Diese Arbeit untersucht die Entwicklung des Schelmenromans anhand von "Lazarillo de Tormes" und seinen Fortsetzungen. Sie beginnt mit einem Rückblick auf die historischen und literarischen Kontexte des Goldenen Zeitalters Spaniens, in dem der "Lazarillo" erschien. Die Studie analysiert die Merkmale des Schelmenromans, darunter die episodische Struktur, die autobiographische Erzählweise und die kritische Satire. Besonderes Augenmerk gilt der Rolle der narrativen Instanz und ihrer Enthüllungen über die Gesellschaft. Durch eine detaillierte Untersuchung der Vorrede und des ersten Kapitels des "Lazarillo de Tormes" werden die innovativen Aspekte des Romans herausgestellt und sein Einfluss auf die Entwicklung des Schelmenromans in Spanien und Europa diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Zur Analyse des Lazarillo de Tormes
II. 1 Zur Vorrede
II. 2 Zu Kapitel 1
III Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Analyse untersucht den Roman "Lazarillo de Tormes" hinsichtlich seiner Rolle als Wegbereiter des pikaresken Genres. Dabei liegt der Fokus auf der narrativen Instanz, der Gestaltung des Ich-Erzählers sowie der Frage, wie diese Instanz ihre eigene Identität und die fiktive Welt konstruiert und den Lesern präsentiert.
- Konstante Merkmale des Schelmenromans im Lazarillo
- Die Rolle und Funktion der narrativen Instanz
- Analyse der "Vorrede" und des 1. Kapitels
- Darstellung der sozialen Realität und deren Kritik
- Die psychologische Entwicklung des Protagonisten durch äußere Umstände
Auszug aus dem Buch
II. 2 Zu Kapitel 1
Mit dem ersten Kapitel beginnt die Handlungsebene, d.h. die eigentliche Handlung der Erzählung. „Die erste Handlungs- oder Geschichtsebene, die von der Erzählerrede auf die extradiegetische Ebene konstruiert wird, nennen wir Ebene der Diegese oder intradiegetische Ebene (nivel intradiegético)“ (Gröne 42023: 168). Auf ihr gibt es den Erzähler (der extradiegetischen Erzählung) nochmals, wie hier im Falle eines homo- oder autodiegetischen Erzählers. Obwohl es sich um dasselbe Individuum handelt, so sind sein Status, sein Kenntnishorizont etc. sehr unterschiedlich: Wenn etwa in einem autobiographischen Text -wie es zu Beginn des ersten Kapitels der Fall ist- ein Autor seine Kindheit erzählt, „so kann die Person, die er mit „Ich“ bezeichnet […] entweder das erzählende Ich (sp. yo narrante oder yo narrador, also der Greis mit all seinem Wissen und seiner Erfahrung) oder das erzählte Ich (sp. yo narrado oder yo-personaje, also das Kind von damals, das sein Leben noch vor sich hat) sein“ (Gröne 42023: 168). Der Bericht ist mehrmals gebrochen und schwankt zwischen Lazarillo [Diminutivum als Name für einen von Lebenserfahrung noch unbefleckten Burschen] und Lázaro (Rötzer 1972: 5). Seine mehr lebenspraktischen als moralischen Erzählerkommentare lassen absichtlich im Unklaren, ob sie vom erzählenden Ich oder dem erzählten Ich stammen, zumal es auch den Reiz der novela picaresca ausmache, in ihr die Perspektiven des erlebenden und des sich erinnernden Ich, die des beteiligten fiktiven und die des außenstehenden tatsächlichen Erzählers ironisch zu vermischen (Neuschäfer 2011: 38).
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in das Goldene Zeitalter der spanischen Literatur ein und verortet das Werk "Lazarillo de Tormes" als ersten anonymen Schelmenroman.
II Zur Analyse des Lazarillo de Tormes: Dieser Abschnitt untersucht in zwei Unterkapiteln die narrative Struktur des Werkes, wobei der Fokus auf den Erzählformen der Vorrede und der Kindheitsgeschichte im ersten Kapitel liegt.
