Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident


Fachbuch, 2010
44 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die kulturelle Bedeutung des Hanfs im Orient und Okzident
2.1 Hanfgebrauch im Mittelalter und in der Neuzeit
2.2 Hanf als Genussmittel und Universalmedizin
2.3 Hanfkonsum und westliche Gegenkultur
2.4 Drogenkultur im Wandel

3. Alkohol im Altertum und in der Antike
3.1 Kulturelle Integration des Alkohols im Mittelalter
3.2 Neuzeitlicher Wandel der Trinkkulturen
3.3 Trunkenheit und Verhaltenskontrolle
3.4 Die „Gin-Epidemie“ im Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche
3.5 Alkohol als Genuss- und Suchmittel in der Industriegesellschaft
3.6 Alkohol und puritanisch-protestantische Kultur
3.7 Die restriktiv-ambivalente Trinkkultur des Westens

4. Schlussbetrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

ÜBER DEN AUTOR

1. Einleitung

Der Konsum und Genuss von Rauschmitteln ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Schon die Ureinwohner Australiens beeinflussten vor ca. 30.000 Jahren ihre „Traumzeit“, indem sie halluzinogene Nachtschattendrogen zu sich nahmen. Auch die Zeugen der Eiszeit auf dem europäischen Kontinent versetzten sich mittels halluzinogen wirkender Pilze (u. a. Psilocybin) in Rauschzustände, um den Anforderungen ihres Nomadenalltags zeitweilig zu entfliehen (vgl. Behr 1980; Schwendter 1992). Dabei war es aber nicht immer Menschen, die die Drogen ent-decken, sondern auch Tiere, die mit bestimmten pflanzlicher Substanzen ihre Stress- und Erre-gungszustände regulierten und so eine bestimmte Nähe zu Naturdrogen entwickelten.

Der Verhaltensforscher Ronald K. Siegel vertritt die Ansicht, dass Folklore, Mythologie und Anthropologie voller Beispiele über das Drogenverhalten bestimmter Tierarten sind. Im Rah-men seines Beitrags über „Suchterscheinungen bei Tieren“ (1982) geht er u. a. auf die legendäre Entdeckung des Kaffees um 900 n. Chr. durch einen Abessinier ein, der seine Ziegenherde hütete. Er schreibt: „Der Hirte bemerkte, dass seine Tiere ungewöhnlich ‚munter’ wurden, nachdem sie die leuchtend roten Früchte eines Baumes gefressen hatten, der später als Kaffee identifiziert wurde. Im Jemen entdeckte ein Hirte, dass eine seiner Ziegen an einer be-stimmten Stelle die Herde zu verlassen pflegte, um einige Blätter zu fressen, wonach sie sehr schnell lief und Zeichen außergewöhnlicher Stimulation zeigte. (…) Nach Geschichten, die in Peru erzählt werden, wurde zum Beispiel Coca zuerst von Packtieren in den Bergen gefressen, wo sie nicht ihr normales Futter fanden. Die Coca-Blätter erhielten die Tiere am Leben und die Menschen übernahmen schnell die Gewohnheit, Coca zu kauen. Neuere Nahrungsmittel-analysen von Coca ergeben, dass 100 Gramm Blätter 305 Kalorien enthalten, 18,9 Gramm Protein, 46,2 Gramm Kohlehydrate und die empfohlene Menge Kalzium, Eisen, Phosphor sowie die Vitamine A, B² und E. Die Coca-Pflanze, die auch das Stimulans Kokain enthält, ermöglichte das Überleben Reisender in Peru, die unregelmäßig aßen, eine ungeeignete Ernäh-rung hatten und in großen Höhen mit minimalem Sauerstoffgehalt der Luft schwer arbeiteten. (…) Selbst das älteste und größte Drogenproblem des Menschen, der Alkohol, könnte seine Ursprünge in der frühen Vorgeschichte haben. Da es relativ leicht ist, die Gärung bei normaler Lagerung von Lebensmitteln zu entdecken, wundert es nicht, dass Alkohol die erste Droge war, die vom Menschen benutzt wurde. Nach einer alten chinesischen Legende pickte einst ein Schwarm Sperlinge einige Reiskörner auf, um sie für den Winter in ein Bambusrohr aufzubewahren. Die Herbstregen kamen, füllten das Rohr mit Wasser und verursachten die Gä-rung von Reis zu Wein. Dieser wurde zufällig von den Vögeln und den Menschen getrunken. Selbst heute besteht das chinesische Schriftzeichen für samshu (übers. Reiswein) aus den Schriftzeichen für Vögel und Wasser“ (Siegel 1982:79f.). Hi

