Harriet Quimby. Die erste Amerikanerin mit Pilotenschein


Fachbuch, 2010

67 Seiten


Leseprobe

Als erste bedeutende amerikanische Pilotin gilt Harriet Quimby (1875-1912). Sie war die erste Frau in den USA mit Flugschein und die erste Frau, die im

Alleinflug den Ärmelkanal zwischen England und Frankreich überquerte. Zu ihren fliegerischen Leistungen gehörten auch der erste Nachtflug einer Pilotin und der erste Flug eines weiblichen Piloten über Mexiko. Im Alter von 37 Jahren verlor sie bei einer Flugschau ihr Leben.

Harriet Quimby kam am 11. Mai 1875 auf einer Farm in Arcadia bei Coldwater in Michigan als jüngere von zwei Töchtern des Farmers William Quimby und dessen Ehefrau Ursula, geborene Cook, zur Welt. Ihr Vater hatte zeitweise als Koch bei der Armee gearbeitet. Ihre Familie verdiente den Lebensunterhalt mit einer Kräutermedizin, die von der Mutter hergestellt und vom Vater vom offenen Wagen verkauft wurde. Die ältere Schwester von Harriet hieß Kittie.

Als sich die Farm nicht mehr rentierte, zog die Familie Quimby offenbar 1884 nach Oakland (Kalifornien). Über die Kindheit und Schulausbildung von Harriet weiß man wenig. Als junge Frau arbeitete die grünäugige, schlanke und attraktive Harriet in San Francisco zunächst als Schauspielerin und später als Journalistin für das „San Franciso Bulletin“. Im Alter von 27 Jahren zog sie 1903 nach New York City und schrieb dort regelmäßig Theaterkritiken für die Zeitschrift „Leslie’s Illu- strated Weekly“, aber auch Artikel über Frauenthemen oder Reiseberichte. Außerdem betätigte sie sich als Foto- und Reisereporterin und reiste nach Kuba, Europa, Ägypten und Mexiko. Innerhalb von neun Jahren verfasste sie für „Leslie’s Illustrated Weekly“ mehr als 250 Artikel

Bei einer Reportage über die Vanderbilt-Rennbahn begeisterte sich Harriet Quimby für schnelle Fahrzeuge und kaufte sich

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John Beavis Moisant (1868-1910) Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Bain News Service ein Auto. Als Mittdreißigerin war sie eine selbstständige und erfolgreiche Frau, die durch die Welt reisen und ihre Eltern finanziell unterstützen konnte.

Im Oktober 1910 besuchte die 35-jährige Journalistin Harriet Quimby einen Flugtag in Belmont Park auf Long Island (New York), um darüber zu berichten. Dieser Flugtag war von der soeben gegründeten „Show Moisant International Aviation Ltd.“ organisiert worden. Gründer und Eigentümer des Unternehmens waren die Geschwister John Beavis Moisant (1868-1910), Alfred J. Moisant (1862-1929) und Matilde Moisant (1878-1964). Von dem, was sie bei der Flugschau sah, war Harriet Quimby so stark beeindruckt, dass sie sich spontan dazu entschloss, selbst das Fliegen zu lernen. Deswegen sprach sie nach dem Ende der Veranstaltung unverzüglich den gut aussehenden Flieger und Fluglehrer John B. Moisant an, der damals bereits in den USA als Berühmtheit galt.

John B. Moisant hatte 1909 das erste Ganzmetall-Flugzeug entworfen und gebaut sowie am 23. August 1909 mit einem Passagier und einer Katze als Erster mit einem Motorflugzeug den Ärmelkanal überquert. Mit seinem „Blériot“-Eindecker flog er am 22. Oktober 1910 bei der „Belmont Air Show“ in Belmont Park in nur 39 Minuten 16 Kilometer weit. Damals erregte er durch einen Flug von Belmont Park um die Frei- heitsstatue in New York City und zurück großes Aufsehen. Harriet Quimby bat John B. Moisant, er solle ihr bei nächster Gelegenheit das Fliegen beibringen und dieser sagte zu. Andere Fluglehrer nahmen damals keine weiblichen Flugschüler auf. Doch bevor es zum Flugunterricht von Harriet Quimby durch John B. Moisant kam, starb dieser am 31. Dezember 1910 in New Orleans bei einem Absturz. Bei einem Übungsflug für

