Authentizität - Qualität und Prozeß einer Bewußtseins- und Persönlichkeitsentwicklung aus Sicht eines transpersonal orientierten Erfahrungsraumes


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003
71 Seiten

Leseprobe

Inhalt

- Einleitende Worte

- Authentizität aus einer transpersonalen Sicht

- Wer heilt?

- Die Gruppe

- Glossar

- Personenregister

- Literaturliste

- Sophia seine leibliche Mutter und Sophia, die Mutter (Erlebnisse einer spirituellen Krise).

- Eine kurze Bildergeschichte zur Darstellung meiner persönlichen Entwicklung im Rahmen meiner Ausbildung zur Holotropen Therapie.

Authentizität

Qualität und Prozeß einer Bewußtseins- und Persönlichkeitsentwicklung aus Sicht eines transpersonal orientierten Erfahrungsraumes.

Einleitende Worte

Als Student der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie*[1] wie sie für mich im Rahmen holonomischer Integration* zur Entfaltung gekommen sind, ist mir die Aufgabe gestellt worden, über mich und meine Entwicklung der Gemeinschaft zu berichten. Hieße das nicht, in mich hineinzuhören, frei von Erwartungen und bereits vorgefertigten Ansichten und Spekulationen, frei für eine Antwort, die sich mit Hilfe des reflexiven Modus meines Bewußtseins in eine sprachliche Form übertragen ließe, die sich schließlich in einem Bericht kondensieren würde?

Ist es nicht interessant, daß dieser Begriff sich in seinem Wesen schillernd zeigt? Ein Bericht kann die Form einer Berichtigung annehmen. Ihm kann aber auch inhärent die Tendenz zugrunde liegen, zu richten, Gericht zu halten, zu bewerten, zu vergleichen und zu urteilen. Eo ipso wird dieses Bewußtsein sich von dem getrennt erleben, was es versucht zu verstehen, denn es braucht die Distanz, um zu begreifen. Wird das Bewußtsein sein eigener Gegenstand, sind die Folgen unübersehbar. Mit der Trennung trübt sich das Bewußtsein. Es entvitalisiert sich und erfährt Dunkelheit.

Ein Bericht kann aber auch in der Tendenz Richtung zu geben zur Blüte seines konstruktiv-schöpferischen Potentials kommen, indem es sich darin wirklicht, dem seelischen Geschehen Form und Ordnung zu verleihen. D.h. die archaisch-magischen Elemente verlieren ihren statisch bannenden und gebannten Charakter. Sie geraten in Bewegung. Die mythisch kreisende Welterfahrung und all ihre Elemente wiederum erhalten Richtung in eine linearisierte Zeit und Raum hinein[2], ein Raum, ohne den eine „Person,“ „ein mentales Ich“ und die anderen nicht zur Existenz finden würden.

Auf diesem Hintergrund, der sich dem Bewußtsein zu entfalten begonnen hatte, tauchte eine Frage auf, die sich an mich zu richten schien, nämlich die Frage nach meiner Beteiligung an diesem Spiel des Bewußtseins und der Einsicht in dieses Spiel.

Inmitten dieser reflexiven Welt eines fühlenden Wesens konnte ich meiner Gewohnheit nachgehen, zu glauben, daß Ich es bin, der diese Gedanken hervorbringt, der diese Einsichten schafft und schließlich sich unbewußt so verhält, als drehe sich die Welt um ihn selbst. Wie immer auch, in diesem Modus des Erfahrens endet das Ich als Erkenntnisobjekt. Glücklicherweise aber tauchte eine andere Variante der Beteiligung an diesem Spiel des Bewußtseins auf. Sie wies auf ein ontologisches[3] Arrangement hin, ein Arrangement, das sich darin zu wirklichen begann, daß die persona* sich demütig als Sprachrohr dem Prozeß der Selbstbewegung und Selbstentfaltung zu beugen begann. Nun aber ist die persona ebenso gut auch Teil dieser Selbstentfaltung, deshalb verlangt dieses Geschehen nach einer Sprache, die Beziehung und Ordnung dieser Erlebnisprozesse zum Ausdruck zu bringen vermag. Eine Sprache, wie ich hoffte, die sich bilden würde, während ich den Erlebnisprozessen meine ganze Aufmerksamkeit entgegen brachte. Schließlich bündelten sich diese Erlebnisse zu einem alles durchdringenden Thema: Authentizität.

