Zu: Jürgen Habermas, Theorie kommunikativen Handels und Diskursethik


Seminararbeit, 2003
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziologische Handlungsmodelle
2.1Teleologisches Handeln
2.2 Normenreguliertes Handeln
2.3 Dramaturgisches Handeln
2.4 Kommunikatives Handeln

3. Universalisierung der Moral und die Diskursethik

4. Diskursethische Begründung kommunikativen Handelns

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Seminararbeit wird versucht; die handlungstheoretischen Grundzüge des zeitgenössischen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zu skizzieren.

Dabei werde ich als erstes auf die in Sozialwissenschaften meist implizit verwendeten Handlungsbegriffe des teleologischen, strategischen, dramaturgischen und kommunikativen Handelns eingehen. Diese Handlungsbegriffe werden bei Habermas aus der Perspektive der „kommunikativen Rationalität“ analysiert.

Als zweites beschäftigt sich die Arbeit mit der Diskurstheorie Habermas. In diesem Zusammenhang werden die für die Entstehung seiner Diskursethik bedeutenden Theorien von Kant, Mead und den Utilitaristen von Habermas aufgegriffen. Weiterhin wird verfolgt, wie Habermas seine Diskursethik auf die Intersubjektivität der Menschen und auf die durch die Rationalisierung der Gesellschaft erfolgte Universalisierung der Moral aufbaut.

Als drittes werde ich auf die diskursethische Begründung des kommunikativen Handelns eingehen. Hier wird die Problematik der Diskursethik in dem Sinne aufgegriffen, daß Kriterien nahegelegt werden, welche die Diskursethik Habermas’ zur Maxime für die „nicht–zerstörte“ herrschaftsfreie Sprechsituation macht.

2. Soziologische Handlungsmodelle

Bevor man sich mit Habermas’ Beschreibung der soziologischen Handlungsmodelle näher beschäftigt, muss erwähnt werden, dass Sprach- und Handlungssituationen bei Habermas eins sind. „Dort, wo der Mensch nicht unmittelbar erfolgsorientiert handelt, ist die sprachliche Kommunikation auf intersubjektive Verständigung angelegt“[1]

Die Sprache erhält in der Handlungstheorie Habermas’ einen besonderen Stellenwert, denn Habermas entwickelt die Handlungstheorie aus dem Standpunkt, dass sich das Wissen auf die Sprache selbst begründet und die Rationalisierung der Gesellschaft auf ein Vernunftpotential zurückzuführen ist, das im sprachlich vermittelten kommunikativen Handeln integriert ist.

In seinem handlungstheoretischen Ansatz unterscheidet Habermas zwischen vier „für die sozialwissenschaftliche Theoriebildung relevant gewordenen Handlungsbegriffen[2]: zwischen dem teleologischen, dem normenregulierten, dem dramaturgischen und dem kommunikativen Handlungsbegriff.

Dabei werden bei Habermas nur solche Äußerungen als Handlungen bezeichnet, mit denen der Handelnde eine Beziehung zu mindestens einer von drei Welten aufnimmt. Der Dreiweltbegriff in der Handlungstheorie Habermas’ entstammt der Dreiwelttheorie Poppers. Dabei werden zwischen der objektiven, der sozialen und der subjektiven Welt unterschieden. Von diesen Weltbezügen, die Habermas dem Aktor unterstellt, hängen die Aspekte der möglichen Rationalität seines Handelns ab. Mindestens eine der drei Welten wird für den Handelnden vorausgesetzt.[3] Da das kommunikative Handeln eine Verständigung bedeutet, werden die Handlungsmodelle danach bewertet, in welchem Maße die sprachliche Äußerungen der Aktoren an Verständigung orientiert sind.

2.1Teleologisches Handeln

Zur Einführung des teleologischen Handelns weist Habermas darauf hin, dass sich dieser Begriff seit Aristoteles im Mittelpunkt der philosophischen Handlungstheorie befindet. Ein nach dem teleologischen Handlungsmodell handelnder Aktor „verwirklicht einen Zweck bzw. bewirkt das Eintreten eines erwünschten Zustandes“[4] durch Wahl und Anwendung der erfolgsversprechenden Mittel in der gegebenen Situation. Als zentralen Begriff für dieses Handlungsmodell bezeichnet Habermas eine „auf die Realisierung eines Zweckes gerichtete, von Maximen geleitete und auf die Situationsdeutung gestützte Entscheidung zwischen Handlungsalternativen“[5]

Als Voraussetzung für das teleologische Handlungsmodell bezeichnet Habermas die Beziehungen zwischen dem Handelnden und der Welt. Die Bezugswelt des Aktors wird als Gesamtheit der durch Sachverhalte definierten objektiven Welt betrachtet. Diese Sachverhalte bestehen oder können durch gezielten Eingriff herbeigeführt werden. Über die Sachverhalte kann der Aktor seine Meinungen bilden oder Absichten zur Verwirklichung eines Zieles entwickeln. Dabei verfügt der Aktor über die Möglichkeit, rationale Beziehungen zur Welt aufzunehmen. Der Begriff der rationalen Beziehungen steht für ihre Zugänglichkeit zu objektiver Beurteilung. Die Äußerungen des Aktors über die Welt können von einem Dritten als wahr oder falsch beurteilt werden. Das zielgerichtete Handeln des Aktors kann den gewünschten Erfolg erzielen oder scheitern. Wichtig für dieses Handlungsmodell ist, dass eine Möglichkeit besteht, die Beziehungen nach Wahrheit, im Hinblick auf Wahrnehmung der Welt und nach ihrer Wirksamkeit im Hinblick auf den Erfolg der Interventionen des Aktors zu beurteilen.