Auch der Menschen war in allen Zeiten und Kulturen auf der Suche nach Rauschzuständen. Er erfuhr dabei oft rauschhafte Begeisterung als eine nicht-alltägliche andere Erfahrung und erlebte auf diese Weise eine mehr oder weniger starke Entgrenzung ichverhafteter Gebunden-heit (vgl. Legnaro 1982: 93). So zeigen neuere Untersuchungen, dass Menschen tatsächlich ein solches Stimulierungs- und Rauschbedürfnis haben. Der „Wunsch nach Veränderung von An-trieb und Stimmung, von Steigerung und Erlebnisfähigkeit und des Erfahrungshorizonts ist weit verbreitet. Menschen haben demnach das Bedürfnis, die ‚gewöhnlichen’ Wahrnehmungs-muster zu überschreiten, bis hin zum Erlebnis eines ekstatischen Rausches. Der Rausch kann die Funktion haben, vorübergehend von Belastungen des Alltags zu befreien und für Entspan-nung zu sorgen“ (Hurrelmann 1996: 1).

Bei den Drogen Alkohol und Hanf, um deren kultur- und sozialgeschichtliche Bedeutung es in diesem Beitrag geht, handelt es sich um „psychoaktive Substanzen“, die zu einer Antriebs- und Stimmungsveränderung beitragen.

Der Terminus „psychoaktive Substanz“ ist im Bereich der Suchtforschung noch relativ neu und wird benutzt, da er die Wirkungsweise von Drogen einschließt und weitgehend wertneutral ist. Psychoaktive Substanzen werden nach ihren Wirkungsmustern in drei Gruppen eingeteilt: So gehört der Alkohol zum Beispiel zur Gruppe der „Sedativa“, denen man eine betäubende und entspannende Wirkung zuschreibt. Das Koffein, ebenfalls ein altes und in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenkendes Genussmittel, gehört dagegen zur Gruppe der „Sti-mulanzien“, die eine aufputschende und aktivierende Wirkung zeigen. Zur dritten und letzten Gruppe der „Halluzinogene“ gehört u. a. das Psilocybin. Es handelt sich hierbei um eine Sub-stanz, die Sinnestäuschungen hervorrufen kann. Cannabis lässt sich keiner der erwähnten Gruppen eindeutig zuordnen, da die Droge Elemente aller drei Wirkungsgruppen enthält, so dass Ihr Konsum zu beruhigenden, aufputschenden und zugleich halluzinogenen Effekten führt (vgl. Alsen-Hinrichs 1993).

Welche Bedeutung der Hanf in der orientalischen und auch abendländischen Welt hat, wird im Folgenden in Bezug auf unterschiedliche geschichtliche Epochen näher erklärt.

2. Die Kulturelle Bedeutung des Hanfs im Orient und Okzident

Cannabis ist der botanische Name der Hanfpflanze, der als Sam­melbegriff für alle Drogen benutzt wird, die aus den Pflanzenteilen und dem Harz des indischen Hanfs hergestellt werden.

Herkunfts­länder sind Persien, Indien und China, in denen die Nut­zung der Pflanze schon seit Jahrtausenden bekannt ist. Aus der Hanfpflanze wurden Nahrungsmittel, Kleidung, Fischnetze, Lampenöle und Medika­mente hergestellt. Der Genuss dieser Droge erfüllte vielfach auch reli­giöse Funktionen, denn er sollte spirituelle Bewusstseinszustände fördern und die Konzen-tration beim Lesen sakraler Texte er­höhen (vgl. Scheerer 1989). Auf letztere Aussage werden wir später noch einmal näher zurückkommen, wenn es um das psychopharmakologische Wirkungsspektrum der Droge geht.

