Überprüfung der Optimierung der Bilanz- und Finanzierungsstruktur von KMU durch das Ratingurteil damit verbundene Kosten


Diplomarbeit, 2008

151 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Formelverzeichnis

1. Zielsetzung der Untersuchung

2. Begriffliche und theoretische Grundlagen
2.1. Begriffsabgrenzung des deutschen Mittelstandes
2.1.1. Größenklassen nach dem Handelsgesetzbuch
2.1.2. Mittelstandsdefinition des IfM Bonn
2.1.3. Mittelstandsdefinition der Europäischen Union
2.2. Besondere Charakteristika des deutschen Mittelstandes
2.2.1. Finanzierungsquellen des Mittelstandes
2.2.2. Bilanzstruktur des Mittelstandes
2.3. Definition und Grundlagen des Ratings
2.3.1. Die Ratingskalen von Standard & Poor’s und Moody’s
2.3.2. Abgrenzung von bankinternen und externen Ratings
2.3.3. Interpretation des Ratingurteils
2.3.4. Mathematisch-statistische Ratingmodelle als Grundlage des Ratings

3. Basel II und die Notwendigkeit der Ratingoptimierung für KMU
3.1. Entwicklung von Basel I zu Basel II
3.2. Wesentliche Veränderungen durch Basel II
3.3. Ausnahmeregelungen für KMU
3.4. Auswirkungen der Ratingnote auf die Finanzierungskosten von KMU

4. Optimierungsansätze für quantitative Ratingfaktoren
4.1. Ratingstrategie und Rating-Advisory als Grundlage der Ratingoptimierung
4.2. Optimierung der Transparenz und Kommunikation
4.3. Optimierung der Unternehmensrisiken
4.4. Optimierung durch wertorientiertes strategisches Management
4.5. Optimierung der Finanzplanung und Finanzierung
4.6. Verbesserungen im Bereich Unternehmensstrategie und Management
4.7. Verbesserungen im Controlling und Berichtswesen
4.8. Verbesserungen im Umgang mit Marktrisiken
4.9. Verbesserungen der Lieferanten- und Kundenabhängigkeiten

5. Internes Finanzrating am Beispiel von Moody’s KMV RiskCalc
5.1. Modellentwicklung
5.2. Analyse und Gewichtung der einbezogenen Kennzahlen
5.3. Kennzahlenreaktionen auf Veränderungen der Finanzierungsstruktur
5.4. Besonderheiten des Modells

6. Empirische Analyse von Finanzierungsmaßnahmen zur Ratingoptimierung von KMU
6.1. Aufbau der Analyse
6.1.1. Strukturierung der durchschnittlichen Modellunternehmen
6.1.2. Ausgangsratings der durchschnittlichen KMU
6.2. Einfluss von Factoring auf das Ratingurteil
6.2.1. Auswirkung des Factoring auf Bilanz und GuV
6.2.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach Factoring
6.3. Einfluss von Leasing auf das Ratingurteil
6.3.1. Wirkung des Leasing auf Bilanz und GuV
6.3.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach Leasing
6.4. Einfluss von Sale-and-lease-back auf das Ratingurteil
6.4.1. Wirkung des Sale-and-lease-back auf Bilanz und GuV
6.4.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach Sale-and-lease-back
6.5. Einfluss von Vorratsoptimierungen auf das Ratingurteil
6.5.1. Wirkung der Vorratsoptimierung auf Bilanz und GuV
6.5.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach der Vorratsoptimierung
6.6. Einfluss von Mezzanine-Kapital auf das Ratingurteil
6.6.1. Wirkung des Mezzanine-Kapitals auf Bilanz und GuV
6.6.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach der Mezzanine-Finanzierung
6.7. Einfluss der Kombination von Mezzanine-Kapital und Factoring auf das Ratingurteil
6.8. Einfluss von Beteiligungskapital auf das Ratingurteil
6.8.1. Wirkung des Beteiligungskapitals auf Bilanz und GuV
6.8.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach der Beteiligungsfinanzierung
6.9. Einfluss der Ausgliederung von Pensionsrückstellungen auf das Ratingurteil
6.9.1. Wirkung der Ausgliederung der Pensionsrückstellungen auf Bilanz und GuV
6.9.2. Moody’s RiskCalc-Rating nach Ausgliederung der Pensionsrückstellungen
6.10. Bilanzpolitik und deren Konsequenzen für das Rating
6.11. Ratingeinfluss von Gestaltungsspielräumen in der GuV

7. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
7.1. Reaktion der RiskCalc-Kennzahlen auf die Finanzierungsmaßnahmen
7.2. Reaktion der Ausfallwahrscheinlichkeiten und des Ratingurteils auf die Finanzierungsmaßnahmen
7.3. Auswirkungen der Ratingveränderungen auf die Finanzierungskosten

8. Kritische Würdigung der Ergebnisse und Handlungsempfehlungen für KMU

Literaturverzeichnis

Anhang I: Modellannahmen für das Baugewerbe

Anhang II: Modellannahmen für das verarbeitende Gewerbe

Anhang III: Angepasste Gewinn- und Verlustrechnungen - verarbeitendes Gewerbe

Anhang IV: Angepasste Bilanzen - verarbeitendes Gewerbe

Anhang V: Angepasste Gewinn- und Verlustrechnungen - Baugewerbe

Anhang VI: Angepasste Bilanzen - Baugewerbe

Anhang VII: Jährliche Zinsersparnisse nach Ratingoptimierung

Anhang VIII: Reaktion der Kennzahlen auf die Finanzierungsmaßnahmen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Eigenkapitalausstattung unterschiedlicher Branchen

Abbildung 2: Median der Eigenkapitalentwicklung von KMU nach Umsatz

Abbildung 3: Bedeutung von Finanzierungsquellen für KMU

Abbildung 4: Bilanzstruktur von KMU im Baugewerbe (alle Rechtsformen) .

Abbildung 5: Bilanzstruktur von KMU im verarbeitenden Gewerbe (alle Rechtsformen)

Abbildung 6: Ratingverteilung des deutschen Mittelstandes

Abbildung 7: IFD-Skala und Masterskalen der deutschen Bankinstitute

Abbildung 8: Kumulierte Ausfallwahrscheinlichkeiten für 1 Jahr bis 10 Jahre

Abbildung 9: Ratingabhängige Zinsdifferenzierung nach Basel II

Abbildung 10: Ablauf der Ausarbeitung einer Ratingstrategie

Abbildung 11: Ansatzpunkte zur Optimierung des Ratings

Abbildung 12: Relativer Einfluss der Kennzahlen auf das RiskCalc-Rating

Abbildung 13: Ablaufschema der Untersuchung

Abbildung 14: Ratingveränderungen und PD für das mittlere verarbeitende Unternehmen

Abbildung 15: Ratingveränderungen und PD für das kleine verarbeitende Unternehmen

Abbildung 16: Ratingveränderungen und PD für das mittlere Bauunternehmen

Abbildung 17: Ratingveränderungen und PD für das kleine Bauunternehmen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Größenklassen für Kapitalgesellschaften nach dem HGB

Tabelle 2: Mittelstandsdefinition des IfM Bonn

Tabelle 3: Mittelstandsdefinition der EU

Tabelle 4: Übersicht Ratingarten und Ratingobjekte

Tabelle 5: Ratingklassen und Ausfallwahrscheinlichkeiten nach Moody’s und S&P

Tabelle 6: Ein-Jahres-Migrationsmatrix für S&P-Ratingklassen

Tabelle 7: Wichtige quantitative und qualitative Ratingkriterien

Tabelle 8: Vergleich der Eigenkapitalunterlegung nach Standard- und IRB-Basisansatz

Tabelle 9: Ratingabhängige Zinskonditionen von SME Growth, H.E.A.T II-2007 sowie KfW

Tabelle 10: Kennzahlen des deutschen RiskCalc-Modells

Tabelle 11: Ertragswirtschaftlicher Cashflow nach Moody’s RiskCalc

Tabelle 12: Ordentliches Betriebsergebnis nach Moody’s RiskCalc

Tabelle 13: Analysierte Finanzierungsalternativen für mittelständische Unternehmen

Tabelle 14: Eckdaten der Musterunternehmen

Tabelle 15: Ausgangsbilanzen für die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes

Tabelle 16: Modellierte GuV für die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes

Tabelle 17: Ausgangsratings der Musterunternehmen

Tabelle 18: Modellannahmen für das Factoring

Tabelle 19: Ratingveränderung nach Factoring

Tabelle 20: Modellannahmen für das Leasing

Tabelle 21: Ratingveränderung nach Leasing

Tabelle 22: Modellannahmen für das Sale-and-lease-back

Tabelle 23: Ratingveränderung nach Sale-and-lease-back

Tabelle 24: Modellannahmen für die Vorratsoptimierung

Tabelle 25: Ratingveränderung nach Vorratsoptimierung

Tabelle 26: Modellannahmen für die Finanzierung über Mezzanine-Kapital

Tabelle 27: Ratingveränderung nach der Finanzierung über Mezzanine-Kapital

Tabelle 28: Ratingveränderung nach Mezzanine und Factoring

Tabelle 29: Modellannahmen für die Finanzierung über Beteiligungskapital

Tabelle 30: Ratingveränderung nach der Finanzierung über Beteiligungskapital

Tabelle 31: Ratingveränderung nach Ausgliederung der Pensionsrückstellungen

Tabelle 32: Effekte von Bilanzierungswahlrechten auf die RiskCalc-Kennzahlen

Tabelle 33: Durchschnittliche relative Reaktion der RiskCalc-Kennzahlen

Tabelle 34: Durchschnittliche Veränderung von Ratingklasse und PD

Tabelle 35: Jährliche Zinsersparnis durch Ratingoptimierung (verarbeitendes U.)

Tabelle 36: Jährliche Zinsersparnis durch Ratingoptimieru]ng (kleines Bauunternehmen)

Formelverzeichnis

Formel 1: Berechnung der Eigenkapitalunterlegung im Standardansatz

Formel 2: EK-Anforderung in den IRB-Ansätzen

Formel 3: Annuitätenformel für die Berechnung der jährlichen Leasinggebühr

1. Zielsetzung der Untersuchung

Gegenwärtig tragen die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise dazu bei, dass sich Firmenkredite verteuern und Banken bei der Vergabe von neuen Krediten zurückhaltender agieren.1 Die Zurückhaltung der Banken bezüglich der Kredit- vergabe, wurde jedoch bereits im Zuge der Umsetzung der neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung (Basel II) verstärkt.2 Vollständig umgesetzt ist Basel II seit Beginn des Jahres 2008.3 Nach den bisherigen Basel-I-Regelungen mussten Banken pauschal acht Prozent der Kreditforderungen mit Eigenkapital hinterlegen. Die neue Regelung schreibt eine risikoorientierte, d. h. an den individuellen Ausfallrisiken der Kreditnehmer ausgerichtete, Eigenkapitalunter- legung vor.4 Für die zukünftige Finanzierung von Unternehmen bedeutet Basel II, dass keine Kreditvergabe ohne ein zuvor durchgeführtes Rating möglich ist.