Das teleologische Handlungsmodell wird zum strategischen Handlungsmodell erweitert, wenn in das Erfolgskalkül des Handelnden die Erwartung von Entscheidungen mindestens eines weiteren zielgerichtet Handelnden einbezogen werden. Weiterhin verweist Habermas auf Ökonomie, Soziologie und Sozialpsychologie, da diesen Disziplinen seit Entwicklung der spieltheoretischen Ansätze das strategische Handlungsmodell zugrunde liegt.

Für den Erfolg der Handlung ist die Erfolgsorientierung der anderen zielgerichtet und aus eigenem Nutzenkalkül heraus handelnden Personen von großer Bedeutung, denn deren Verhalten ist nur soweit kooperativ, wie es für deren eigenen Vorteil nötig ist. Auch für das strategische Handlungsmodell gilt eine Beziehung zur objektiven Welt als Voraussetzung.[6]

2.2 Normenreguliertes Handeln

Dem normenregulierten Handlungsmodell liegt die Rollentheorie zugrunde. In diesem Fall gelten für Habermas zwei Weltbezüge als Voraussetzung: Neben der objektiven Welt tritt die soziale Welt ins Spiel. Sie gilt als Bezugswelt für den Handelnden, da dieser auch zu einem sozialen Kreis gehört, dessen Angehörige miteinander in eine normativ geregelte Interaktion treten können. Für die Betroffenen gilt ein normativer Kontext, der bestimmt, welche Interaktionen als Norm gelten dürfen. Eine Norm kann entstehen, so Habermas, wenn sie von den betroffenen Personen „ als gültig. oder gerechtfertigt anerkannt wird“[7]. Die Existenz einer Norm bedeutet also, dass diese für gemeinsame Interessen der Betroffenen in Hinsicht auf die Regelung der Handlungsprobleme steht und dadurch die Zustimmung der Betoffenen erlangt. Habermas erwähnt hier die kulturellen Werte; diese spielen insofern eine Rolle, als dass sie „für eine Verkörperung in Normen kandidieren“[8] Habermas hält die normative Verbindlichkeit kultureller Werte für möglich, wenn die Bedürfnisse eines Individuums den anderen plausibel erscheinen und dadurch als legitimes Handlungsmotiv anerkannt werden.

Die Angehörigen eines Kreises haben das Recht, eine bestimmte Handlung in einer bestimmten Situation zu erwarten. Als zentralen Begriff für das normenregulierte Handlungsmodell benennt Habermas die Normbefolgung, sie steht für die „Erfüllung einer generalisierten Verhaltenserwartung“[9]. Das Handeln des Subjekts wird der Frage unterworfen, ob dieser den bestehenden Normen entsprechend oder von diesen abweichend handelt. Die zweite Frage richtet sich gegen die Normen und fragt, ob die geltenden Normen verallgemeinerte Interessen der Betroffenen in Hinsicht auf eine Problemsituation angemessen darstellen und daher eine Anerkennung ihrer Legitimität verdienen.

Die Soziologen Parsons und Weber vertreten einen Wertskeptizismus. Habermas dagegen vertritt die Meinung, dass der Begriff des normenkonformen Handelns dem Aktor einen Glauben, dass die Legitimität der Handlungsnormen für eine objektive Beurteilung zugänglich ist, unterstellt, weil sonst die Aktoren dem Handeln „den Begriff einer Welt legitim geregelter interpersonaler Beziehungen nicht zugrunde legen und sich nicht an geltenden Normen, sondern allein an sozialen Tatsachen orientieren können.“[10]

2.3 Dramaturgisches Handeln

Der Begriff des dramaturgischen Handelns bezieht sich auf Interaktionsteilnehmer, die füreinander ein Publikum bilden, vor dem sie sich darstellen. Dieses zuschauerbezogene Handeln hat die Darstellung eigener Subjektivität zum Ziel, um Aufmerksamkeit und Akzeptanz der anderen auf sich zu ziehen. Der Aktor ruft bei seinem Publikum ein bestimmtes Bild, einen Eindruck von sich selbst hervor, indem er seine Subjektivität mehr oder weniger enthüllt. Der öffentliche Zugang zu dieser Sphäre aber ist kontrolliert. Für dieses Handlungsmodell setzt Habermas eine subjektive Welt voraus, die sich in der Selbstreflexion des Subjekts ausdrückt. Die subjektive Welt definiert Habermas als „Gesamtheit der subjektiven Erlebnisse“. Die subjektiven Erlebnisse können dabei Wünsche und Gefühle darstellen, die vom Subjekt so geäußert werden können, dass das vertrauende Publikum diese „als etwas für den Handelnden Subjektives“[11] verstehen kann.