Das Wort „Hanf“ stammt ursprünglich aus dem Indoeuropäischen und leitet sich vom althoch-deutschen „hanaf“ bzw. vom altenglischen „hamp“ ab. Botanisch gehört die Pflanze (wie auch der Hopfen) zur Familie der Cannabaceae, welche wiederum eine Unterabteilung der Moraceae (Maulbeergewächse) bilden. Cannabis gliedert sich in unterschiedliche morphologische Grup-pen, wozu „Cannabis sativa“, „Cannabis indica“ und „Cannabis ruderalis“ gehören. Diese Zu-ordnungen wurden gemacht, um die komplexen Wirkungen und Nutzungsmöglichkeiten der Pflanze zu kennzeichnen. Zum Beispiel handelt es sich bei „Cannabis sativa“ um eine äußerst faserhaltige Pflanze, die schon früh zur Herstellung von Seilen und Kleidung genutzt wurde. Dabei gilt „Cannabis indica“ als die rauschwirksamste Pflanze. Einen recht hohen Gehalt an THC (Tetrahydrocannabinol) weisen vor allem weibliche Pflanzen bzw. deren Blütenspitzen auf. Sie werden „Mäschelhanf“ genannt und zur Gewinnung von Haschisch (Harz der Pflanze) und Marihuana (getrocknete Blätter und Blüten der Pflanze) genutzt (vgl. Reier 1982; Rätsch 1998).

Hanf ist seit der neolithischen Revolution bekannt und erscheint in Quellenüberlieferungen als eine der weltweit ältesten und am häufigsten angebauten Nutzpflanzen überhaupt (vgl. Herer 1993). Der Geschichtsschreiber Herodot berichtet über seinen Gebrauch bei den Skythen im 5./4. Jahrhundert vor unserer Zeit. Diese sollen sich durch das Erhitzen des Hanfs in ihren Dampfbädern berauscht haben (vgl. Jettmar 1982: 530ff.).

Cannabissamen, dessen Alter auf 5000 bis 6000 Jahre geschätzt wird, fand man nicht nur in den Ruinen des Totenorakels von Ephedra, sondern auch in einem 5000 Jahre alten Grab bei Eisenberg in Thüringen (vgl. Bröckers et al. 2004). Auch die vielseitigen medizinischen Quali-täten der Pflanze wurden schon früh entdeckt. So hatte Hanf einen festen Platz in der phara-onischen, assyrischen, antiken, islamischen und auch mittelalterlichen Medizin. Besonders in den asiatischen Heilkünsten genießt die Pflanze bis heute ein hohes Ansehen. Von Asien ver-breitete sich der Hanf nach Mesopotamien aus und fand Eingang in den arabischen Kulturkreis. In der orientalischen Welt schrieb man ihm schon von alters her heilende Kräfte zu, so dass er dort eine große Bedeutung als Medizinal- und Rauschpflanze hatte (vgl. dazu auch Cranach 1982: 480ff.).

Zahlreiche angesehene arabische Ärzte gingen in ihren Aufzeichnungen auf die Verwendung des Hanfs als Droge ein; so auch der berühmte arabische Arzt Avicenna. Er erwähnt die Pflanze in seiner 1000 n. Chr. entstandenen Schrift „Canon medicinae“, was positive Auswirkungen auf die Anwendung des Hanfs als Medizinaldroge in den orientalischen Heil-künsten gehabt haben soll.

2.1 Hanfgebrauch im Mittelalter und in der Neuzeit

Auch im frühen Europa des Mittelalters genoss der Hanf als Heilmittel ein recht hohes Ansehen. Inwieweit dabei die Schriften Avicennas eine Rolle spielten, die auch bei vielen Ärzten der westlichen Welt angesehen waren, ist aus heutiger geschichtlicher Sicht schwer zu sagen. Mittelalterliche Kräutersammler in der abendländischen Welt unterschieden zwischen „gedüngtem“ (kultiviertem) Hanf, der beispielsweise gegen Husten und Gelbsucht eingesetzt wurde, und „minderwertigem“ Hanf als probatem Mittel gegen Gichtknoten, Geschwülste und „harte“ Tumore. Vom Hanfanbau berichten Ende des 8. Jahrhunderts das „Capitulare des villis“ und das „Breviarium Karls des Großen“. Um 1150 geht auch die deutsche Äbtissin Hil-degard von Bingen in ihrer Heilmittel- und Naturlehre „Physica“ auf den Hanf ein. Sie beschreibt ihn als eine Pflanze, der weder sehr warm noch sehr kalt ist und empfiehlt seinen Samen als heilsame Kost, der leicht verdaulich und daher für den Magen gut sein soll, wobei er die schlechten Säfte mindert und die guten stärkt (vgl. Herer 1997).