Im Rahmen eines Ratings werden die Risiken der kreditsuchenden Unternehmen als Ausfallwahrscheinlichkeiten abgebildet, die auch als Probability of Default (PD) charakterisiert werden. Im Mittelpunkt der Kreditverhandlungen steht die auf mathematisch-statistischen Modellen beruhende Ratingnote. Je ungünstiger das Ratingurteil ausfällt, desto mehr haftendes Eigenkapital muss die Bank bereitstellen. Ein schlechtes Ratingergebnis hat damit direkten Einfluss auf die Zinskonditionen des Unternehmens, da die Bank bei höherer Eigenkapitalhinterlegungspflicht eine höhere Marge veranschlagt, um die Eigenkapitalrentabilität zu erhalten.5 Nicht nur die Zins- und Konditionengestaltung werden durch das Ratingergebnis bestimmt, sondern auch die Anforderungen an zu leistende Sicherheiten und die Höhe des möglichen Kreditvolumens. Daher hat sich die Berücksichtigung von Ratingaspekten zu einem nicht zu vernachlässigenden Gesichtspunkt entwickelt. Unternehmen müssen anstatt der steueroptimierenden Bilanzie- rungspolitik ebenfalls das Ziel eines verbesserten Ratings verfolgen.6 Ein gutes Rating kann über sinkende Finanzierungskosten zu einem steigenden Unternehmenswert beitragen und die Position des Unternehmens langfristig stärken. Dieser Zusammenhang ist ein weiterer Beweis dafür, dass das Modigliani/Miller-Theorem in der Praxis keine Gültigkeit besitzt. Gleichzeitig gilt ein gutes Rating stets als Aushängeschild des Unternehmens.7

Deutlich wird der Stellenwert eines guten Ratings am Beispiel eines KfW Unternehmerkredits. Die Schwankungsbreite des Zinssatzes liegt zwischen 4,79 Prozent für Unternehmen mit geringen Ausfallwahrscheinlichkeiten und 7,85 Prozent für risikoreichere Kreditnehmer. Der bonitätsabhängige Credit- Spread liegt demnach bei über 300 Basispunkten. Die jährliche Differenz der Zinsbelastung kann bei einem Kreditvolumen von 5 Mio. € dementsprechend bis zu 153.000 € betragen.8 Ähnliches gilt für die Finanzierung über Mezzanine- Kapital, da die Zinsaufschläge ebenfalls auf dem Ratingurteil des Unternehmens basieren. Angesichts dieser Tatsache kommt in Zukunft kaum ein Unternehmen an der Auseinandersetzung mit der Thematik „Rating- optimierung“ vorbei. Die Unsicherheit der Unternehmen bzgl. der Auswirkungen von Basel II und dem damit verbundenen Rating hat zwar abgenommen, wie eine DIHK-Studie belegt, sehen über 50 Prozent eine Chance in Basel II. Dennoch, um Chancen realisieren zu können, ist eine gründliche Auseinandersetzung mit den ratingbeeinflussenden Faktoren oder der Einsatz eines Rating-Advisors notwendig.9

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll, aufgrund der hohen Banken- und Fremdkapitalabhängigkeit, der deutsche Mittelstand (synonym als KMU bezeichnet) und die Fragestellung des Nutzens der Optimierung der Bilanz- und Finanzierungsstruktur, im Hinblick auf das Ratingurteil und der damit verbundenen Finanzierungskosten, stehen. Zudem sind gerade kleine und mittelständische Unternehmen auf die Anforderungen eines Ratings nur unzureichend vorbereitet.10 Deshalb besteht gerade in diesen Unternehmen ein umfassendes Verbesserungspotenzial in Hinsicht auf das Unternehmensrating.

Als Einführung in die Problematik sollen, neben der Abgrenzung von KMU, ratingrelevante Besonderheiten von mittelständischen Unternehmen herausge- stellt werden, um im Anschluss eine Einführung in die Thematik des Ratings zu liefern. Im weiteren Verlauf wird die Bedeutungszunahme eines guten Ratings, vor dem Hintergrund von Basel II, begründet und der Einfluss auf die Finanzierungskonditionen hervorgehoben. Nach einem kurzen Überblick über generelle Handlungsfelder zur Verbesserung des eigenen Ratings werden Optimierungsansätze für qualitative Ratingkriterien thematisiert.

Da die Bewertung der quantitativen Ratingkriterien, je nach Kreditinstitut, bis zu 70 Prozent der Ratingnote bestimmt, bilden das Finanzrating sowie die Überprüfung von Verbesserungsmaßnahmen den Schwerpunkt dieser Arbeit.11 Zu diesem Zweck wird, stellvertretend für den quantitativen Teil eines bankinternen Ratings, das Rating-Tool Moody’s KMV RiskCalc vorgestellt und analysiert, um im Anschluss verschiedene Ansätze zur Optimierung der Finanzierungsstruktur überprüfen zu können. Anhand verschiedener alternativer Finanzierungsmaßnahmen soll dann, mithilfe von Moody’s KMV RiskCalc, verifiziert werden, ob und in welchem Umfang es möglich ist das Rating eines Unternehmens zu verbessern. Im Einzelnen werden die Effekte von Factoring, Leasing, Sale-and-lease-back, Optimierung der Vorratsbestände, Mezzanine- Kapital, Beteiligungskapital sowie die Ausgliederung von Pensionsrückstel- lungen auf das Ratingurteil von mittelständischen Musterunternehmen analysiert und ausgewertet. Daneben wird auf die Auswirkungen von bilanzpolitischen Gestaltungen auf das Ratingurteil eingegangen.

Zur Beantwortung der Fragestellung nach dem Nutzen einer Ratingoptimierung, wird eine abschließende Analyse der Auswirkungen auf die Finanzierungs- kosten durchgeführt. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Würdigung der Untersuchungsergebnisse sowie einer Handlungsempfehlung für KMU ab.

2. Begriffliche und theoretische Grundlagen

Dieses Kapitel übernimmt die Aufgabe der Erläuterung der wichtigsten Begrifflichkeiten und Definitionen, die die Grundlage dieser Arbeit bilden. Neben der Begriffsabgrenzung und Charakterisierung des deutschen Mittelstandes wird der Leser in die Thematik und Methodik des Ratings eingeführt.

2.1. Begriffsabgrenzung des deutschen Mittelstandes

Für eine Untersuchung, die den deutschen Mittelstand betrifft, ist zu Beginn eine Definition bzw. Abgrenzung dieses Begriffs vorzunehmen. Weder in der Literatur noch in der Praxis gibt es eine einheitliche Definition von mittelstän- dischen Unternehmen, die auch synonym als KMU bezeichnet werden. Bereits Anfang der sechziger Jahre wurde durch Klaus-Jürgen Gantzel in der Arbeit „Wesen und Begriff der mittelständischen Unternehmung“ darauf hingewiesen, dass ungefähr 200 Definitionen und Umschreibungen zusammenstellbar sind. Erschwerend kommt hinzu, dass sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch im wirtschaftspolitischen Kontext keine klare und einheitliche Begriffstren- nung zu erkennen ist. Mittelständische Unternehmen lassen sich zudem keines- wegs nur quantitativ, nach Umsatz, Bilanzsumme oder Mitarbeiterzahl, sondern ebenso qualitativ abgrenzen.12 Als problematisch erweisen sich viele der quanti- tativen Ansätze, da es an öffentlich zugänglichen Daten über Bilanzsumme, Gewinn und Marktanteile fehlt.13 Ein weiteres Problem besteht in der Vielzahl der theoretisch möglichen Definitionen, wodurch der Mittelstand, je nach gewählter Definition, unterschiedliche Unternehmen mit unterschiedlichen Merkmalsausprägungen umfasst. Im Ergebnis gibt es keine allgemeingültige Definition von kleinen und mittelgroßen Unternehmen.14 Daher soll zunächst ein Überblick über die gebräuchlichsten Definitionen von KMU gegeben werden, um anschließend eine geeignete Definition als Arbeitsgrundlage dieser Arbeit auswählen zu können.

2.1.1. Größenklassen nach dem Handelsgesetzbuch

Ein erster quantitativer Ansatz zur Abgrenzung kleiner und mittelgroßer Unternehmen von Großunternehmen ist im Handelsgesetzbuch zu finden. Das HGB nimmt mit § 267 eine Festlegung von Wertobergrenzen für kleine, mittlere und große Kapitalgesellschaften vor. Die handelsrechtliche Zuordnung zu einer Größenklasse erfolgt allerdings nur, wenn mindestens zwei der drei genannten Kriterien an zwei aufeinanderfolgenden Abschlussstichtagen erfüllt sind. Nachteilig ist die ausschließliche Betrachtung von Kapitalgesellschaften und haftungsbeschränkten Personenhandelsgesellschaften.15 Aufgrund dieser Einschränkung kommt der Definition außerhalb des Geltungsbereichs des HGB keine Bedeutung zu.16 Das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) sieht vor die Schwellenwerte für Bilanzsumme und Umsatz um 20 Prozent zu erhöhen.17 Tabelle 1 fasst die Anforderungen der einzelnen Größenklassen an Bilanzsumme, Umsatzerlöse und Mitarbeiterzahl zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Größenklassen für Kapitalgesellschaften nach dem HGB Quelle: Eigene Darstellung, auf Grundlage § 267 HGB.18

2.1.2. Mittelstandsdefinition des IfM Bonn

Eine in der Praxis gebräuchlichere Abgrenzung liefert das Institut für Mittel- standsforschung Bonn (IfM Bonn). Diese ebenfalls an quantitativen Kriterien ausgerichtete Festlegung, definiert Unternehmen mit bis zu neun Beschäftigten und weniger als 1 Mio. € Jahresumsatz als kleine Unternehmen. Beschäftigt ein Unternehmen 10 bis 499 Mitarbeiter und liegt der Jahresumsatz zwischen 1 Mio. € und unter 50 Mio. €, handelt es sich per Definition um ein mittleres Unternehmen. Die Gesamtheit der KMU setzt sich insofern aus allen Unterneh- men mit weniger als 500 Beschäftigten sowie weniger als 50 Mio. € Jahresum- satz zusammen. Überschreitet die Anzahl der Mitarbeiter 500 bzw. der Umsatz 50 Mio. €, spricht das IfM von einem großen Unternehmen (vgl. Tabelle 2). Darüberhinaus hält das IfM auch einen qualitativen Definitionsansatz bereit. Danach wird ein Familienunternehmen als ein mittelständisches Unternehmen angesehen, wenn die Eigentums- und Leitungsrechte in der Person des Unternehmers gebündelt sind. Eine Größenbeschränkung ist in diesem qualitativen Ansatz nicht vorgesehen. Die Definition wird als erfüllt angesehen, wenn bis zu zwei natürliche Personen oder ihre Familienangehörigen mindestens 50 Prozent der Anteile eines Unternehmens halten und diese natürlichen Personen gleichzeitig Mitglieder der Geschäftsführung sind.19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Mittelstandsdefinition des IfM Bonn

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an IfM Bonn (2007a), o. S.