Authentizität - hervorgekommen als die verdichtete Form meiner berichterstattenden Anfänge, die noch vor der schriftlichen Fixierung lagen. Dem Inhalte nach drängte sie sich der Reflexion auf, während ich sie in ihrem Wirken in meinem Erleben wiederzufinden begann, etwas, was mich seither nicht mehr verlassen hat. Es ist als würde dem lebendigen Prozeß der Selbstentfaltung mit der richtigen reflexiven Einstellung, nämlich diesem Selbstentfaltungsprozeß zu dienen, Flügel wachsen. Manchmal versenkt sich die erzeugende Realität mit Hilfe reflexiver Gewohnheiten in ihre eigenen Schöpfungen, indem die Aufmerksamkeit der inhaltlichen Seite des Geschehens folgt. Manchmal ruht sie aufgehoben im Prozeß, aus dem die Inhalte ihre Form beziehen.

Interessant erscheinen mir die Übergänge, dort, wo ein Prozeß zu einem Erkenntnisinhalt wird und dann wieder mache ich die Erfahrung, daß eine Reflexion, ein gedachte Form, ist sie angemessen, den Prozeß der Entfaltung in Gang zu setzen vermag. Topologisch erscheint dieser Vorgang wie eine ontologische Achse, von der unterschiedliche logoi sich den Weg ins Leben bahnen und in die das Sein umzuschlagen vermag. Agens und Antrieb war nichts anderes als die Authentizität selbst, wie ich die Dinge verstehe. Übrigens vollziehen sich Übergänge wohl immer dann, wenn Prozeß und Reflexion in Übereinstimmung geraten. Das ist das Geheimnis, das mich bewegt.

Eine weitere Vorbemerkung scheint mir angebracht zu sein. Es geht um meine Unsicherheit, die ich wahrnehme und die mit meinem akademischen Werdegang und meiner Vergangenheit bzgl. der humanistischen Psychologie korrespondiert. Kampfeslustig möchte ich das ganze mal so ausdrücken: Wissenschaftliche Sprache im Rahmen des cartesisch - newtonischen Universums* ist der Versuch, Erkenntnisobjekte entweder auf Funktionalität oder Gebrauchswert zu reduzieren, bzw. ihnen eine Form zu verleihen, die von persönlichen, aber auch von subjektiven Belangen gereinigt ist und somit jede echte Subjektivität ausschließt. Im Sinne einer humanistischen Psychologie wie sie von Fritz Perls und seiner Gestalttherapie stark beeinflußt worden ist, ist ja praktisch jede theoretische Bemühung ohne subjektive Beteiligung mind-fucking, was selbst wieder zu einem sprachlichen Verhalten geführt hat, das sich erklärtermaßen dem Konkreten[4] zu verschreiben begann. Banalisierende Auswüchse waren die Folge.

Mich diesen Erkenntnissen und Einsichten authentisch zu nähern, gelang mir erst, als ich Alfred North Whitehead´ Verständnis von der falschen Konkretheit[5] für mich zu realisieren begann. Ich bin noch immer geneigt mich zu rechtfertigen für mein sprachliches Verhalten, dem ein Bestreben zugrunde liegt, nicht in die falsche Konkretheit abzusinken, genauso gut aber auch die falsche Abstraktheit zu meiden. Ich möchte hier ein Beispiel anführen, aus dem heraus die ganze Angelegenheit an Klarheit gewinnen wird.

Sprechen wir von der Göttin Kali, die ja selbst in akademischen Kreisen der europäischen Welt nicht mehr unbekannt ist. Diese Bezeichnung nun ist nicht gänzlich willkürlich, sie leitet sich von dem Sanskritwort Kala, die Zeit ab. Auf Abbildungen sehen wir, daß diese Göttin Totenköpfe um ihren Hals trägt. Sie bilden eine zusammenhängende Kette und sind als solche in Entsprechung zum Sanskrit-Alphabet mit seinen Buchstaben zu verstehen. Kali gilt als die Göttin der Zerstörung. Aber was zerstört sie? Sie zerstört die geistige Grundlage für die Welt, aus der heraus die Welt ihre Schöpfung erfahren hat – Zeit und Raum. Es ist die sprachliche Grundlage[6], deren kleinste Bausteine nachweislich aus Buchstaben bestehen. Der Tod dieser Existenzweise ist die Geburt in eine größere, umfassendere und durchdringende Erlebnisform, die letztendlich alle Begrenzungen übersteigt, die durch Buchstaben, Wörter, Sätze und eben Sprache allererst in die Existenz zu rücken vermag. Stanislav Grof’s Forschung zur Folge taucht diese Göttin[7] am Ende des Tod- und Wiedergeburtsprozesses auf. Im Rahmen seines Bewußtseinsmodell tritt sie am Ende der 3. perinatalen Matrix[8] * in die Erlebniswirklichkeit des Adepten ein, indem sie als personifizierte und göttliche Kraft, die, kommt der Adept mit ihr in Berührung, ihm hilft, die Absolutheit von Raum und Zeit zu transzendieren, um in etwas größeres hinein aufzuwachen.