II. 1 Zur Vorrede: Es wird analysiert, wie der Erzähler den Kontakt zum Leser sucht und durch die Anrede "Vuestra Merced" einen fiktiven Rahmen für seine Lebensbeichte spannt.
II. 2 Zu Kapitel 1: Dieser Teil beleuchtet die Kindheit des Protagonisten und seine schicksalhafte Begegnung mit dem Blinden als prägende Erfahrung für sein späteres Verhalten.
III Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie das soziale Umfeld und der Überlebenskampf Lazaros zur Ausbildung des pikaresken Stils und zur scharfen gesellschaftlichen Satire beitragen.
Schlüsselwörter
Lazarillo de Tormes, Schelmenroman, Pícaro, pikaresk, narrative Instanz, Ich-Erzähler, Vorrede, Spanische Literatur, Goldenes Zeitalter, Sozialisation, Gesellschaftskritik, autobiographisch, Identität, Überlebenskampf, Fiktion
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser wissenschaftlichen Analyse?
Die Arbeit untersucht, wie das Werk "Lazarillo de Tormes" die Grundlagen des Schelmenromans etabliert und wie der Protagonist durch seine Erzählweise versucht, sein Handeln gegenüber der Gesellschaft zu legitimieren.
Welche Kriterien definieren den "Schelmenroman" in diesem Kontext?
Der Schelmenroman ist charakterisiert durch episodische Erzählstrukturen, eine niedere soziale Herkunft des Protagonisten, der sich mit List durchschlägt, und eine spöttische oder kritische Perspektive auf die gesellschaftliche Elite.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen dem "erzählenden" und dem "erzählten Ich" eine so große Rolle?
Diese Differenzierung erklärt die Ambivalenz des Berichts: Sie ermöglicht dem Autor, die Naivität der kindlichen Erlebnisse mit der reflexiven Distanz des alternden Ichs ironisch zu brechen.
Welche Funktion hat die "Vorrede" für das gesamte Werk?
Die Vorrede dient als narrativer Rahmen, der den fiktiven Adressaten "Vuestra Merced" einführt und dem Leser eine (vermeintliche) Rechtfertigung für die im Folgenden geschilderten moralisch fragwürdigen Taten des Protagonisten liefert.
Inwiefern ist der Blinde mehr als nur eine Nebenfigur für Lázaro?
Der Blinde fungiert als "Lehrmeister des Bösen", der den Protagonisten in die harte Realität entlässt und indirekt durch seine sadistischen Methoden dafür sorgt, dass Lázaro selbst kriminelle Verhaltensmuster entwickelt.
Welche Rolle spielt die historische Epoche für das Verständnis des Romans?
Der Kontext der Reconquista, Inquisition und Reformation bietet den Hintergrund für die gesellschaftlichen Spannungen, die der Erzähler durch seinen "Aufstieg" und seine Anpassung an das korrupte System indirekt scharf kritisiert.
Gibt es Bezüge zwischen dem Schicksal des Protagonisten und anderen literarischen Figuren?
Der Autor zieht Parallelen zum biblischen Lazarus sowie zu der später populär gewordenen Figur des "Goldenen Esels", um die ironische und teils tragische Entwicklung Lazaros zu unterstreichen.
Warum reagiert der heutige Leser mit Ironie auf den Schlussteil des Romans?
Obwohl der Protagonist seinen "Erfolg" und das Erreichen seiner Ziele proklamiert, wird für den Leser deutlich, dass er dies nur durch den Preis des vollkommenen moralischen Identitätsverlusts und einer "lebendigen" Entwürdigung erreicht hat.
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- Angelika Felser (Author), 2024, Der "Lazarillo de Tormes" als erster Schelmenroman. Analyse der narrativen Instanz in der Vorrede und Kapitel 1, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1459104