2.1.3. Mittelstandsdefinition der Europäischen Union

In Anbetracht der wirtschaftlichen Bedeutung von KMU, hat selbst die EU eine verbindliche und einheitliche KMU-Definition für alle EU-Mitgliedsstaaten erarbeitet. Bereits 1996 wurde die erste gemeinsame Definition seitens der EU formuliert, die aufgrund veränderter ökonomischer Rahmenbedingungen am 6. Mai 2003 angepasst wurde. Diese bis heute gültige Definition trat am 1. Januar 2005 in Kraft. Die EU differenziert KMU in drei Größenkategorien. Die Größenklasse der Kleinstunternehmen umfasst Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von maximal 2 Mio. € oder alternativ einer Bilanzsumme von höchstens 2 Mio. €. Ein kleines Unternehmen ist mit weniger als 50 Mitarbeitern sowie einem Jahresumsatz oder Bilanzsumme von maximal 10 Mio. € definiert. Die Größenklasse der mittleren Unternehmen setzt weniger als 250 Mitarbeiter sowie einen Jahresumsatz von maximal 50 Mio. € oder eine Bilanzsumme von höchstens 43 Mio. € voraus.20 Außerdem darf ein KMU zu höchstens 25 Prozent in Besitz eines anderen Unternehmens stehen.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Mittelstandsdefinition der EU.

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an IfM Bonn (2007a), o. S.

In den 25 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union existieren etwa 23 Mio. KMU, die ungefähr 75 Mio. Arbeitsplätze zur Verfügung stellen und dabei etwa 99 Prozent des gesamten Unternehmensbestandes ausmachen. Außerdem bilden sie eine wichtige Grundlage für unternehmerische Fähigkeiten und Inno- vationen.22 Mittelständische Unternehmen haben für Deutschland eine große Bedeutung und werden daher oft als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Der Anteil von mittelständischen Unternehmen an der Gesamtheit aller rund 3,57 Mio. deutschen Unternehmen beträgt 99,7 Prozent. Sie beschäftigen 70,7 Prozent aller Erwerbstätigen und bilden 82,7 Prozent aller Auszubildenden aus. Die Nettowertschöpfung liegt bei 46,3 Prozent.23 Jedoch verkörpert der Mittelstand nicht nur positive Eigenschaften. Defizite weist der Mittelstand im Bereich der Finanzierung, Forschung und Entwicklung auf.24

Neben der bereits vorgestellten qualitativen Begriffsabgrenzung des IfM, bieten sich weitere Eigenschaften zwecks der Definition von KMU an. Diese zielen meistens auf die Personengebundenheit und die wesentliche Bedeutung des Unternehmers für das Unternehmen ab. In der Regel trägt der Unternehmer die Verantwortung für sämtliche Entscheidungen und Vorgänge. Weitere, in der Literatur genannte, Abgrenzungsmerkmale sind die rechtliche Selbständigkeit, Konzernunabhängigkeit sowie die Überschaubarkeit des Unternehmens. Wiederholt lässt sich das Abgrenzungskriterium identifizieren, dass KMU keinen Zugang zur Börse haben.25

In der wissenschaftlichen Literatur besitzen die quantitativen Ansätze eine größere Relevanz, da diese im Rahmen von empirischen Studien, zur Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes, besser geeignet sind.26 Es fällt auf, dass sowohl in der Rechtsprechung (vgl. § 267 HGB), in der Wirtschaft (vgl. Definition IfM) als auch in der Politik (vgl. Definition EU) unterschiedliche Kriterien und Schwellenwerte zur Abgrenzung von mittelständischen Unternehmen zum Einsatz kommen. Diese divergierenden Definitionen gilt es beim Interpretieren und Vergleichen von Studien, welche den Mittelstand betreffen, zu berücksichtigen. Verschiedene Untersuchungen sind deshalb nicht ohne weiteres miteinander zu vergleichen. Die Abweichungen zwischen einzelnen Studien können daher erheblich sein. Einzige Gemeinsamkeit zwischen EU- und IfM-Definition ist die Umsatzgrenze von bis zu 50 Mio. €, die als Obergrenze für ein mittleres Unternehmen festgelegt wurde.

Für die vorliegende Arbeit erweist sich die Abgrenzung nach quantitativen Aspekten am geeignetsten, da schwerpunktmäßig auf die Optimierbarkeit von Finanzratings abgestellt wird und diese auf den quantitativen Angaben des Jahresabschlusses beruhen. Im weiteren Verlauf der Arbeit erfolgt die Orientie- rung an der Mittelstandsabgrenzung der EU. Diese Begriffsbestimmung umfasst mit Umsatz, Bilanzsumme und Mitarbeiterzahl mehrere Abgrenzungskriterien und ist aus diesem Argument heraus für die Differenzierung von kleinen und mittleren Unternehmen im Rahmen dieser Arbeit am zweckmäßigsten.

2.2. Besondere Charakteristika des deutschen Mittelstandes

Sollen Ansatzmöglichkeiten zur Verbesserung eines Finanzratings beurteilt werden, interessiert zum Einstieg der Status quo des typischen Finanzierungs- verhaltens von KMU. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote aller deutschen Unternehmen beträgt ungefähr 18 Prozent. Für den Euro-Raum lässt sich eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 35 Prozent konstatieren, in den USA liegt diese sogar bei 45 Prozent. Insbesondere deutsche mittelständische Unternehmen sind also im europäischen und internationalen Vergleich relativ schlecht mit Eigenkapital ausgestattet.27 Die ausgeprägte Eigenkapitalquote von US-amerikanischen Unternehmen beruht zum Teil auf der hohen Nutzung von Beteiligungskapital.28 Im Schrifttum ist häufig der Hinweis auf die Problematik einer niedrigen Eigenkapitalausstattung zu finden, da diese in nahezu sämtlichen Ratings stark gewichtet wird.29 Eigenkapital dient als Verlustpuffer und Haftungsmaßstab, daher ist es umso bedenklicher, dass rund 37,9 Prozent der KMU kein oder ein negatives Eigenkapital aufweisen. Mit anderen Worten gelten gut ein Drittel der KMU als bilanziell überschuldet.30

Nach der aktuellen Erhebung „Diagnose Mittelstand 2008“ des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands zeichnet sich jedoch eine positive Tendenz ab. Der Anteil der KMU ohne bzw. mit negativem Eigenkapital ist in 2006 auf 28,9 Prozent zurückgegangen.31 Gemäß einer aktuellen Untersuchung der Cre- ditreform rangiert die durchschnittliche Eigenkapitalquote über alle Wirtschafts- zweige bei rund einem Drittel der befragten Unternehmen bei bis zu 10 Prozent. In diesen Fällen kann von einer schwachen Eigenkapitalausstattung gesprochen werden. Darüberhinaus existieren eklatante Unterschiede zwischen einzelnen Branchen. Eine Vorstellung liefert die Abbildung 1. Danach weisen 38,7 Prozent der Bauunternehmen lediglich bis zu 10 Prozent Eigenkapital in der Bilanz aus. Ein Ausweis von 30 Prozent und mehr wird nur von 13,3 Pro- zent realisiert. Im verarbeitenden Gewerbe können dagegen über 29 Prozent der Unternehmen eine Eigenkapitalquote oberhalb von 30 Prozent ausweisen.32

Zahlenreihen der Creditreform, für den Zeitraum 1999 bis 2007, belegen einen signifikanten Anstieg der Unternehmen, die eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent vorweisen. Im Jahr 2001 waren es lediglich 14 Prozent der Unternehmen, im Jahr 2007 waren es bereits etwa 23,5 Prozent.33 Demnach hat der Mittelstand auf eine Anforderung von Basel II reagiert und die Eigen- kapitalausstattung verbessert. Für Kleinstunternehmen gilt diese Aussage nur eingeschränkt, trotz positiver Tendenz ist die Eigenkapitalausstattung mager.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigenkapitalausstattung unterschiedlicher Branchen

Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: Creditreform (2007a), S. 24.

Nachdem die Situation separiert nach Branchen betrachtet wurde, fasst die folgende Abbildung 2 den Median der Eigenkapitalentwicklung von 1995 bis 2006 über alle Branchen zusammen.34 Positiv ist die Entwicklung der Umsatzklasse von 0 bis 1 Mio. €, hier konnten erstmals im Jahr 2005 von null verschiedene Eigenkapitalquoten festgestellt werden. Auch die Eigenkapital- ausstattung des gesamten Mittelstandes (0 bis 50 Mio. € UE) ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. In der Gesamtbetrachtung zeigt sich eine über alle Größenklassen verbesserte Eigenkapitalausstattung. Negativ fällt die immer noch schwache EK-Quote der Kleinstunternehmen auf. KMU sind, im Vergleich zu Großunternehmen (über 50 Mio. € UE), aber immer noch relativ schwach mit Eigenkapital ausgestattet. Allerdings ist die Eigenkapitalquote nicht isoliert zu betrachten, ebenso wichtig sind die Finanzierungsstruktur, Liquidität und Ertragskraft des Unternehmens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Median der Eigenkapitalentwicklung von KMU nach Umsatz Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: DSGV (Hrsg.) (2008b), S. 6.

2.2.1. Finanzierungsquellen des Mittelstandes

Die Finanzierung über Bankkredite ist nach wie vor die wichtigste externe Finanzierungsquelle für den deutschen Mittelstand. Der Anteil der Bankverbindlichkeiten macht rund 66 Prozent des Fremdkapitals aus. Im Vergleich dazu sind es in den USA nur 41 Prozent. Die zweite wichtige Finanzierungsquelle stellen thesaurierte Gewinne dar. Die Gewinnsituation ist allerdings gerade in kleinen mittelständischen Betrieben unbefriedigend, da die durchschnittliche Nettoumsatzrendite lediglich rund 1,6 Prozent erreicht.35 Außerdem sind ca. 19,2 Prozent aller KMU Verlustunternehmen.36 Daher ist es für viele KMU problematisch die Eigenkapitalsituation durch Gewinn- thesaurierungen zu verbessern. Die Fremdfinanzierungsquote ist mit rund 80 Prozent außerordentlich hoch. Auf organisatorischer Ebene sind die Aufbau- und Ablauforganisation sowie die Geschäftsstrategie oft unbefriedigend dokumentiert. Nur ein kleiner Teil der KMU verfügt über ein gut funktionierendes Planungs- und Rechnungswesen, Controlling oder Risikomanagement. Die Unternehmensnachfolge ist ebenfalls oft nicht geklärt.37 Diese Umstände tragen in Verbindung mit einer schlechten Eigenkapitalausstattung und einer mageren Ertragslage dazu bei, dass bankinterne Ratings von KMU tendenziell schlecht ausfallen. Demzufolge ist das Verbesserungspotenzial des Ratings hier höher einzuschätzen als bei Großunternehmen, die i. d. R. bessere Ratingnoten erreichen.