In der falschen Abstraktheit[9] verkommt die Göttin zu einem rein mental, akademischen Untersuchungsgegenstand, der den akademischen Mythologen reizen mag – mehr aber nicht, wo hingegen die falsche Konkretheit die Göttin nur akzeptiert, wenn sie als phantasiegebundene Ge- stalt auf ein unerledigtes Geschäft im biographischen Rahmen hinweist, das bearbeitet werden muß[10]. Damit ist sie Teil der Persönlichkeit, ja in Wahrheit ihr Produkt. Diese Schöpfung ist durch reflexive Ableitungen wirklich geworden. Ohne Frage ist ein humanistischer Therapeut auf die biographische Ebene der Existenz beschränkt, will er den Boden nicht unter seinen Füßen verlieren. Er muß also bestrebt sein, diese zerstörerische Kraft in Zügel zu legen, so daß sie nicht über die persönliche Ebene hinausgelangt. Und das, obwohl doch Sir John Woodroffe in The Garland of letters deutlich zu machen wußte, daß Kali keineswegs einfach nur zerstörerisch in ihrem Wesen ist - wie z.B. die Bush-Administration! Kali zerstört genau diese vom Ego und seinem reflexiven Bewußtsein hervorgebrachte Welt, mit eben diesen Persönlichkeitsstrukturen, mit Hilfe derer sich ein Ich das Gefühl gibt wirklich zu sein. Die Absolutheit dieser Ansicht verschwindet. Kali ist also eine Göttin, deren Erscheinen im Tod- und Wiedergeburtsprozeß nicht unüblich ist. Natürlich mag ich einräumen, daß wir es hier durchaus mit einem unerledigten Geschäft zu tun haben. Wie sagte Don Juan in Carlos Castanedas Büchern so schön: Für einen Schüler des Schamanismus ist das Leben nur der kleine Umweg, den er geht. So gesehen also ist der Tod- und Wiedergeburtsprozeß sicherlich das herausragendste unerledigte Geschäft, dem man sich widmen kann.

Bewußtseinsprozesse sind von ihrer Natur aus abstrakter als dies einem auf die Biographie beschränkten humanistischen Psychologen lieb sein dürfte. Sie sind nicht verschieden vom Erlebnisprozeß selbst und deshalb von ganz anderer Art als die falsche Abstraktheit der Akademiker, die sich darin genügt, mental verstrickt zu bleiben. Das wirklich Abstrakte ist rein von diesen Tendenzen und weiß sich relativ.

Das sollte genügen, um meine existentiellen Ausschweifungen dem Leser zu überlassen.

Authentizität aus einer transpersonalen Sicht

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Ausübung der Holotropen Therapie*, wie sie von Stanislav und Christina Grof entwickelt und mir von Brigitte Ashauer und Dr. Ingo Jahrsetz vermittelt wurde, ist mir die Aufgabe gestellt worden, meine Entwicklung in dieser Ausbildungszeit zu reflektieren und in einem Bericht zur Darstellung zu bringen. Eine andere Aufgabe umfaßt die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit einem relevanten Thema im Rahmen transpersonaler Psychologie, * um dieses referierend mit der Gemeinschaft zu teilen.

