als Berater der italienischen Delegation auftrat, eine bedeutende Rolle zu spielen. Tolomei, der bereits 1906 sämtliche Stadt- und Flurnamen frei erfunden ins Italienische übersetzte, konnte Wilson somit täuschen.

„Am 14. April 1919 erklärte er Ministerpräsident Orlando, er sei bezüglich der Nordgrenze Italiens mit den Zugeständnissen des Londoner Vertrages einverstanden, und in der Sitzung vom 19. Mai 1919 einigten sich die Großen Vier eindeutig darauf die Wasserscheide zur Nordgrenze Italiens zu machen.“13

Entgegen der ursprünglichen Absichten Wilsons wurden Italien keine Auflagen zum Schutz der deutschen Südtiroler Minderheit gemacht. Noch bis Mitte 1919 hatten die Amerikaner für Südtirol diesen Schutz gefordert. Außerdem sträubten sich die Italie- ner wohl wissend über die deutschsprachige Mehrheit ein Plebiszit in Südtirol durch- zuführen. Diese imperialistische Expansion der italienischen Grenzen widersprach gegen jegliche Grundprinzipien des Selbstbestimmungsrechtes des Völkerbundes.

Übersetzung: Die Grenzlinie zwischen den beiden Volksstämmen ist eindeutig klar und fällt in jeder Hinsicht mit den Verwaltungsgrenzen zwischen Trentino und Südtirol zusammen.

[...]


1 Vgl. Pallaver, G.: Irredentismo, in: Brütting, Richard: Italien-Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Geschichte, Gesellschaft, Wirtschafrtt, Politik, Justiz, Gesundheitswesen, Verkehr, Presse, Rundfunk, Kultur und Bildungswesen, Berlin 1997, S. 422 f.

2 Damit sind die Unabhängigkeitskriege 1848 -1871 um die Gründung des itaienischen Nationalstaates ausgehende von Piemont um die italienische Unabhängigkeit von der Fremdherrschaft ÖsterreichUngarns und dem Kirchenstaat den Bourbonen gemeint.

3 Vgl. Lönne, K.E.: Triplice Alleanza, in: Brütting, Richard: Italien-Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Geschichte, Gesellschaft, Wirtschafrtt, Politik, Justiz, Gesundheitswesen, Verkehr, Presse, Rundfunk, Kultur und Bildungswesen, Berlin 1997, S. 830 f.

4 Vgl. Pieri, P.: Guerra Modilale, Prima, in: Brütting, Richard: Italien-Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Geschichte, Gesellschaft, Wirtschafrtt, Politik, Justiz, Gesundheitswesen, Verkehr, Presse, Rundfunk, Kultur und Bildungswesen, Berlin 1997, S. 422 f.

5 Vgl. Willi, V.J.: Londra, in: in: Brütting, Richard: Italien-Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Geschichte, Gesellschaft, Wirtschafrtt, Politik, Justiz, Gesundheitswesen, Verkehr, Presse, Rundfunk, Kultur und Bildungswesen, Berlin 1997, S. 422 f.

6 Steininger, Rolf: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart, Innsbruck/München 1999, S. 9.

7 Gruber, Alfons: Südtirol unter dem Faschismus, Bozen 1995, S. 11.

8 Ebd. Gruber, S.11, Übersetzung: Die Neuordnung der Grenzen Italiens sollte nach klar erkennbaren Linien der Nationalität erfolgen

9 Ebd. Gruber, S. 11-12,

10 Ebd. Gruber, S. 12

11 Vgl. Ebd. Gruber, S. 12.

12 Ebd. Gruber, S 12-13

13 Ebd. Gruber, S. 17-18

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Südtirol nach dem 1. Weltkrieg und zur Zeit des Faschismus
Hochschule
Universität Passau  (Neuere und Neuste Geschichte)
Veranstaltung
Südtirol als politische Kulturlandschaft
Note
1.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V145800
ISBN (eBook)
9783640562862
ISBN (Buch)
9783640562596
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Südtirol, Weltkrieg, Zeit, Faschismus
Arbeit zitieren
Alexandra Forciniti (Autor), 2009, Südtirol nach dem 1. Weltkrieg und zur Zeit des Faschismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145800

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