Zu den für KMU geeigneten Finanzierungsalternativen zählen Leasing, Sale- and-lease-back, Factoring, Mezzanine-Kapital sowie Beteiligungskapital. Gerade innovative Finanzierungsinstrumente, die eine aktive Kommunikation mit den Kapitalgebern voraussetzen, werden vom Mittelstand nur zögerlich eingesetzt. Der Forderungsverkauf über den Kapitalmarkt ist von 84 Prozent der KMU nicht geplant, selbst dem Factoring stehen 76 Prozent ablehnend gegenüber. Die Erhöhung der Eigenkapitalbasis durch Beteiligungskapital lehnen 83 Prozent der, von KPMG im Jahr 2004 bis 2005, befragten mittelständischen Unternehmen ab. Der Einsatz von mezzaninen Finan- zierungsformen, wie Nachrangdarlehen oder stille Beteiligungen, wird von 82 Prozent der befragten Unternehmen ausgeschlossen.38 Diese Ergebnisse werden durch zwei Umfragen der KfW, aus dem Jahr 2005 und 2006, bestätigt.39 Auch nach diesen Untersuchungen hält der überwiegende Teil der Unternehmer die Finanzierung über Mezzanine-Kapital oder Kapitalbeteili- gungsgesellschaften für unbedeutend. Abbildung 3 belegt, dass Bankkredite nach der Innenfinanzierung die zweitwichtigste Finanzierungsquelle bilden und die Finanzierung über Beteiligungskapital, Mezzanine-Kapital oder Factoring vernachlässigt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bedeutung von Finanzierungsquellen für KMU

Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: KfW (Hrsg.) (2006), S. 69.

Insbesondere vor dem Hintergrund der Anforderungen durch Basel II und dem damit verbundenen Rating ist der Mittelstand aufgefordert sein Finanzierungs- verhalten zu überdenken. Die Zuführung von Eigenmitteln über Beteiligungs- kapital oder Mezzanine-Kapital, welches in bankinternen Ratingverfahren größ- tenteils wirtschaftliches Eigenkapital darstellt, sollte nicht schon im Voraus aus- geschlossen werden. Eine ausgewogene Eigenkapitalausstattung kann ein größeres Kreditvolumen und günstigere Kreditkonditionen bedeuten.40 Unter- nehmen, die ihre Finanzierungsstrukturen nicht auf die neuen Anforderungen abstimmen, werden neue Bankkredite nur schwierig, im ungünstigsten Fall gar nicht mehr erhalten oder die Finanzierung kann nur zu nachteiligen Konditionen bewilligt werden. Häufigste Ablehnungsgründe eines Kreditantrags sind unzureichende Sicherheiten, gefolgt von mangelnder Eigenkapitalausstattung.41

Eine individuell diversifizierte Strukturierung der Finanzierung basiert auf einer Analyse der gegenwärtigen Finanzierungsstruktur. Im Anschluss kann, in Zusammenarbeit mit einer Bank oder einem Berater, eine maßgeschneiderte Finanzierungslösung entwickelt werden. Diese sollte neben den bilanzver- kürzenden Instrumenten wie Leasing, Sale-and-lease-back und Factoring auch Mezzanine-Kapital oder Beteiligungskapital umfassen. Ergänzend kann die Optimierung des Vorratsbestandes zu einer günstigeren Finanzierungsstruktur führen, wenn frei werdende liquide Mittel zum Ausgleich von kurzfristigem Fremdkapital genutzt werden. Durch den Einsatz von alternativen Finanzierungsinstrumenten kann außerdem die Abhängigkeit von wenigen Finanzierungsquellen reduziert werden.42 Im Vorfeld des Einsatzes einer alternativen Finanzierungsmaßnahme sollte gleichwohl eine Prüfung der Kosten, Eignung sowie der langfristigen Folgen vorgenommen werden.

Ergebnisse einer Studie von Ernst & Young belegen, dass diversifiziert finanzierte Unternehmen, im Durchschnitt ein Umsatzwachstum von etwa drei Prozent pro Jahr erreicht haben.43 Unternehmen, die ihre Finanzierung nur auf klassische Instrumente wie Bankkredite stützen, sind dagegen pro Jahr um fast ein Prozent geschrumpft.44 Ein weiteres Argument für eine diversifizierte und nicht ausschließlich auf Bankkrediten beruhende Finanzierung.

2.2.2. Bilanzstruktur des Mittelstandes

Aufgrund des hohen Stellenwerts der Finanzierungsstruktur für das Ergebnis eines Ratings, soll die durchschnittliche Bilanzstruktur von KMU näher analysiert werden. Im Folgenden wird die Zusammensetzung der Aktiv- und Passivseite der Bilanz betrachtet, um sowohl Mittelverwendung als auch die Mittelherkunft darzustellen. Die Auswertungen erfolgen auf Grundlage der „Verhältniszahlen aus Jahresabschlüssen deutscher Unternehmen von 2004 bis 2005“, die regelmäßig durch die Deutsche Bundesbank veröffentlicht werden.45 Die nach Umsatzgrößen separierte Darstellung erfolgt in Anlehnung an die KMU-Definition der EU, um Abweichungen zwischen unterschiedlichen Größen- klassen identifizieren zu können. Um branchenspezifische Besonderheiten zu identifizieren, wird neben der durchschnittlichen Finanzierungsstruktur des verarbeitenden Gewerbes auch die der Baubranche vorgestellt.46

Die Aktivseite eines durchschnittlichen Bauunternehmens (vgl. Abbildung 4) offenbart einen hohen Anteil an Vorräten und Forderungen. Der Vorratsbestand nimmt mit ansteigender Umsatzhöhe weiter zu. Je höher der Umsatz, desto höher ist das gebundene Kapital in Form von Vorräten und Lagerbeständen. Unternehmen der Größenklasse bis 50 Mio. Euro Umsatzerlöse binden annähernd die Hälfte des Kapitals in Vorräten. Außerdem fällt auf, dass der Anteil von Sachanlagen an der Bilanzsumme mit steigender Umsatzhöhe stark zurückgeht. Die Passivseite dokumentiert die unzureichende Eigenkapitalaus- stattung. In der kleinsten Umsatzklasse beträgt diese im Jahr 2005 nur 10,4 Prozent. Positiv ist die Entwicklung zwischen den Jahren 2004 und 2005 zu interpretieren. In allen Größenklassen ist ein Anstieg der Eigenkapitalquote zu verzeichnen. Der Anteil der Verbindlichkeiten ist mit Werten zwischen 72,6 und 80,6 Prozent der Bilanzsumme ausgesprochen hoch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Bilanzstruktur von KMU im Baugewerbe (alle Rechtsformen)

Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: Deutsche Bundesbank (2007), o. S.

Im Gegensatz dazu, fasst die Abbildung 5 die Ergebnisse eines durchschnit- tlichen Unternehmens des verarbeitenden Gewerbes zusammen. Im direkten Vergleich zeichnen sich Unterschiede zur Baubranche ab. Die Vorräte binden nur zwischen rund einem Fünftel und einem Viertel des Gesamtkapitals. Sachanlagevermögen, welches zur Sicherung von Krediten dienen kann, nimmt einen beträchtlicheren Part der Bilanzsumme ein. Die für Ratings bedeutende Eigenkapitalausstattung liegt im Jahr 2005 innerhalb einer Bandbreite von 20,3 und 30 Prozent. Ebenfalls zeigt sich ein positiver Trend bezüglich der ansteigenden Eigenkapitalausstattung. Der Anteil der Verbindlichkeiten an der Bilanzsumme eines Unternehmens der Größenklasse bis 50 Mio. € Umsatz beträgt rund 55 Prozent. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der Verbindlichkeiten bei Bauunternehmen mit identischem Umsatz bei rund 73 Prozent. Deutlich wird anhand dieser Beispiele, dass mittelständische Unternehmen branchen- spezifische und größenabhängige Unterschiede in der Finanzierungsstruktur aufweisen. Daher muss zu Vergleichszwecken die Branche bzw. die Größen- klasse berücksichtigt werden. Korrespondierend dazu werden in Kapitel 6 die Auswirkungen der alternativen Finanzierungsmaßnahmen an unterschiedlich großen Modellunternehmen der Baubranche und des verarbeitenden Gewerbes analysiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Bilanzstruktur von KMU im verarbeitenden Gewerbe (alle Rechtsformen)

Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: Deutsche Bundesbank (2007), o. S.

Auf Grundlage dieser Analyse wird offensichtlich, dass die Höhe der Eigenkapitalausstattung positiv mit dem Umsatz korreliert ist. Entgegenge- setztes gilt für die Entwicklung der Verbindlichkeiten. Große Unternehmen weisen eine gesündere Finanzierungsstruktur auf, als kleinere Unternehmen. Insbesondere die Kleinstunternehmen haben Schwierigkeiten eine ausreichende Eigenkapitalquote aufzubauen. Außerdem spiegelt sich das, auf Bankkredite ausgerichtete Finanzierungsverhalten, in der unausgewogenen Finanzierungsstruktur wieder. Deshalb sollte für KMU das prinzipielle Interesse an Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Finanzierungssituation bestehen. Vielfach fehlt KMU der Anreiz ihr Verhalten zu überdenken. Maßnahmen werden erst ergriffen, wenn eine beantragte Kreditfinanzierung abgelehnt wird. Ziel der Arbeit ist, die Auswirkungen von Optimierungsmaßnahmen auf das Rating von KMU zu analysieren und zu überprüfen ob günstigere Finanzierungskonditionen erzielt werden können.