Dem Konsum von Cannabis als Droge begegnete man in der abendländischen Welt jedoch schon früh mit Skepsis und Ablehnung. Anders sah es dagegen mit dem Alkohol aus, der als Heil-, Genuss- und Nahrungsmittel schon früh in der okzidentalen Kultur akzeptiert war. Seine Wirkung konnte man besser einschätzen als die des Hanfes (vgl. Austin 1982; Spode 2001).

Gegenüber dem Konsum von Hanf als Droge bestanden vor allem seit dem Mittelalter in der der westlichen Welt viele Vorurteile. So kann seine negative kulturelle Stellung auf sein psychomimetisches Wirkungsspektrum zurückgeführt werden, das nicht in das Schema ratio-nal-nüchtern denkender Gemüter passte. Daher macht es Sinn, im Folgen noch einmal kurz auf sein psychopharmakologisches Wirkungsspektrum einzugehen.

In Bezug auf meine These, dass man in der Geschichte des Okzidents dem Hanf- bzw. Cannabiskonsum eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, möchte ich den Karikaturisten Walter Moers zu Wort kommen lassen. Dieser stellt zwar die Wirkung des Cannabis vollkommen überzogen dar, kennzeichnet aber einen spezifischen Bewusstseinszustand, der beim Konsum dieser Droge erzeugt wird und in der nüchtern-rationalen Welt des Okzidents nicht gerade auf Gegenliebe stößt:

„Unter Haschischeinfluss dehnt sich das Raum-Zeit-Kontinuum um 500 Prozent aus, d.h., man kann bei konsequentem Haschischkonsum 400 Jahre alt werden, mehr als bei jeder anderen Droge“ (Moers 1995: 34). Moers spielt mit seiner Aussage auf die veränderte Raum-Zeit-Wahrnehmung an, die den meisten Cannabiskonsumenten bekannt ist. Damit einher gehen eine Veränderung der Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit und eine gewisse Lethargie.

Cannabiskonsumenten sind auf bestimmte Weise kontaktoffen, zeigen aber - im Gegensatz zu Alkoholkonsumenten - eher ein meditatives bzw. nach innen gerichtetes Verhalten. Akustische Geräusche werden unter Cannabiseinfluss viel extremer wahrgenommen als im nüchternen Zustand, wohingegen der Gehörsinn unter Alkohol eher abgeschwächt ist. Beim übermäßigen Cannabiskonsum können aber auch innere Unruhe und Antriebsverlust in Erscheinung treten. Bei höheren Dosen überwiegt die dämpfende Wirkung. Dies ist besonders beim Konsum indischer und asiatischer Cannabissorten der Fall, da sie durchschnittlich einen hohen THC-Gehalt aufweisen, was man inzwischen aber auch von manchen „hochgezüchteten“ euro-päischen Cannabispflanzen sagen kann. Die akuten Folgen eines übermäßigen Konsums kön-nen in entsprechenden psychosomatischen Fehlhandlungen liegen. Im Zuge solcher Reaktionen kann es unter Umständen zu Angst­- und Panikzuständen und sogar „Horrortrips“ kommen. Auch sog. „Flashbacks", also das Wiederauftreten von Rauschzuständen ohne erneute Drogenzufuhr, sind möglich. Dauerkonsumenten erleben oftmals eine Schwächung ihrer Konzentrations- und Leistungsfähigkeit und eine schwindende Motivation zum Lernen und Ar-beiten. Eine körperliche Abhängigkeit von Cannabis konnte bisher nicht eindeutig nach-gewiesen werden, allerdings wurde eine To­leranzbildung (im Sinne einer verminderten Wirkung bei gleich bleibender Dosie­rung) beobachtet. Erwiesen ist jedoch, dass es bei Dauerkonsum der Droge zu einer starken psychischen Gewöhnung bzw. Abhängigkeit kom-men kann (Alsen-Hinrichs 1993). Betont werden muss in diesem Zusammenhang aber auch, dass das seelische Befinden der Konsumenten von ihrer sozialen Umwelt beeinflusst wird. Aber auch die kulturelle Stellung und Akzeptanz der Droge beeinflussen, wenn auch nur mit-telbar, ihre psychopharmakologische und psychomimetische Wirkung.