Als ich mich neulich diesen Aufgaben zuwandte, entfaltete sich in mir eine Einsicht, aus der heraus ich die Entdeckung machte, daß sich diese beiden Aufgaben für mich in einer einzigen Arbeit vollenden lassen würden. Meine Entwicklung vor Augen verdichteten alle Bezüge sich zu dem Thema Authentizität. Ich sagte mir, wenn etwas (ich) mit etwas (mir) übereinstimme, dann müsse sich dies in einer Resonanz ausdrücken, die zu einer Anteilnahme führen müsse, die um ein Wissen bereichert, das diesen ganzen Vorgang umfaßt. Ich empfinde mich ebenso in Resonanz mit der vorgegebenen Aufgabe, über mich und meine Ausbildungszeit zu reflektieren. Hier wird die Betonung ins Subjektivierende gesucht, dort aber, wo sie zum Thema gemacht wird, wird eine objektivierende Haltung eingenommen.

Wenn ich mich hier frage, ob ich etwas Persönliches mit in den Prozeß von Reflexion und Kontemplation hineinnehmen möchte, muß ich dies aufrichtig bejahen. Ich wünsche mir, daß aus der Transparenz und Durchdringung von Wesen und Person, eine Einsicht entsteht, in der authentisch sein nicht nur als eine reflexive Tatsache erscheint, sondern auf

den in der Reflexion sich befindlichen Geist[11] übergeht. Ich finde es interessant, in den letzten Wochen bemerkte ich ein aufkeimendes Interesse an Avaloketishvara*, dem Buddha des Mitgefühls.

Hier in diesem Zusammenhang verändert dies alles. Dieses Interesse weckt den tiefen Wunsch in mir, die Wahrheit zu sagen.

„... Authentisch sein nicht nur als eine reflexive Tatsache, sondern auf den in der Reflexion sich befindlichen Geist übergehend“, sagte ich. Ich spüre ein sprachliches Verlangen, das schöpferische Tun des Bewußtseins in dieser Angelegenheit stärker hervorzuheben, ja es ist mir, als suchte die schöpferische Kraft nach einem angemessenen Ausdruck von und für sich selbst, anstatt passiv erscheinen zu müssen, entstellt als entseelte Tatsache seiner selbst. Lasse ich meine Aufmerksamkeit auf meine geistigen Prozesse ruhen, bemerke ich eine erhöhte Lebendigkeit, manchmal strömend, immer sehr subjektiv, ein einfaches Erleben, aus dem heraus Bilder, Gefühle und eben auch Reflexionen sich gebären. In der Reflexion und durch die Reflexion entsteht die Welt und mit ihr ein Bewußtsein reflexiver Art. Wird ein Verstand geboren, entsteht auch die Welt, die sich ihm gegenüberstellt - so wirken sie zusammen aus der Distanz. Wie die Existentialisten gewußt und beschrieben haben, Welt und Ich entstehen gemeinsam, aber sie vergehen auch wieder gemeinsam, eine Tatsache, die vor allem im Buddhismus immer wieder betont wird. Aus dem Erleben tauchen sie gemeinsam auf, philosophisch gesehen, gehören sie derselben Klasse oder geistigen Ordnung an.

Während ich mich subjektiv wahrnehme, fühle ich, wie die Welt um mich herum, aber auch die innerliche Welt in Wahrheit eher ein Kontinuum bilden als getrennte Zonen. Mir ist als würde dieses subjektive Erlebnisfeld mit seinen Informationen (imprints) das Material bilden, aus dem das schöpferische Bewußtsein sich in die Welt der Objektivität über-setzt. Es gehört zu meiner persönlichen Entwicklung - so verstehe ich mich -, daß ich im Laufe der letzten Monate mehr und mehr dabei bin zu entdecken, wie ich „die Welt schöpferisch entstehen lasse“ oder besser gesagt, „wie sie sich aus meinem Geiste erzeugt“. Das ist keineswegs schmeichelhaft. Ständig fühle ich mich genötigt, meine Grundansichten zu korrigieren: Anstatt mich wie ein Opfer zu fühlen, das sieht, wie es ihm zustößt, bin ich schließlich gezwungen, aus der Einsicht genötigt zu sehen, wie ich es mache, bzw. die Welt aus dem Geiste heraus sich entfaltet.

Ich bin der Ansicht, daß diese geistige Umkehr – etwas nach wie vor instabiles, von psychologischer Relevanz sich erweist. Ich spüre ein tiefes Bedürfnis zurückzutreten, nicht weil dies gerade chic! wäre, sondern weil in diesem Zurücktreten ein Gefühl zum Vorschein kommt, nun es ist, als suchte etwas Großes sich selbst. Mehr abstrakt und auf mich persönlich bezogen, verdichtet sich dieses Geschehen in einem Prozeß des Authentischwerdens selbst, wahrgenommen aus einem empfindenden Körper. Ich habe gar keine Wahl oder besser gesagt, verspüre ich keine stärkere Kraft als die Sehnsucht danach mich authentisch zu fühlen.