2.3. Definition und Grundlagen des Ratings

Der Begriff Rating kommt ursprünglich aus dem anglo-amerikanischen Raum und ist im Zusammenhang mit dem Begriff „Credit Rating“ zu interpretieren. Der Ausdruck „Credit“ bezeichnet im Deutschen die Bonität. „Rating“ kann synonym für ein Beurteilungsverfahren sowie für das Resultat dieses Verfahrens verwendet werden.47 Allgemeingültig ausgedrückt, resultiert ein Ratingurteil aus der Bewertung von wirtschaftlichen Verhältnissen.48 Ein Credit Rating bewertet die zukünftige Zahlungsfähigkeit eines Schuldners.49 In Deutschland wurde der Begriff „Rating“ erst in Verbindung mit Basel II populär. Die Vorstellung eines Ratings umfasste bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend die Bewertung eines Emittenten von Anleihen durch die Ratingagenturen Standard & Poor’s oder Moody’s. Nur vereinzelt wurde die Bezeichnung Rating auf die Kreditvergabe bezogen. Der Ausdruck „Rating“ wird in unterschiedlichen Anwendungsbe- reichen zum Zweck der Charakterisierung von Beurteilungsobjekten, nach zuvor festgelegten Kriterien, eingesetzt. Als Ergebnis des Ratingprozesses ergibt sich eine Benotung bzw. ein Ratingurteil, welches zu einer Klassifikation des zu beurteilenden Objektes anhand einer Skala führt. Im finanzwirtschaft- lichen Bereich werden meist Bonitätsrisiken eingeschätzt. Das Ratingurteil beinhaltet eine Aussage bezüglich der wirtschaftlichen Fähigkeit, der rechtlichen Bindung und Willigkeit eines Zahlungsverpflichteten, seine fälligen Zahlungsverpflichtungen vollständig und rechtzeitig zu erfüllen.50

Diese Einschätzungen nehmen Ratingagenturen respektive Banken vor. Banken nehmen im Rahmen des internen Ratings eine Überprüfung der Bonität bei potenziellen oder bereits existierenden Kreditbeziehungen vor. Dagegen führen die Ratingagenturen den Beurteilungsprozess, auch als externes Rating bezeichnet, überwiegend nach Aufforderung eines Mandanten durch. Das Er- gebnis des Ratings wird als Symbol kombinierter Buchstaben und/oder Zahlen dargestellt und gibt die Annahme der Ratingagentur bzw. der Bank über das Bonitätsrisiko eines Finanztitels oder eines Kreditnehmers wieder. In der Litera- tur lassen sich zahlreiche spezielle Ratingbezeichnungen, je nach Ratingobjekt und der damit verbundenen Zielsetzung des Ratings, identifizieren. Die folgende Übersicht zeigt eine Synopse von Ratingobjekten, die mit dem Rating verbundene Absicht und die charakteristischen Ratingbezeichnungen.51

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Übersicht Ratingarten und Ratingobjekte.

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Wieben, H.-J. (2004), S. 6 f.

In dieser Arbeit wird speziell auf das Finanzrating, welches auch als Bilanzbonitäts-Rating bezeichnet wird, eingegangen. Vor dem Hintergrund eines Finanzratings wird die Beurteilung des Unternehmens überwiegend auf quantitative Daten des Jahresabschlusses gestützt. Das Unternehmen als solches, stellt das Ratingobjekt dar. Die Einschätzung der Fähigkeit des Schuldners seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, beruht auf der Beurteilung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. In den meisten Banken liegt dem internen Rating hauptsächlich das Finanzrating zugrunde.52 Daneben spielen in der Praxis qualitative Faktoren bei der Ermittlung der Ratingnote eine wichtige Rolle. In Abgrenzung zu einer klassischen Bilanzanalyse, die vergangenheitsorientiert aufgebaut ist, erhält man am Ende eines Ratingverfahrens eine Aussage über die zukünftige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens. Ein weiterer Unterschied zwischen Bilanzanalyse und Rating besteht in der subjektiven Auswahl und Gewichtung der einzelnen Kennzahlen im Rahmen der Bilanzanalyse.53 Innerhalb eines bestimmten Ratings sind die Gewichtung und der Kennzahlenkatalog für alle untersuchten Unternehmen gleich. Die Gewichtung und die Auswahl der quantitativen und qualitativen Ra- tingkriterien variiert jedoch von Bank zu Bank.54 Die quantitativen Fakten kön- nen in diesem Zusammenhang bis zu 70 Prozent der Ratingnote bestimmen.55 Für Banken ist in Verbindung mit § 18 Kreditwesengesetz (KWG) die Existenz von Prüfungsvermerken von Bedeutung. Bei prüfungspflichtigen Unternehmen ist dies der Bestätigungsvermerk des Wirtschaftsprüfers. Bei nicht prüfungs- pflichtigen Unternehmen kommt entweder ein Jahresabschluss mit konkret beschriebenen Prüfungshandlungen oder eine freiwillige Prüfung in Frage. Jah- resabschlüsse ohne Prüfungsvermerke genügen den Ansprüchen nicht.56

In Abgrenzung zu den bankinternen Ratings sind die Credit Ratings der bekannten Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch Ratings zu interpretieren, die i. d. R. eine Beurteilung von Fremdfinanzierungstiteln und deren Emittenten vorsehen. Diese bewerten die Fähigkeit des Emittenten zum Begleichen der, aus den Finanzierungstiteln resultierenden, Zahlungsverpflich- tungen.57 Dieses Risiko drückt sich zwischen Schuldner und Gläubiger in der Gefahr aus, dass die vom Schuldner zu erbringenden Zins- und Tilgungszahlungen nicht zum vertraglich festgelegten Zeitpunkt und/oder in reduzierter Höhe beim Gläubiger eintreffen. Emittentenratings beziehen sich damit nicht auf bestimmte Finanzierungen, sondern auf die generelle Fähigkeit eines Unternehmens seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.58

2.3.1. Die Ratingskalen von Standard & Poor’s und Moody’s

Die Ratingskalen von Standard & Poor’s und Moody’s, basieren auf 22 bzw. 21 Ratingabstufungen (Notches). Zwischenzeitlich wurde die zusätzliche Angabe eines Outlooks etabliert - dies ist eine Art Signal in welche Richtung sich das Ratingurteil in der näheren Zukunft verändern könnte.59 Jede Ratingklasse symbolisiert eine eigenständige Risikoklasse, der das entsprechend geratete Unternehmen zugeordnet ist. Die einzelnen Ratingklassen beinhalten charakteristische Informationen über die durchschnittliche Ausfallwahrschein- lichkeit, die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit für einen Wechsel der Ratingklasse sowie die Volatilität der Ausfallwahrscheinlichkeit. Bei der Interpretation ist zu beachten, dass selbst die beste Ratingklasse mit einem Ausfallrisiko verbunden ist, auch wenn dieses nur sehr gering ist. Zudem sind die Ausfallwahrscheinlichkeiten der Ratingklassen nicht konstant, konjunkturzyklische Schwankungen verändern die durchschnittlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten im Zeitablauf.60 Tabelle 5 fasst die Ratingklassen von Moody’s und Standard & Poor’s zusammen und gibt die mittlere Ausfallwahrscheinlichkeit an. Ergänzend wird ein typisches Bonitätsurteil genannt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: Ratingklassen und Ausfallwahrscheinlichkeiten nach Moody’s und S&P

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F. (2003), S. 72; Schneck, O. (2006a), S. 32; Lüdicke, O. (2003), S. 70.

Für die Einordnung von KMU ist bei Verwendung dieser Ratingskalen zu beachten, dass die Ratingskala nicht linear ist. Die Klassenbreite nimmt mit zunehmend schlechterer Klassifikation im Non-Investment-Grade-Bereich (BB+ und tiefer), im Vergleich zum Investment-Grade-Bereich (AAA bis BBB-), stark zu. Dies kann als ein Nachteil der international anerkannten Ratingskalen interpretiert werden. Diese Gegebenheit sollte bei der Interpretation der Ratingergebnisse von KMU berücksichtigt werden, da, im Gegensatz zu den erfahrungsgemäß besser gerateten Großunternehmen, viele KMU in den Ratingklassen ab BB+ und tiefer zu finden sind.61 Studien der KfW und des zeb belegen dies und zeigen die Ratingverteilung eines Mittelstandsportfolios einer Bank. Es wird deutlich, dass der durchschnittliche Mittelständler tendenziell im Ratingbereich BB+/BB angesiedelt ist. Nach Daten der KfW können lediglich 37 Prozent der KMU ein Investment-Grade-Rating vorweisen. Die kumulierte Ratingverteilung verdeutlicht, dass rund 63 Prozent der KMU in den Ratingklassen ab BB+ zu finden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Ratingverteilung des deutschen Mittelstandes

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Geisen, B./Demps, J./Schüller, R. (2003), S. 43 und 78; zeb (2002), S. 5.

2.3.2. Abgrenzung von bankinternen und externen Ratings

Banken und Ratingagenturen verwenden unterschiedliche Ansätze, um Unternehmen und deren Bonität bzw. Ausfallwahrscheinlichkeit zu beurteilen. Grundsätzliche Unterschiede bestehen in dem Objekt und der Absicht des Ratings. Daneben kommen für bankinterne Ratings hauptsächlich statistische Modelle zum Einsatz. Das Ratingprozedere der Agenturen beruht überwiegend auf Experteneinschätzungen und heuristischen Modellen. Die Banken setzen das Rating auf Basis eines maschinellen Ratingvorschlags fest. In den Rating- agenturen übernimmt diese Aufgabe das sogenannte Ratingkomitee. Der quali- tative Teil der Analyse beruht bei bankinternen sowie externen Ratings i. d. R. auf Befragungen und Beurteilungen des Managements. Die Auswahl der Ra- tingkriterien weist keine wesentlichen Differenzen auf. Allerdings weicht die An- zahl der Ratingkriterien zwischen Banken und Ratingagenturen ab. Bankinterne Ratings beziehen zwischen 20 und 60 qualitative und quantitative Kriterien mit ein. Auf Ebene der Ratingagenturen liegt die Anzahl der Beurteilungskriterien bei 100 bis 450.62 Ein weiterer Unterschied besteht in der Heterogenität der Ratingskalen. Im Gegensatz zu den weltweit einheitlichen Agenturratings, hat annähernd jedes Bankhaus seine eigene Skala etabliert. Die Vergleichbarkeit der Ratingergebnisse verschiedener Banken ist daher nicht problemlos möglich.

Einen Lösungsansatz bietet die IFD-Skala. Jede Bank gibt Auskunft darüber, welches Rating auf der IFD-Skala dem bankinternen Rating entspricht. Un- günstig ist die große Klassenbreite der Skala. Abbildung 7 enthält das Mapping wichtiger Kreditinstitute auf die IFD-Ratingskala.63 Auf dieser Grundlage kann ein Unternehmen, dem Ratings verschiedener Kreditinstitute vorliegen, nur einen (sehr) groben Vergleich vornehmen. Damit Unterschiede sichtbar werden, muss die Abweichung zwischen den Ratings, aufgrund der großen Klassenbreite, relativ hoch ausfallen. Brauchbare Vergleiche, der von verschie- denen Banken ermittelten Ausfallwahrscheinlichkeiten, sowie Veränderungen im Zeitablauf, sind ohne weitere Auskünfte daher kaum durchführbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: IFD-Skala und Masterskalen der deutschen Bankinstitute Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an IFD (Hrsg.) (2006), S. 22 f.