Das Leistungs- und Zweckdenken und auch der naturwissenschaftliche Fortschritt ließen sich in der westlichen Welt schlecht mit einer Droge in Verbindung bringen, die die Herrschenden als „anarchisch“ oder „mystisch“ einstuften. „Rausch“ und „Ekstase“ wurden hier schon früh als Symptome der Flucht und Selbstaufgabe betrachtet.

In seinem Beitrag „Über einige ethnosoziologische Aspekte des Drogenkonsums in der Alten und Neuen Welt“ machte der Soziologe René König in den achtziger Jahren darauf aufmerk-sam, dass der, der die andere Welt gesehen hat, zu oft an der Rückkehr in die profane Welt zerbricht (vgl. König 1982: 27). Bezogen auf den Konsum von Hanf könnte man auch sagen, dass die rauschhafte Ich-Entgrenzung im Okzident schnell auf die rationalen Grenzen der profanen Welt stieß, woraus allzu oft erschreckende Ernüchterung resultierte. Die orienta-lischen Kulturen standen Rausch und Ekstase dagegen generell unbefangener gegenüber, da das Denken und Handeln der Menschen dort nicht vom rational-nüchternen Denken durchdrungen war. Soweit der Konsum von Hanf erlaubt war, musste man auch weniger Angst vor äußeren Sanktionen haben und konnte den Rausch im Sinne einer selbsttranszendenten Erfahrung auch nachhaltig positiv erleben (vgl. Bröckers 2002).

Rudolf Gelpke betont in diesem Zusammenhang, dass die westliche Zivilisation der mysti-schen Seinshaltung der Ekstatiker und Berauschten kein Verständnis entgegenbringt, die Ge-fährlichkeit des Rausches zuweilen übertreibt und nur das Leistungs- und Zweckdenken sowie den naturwissenschaftlichen Fortschritt anerkennt. Dies lässt sich auf viele Epochen der abendländischen Kultur übertragen, wo bis heute große Teile der Gesellschaft dem Konsum von Cannabis noch immer äußerst skeptisch bis negativ gegenüberstehen.

Dagegen gehörte der Rausch im Orient schon früh zum Ideal der mystischen Weltüberwin-dung, ließen sich mit ihm doch die Grenzen von Raum und Zeit sinnlich überschreiten. Zudem hatte er eine stärkere Beziehung zur schöpferischen Phantasie, Meditation und Inspiration, was ebenfalls für seinen stärkeren Konsum im orientalischen Kulturkreis spricht (Gelpke 1982: 135ff.).

Hanf fungierte im Orient zudem als Mittel der subkulturellen Kohäsion, da man Arbeit nicht als individuelle Verrichtung betrachtete, sondern als ein kollektives Unternehmen, bei dem Gemeinschaftsrituale eine zentrale Rolle spielten. Die Droge wurde daher auch als „Ener-gizer“ und „Euphorikum“ eingesetzt, da man davon ausging, dass sie die menschliche Leis-tungsfähigkeit steigert und die atmosphärische Teilhabe fördert. Als soziales Integrations-medium stand sie damit im Zentrum einer alltäglichen identitätsstiftenden Praxis, die konfor-mes Verhalten förderte und die Überlebenskultur der Unterschichten stärkte (vgl. Tanner 2001).

Dennoch gab es in der Geschichte des Orients auch immer wieder Tendenzen, den Konsum von Hanf zu verbieten, da sein arbeitsbezogener Gebrauch in den Augen der Herrschenden Ausdruck eines niederen sozialen Status war, was sich auch auf seine gesellschaftliche Bedeutung und Anerkennung auswirkte. In diesem Sinne betrachtete man seinen Konsum nicht als Folge des sozialen Elends der unteren Schichten, sondern als dessen Ursache. Die Men-schen rauchten in den Augen der Herrschenden nicht Cannabis, weil sie arm waren, sondern sie wurden arm, weil sie zu viel rauchten. Die tiefer liegenden Ursachen eines solchen Handelns klammerte man dabei jedoch aus (vgl. Spode 1993).