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Harriet Quimby im Jahre 1910 beim Flugunterricht in der Flugschule von Alfred J. Moisant Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Bain News Service

den „Michelin Cup“ mit 4.000 US-Dollar Preisgeld geriet sein Flugzeug in Turbulenzen. Beim Versuch einer Notlandung wurde der nicht angeschnallte John aus seiner Maschine geschleudert, brach sich das Genick und starb. Harriet Quimby ließ sich durch den Tod des 42-jährigen John

B. Moissant nicht davon abschrecken, das Fliegen zu lernen. Sie nahm trotzdem Flugunterricht an der von Alfred J. Moisant betriebenen Flugschule in Mineoloa auf Long Island (New York). Jeden Morgen um vier Uhr kam sie zum Flugunterricht. Sie trug eine Kapuze, eine Hose - was damals für eine Dame als unschicklich galt - und einen langen Mantel aus pflaumen- farbenem Satin. Mit dieser Garderobe bemerkte man nicht auf Anhieb, dass es sich um eine Frau handelte.

Zur Überraschung ihres Fluglehrers André Houpert (1886- 1963) beherrschte Harriet Quimby schnell die Übungsma- schine. Nach 33 Lektionen innerhalb von vier Monaten und einer Flugzeit von zusammen nicht viel mehr als fünfeinhalb Stunden trat sie zur Pilotenprüfung an. Sie absolvierte den Flug auf einer vorgeschriebenen Strecke, fühlte sich dabei „wie ein Vogel mit ausgestreckten Flügeln in der Luft schwebend“, landete „über und über mit Schmutz und Öl bedeckt, aber strahlend“ exakt am Ziel. Am 1. August 1911 nahm Harriet als erste Frau in den USA ihren Flugschein des „Aero Club of America“ entgegen. 16 Tage später erhielt MatildeMoisant am

17. August 1911 als zweite Amerikanerin ihren Flugschein. Kaum hatte Harriet Quimby ihren Flugschein in den Händen, wurde das Fliegen ihr Beruf. Sie schloss sich der Kunstflie- gertruppe „Moisant International Aviators“ an, zu der neben einigen männlichen Piloten auch Matilde Moisant gehörte. Diese Gruppe trat 1911 bei verschiedenen Flugveranstal- tungen auf.

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Harriet Quimby in ihrer Fliegergarderobe Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Theodore C. Marceau (1859-1922)

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Matilde Moisant (1878-1964) in ihrer Fliegergarderobe Zeichnung: Antje Püpke, Berlin, www.fixebilder.de

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Blanche Stuart Scott (1889-1970) in einem Blériot-Eindecker im Jahre 1911. Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Bain News Service

Auf die Frage, wie es sich anfühle, zu fliegen, gab Harriet Quimby die Antwort: „Es ist, als ob man in einem sehr schnellen offenen Wagen sitzt, bloß ohne die Stöße einer rauen Straße unter sich und ohne die Angst, eine Geschwindigkeitsgrenze zu überschreiten und den Zorn eines Polizisten auf dem Fahrrad zu provozieren.“

Zu den aufsehenerregendsten Auftritten von Harriet Quimby zählte am 4. September 1911 ein Mondscheinflug bzw. Nacht- flug beim „Richmond County Fair“ über Staten Island (New York) vor schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Zuschauern. Im Oktober 1911 nahm sie auf Staten Island an einer Flugschau teil, deren Programm erstmals Wettbewerbe für Frauen vorsah. Daran beteiligten sich nur vier Frauen: die Ameri- kanerinnen Harriet Quimby, Matilde Moisant und Blanche Stuart Scott (1889-1970), die alle drei in der Moisant-Flug- schule ausgebildet worden waren, sowie die Belgierin Hélène Dutrieu (1877-1961). Beim ersten Wettbewerb flog nur Harriet und stellte dabei einen neuen Frauenrekord im Dauerfliegen auf. Am Tag darauf, einem Sonntag, weigerte sich Harriet aus religiösen Gründen zu fliegen und siegte Hélène Dutrieu in Rekordzeit.