2.3.3. Interpretation des Ratingurteils

Investoren und Banken assoziieren mit den Ratingsymbolen durchschnittliche Ausfallraten. In den guten Ratingklassen liegen die Ausfallwahrscheinlichkeiten dicht beieinander, während es in den schlechten Ratingklassen zu großen Un- terschieden kommen kann. Für interne Ratings der Banken ist die Ausfalldefini- tion nach den Baseler Vorschriften entscheidend. Danach gilt ein Schuldner als ausgefallen, sobald eines oder beide der nachstehenden Ereignisse aufgetreten sind: Die Erfüllung der Zins- und Tilgungszahlungen ist unwahrscheinlich oder der Schuldner ist mit einer Zahlungsverpflichtung mehr als 90 Tage in Verzug.64

Gemeinsam haben alle Ratingaussagen, dass drei Komponenten des Kreditrisi- kos in einem Symbol verdichtet werden. Dazu zählen die Ausfallwahrscheinlich- keit, die Höhe des erwarteten Verlustes sowie die Ratingmigrations- wahrscheinlichkeit.65 Darüberhinaus drückt ein Ratingsymbol nicht nur einen bestimmten Richtwert für die Ausfallwahrscheinlichkeit aus. Mit einer Rating- note ist vielmehr eine Einschätzung über die Ausfallwahrscheinlichkeit für ein Jahr, für fünf Jahre usw. verbunden. Je größer das Zeitfenster, desto höher ist das kumulierte Risiko.66 Nachvollziehbarerweise interessieren einen Investor bzw. einen Fremdkapitalgeber sowohl die Ein-Jahres-Ausfallraten, als auch die kumulierten Ausfallwahrscheinlichkeiten über einen mehrjährigen Zeitraum. So kann zu einem bestimmten Zeitpunkt die Ausfallwahrscheinlichkeit über den Gesamtzeitraum einer Investition oder eines Kreditengagements ermittelt werden. Aus der Abbildung 8 können die empirischen kumulierten Ausfallwahr- scheinlichkeiten für Zeiträume von einem Jahr bis zu 10 Jahren entnommen werden. Aus der Darstellung ist ersichtlich, dass die durchschnittliche Ausfallwahrscheinlichkeit für einen Zeitraum von sieben Jahren für ein BBB geratetes Unternehmen nur 2 Prozent beträgt. Für ein B geratetes Unterneh- men steigt diese dagegen auf 9,57 Prozent an. Daher ist ein Investment-Grade- Rating insbesondere bei langfristigen Krediten besonders wichtig. Bei ge- nauerer Betrachtung fällt auf, dass die kumulierten Ausfallwahrscheinlichkeiten der Non-Investment-Grade Kategorien in den ersten Jahren stark ansteigen, ab dem sechsten Jahr jedoch nur noch geringfügig zunehmen.67 Die Ausfallwahr- scheinlichkeit der Ratingklasse B entwickelt sich z. B. in den ersten sechs Jahren von 8,38 auf 27,59 Prozent (+ 229,2 %). In den Jahren sieben bis zehn steigert sie sich dagegen „lediglich“ von 28,79 auf 31,85 Prozent (+ 11,611,6 % ).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Kumulierte Ausfallwahrscheinlichkeiten für 1 Jahr bis 10 Jahre in % (S&P) Quelle: Eigene Darstellung, Datengrundlage: Lüdicke, O. (2003), S. 71.

Zum Abschluss der Erklärung eines Ratingurteils sollen die Ratingmigrations- wahrscheinlichkeiten angesprochen werden. Diese stellen die mögliche Veränderung eines Ratingurteils in eine andere Ratingklasse dar. Daraus kann die Wahrscheinlichkeit für ein gleich bleibendes Rating bzw. ein Up- oder Downgrade hergeleitet werden. Seitens der Ratingagenturen erfolgt eine regel- mäßige Veröffentlichung von Migrationsmatrizen auf Basis von historischen Daten. Bezüglich interner Ratings sind in der Literatur keine veröffentlichten Werte zu finden. Für ein BB geratetes Unternehmen liegt die Wahrschein- lichkeit im nächsten Jahr ebenfalls BB geratet zu werden bei 83,22 Prozent. Für eine Verbesserung auf ein BBB Rating beträgt die Wahrscheinlichkeit nur 6,66 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für ein Downgrade auf B beträgt hinge- gen 7,46 Prozent (vgl. Tabelle 6). Auffällig ist, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Downgrade, bis auf die Ratingklassen BBB und B, höher ist als für ein Upgrade. Zusätzlich gilt, dass ein Rating in höheren Ratingklassen im Zeitab- lauf stabiler ist. Nachvollziehbar wird die Tatsache, dass ein bestimmtes Rating keine Sicherheit für das Folgerating darstellt. Das Rating kann sich, je nach Geschäftsverlauf, verbessern aber auch verschlechtern. Die Ratingmigrations- wahrscheinlichkeiten hängen u. a. von der Wirtschaftslage ab. Die Werte unterliegen dementsprechend einer permanenten Anpassung.68 Migrationswahrscheinlichkeiten für verschiedene Ratingklassen (auf Jahresbasis) sind in der Tabelle 6 zusammengefasst. D steht für Default (Kreditausfall).69

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Ein-Jahres-Migrationsmatrix für S&P-Ratingklassen

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Germann, S. (2004), S. 157.

2.3.4. Mathematisch-statistische Ratingmodelle als Grundlage des Ratings

Bevor in Kapitel 5 mit Moody’s KMV RiskCalc ein praxisrelevantes Rating-Tool erläutert und analysiert wird, kommt diesem Abschnitt die Aufgabe zu, einen Überblick über den Aufbau eines Ratingsystems zu liefern.

Das eigentliche Rating basiert auf mathematisch-statistischen Ratingmodellen. Je nach Kreditinstitut werden unterschiedliche Verfahren verwendet, die wiederum unterschiedliche Kennzahlen berücksichtigen. Jedoch basieren sämtliche Verfahren im Kern auf der Beurteilung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. Diese quantitativen Faktoren werden anhand der Prüfung von qualitativen Kriterien ergänzt. Ein Unternehmer muss sich mit den einschlägigsten Ratingkriterien gründlich auseinandersetzen und versuchen diese zu verbessern, um Abschläge bei der Ratingnote zu vermeiden. Wichtige Ratingkriterien fasst die nachfolgende Tabelle 7 zusammen.70

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 7: Wichtige quantitative und qualitative Ratingkriterien

Quelle: Eigene Darstellung.

Zentrale Einflussgröße für die Ermittlung der Eigenkapitalhinterlegungspflicht und die Bestimmung der Ausfallkosten ist die Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers. Hierzu fordert die Bankenaufsicht den Einsatz von statistischen Ratingmodellen.71 Ratingsysteme spielen, abgesehen von der Ermittlung von Ausfallwahrscheinlichkeiten, im Bereich des Portfolio Reportings, der Bestimmung des notwendigen Eigenkapitals und im Rahmen des Kreditpricings eine bedeutende Rolle. Außerdem ist ein Rating die Grundvoraussetzung für die Teilnahme an einem Mezzanine-Programm.

Ziel eines statistischen Ratingmodells ist das Erreichen einer ausgeprägten Konsistenz des Ratingurteils. Eine gewisse Varianz ist jedoch nicht zu vermeiden, sobald menschliche Entscheidungsspielräume auftreten. Dieses Phänomen konnte in einer Forschungsarbeit aus dem Jahr 1991 empirisch nachgewiesen werden. Die Aufgabe von 349 Kreditsachbearbeitern bestand darin verschiedene Unternehmen der richtigen Ratingklasse zuzuordnen. Zusammenfassend wurden bonitätsstarke Unternehmen vergleichsweise zutreffend klassifiziert, während die Varianz der Klassifikationsleistung mit zunehmender Ausfallwahrscheinlichkeit anstieg. In der schlechtesten Ratingklasse wurden nur 30 Prozent der Unternehmen korrekt klassifiziert, während es in den oberen Ratingklassen zumindest 60 Prozent waren.

Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse ist es nicht überraschend, dass es Banken waren, die mit der Einführung von normierten Ratingsystemen starteten. Diese Implementierungen wurden mit der Intention durchgeführt, eine bessere Nachvollziehbarkeit und Effizienzsteigerungen bei der Ratingerstellung zu erreichen.72 Letzten Endes ging es darum, subjektive Entscheidungsspiel- räume zu reduzieren und die Entscheidung der Kreditvergabe von den quantita- tiven Fakten des Unternehmens abhängig zu machen.73 Nach wie vor werden jedoch qualitative Informationen miteinbezogen, da deren Berücksichtigung zur Erhöhung der Trennschärfe eines Ratingsystems beiträgt. Anhand qualitativer Fakten lässt sich insbesondere die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens gut einschätzen. Die Problematik besteht in der Bewertung der qualitativen Informa- tionen und deren Abstufung auf einer Skala, da diese von der subjektiven Würdigung des Beobachters abhängig ist. Verzerrungen sind daher nicht vollständig zu vermeiden.74 Deshalb gilt es für KMU, neben der zeitnahen Bereitstellung des Jahresabschlusses, auch qualitative Fakten des Unternehmens nachvollziehbar und glaubwürdig darzustellen.

Zum Messen von Kreditnehmerrisiken war das, im Jahr 1968 entwickelte, Z-Score-Modell von Altman eines der ersten zuverlässigen Verfahren. Auf Grundlage einer Diskriminanzanalyse, wurden fünf Kennzahlen zur Schätzung der Ausfallwahrscheinlichkeit von amerikanischen Unternehmen herangezogen. Längere Zeit kamen ausschließlich lineare Regressionsmodelle zum Einsatz. Diese Modelle sind allerdings für die Prognose von Ausfallwahrscheinlichkeiten nur bedingt geeignet. Zum einen ist das reale Ausfallrisiko von den Modellvaria- blen nicht linear abhängig und zum anderen können Wahrscheinlichkeiten kleiner null oder größer eins auftreten. Beide Ausprägungen ergeben jedoch ökonomisch betrachtet keinen Sinn.75 Heutzutage werden Ratingmodelle basierend auf Diskriminanzanalysen, logistischen Regressionen sowie Verfahren der Künstlichen Intelligenz eingesetzt. Ein Standardverfahren hat sich nicht durchgesetzt. Eine Untersuchung von Grunert, Norden und Weber hat zumindest nachgewiesen, dass die Kombination von quantitativen und qualitativen Ratingkriterien die besten Ergebnisse liefert.76

Gemeinsam haben alle Verfahren, dass auf Basis einer großen Anzahl gesunder und kranker Unternehmen - von denen bekannt ist, ob sie insolvent geworden sind oder nicht, so genannte Frühwarnklassifikatoren entwickelt werden.77 Ziel ist es eine möglichst zutreffende Ausfallwahrscheinlichkeit für das betrachtete Unternehmen zu ermitteln. Dazu stehen zahlreiche Kennzahlen zur Verfügung, wobei die zentrale Problematik ist, ab welcher Kennzahlenaus- prägung das betrachtete Unternehmen insolvenzgefährdet ist78 und wie gut die Trennfähigkeit der betrachteten Kennzahlen ist.79 Aufgrund der unzähligen Kombinationsmöglichkeiten und Definitionsansätze der zu berücksichtigen Kennzahlen, liefern unterschiedliche Ratingsysteme nie exakt gleiche Ergebnisse.80 Für ein Unternehmen bedeutet dies, dass Ratings von verschiedenen Kreditinstituten zu (leicht) abweichenden Resultaten kommen können. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, bei einem künftigen Finanzierungsvorhaben, von mehreren Banken ein Kreditangebot anzufordern. Bereits kleine Unterschiede in der Bewertung können die Ratingnote beeinflus- sen und eine Abweichung bei den Zinskonditionen verursachen.