In einem universitären Betriebe hieße es jetzt die Bücher zu wälzen, um herauszufinden, was andere zu diesem Thema bereits gesagt haben. Wieder andere Menschen aber, ich denke z.B. an Krishnamurti, haben soviel Vertrauen in ihren eigenen Geist gelegt und ein unschuldiges Verlangen in ihrem Herzen vorgefunden, wodurch sich in ihnen ein Prinzip zu entfalten begann, das von Gottfried Wilhelm Leibnitz vor einigen hundert Jahren in seiner Monadenlehre beschrieben worden ist, eine Atomtheorie jenseits der Physik, als Beitrag zur abendländischen Philosophie. Das ganze läuft darauf hinaus: „Verstehst du deinen Geist, verstehst du jeden Geist. Verstehst du deinen Geist, verstehst du den Geist.“ Und was ist dieser Geist? Nun zunächst möchte ich ihn darauf beschränken, daß ich sage: Es gibt nichts, was nicht Geist ist![12]

Anstatt also unentwegt von Außen aufzulesen, was andere einmal ausgesät haben, verlangt dieses Vorgehen ein gutes Gehör, dessen Fähigkeit sich darin zum Ausdruck bringt, den geistigen Prozessen zu lauschen, wie sich aus ihnen unentwegt die Welt entwirft und hervorzaubert. Wer also bin ich? Schöpfer oder Empfangender? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob diese Frage überhaupt von Bedeutung ist. Und doch ist da etwas, es ist, als wollte etwas authentisch werden, als wollte etwas wach werden für das, was ist.

Nicht so als befände ich mich in einer holotropen[13] Atemsitzung und doch ereignen sich hier Prozesse im Geiste, die sich in nichts von denen unterscheiden, die ich aus eben jenen Sitzungen kenne. Schaue ich gerade jetzt auf mein geistiges Verhalten - nicht auf die augenblicklichen Anschauungen und Theorien - erkenne ich deutlich die Spuren der letzten 20 Jahre, in denen ich mich geistig darin geübt habe, was Stanislav Grof für the holotropic breathwork* so formuliert: „Analysiere Dich nicht und hafte nicht an begrifflichen Inhalten.“

Aber hafte ich nicht unentwegt, auf der Suche nach Sinn und der Sucht nach Verstehen? Zur holonomischen Integration,* bedarf es also der Einsicht in die geistigen Prozesse, um aus ihnen ein richtiges Verhalten abzuleiten. Die Richtigkeit erweist sich darin, daß dieses Verhalten den holonomischen Prozeß der Selbstbewegung unterstützt, anstatt ihn zu blockieren. Die Kategorien von Richtigkeit und Angemessenheit lassen sich nicht über ihre inhaltliche Seite ermessen, sondern erweisen sich darin, daß die geistigen Prozesse ungehindert die Selbstbewegung unterstützen, anstatt diese kontrollieren zu wollen. Sie werden also kontextuell gebunden. Das Bedürfnis zu verstehen hingegen, führt zum Haften an geistigen Inhalten, während im Hintergrund das Weltei auseinander- bricht. Inmitten dieser Geschehnisse bedarf es eines organisierenden Kontextes, der durch alle Stürme hindurch nicht in Vergessenheit gerät, eine geistige Haltung, die ein angemessenes und richtiges Verstehen dieser Situation voraussetzt. Anstatt sich also in die Freuden und die Schrecken der gegenständlichen Welt zu stürzen - Samsara, eine Welt, die dem verstehen wollenden Ich vorgestellt erscheint, folgt die Aufmerksamkeit dem Atem bis beide nicht mehr zu unterscheiden sind. Diese einfache Übung führt zu einer größeren Intensität der Körperwahrnehmung. Ich empfinde Stille, ich bin konzentriert und nehme wahr, wie das Leben sich in mir entfaltet. Ich empfinde mich authentisch. Die erste Übersetzung dieses Erlebens oder Bewußtwerdens in die Reflexion nenne ich Leitgedanken.