Außer dem Ausdruck seiner Wünsche und Gefühle kann der Aktor seine Meinungen oder Absichten vertreten. Diese stehen im Bezug zur objektiven Welt und können als subjektive Äußerung nur dann betrachtet werden, wenn sie keinem in der objektiven Welt existierenden Sachverhalt entsprechen.

Habermas unterstellt der Beziehung zwischen dem Aktor und der Welt im Fall des dramaturgischen Handlungsmodells die Zugänglichkeit für eine objektive Beurteilung. Dabei unterwirft Habermas den Handelnden der Frage nach der Wahrhaftigkeit der vertretenen Meinungen und Absichten. Habermas fügt hinzu, es sei schwer, die geäußerten Wünsche und Gefühle zu beurteilen, da die Frage der Wahrhaftigkeit von der Authentizität schwer zu trennen sei. Es sei schließlich nicht einfach, Gefühle in Wörtern auszudrücken, was Gefühle zweifelhaft erscheinen lasse.

Bei der Beschreibung des dramaturgischen Handlungsmodells beruft sich Habermas auf Goffman. Mit dem Namen Goffman ist die explizite Einführung des Begriffs des dramaturgischen Handelns im Jahr 1956 verbunden. Habermas steht auf der Seite Goffmans[12]: Er teilt seine Meinung über die zuschauerbezogene Selbstdarstellung im Alltag[13] und bezeichnet die dramaturgischen Qualitäten des Handelns als „in gewisser Weise parasitär“;[14] abgesehen von den möglichen Konsequenzen bei den Mitmenschen, wenn diese dem Handelnden vertrauen und seine Äußerungen als wahre Tatsachen hinnehmen. In Anlehnung an Goffman, welcher dem Aktor unterstellt, er betrachte die normativ geregelten Interaktionsbeziehungen als soziale Tatsachen, entfällt für Habermas die Voraussetzung des sozialen Weltbezugs. Er klassifiziert den Begriff des dramaturgischen Handelns als einen Handlungsbegriff, welcher zwei Weltbezüge (subjektive, objektive) voraussetzt.

Als zentralen Begriff dieses Handlungsmodells bezeichnet Habermas Selbstdarstellung. Kein spontanes Handeln, sondern zuschauerbezogenes Verhalten. Habermas fügt hinzu, dass dieses Handlungsmodell auch potentiell Züge des strategischen Handelns annehmen kann, wenn der Aktor mit den Interaktionsteilnehmer nicht wie mit einem Publikum, sondern wie mit Gegenspieler umgeht. Hier beruht sich Habermas wieder auf Goffman, und teilt die Meinung über die mögliche Konsequenzen eines solchen Handelns, wenn die Interaktionsteilnehmer den strategischen Charakter des Aktors nicht erkennen. Habermas versteht eine „strategisch angelegte Selbstinszenierung als das Handeln mit einem subjektivem Wahrhaftigkeitsanspruch. Dieses kann nur dann als strategisches Handeln betrachtet werden, wenn es vom Publikum nach den Erfolgskriterien beurteilt werden würde.

[...]


[1] Weiss, Hilde: Soziologische Theorien der Gegenwart. Darstellung der großen Paradigmen. Wien: Springer 1993. S. 200.

[2] Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. 2. Auflage. Frankfurt am Mein: Suhrkamp 1982. S. Bd.1. S. 115.

[3] In Sieh hinzu: Ebd. S. 116 f.

[4]. S. 126.

[5].Habermas: 1982. Bd.1. S. 127.

[6] Sieh hinzu in: Habermas: 1982. S. 126-151.

[7] Ebd.: S. 132.

[8] Ebd.: S. 133.

[9] Ebd. S. 127.

[10] Ebd.: S. 134.

[11] Ebd.: S 137.

[12] Sieh hinzu: E. Goffman: Wir spielen alle Theater. Die Selbstdarstellung in Alltag. München: 1969. Auch in: Habermas: 1982.Bd.1. S.135-141.

[13] Sieh hinzu: Habermas: 1982. Bd.1. S. 135-141.

[14] Ebd.: S.136.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zu: Jürgen Habermas, Theorie kommunikativen Handels und Diskursethik
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Soziologie II)
Veranstaltung
Proseminar Lektüre Soziologischer Klassiker - Simmel, Mead, Habermas
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V14603
ISBN (eBook)
9783638199582
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen, Habermas, Theorie, Handels, Diskursethik, Proseminar, Lektüre, Soziologischer, Klassiker, Simmel, Mead
Arbeit zitieren
Maia Tabukashvili (Autor), 2003, Zu: Jürgen Habermas, Theorie kommunikativen Handels und Diskursethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14603

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