3. Basel II und die Notwendigkeit der Ratingoptimierung für KMU

Nachdem Basel II zu Beginn des Jahres 2008, nach mehrmaliger Verschie- bung, vollständig in Kraft getreten ist, kommt der ausreichenden Ausstattung mit Eigenkapital sowie der Diversifizierung der Finanzierungsquellen eine verstärkte Bedeutung zu. Banken müssen bei der Kreditvergabe gezwungener- maßen risikoorientiert agieren.81 Je höher die Eigenkapitalausstattung eines Unternehmens ausfällt, desto größer ist der Risikopuffer des Unternehmens. Eigenkapital schützt vor Zahlungsschwierigkeiten bzw. Insolvenz. Die Wahr- scheinlichkeit, dass Zins- oder Tilgungszahlungen nicht geleistet werden können, steigt aus der Sicht des Kreditinstituts mit sinkender Eigenkapitalaus- stattung des Kreditnehmers. Nach den geltenden Basel II-Regelungen beein- flusst die Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditnehmers unmittelbar dessen Zinskonditionen.82 Begründet ist dieser Zusammenhang durch die Verpflichtung der Bank, risikoreichere Kreditengagements mit mehr Eigenkapital zu unterle- gen. Eine weitere Komponente des Kreditzinses sind die kalkulatorischen Ausfallkosten, die ebenfalls mit steigender Ausfallwahrscheinlichkeit zunehmen.

Umso erstaunlicher ist es, dass vielen Mittelständlern die Bedeutung des Eigenkapitals nicht bewusst ist. So mangelt es vielfach an einer detaillierten Finanzplanung; drei Viertel der Unternehmer definieren keine Ziele bzw. Strategien für die Kapitalausstattung ihres Unternehmens. Ferner lässt sich ab- leiten, dass das bewusste Auseinandersetzen mit der Eigenkapitalausstattung erst mit zunehmender Größe des Unternehmens ansteigt.83 Gründe dafür kön- nen in der, mit ansteigender Unternehmensgröße, zunehmenden Aufgabentei- lung und der damit verbundenen fachlichen Spezialisierung gesehen werden.

Erst durch Basel II wurde das Rating für den Mittelstand zu einem viel disku- tierten Thema. Banken sind seit jeher Kreditwürdigkeitsprüfungen durch das Kreditwesensgesetz (KWG) vorgeschrieben. Der vergangenheitsorientierte Charakter der klassischen Kreditwürdigkeitsprüfung galt dabei als großer Nachteil. Basel II macht ein zukunftsorientiertes Rating unentbehrlich - Kreditinstitute sind gesetzlich dazu verpflichtet ihre Eigenkapitalhöhe an den Risiken der Kreditnehmer auszurichten. Diese Risiken werden entweder durch ein internes oder, ein durch die BaFin anerkanntes, externes Rating bestimmt. Die Beurteilung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens anhand quantitativer und qualitativer Kriterien steht im Mittelpunkt des Ratings.

Rating an sich ist nichts Neues, Ratingnoten spielen auf den internationalen Kapitalmärkten schon seit längerer Zeit eine wichtige Rolle und dienen als Orientierungshilfe was Risiken und Ertragschancen bei Investitionen angeht.84 Daher sollten KMU ein anstehendes Rating nicht als Bedrohung ansehen, sondern eher als Chance einen positiven Eindruck bei Kreditinstituten, Investoren, Kunden und Lieferanten zu hinterlassen. Ein Rating kann daneben als eine Art Analyseinstrument angesehen werden, da Stärken und Schwächen des Unternehmens aufgedeckt werden. Als logische Konsequenz daraus, müssen Unternehmen die identifizierten Schwächen aufgreifen und beseitigen sowie Stärken ausbauen, um eine Verbesserung des Ratingurteils zu erreichen. Die Auflösung von identifizierten Risiken bietet die Chance, die Geschäftsent- wicklung positiv zu beeinflussen und Krisensituationen zu vermeiden. Grundvor- aussetzung für die Verbesserung des eigenen Ratings, ist eine offene und transparente Kommunikation mit der Bank, die wirtschaftliche und finanzielle Verhältnisse des Unternehmens offenlegt.85

3.1. Entwicklung von Basel I zu Basel II

Auf Vorschlag des Baseler Komitees, wurde im Jahr 1992 ein Kalkulationssys- tem für das vorzuhaltende Eigenkapital zum Ausgleichen von Verlusten aus den risikoreichen Kreditgeschäften eingeführt. Infolge der Umsetzung des Entwurfes (Synonym als Basel I bezeichnet), resultierte für Bankhäuser die Vorschrift, für jeden ausgegebenen Unternehmenskredit einen pauschalen Eigenkapitalbetrag i. H. v. 8 Prozent der Kreditsumme vorzuhalten. Eine Differenzierung nach der Risikoeinstufung des Kreditnehmers erfolgte nicht. Unternehmen, die über- durchschnittlich risikobehaftet waren, wurden quasi genauso behandelt wie Unternehmen mit geringen Risiken.86 Vereinfacht ausgedrückt, wurde die Eigenkapitalunterlegung eines Kredits für einen Kreditnehmer mit einer Ausfall- wahrscheinlichkeit von 0,3 Prozent gleich behandelt, wie die eines Kreditneh- mers mit 2 Prozent Ausfallwahrscheinlichkeit. Diese undifferenzierte Eigenkapi- talunterlegung führte zu Kritik. Die Vorwürfe bezogen sich auf die unzurei- chende Abbildung von ökonomischen Risiken der Kreditinstitute. Zudem führte die pauschalierte Eigenkapitalunterlegung, die unabhängig von der Bonität des Kreditnehmers erfolgte, zu einer Quersubventionierung von Kreditnehmern mit schlechter Bonität.87 Diese berechtigte Kritik mündete, vor dem Hintergrund der ansteigenden Anzahl von Bankenkrisen, in der Empfehlung, Basel I durch eine risikoorientierte Lösung zu substituieren.88 Erst nach zahlreichen Konsultations- papieren und Änderungen ist Basel II in der endgültigen Fassung seit Beginn des Jahres 2008 wirksam. In 2007 war nur ein Teilbereich in Kraft getreten.89

3.2. Wesentliche Veränderungen durch Basel II

Basel II basiert auf drei Säulen. Im Einzelnen sind dies: „Säule I - Mindestkapitalanforderungen“, „Säule II - aufsichtliches Überprüfungsverfahren“ und „Säule III - Marktdisziplin“. Die Säulen sind im Gesamtzusammenhang zu betrachten, d. h. ein Kreditinstitut darf ein internes Ratingverfahren nur dann zur Berechnung der Eigenkapitalanforderung (Säule I) anwenden, wenn dieses von der Bankenaufsicht überprüft (Säule II) und von der Bank veröffentlicht wurde (Säule III).90 Um die risikodifferenzierte Eigenkapitalunterlegung umzusetzen, enthalten die Basel II-Vorschriften Gewichtungsfaktoren, die an der Risikohöhe des Kreditnehmers ausgerichtet sind.

Zur Ermittlung des hinterlegungspflichtigen Eigenkapitals sind zwei Ansätze vorgesehen. Der Standardansatz zieht externe Ratings von anerkannten Ratingagenturen, z. B. Standard & Poor’s oder Moody’s, zur Bestimmung des Unternehmensratings heran. Je nach Ratingeinstufung wird ein Risikogewicht zwischen 20 und 150 Prozent vergeben. Durch Multiplikation des feststehenden Solvabilitätskoeffizienten (8 %) mit dem ermittelten Risikogewicht, resultiert die Eigenkapitalunterlegungpflicht für den einzelnen Kredit. Für ein Risikogewicht von 20 Prozent (Rating: AAA bis AA-) beträgt die Eigenkapitalanforderung nur noch 1,6 Prozent.91 Ist ein Unternehmen schlechter als BB- geratet, müssen 12 Prozent der Kreditsumme als EK-Unterlegung vorgehalten werden. Zur Kalkulation der Eigenkapitalunterlegung in Euro, muss die prozentuale Eigenkapitalanforderung mit dem Kreditbetrag multipliziert werden. Im Standardansatz wird die Eigenkapitalunterlegung nach Formel 1 berechnet.92 Ein Beispiel verdeutlicht die Auswirkungen. Vergibt ein Kreditinstitut einen Kredit i. H. v. 5 Mio. € an ein AAA geratetes Unternehmen, sind dafür 80.000 € Eigenkapital als Risikopuffer einzuplanen. Hätte das Rating eine Einstufung von B+ ergeben, müssten dagegen 600.000 € Eigenkapital bereitgestellt werden. Nach Basel I hätte das Kreditinstitut für beide Kredite 400.000 € Eigenkapital vorhalten müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formel 1: Berechnung der Eigenkapitalunterlegung im Standardansatz

Der zweite Ansatz wird als interner Ratingansatz (IRB-Ansatz) bezeichnet, der wiederum in einen Basisansatz sowie einen fortgeschrittenen Ansatz aufzutei- len ist. Beide Ansätze enthalten die Risikokomponenten Ausfallwahrscheinlich- keit des Kreditnehmers (PD - Probability of Default), den erwarteten prozentu- alen Verlust bei Ausfall (LGD - Loss Given Default), die Restlaufzeit des Kredites (M - Maturity) und die antizipierte Höhe der ausstehenden Forde- rungen gegenüber des Unternehmens (EAD - Exposure at Default). Im Basis- ansatz wird das Risikogewicht einer Forderung mittels eines internen Ratings bestimmt. Die Bank berechnet nur die Ausfallwahrscheinlichkeit des Kreditneh- mers selbst. Die übrigen Variablen werden vom Baseler Ausschuss für Banken- aufsicht vorgegeben. Der LGD beträgt für vorrangige Darlehen 45 Prozent und für nachrangige Darlehen 75 Prozent. Die Restlaufzeit wird konstant mit 2,5 Jahren angesetzt. Der EAD errechnet sich durch Subtraktion der Einlagen des Kreditnehmers vom ausstehenden Kreditbetrag. Bei Anwendung des fortgeschrittenen Ansatzes, sind alle Risikokomponenten selbst zu berechnen.93 Die EK-Anforderung berechnet sich für beide IRB-Ansätze nach Formel 2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formel 2: EK-Anforderung in den IRB-Ansätzen

Die Kalkulation des Risikogewichts (RW) erfolgt durch eine mathematische Funktion, die u. a. die Variablen PD, LGD und M berücksichtigt.94

Die Unterschiede bezüglich der Eigenkapitalhinterlegungspflicht sind in Tabelle 8 gegenübergestellt. Deutlich wird die nach Basel I konstante 8 prozen- tige Hinterlegungspflicht. Zudem wird der Unterschied zwischen Standardan- satz und IRB-Basisansatz nachvollziehbar. Ist das Rating besser bzw. gleich BB, sind die EK-Anforderungen im IRB-Basisansatz geringer. Für Kredite, die an Unternehmen ausgegeben werden, die schlechter als BB geratet sind, resul- tieren höhere EK-Anforderungen. Daher haben insbesondere Unternehmen, die schlechter als BB geratet sind, mit ungünstigen Kreditkonditionen zu rechnen. Bezüglich der Ratingklasse B+ ergibt sich die Besonderheit, dass die EK- Anforderung gemäß dem IRB-Basisansatz unter der des Standardansatzes liegt. Diese Verschiebung ist auf den Anstieg des Risikogewichts zwischen den Klassen BB- und B+, von 100 auf 150 Prozent zurückzuführen, was einer Zu- nahme der Eigenkapitalunterlegung von 8 auf 12 Prozent entspricht. Aufgrund der erheblichen Kosten verfügen nur wenige KMU über ein externes Rating, so dass der Standardansatz in der Praxis keine große Rolle spielt. Selbst bei einem vorhandenen externen Rating wird die Bank im Regelfall ein internes Rating erstellen.