Dieses methodische Vorgehen ist nicht meine Erfindung, eher kommt es mir so vor, als wollte diese Möglichkeit von mir entdeckt werden. Für mich selbst steht dieses Geschehen in Beziehung zu meiner persönlichen Entwicklung der letzten Jahre, in denen eine deutliche Destrukturierung meines Lebens stattgefunden hat, was dazu geführt hat, daß ich praktisch nicht mehr viel zu verteidigen habe. Was also ist es, was sich entfalten möchte? Was ist es, was diese tiefe Sehnsucht in mir, wach werden zu wollen, in Bewegung setzt?

Ich bin ein philosophisch geprägter Mensch, der eigentlich gar nicht weiß, warum dies so ist oder woher dies kommt. Deshalb ist es ganz natürlich, daß der Prozeß des Authentischwerdens sich in dieser Neigung zum Ausdruck bringt. Wäre ich ein Maler, sicher wüßte die schöpfe-rische Energie sich durch Farben und Pinselbewegungen hindurch mit sich in Übereinstimmung zu bringen. Wäre da ein Komponist, geschähe dieser Prozeß auf gleichem Wege über die Musik.

„... Authentisch sein nicht nur als eine reflexive Tatsache, sondern auf den in der Reflexion sich befindlichen Geist übergehend“, das ist meine persönliche Ausgangssituation, in der ich mich wieder und wieder befinde. In der Sprache der transpersonalen Psychologie*, wie sie sich meiner bedient, entflammt das Bewußtseinsdrama auf ein Neues. Ich erlebe mich im cartesisch-newtonischen mode of existence*. Das res cogitans erlebt sich im Augenblick des cogito getrennt vom res extensa. Ich bin eindeutig Materie orientiert und nach außen gerichtet. Das cartesisch-newtonische Bewußtsein* erfaßt die Welt gegenständlich, fest und stabil - eine Erfahrung aus der Distanz. In der Beziehung zum physischen Organismus führt dieses geistige Verhalten zu fatalen Folgen: Das Bewußtsein, das sich einbildet, diesen Körper zu besitzen, es kann nicht anders, es verobjektiviert ihn. Die lebendige subjektive Einheit zerbricht in einen newtonischen Körper und ein decartsches Bewußtsein. Es entvitalisiert sich und sucht nun draußen, was es glaubt verloren zu haben: sich in seiner subjektiven Lebendigkeit, eingeschlossen das Wissen, was zu dieser Art von bewußten Erleben geführt hat, die Genese und der Prozeß, eine Geschichte der menschlichen Tragödie und Komödie. Und ich spreche hier nicht nur über vergangene Geschichten, sondern vor allem von der Geschichte, die darüber erzählt wie der Mensch in die Geschichte hinein gekommen ist und immer wieder auf ein neues hineinzukommen weiß. Eine Geschichte, die ein philosophisches Zeugnis davon zu geben weiß, wie der Fall in die Begrenzung für das Bewußtsein stattgefunden hat. Ist es nicht interessant, daß das schöpferische Bewusstsein in seiner Unbegrenztheit, als reflektiertes und objektiviertes Bewußtsein, mit dem es eine Identität eingeht, Begrenzung erfährt, sich verschleiert und dunkel wird? Die newtonischen Gesetze werden spürbar und das Bewußtsein fällt aus einem grenzenlos beseelten Universum. Das gesamte Szenario erscheint naturwüchsig, entseelt und leblos[14].

Obwohl die materiellen Dinge fest erscheinen, entgeht dem Beobachter nicht, daß das Materie orientierte Bewußtsein entsteht und vergeht. Es hat etwas verhängnisvolles, wahrzunehmen wie der Geist die materielle Welt nicht nur hervorbringt, sondern sich gleichzeitig befähigt, so zu tun - vor sich selbst, als habe er mit diesem Vorgang nicht das geringste zu tun. Ich spreche hier von einem Augenblick, von einem Geistesblitz, der fast unscheinbar die Gegenwart durchdringt und über die Landschaft des Kontinuums einen Schleier legt. Ich spreche von einer geistigen Geburt, durch die sich das res cogitans vom res extensa getrennt glaubt.

[...]


[1] Mit Sternchen versehene Wörter können im Glossar nachgeschlagen werden.

[2] siehe J.Gebser: Ursprung und Gegenwart.