Einige religiöse Herrscher im mittelalterlichen Orient gingen sogar mit drakonischen Mitteln gegen den Konsum von Hanf vor. So kam es u. a. Mitte des 13. Jahrhunderts in Ägypten zu einem lang andauernden Krieg gegen den angeblichen Hanfmissbrauch der Bevölkerung. In Kairo, so berichten die Quellen, wurden Hanfanpflanzungen vollkommen zerstört, wobei sich die Herrschenden nicht scheuten, Haschischkonsumenten zu foltern oder sogar zu ermorden. Doch selbst solch Maßnahmen, die örtlich und zeitlich begrenzt waren und sich nicht auf den gesamten Orient beziehen lassen, konnten den Siegeszug des Hanfs im Morgenland nicht aufhalten (vgl. dazu u. a. v. Cranach 1982; Herer 1997)

Ganz anders stellt sich der Umgang mit Hanf im mittelalterlichen Europa dar, denn hier hatte vor allem der Klerus arge Bedenken gegen seinen Gebrauch. Im 12. Jahrhundert in Spanien und im 13. Jahrhundert in Frankreich ging die Inquisition energisch gegen Hanfkonsumenten vor. Einzig das Trinken von Alkohol blieb bis zu einer gewissen Grenze legal. Wer aber - aus welchen Gründen auch immer - Hanf offen konsumierte, galt in diesen Ländern fortan als "Hexe“ (vgl. u. a. Szasz 1984: 83ff.; Müller-Ebeling et al. 1998). So verkündete Papst Inno-zenz VIII im Jahre 1484, dass Hanf ein „unheiliges Sakrament der Satansmesse“ sei. Auch die berühmte Johanna von Orléans (mehr bekannt unter ihrem Namen Jeanne d'Arc) wurde 1430 von einem geistlichen Gericht beschuldigt, verschiedene "Hexenkräuter", darunter auch Hanf, angewendet und daraufhin Stimmen gehört zu haben (vgl. u. a. Rätsch et al. 1998).

Auch wenn Kleriker im mittelalterlichen Europa mit schweren Anschuldigungen und teilweise harten Sanktionen gegen den Gebrauch von Hanf vorgingen, so genoss die Droge als Heilmittel doch in breiten Teilen der Bevölkerung weiterhin hohe kulturelle Anerkennung. Dabei waren es vor allem Heilerinnen und Heiler als „Ärzte des Volkes“, die den Hanf gegen unterschiedliche Gesundheitsstörungen und Krankheiten einsetzten. Oft musste die Pflanze auch als Ersatz für Opium herhalten. So empfiehlt ein Rezept aus dem Jahre 1540: "So es felet an optio, nim Hampf" (zit. nach Behr 1982: 120).

In dem Medizinbuch "De medicina Aegyptorum" von Prospeso Alpinus aus dem Jahre 1592 wird bemerkt, dass die Einnahme der Droge ekstatische Zustände und Visionen hervorruft. Da Hanf aber als Medizin recht günstig zu erstehen war, wurde er weiterhin als Heilpflanze genutzt (vgl. ebd. 122). Eingesetzt wurde sie u. a. zur Senkung von Fieber und zur Dämpfung krankhafter Erregungen. Heute weiß man: Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (eine Vorstufe des THC) wirken direkt auf das menschliche Fühlen und Denken, lindern Schmerzen, regen den Appetit an und können die Stimmung heben, aber, wie gesagt, auch Ängste hervor-rufen.

Die weltlichen Mächte im mittelalterlichen Europa, obwohl tief im Glauben verhaftet, hatten jedoch ein starkes wirtschaftliches Interesse am Anbau von Hanf als Faserpflanze und standen seinem Konsum als Droge und Arzneimittel nicht so negativ gegenüber wie der Klerus. Der Anbau als Nutzpflanze und die wirtschaftliche Vermarktung der Droge waren in Mitteleuropa zu dieser Zeit daher recht weit verbreitet (vgl. Scheerer 1989).