Bei einem Gastspiel der Moisant-Truppe im November und Dezember 1911 unternahm Harriet Quimby zusammen mit Matilde Moisant den ersten Flug weiblicher Piloten über Mexiko. Ende 1911 trat sie bei einer Flugveranstaltung in Mexico City anlässlich der Amtseinführung von Präsident Francisco Madero (1873-1913) auf und wurde dabei umjubelt. Aufgrund ihrer körperlichen Zartheit wurde Harriet Quimby von der Presse als „Porzellan-Fliegerin“ betitelt. Doch ihr äußeres Erscheinungsbild trog: Die kleine Pilotin zeichnete sich durch großen Mut sowie große Energie, Ausdauer,

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Hélène Dutrieu (1877-1961) Foto: Library of Congress, Washington, Prints and Photographs Division, Urheber: Bain News Service

Hartnäckigkeit und Durchsetzungsfähigkeit aus. Außerdem wusste sie sich – wie auf Fotos von ihr ersichtlich ist – optisch gut in Szene zu setzen.

Damals arbeitete Harriet Quimby weiterhin als Journalistin. 1911 schrieb sie sieben Drehbücher für Stummfilme, die von dem amerikanischen Regisseur und Filmproduzenten D. W. Griffith (1875–1948) produziert wurden. Griffith drehte zwischen 1908 und den frühen 1930-er Jahren 535 Filme. Stars in den Stummfilmen, für die Harriet jeweils das Drehbuch verfasste, waren beispielsweise Florence La Badie (1888– 1917), Wilfred Lucas (1871–1940) und Blanche Sweet (1896– 1986). Einmal spielte auch Harriet Quimby eine kleine Rolle. Harriet Quimbys nächstes spektakuläres Vorhaben war die Überquerung des Ärmelkanals von England nach Frankreich. Dies hatte 1909 Louis Blériot (1876–1936) erstmals von Frankreich nach England, also in umgekehrter Richtung, geschafft Blériot war einer der wenigen Menschen, der von Harriets Ärmelkanal-Projekt erfuhr, damit ihr aus Europa niemand zuvorkommen konnte. Außerdem lieh er Harriet einen seiner 50 PS starken „Blériot XI-Eindecker“ für dieses Abenteuer. Um ihr Vorhaben finanzieren zu können, verkaufte Harriet die Story über die Ärmelkanal-Überquerung exklusiv an die Londoner Tageszeitung „Daily Mirror“.

Im März 1912 reiste Harriet Quimby nach England, wohin ihr Blériot das ausgeliehene Flugzeug schickte. Sie verhielt sich unauffällig und wartete auf gutes Wetter. Am 2. April 1912 durchkreuzte der britische Flieger Gustav Hamel (1889–1914) ihren Plan, die „erste Frau über dem Kanal“ zu sein, als dieser seine Landsmännin Eleanor Trehawke Davis (1880–1915), eigentlich Eleanor Josephine Davis, bei einem Flug über den Ärmelkanal mitnahm, jedoch „nur“ als Passagierin.

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Details

Titel
Harriet Quimby. Die erste Amerikanerin mit Pilotenschein
Autor
Jahr
2010
Seiten
67
Katalognummer
V146010
ISBN (eBook)
9783640571833
ISBN (Buch)
9783656878087
Dateigröße
3002 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Harriet Quimby, Fliegerin, Pilotin, Fliegerinnen, Pilotinnen, Fliegerei, Luftfahrt, Frauenbiografien, Biografien, Ernst Probst, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Harriet Quimby. Die erste Amerikanerin mit Pilotenschein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146010

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