[3] Der Begriff Ontologie wird von mir eher als ein empirisch, adjektivistisches Derivat behandelt, denn als eine

nur mental, philosophische Kategorie. Damit folge ich einer Vorgehensweise, wie sie von Ronald D. Laing

in seinem Buch „Die Stimme der Erfahrung“ zur Anwendung kommt.

Im Sinne Peter Slooterdijks spreche ich hier von einer Ontologie ohne Metaphysik, die sich metho -

disch aus der Maieutik des Sokrates entwickelt. Slooterdijk zufolge beruht die Ontologie als metaphy-

sische (nur mental philosophische/ d.Verf.) Kategorie auf einer fundamentalen Fehlentwicklung in der

frühesten Phase der europäischen Ideengeschichte: „Daß die Geschichte Europas auf einen anderen Kurs

(fort von der Maieutik des Sokrates/ Anm.d.Verf.) geraten sollte, der zur Aufrichtung phallischer Uni-

(Multi-)versalien und zur Kränkung des Weiblichen führte, das zeigt sich bereits an dem Weg, den Sokrates´

Meisterschüler einschlug. Schon Platon hat das Prinzip Geburtshilfe metaphorisiert. Das Höhlengleichnis

aus der Politeia enthält ein geheimes Programm der europäischen Weltgeschichte – zugleich ist es Zeugnis

einer Übersetzung der sokratischen Maieutik (die vornehmlich physisch-initiatischer Natur ist/ Anm.d.Verf.)

in metaphysische Allegorien.“ (Slooterdijk S.88).

[4] siehe z.B. „Gras unter meinen Füßen“, von Bruno-Paul de Roeck &

„In and out the garbage pail“, von Fritz Perls.

[5] siehe Whitehead: “Process and reality”

[6] Und bedenken wir, für Wittgenstein ist Sprache gleich Denken

[7] Ihre Universalität drückt sich in der Tatsache aus, daß diese Göttin praktisch in jeder bekannten Weisheits-

tradition der menschlichen Geschichte als bekannt gilt. Bei den Griechen ist sie z.B. Hekate.

[8] siehe: St. Grof, „Topographie des Unbewußten.“

[9] Slooterdijk drückt dies konkret als Geburtslahmheit aus: „Wo Sokrates das Beispiel einer Enstase durch

Entbindung von Meinungen gegeben hatte, entfaltet die platonische Ekstatik das Schema einer vernünfti-

gen Besessenheit“(Slooterdijk S.89).

[10] Ganz zu schweigen von den vielfältigen Möglichkeiten der Pathologisierung.

[11] Geist und Bewußtsein benutze ich im Sinne von Entsprechungen.

[12] Diese Aussage geht aus folgender Geschichte sehr schön hervor, wie sie Stanislav Grof in „Kosmos und Psyche“ schildert, und die sich um den Schöpfungsprozeß dreht. Es geht hier um das Verhältnis von einem Teil (z.B. Mensch) zum Ganzen (Schöpfung) und umgekehrt vom Ganzen zum Teil. Im newtonischen Universum, das sich quantitativ manifestiert, ist ein Ganzes immer die Menge seiner Teile. Die Holographie hingegen demonstriert, daß das Ganze (die gesamte Information) in jedem Teil enthalten ist. „... In diesem Sinne ist jeder Mensch nicht nur ein klei­ner Bestandteil des Universums, sondern auch das gesamte Feld der Schöpfung. Eine ähnliche wechselseitige Verbun­denheit scheint im Tier- und Pflanzenreich und sogar in der anorganischen Welt zu bestehen. Beobachtungen zur Evo­lution der Arten und verschiedene Paradoxien in der Quan­tenphysik deuten jedenfalls in diese Richtung.

Dieser Sachverhalt erinnert an die Schilderungen, die sich in den altindischen spirituellen Systemen, vor allem im Jai­naismus und im Avatamsaka-Buddhismus finden. Der jainai­stischen Kosmologie zufolge ist die Welt der Schöpfung ein unendlich komplexes System aus verblendeten Bewußtseins­einheiten, Jivas genannt, die in unterschiedlichen Aspekten und Stadien des kosmischen Prozesses gefangen sind. Ihre reine Urnatur ist durch ihre Verstrickung in die materielle Wirklichkeit und vor allem in biologische Vorgänge be­schmutzt. Die Jainas erblicken diese Jivas nicht nur in or­ganischen Lebensformen, sondern auch in anorganischen Dingen und Prozessen. Jeder Jiva bleibt trotz seiner schein­baren Eigenständigkeit mit allen anderen Jivas verbunden und enthält das Wissen über sie alle.