Es gab aber auch andere Kriterien, die für den Anbau dieser Pflanze sprachen. So veränderte sich im 15. Jahrhundert der Kampf um die Macht in Westeuropa in einen Kampf um die Beherrschung der Meere. Spanien, Holland und England beneideten den Orient um seine Reichtümer. Besser waren da die Italiener dran, denn sie erreichten das Morgenland über die Seidenstraße. Für die anderen drei Seemächte sah es schlechter aus, da die damaligen Handels-routen es nicht zuließen, den Orient übers Land zu erreichen. Die Holländer, Engländer und Spanier benötigten deshalb jede Menge Hanf, um aus den langen, kräftigen Fasern der Pflanze Segeltücher und dickes Tauwerk herzustellen. Dieses musste sehr widerstandsfähig sein, um die lange Seereise zu überstehen. Da die Holländer in der Hanfindustrie führend waren, übernahm sie bald die Seemacht. Die Briten waren dagegen in einer noch schlechteren Lage als die Holländer oder Spanier, denn sie benötigten die Pflanze, um ihre Militärmacht aufrechtzuerhalten. So forderte Heinrich der IV. alle Bauern auf, gegen Jade (ein Edelstein-serpentin, auch „Gold der Götter“ genannt) 24 Hektar mit Hanf oder Flachs zu bepflanzen. Auch die meisten Textilien im britischen Königreich wurden zu dieser Zeit aus Hanfleinen gefertigt. Sämtliche Seile und sogar die Sehnen der gefürchteten Langbogen bestanden aus Hanf. Königin Elisabeth die Erste wiederholte dieses Edikt im Jahr 1563 (vgl. u. a. von Treek 2000).

2.2 Hanf als Genussmittel und Universalmedizin

Mit der Einführung von Tabak und Kaffee im 16. und 17. Jahrhundert, später durch das Auf-kommen der Branntweindestillation, verlor der Hanf als Nutzpflanze (mit wenig THC-Gehalt) und Droge (mit relativ hohem THC-Gehalt) in Europa vorübergehend an Bedeutung. Als Lieferant für Seile, Textilien und Öl blieb er jedoch weiterhin ein wichtiges Wirtschaftsgut.

Anders in Amerika: Dort wurde 1619 in Virginia das erste Marihuana-Gesetz der Neuen Welt erlassen, wonach allen Farmern der Anbau von Hanf befohlen wurde. In Connecticut und Massachusetts bestand ab 1632 „Hanfzwang“, und von dieser Zeit an konnten die amerikan-ischen Farmer fast 200 Jahre ihre Steuern in Form von Hanf entrichten.

Als große Cannabis-Förderer taten sich vor allem die US-Präsidenten George Washington und Thomas Jefferson hervor, die Hanf sogar hinter ihrem Haus angebaut haben sollen. Es kam - neben der wachsenden lebensmitteltechnischen und militärischen Bedeutung des Hanfs - zu einer zunehmenden Verwendung der Pflanze als Genussmittel und Universalmedizin. So standen Cannabis-Extrakte in den USA zwischen 1840 und 1890 bereits an zweiter Stelle aller verordneten Arzneimittel (vgl. u. a. Behr 1982).

In Deutschland erlebte der Hanf als Rauschdroge erst Ende des 19. Jahrhunderts einen kurzfris-tigen Boom. Dies belegen u. a. die Mengen an Hanfdrogen, die monatlich im Hamburger Hafen gelöscht wurden: Im September 1885 waren es 3,5 Tonnen „Ganja“ (indisches Marihuana), 12 Tonnen „Bhang“ (marihuanahaltiges Getränk) und 3000 Doppelzentner „Charas“ (d.h. 300 Tonnen Haschisch). Im 18. und 19. Jahrhundert ist das, was der deutsche Bauer früher als "Kraut" oder "Knaster" und der feine Herr als "Orient" rauchte, überall nur eins: Hanf! Von Ärzten wurde er in dieser Zeit aufgrund seiner vielfältigen Eigenschaften gegen Krämpfe aller Art, gegen Husten, Asthma, Migräne, Appetitlosigkeit und Schlafstö-rungen verordnet und als "leichtes Opium" bzw. Ersatzstoff für das Opiat Morphin[1] verwendet (vgl. Herer 1997). Verdrängt wurde der Medizinal-Hanf erst um 1900 vom Heroin, welches die Firma Bayer mit dem Slogan "garantiert nicht süchtig machend" auf den Markt brachte. Das Gegenteil war der Fall, so dass es in einigen Ländern (u. a. in Australien) zur massenhaften Heroinabhängigkeit kam, da man die Droge dort ganz legal als Psychostimulanz und als Zusatz in Hustensäften (auch für Kinder) erwerben konnte (vgl. McCoy 1982: 1052ff.; de Ridder 2000).