[...]


1 Vgl. Reuters (2007), o. S.; Drost, F. M. (2008), S. 1.

2 Vgl. Niggemann, K. A./Simmert, D. B. (2006), S. 31.

3 Vgl. Potthoff, C. (2007), S. 1.

4 Vgl. Niggemann, K. A./Simmert, D. B. (2006), S. 31.

5 Vgl. Schneck, O. (2006a), S. 25; Niggemann, K. A./Simmert, D. B. (2006), S. 31.

6 Vgl. Everling, O./Niggemann, K. A./Simmert, D. B. (2007), S. 66.

7 Vgl. Lichtblau, K./Utzig, S. (2002), S. 5 ff.; Heim, Gerhard (2006), S. 17 ff.

8 Vgl. KfW (2007), S. 1 (Als Beispiel wurde der Unternehmerkredit 10/2/10 gewählt).

9 Vgl. Kabuth, A. (2003), S. 3 f.

10 Vgl. Kinne, K. (2004), S. 271.

11 Vgl. Wambach, M./Kirchmer, T./Wunderlich, D. (2004), S. 171.

12 Vgl. Behringer, S. (2004), S. 6 f.; Hauser, C. (2006), S. 7 ff.

13 Vgl. Krüger, W. et al. (2006), S. 38.

14 Vgl. Behringer, S. (2004), S. 7.

15 Vgl. Tegel, T. (2005), S. 5 ff.

16 Vgl. Hauser, C. (2006), S. 14.

17 Vgl. BMJ (2007), S. 2.

18 Die Mitarbeiteranzahl bezieht sich auf den Jahresdurchschnitt.

19 Vgl. IfM Bonn (2007a), o. S.

20 Vgl. Europäische Gemeinschaften (2006), S. 12 ff.

21 Vgl. Krüger, W. et al. (2006), S. 38.

22 Vgl. Europäische Gemeinschaften (2006), S. 5.

23 Vgl. Schneck, O. (2006a), S. 15; IfM Bonn (2007b), o. S.

24 Vgl. Pufahl, M. A./Laux, D. D./Gruhler, J. M. (2006), S. 13 f.

25 Vgl. Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F.-R. (2003), S. 1 f.; Altmann, G. (2003), S. 10 ff.; Behringer,

S. (2004), S. 10 f.

26 Vgl. Kraut, Nicole (2002), S. 6 ff.

27 Vgl. Reich, H. W. (2007), S. 14.

28 Vgl. Geisen, B./Demps, J./Schüller, R. (2003), S. 16.

29 Vgl. Prümer, M. (2003), S. 120; Kopietz, H. (2003), S. 230; Everling, O./Schneck, O. (2004), S. 33.

30 Vgl. Werner, H. S./Kobabe, R. (2005), S. 11 f.

31 Vgl. DSGV (Hrsg.) (2008a), S. 35.

32 Vgl. Creditreform (2007a), S. 22 ff.

33 Vgl. Gude, H. (2007), S. 36 ff.; Vgl. Creditreform (2007a), S. 22.

34 Der Median verzerrt die Eigenkapitalquote nicht so stark wie die Durchschnittswertbildung. Jeweils 50 % der Unternehmen liegen unter bzw. über der angegebenen Eigenkapitalquote.

35 Vgl. Pottgießer, G. (2006), S. 79; Pufahl, M. A./Laux, D. D./Gruhler, J. M. (2006), S. 14.

36 Vgl. DSGV (Hrsg.) (2008a), S. 39.

37 Vgl. Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F.-R. (2003), S. 2 f.; Ahnert, S. (2007), S. 201.

38 Vgl. Speyer, B./Böttcher, B. (2004), S. 901 ff.; Müller, S. et al. (2006), S. 187 ff.

39 Vgl. KfW (Hrsg.) (2005), S. 43; KfW (2006) (Hrsg.), S. 69.

40 Vgl. KfW (Hrsg.) (2006), S. 69; Fischer, T. R. (2007), S. 456 f.

41 Vgl. KfW (Hrsg.) (2006), S. 46 f.

42 Vgl. Reich, H. W. (2007), S. 14 ff.; Schielke, J. E. (2007), S. 76 ff.

43 Untersuchungszeitraum von Ende 2001 bis Ende 2004.

44 Vgl. Ernst & Young (2005), S. 25.

45 Vgl. Deutsche Bundesbank (2007), o. S.

46 Bei der Interpretation des relativen Anteils der einzelnen Bilanzpositionen ist zu beachten, dass diese rundungsbedingt nicht exakt 100 Prozent ergeben. Trotzdem kann ein erster Eindruck über größen- und branchenabhängige Bilanzstrukturen vermittelt werden.

47 Vgl. Nau, H.-R. (2005), S. 128.

48 Vgl. Nitzsche, H./Fischer, F. (2004), S. 7.

49 Vgl. Christians, U./Schadrack, M. (2002), S. 1207.

50 Vgl. Kletzing, S./Schulze, H. (2005), S. 166.

51 Vgl. Wieben, H.-J. (2004), S. 6 ff.

52 Vgl. Schneck, O. (2006b), S. 35; Everling, O. (2007), S. 7 f.

53 Vgl. Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F.-R. (2003), S. 15 f.; Baetge, J./Keitz, I./Wünsche, B. (2007), S. 480. "

54 Vgl. Speyer, B./Böttcher, B. (2004), S. 895 f.

55 Vgl. Kopmann, M. (2004), S. 557; Wambach, M./Kirchmer, T./Wunderlich, D. (2004), S. 171.

56 Vgl. Wambach, M. (2003), S. 20 f.

57 Vgl. Baetge, J./Keitz, I./Wünsche, B. (2007), S. 478.

58 Vgl. Wieben, H.-J. (2004), S. 6 ff.

59 Vgl. Kley, C. R. (2003), S. 17.

60 Vgl. Daldrup, A. (2007), S. 19 f.

61 Vgl. Kley, C. R. (2003), S. 17; Stäglich, J./Teller, S. (2006), S. 126.

62 Vgl. Reichling, P./Bietke, D./Henne, A. (2007), S. 94 f.

63 Vgl. Hartmann, W./Schwarzhaupt, O. (2007), S. 41 f.

64 Vgl. Everling, O. (2002), S. 88 f.; Schulte-Mattler, H./Manns, T. (2005), S. 535.

65 Vgl. Kley, C. R. (2003), S. 16 f.

66 Vgl. Everling, O. (2002), S. 88 f.

67 Vgl. Lüdicke, O. (2003), S. 71 f.

68 Vgl. Germann, S. (2004), S. 156 f.

69 Die Tabelle ist zeilenweise zu lesen.

70 Vgl. Baetge, J./Kirsch, H.-J./Thiele, S. (2004), S. 17; Behr, P./Fischer, J. (2005), S. 51 f.

71 Vgl. Reichling, P./Bietke, D./Henne, A. (2007), S. 97.

72 Vgl. Kley, C. R. (2003), S. 135 f.

73 Vgl. Lutz, D. (2004), S. 195.

74 Vgl. Hromadka, J./Döhring, J. (2007), S. 254 f.

75 Vgl. Behr, P./Fischer, J. (2005), S. 116 f.

76 Vgl. Oelerich, A. (2005), S. 90 ff.

77 Vgl. Baetge, J./Stellbrink, J. (2005), S. 214.

78 Vgl. Muche, T. (2007), S. 377.

79 Vgl. Meier, C. (2006), S. 537 ff.

80 Vgl. Fischer, J./Holzkämper, H. (2004), S. 927.

81 Vgl. Creditreform (2007a), S. 20 ff.

82 Vgl. Krall, M. (2005), S. 328.

83 Vgl. Schneck, O. (2006a), S. 22; Reichling, P./Bietke, D./Henne, A. (2007), S. 40 f.

84 Vgl. Braun, P. (2002) (Hrsg.), Kap. 5.2, S. 3 ff.; Schneck, O. (2006a), S. 25.

85 Vgl. Overesch, H. (2003), S. 46 ff.; Banholzer, P./Müller, W. (2004), S. 52 ff.; Speyer, B./Böttcher, B. (2004), S. 896.

86 Vgl. Niebuhr, F./Reck, R./Neumann, E. (2002), S. 990; Behr, P./Güttler, A. (2004), S. 20 ff.

87 Vgl. Brezski, E./Clausen, C. P./Korth, H.-M. (2004), S. 30 f.

88 Vgl. Brezski, E./Clausen, C. P./Korth, H.-M. (2004), S. 31; Schumacher, M. (2006), S. 10.

89 Vgl. Behr, P./Güttler, A. (2004), S. 20 ff.; Müller, C. (2007), S. 275.

90 Vgl. Schumacher, M. (2006), S. 11.

91 (20 % x 8 % = 1,6 %).

92 Vgl. Harbrecht, W./Kick T. (2006), S. 221 f.; Müller, S. et al. (2006), S. 4 f.

93 Vgl. Hundt, I./Neitz, B./Grabau, F. R. (2003), S. 11 f.; Behr, P./Güttler, A. (2004), S. 25 f.; Behr, P./Fischer, J. (2005), S. 44 ff.

94 An dieser Stelle soll nicht auf die Berechnung eingegangen werden. Für die Berechnung wird z. B. auf Cluse, M./Göttgens, M. (2007), S. 82 ff. verwiesen.

Ende der Leseprobe aus 151 Seiten

Details

Titel
Überprüfung der Optimierung der Bilanz- und Finanzierungsstruktur von KMU durch das Ratingurteil damit verbundene Kosten
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Finanz- und Bankwirtschaft
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
151
Katalognummer
V145810
ISBN (eBook)
9783640563869
Dateigröße
5060 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rating, Ratingoptimierung, Financial-Modelling, KMV RiskCalc, Moodys, Moody's KMV RiskCalc, Finanzierungstruktur, Reduzierung Finanzierungskosten, Mezzanine, Factoring, Leasing, Beteiligungskapital, Private Equity, Sale-and-Lease-Back, SLB, Ratingnotch, Bilanzstruktur, Finanzierungsstruktur
Arbeit zitieren
Manfred Waldrich (Autor), 2008, Überprüfung der Optimierung der Bilanz- und Finanzierungsstruktur von KMU durch das Ratingurteil damit verbundene Kosten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145810

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