Das Avatamsaka-Sutra veranschaulicht die wechselseitige Verbundenheit aller Dinge mit einem poetischen Bild. Es ist das berühmte Netz des vedischen Gottes Indra: »Im Himmel Indras, heißt es, gibt es ein Netz von Perlen, dergestalt, daß man, wenn man eine anschaut, alle anderen darin gespie­gelt sieht. Gleichermaßen ist jedes Ding in der Welt nicht bloß es selbst, sondern beinhaltet alle anderen Dinge und ist tatsächlich alle anderen.« Ähnliche Vorstellungen finden sich in der Hua-yen-Schule des Buddhismus, der chinesi­schen Version derselben Lehre. Hua-yen ist eine holistische Sicht des Universums, die eine der tiefsten Erkenntnisse darstellt, zu denen es der menschliche Geist je gebracht hat. Das Wesen dieser Philosophie läßt sich kurz und bündig in wenige Worte fassen: »Eines in Einem, Eines in Vielen, Viele in Einem, Viele in Vielen.« Der für diese Schule charakteri­stische Begriff der gegenseitigen kosmischen Durchdrin­gung wird in der folgenden Geschichte sehr schön veran­schaulicht:

Da es der Kaiserin Wu schwerfiel, die Hua-yen-Philosophie in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen, bat sie Fa-tsang, ei­nen der Begründer der Schule, um eine einfache praktische Demonstration der wechselseitigen kosmischen Verbunden­heit. Fa-tsang führte sie in einen großen Saal, dessen gesam­tes Inneres -Wände, Decke und Fußboden - mit Spiegeln ausgekleidet war. Als erstes entzündete er in der Mitte des Saales eine Kerze und ließ sie von der Decke hängen. Im nächsten Moment waren sie von Myriaden leuchtender Ker­zen in allen Größen umgeben, die bis ins Unendliche gingen. Auf diese Weise führte Fa-tsang das Verhältnis des Einen zu den Vielen vor.

Sodann legte er einen kleinen Kristall mit vielen Facetten in die Mitte des Saales. Alles um den Kristall herum, auch die zahllosen Kerzenbilder, wurde jetzt im winzigen Innern des funkelnden Steins gebündelt und gespiegelt. Auf diese Weise konnte Fa-tsang demonstrieren, wie in der letzten Wirklich­keit das unendlich Kleine das unendlich Große enthält und das unendlich Große das unendlich Kleine, ohne jede Behin­derung. Daraufhin erläuterte er, daß dieses statische Modell in Wirklichkeit sehr beschränkt und unvollkommen sei. Es sei nicht imstande, die unaufhörliche multidimensionale Bewe­gung im Universum wiederzugeben, so wenig wie die unbe­hinderte gegenseitige Durchdringung von Zeit und Ewigkeit wie auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ (Stan Grof, Kosmos und Psyche S.84-85).

[13] siehe Stanislav Grof: Das Abenteuer der Selbstentdeckung.

[14] Der vulgäre Irrationalismus und der sich falsch verstehende Vitalismus, die beide auf Mißverständnissen

und Ressentiments beruhen, sind leicht einzusehen, „denn der angebliche Gegensatz zwischen Geist und

Leben tritt ja nur dort auf, wo das beschädigte Leben nach Schuldigen sucht, um geistlos den Geist als Ur-

heber der Leblosigkeit anzuklagen“(Slooterdijk, S.71).

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Authentizität - Qualität und Prozeß einer Bewußtseins- und Persönlichkeitsentwicklung aus Sicht eines transpersonal orientierten Erfahrungsraumes
Autor
Jahr
2003
Seiten
71
Katalognummer
V145857
ISBN (eBook)
9783640590476
ISBN (Buch)
9783640590377
Dateigröße
1045 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Transpersonale Psychologie/Psychotherapie
Schlagworte
Graduierungsarbeit im Rahmen von Transpersonaler Psychologie/Psychotherapie
Arbeit zitieren
Dipl. Päd. Meinolf Schnier (Autor), 2003, Authentizität - Qualität und Prozeß einer Bewußtseins- und Persönlichkeitsentwicklung aus Sicht eines transpersonal orientierten Erfahrungsraumes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145857

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