Im 19. Jahrhundert wurde der Konsum von Cannabis in unterschiedlichen Formen vor allem durch französische Intellektuellenkreise verbreitet. Besonders in den Künstlervierteln von Paris nahm sein Gebrauch (neben dem Konsum von Absinth) ständig zu. So trugen u. a. Schrift-steller, wie Victor Hugo, Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und Gérard de Nerval, um nur einige Künstler dieser Zeit zu nennen, zur Verbreitung des Haschischkonsums bei.

„Die aus dem Orient stammenden Rauschmittel Opium und Haschisch versetzten die dichte-rische Phantasie geradezu physiologisch in diese Landschaft. Die Reise in den Phantasie-Orient, die der Opium-Dichter in seinen Traum antritt, wird im anschließend geschriebenen Text zum Kunstwerk: Leben und Kunst werden eins, beide gleichermaßen traumhaft, unwirk-lich, asozial. Baudelaire hat seine Bevorzugung des Haschisch-Rausches vor dem Wein-Rausch deutlich als Programm der Asozialität formuliert. Der alkoholische Rausch ist für ihn im Grunde eine kalkulierbare, kontrollierbare, rationale, bürgerliche Sache, der Haschisch-Rausch dagegen böse, asozial, egozentrisch, destruktiv: ‚Der Wein erhöht den Willen, der Haschisch vernichtet ihn. Der Wein unterstützt den Körper, der Haschisch ist eine Waffe für den Selbstmord. Der Wein macht gut und verträglich. Der Haschisch isoliert… Wahrhaftig, wozu sollte man schon arbeiten, sich abmühen, schreiben, schaffen, was immer auch sei, wenn man doch auf einen einzigen Schlag das Paradies gewinnen kann? Kurz, der Wein ist für Leute, die arbeiten, und die ihn zu trinken verdienen. Der Haschisch hingegen gehört zur Sorte der einsamen Freuden; er ist geschaffen für die unglückseligen Müßiggänger.’ Dieser Ansicht über die Wirkungen des Haschisch könnte heute jeder Polizeipräsident seine Zustimmung ge-ben. Lediglich die Forderungen, die er daraus ziehen würde, wären denen Baudelaires entge-gengesetzt“ (Schivelbusch 1983: 220ff.).

Schivelbusch betont, dass sich einige französische Literaten des 19. Jahrhunderts doppeldeutig über den Konsum von Cannabis und Opium äußerten und den Gegnern dieser Substanzen damit wichtige Formulierungshilfen bei der Tabuisierung dieser Drogen lieferten.

„Es bedarf der Imagina­tion und des antibürgerlichen Affekts der Dichter, die Opium und Haschisch als Vehikel der Ich-Erweiterung und Ich-Auflösung be­schreiben, um die Gesell-schaft aus ihrer Gleichgültigkeit aufzuschrecken. Erst die publizierten Dichterträume machten die Gesellschaft auf die bis dahin verborgen gebliebenen Wirkungen der Drogen auf­merksam. Erst durch die asoziale Bedeutung, die die Dichter dem Opium und dem Haschisch geben, verlieren die Stoffe ihren Charak­ter des alltäglichen Hausmittels und erscheinen plötzlich als bedroh­liche, d.h. das bürgerliche Individuum bedrohende Rauschgifte. Das soll natürlich nicht heißen, dass die moderne Drogen-Gesetzgebung ohne die Opium-Dichtungen des 19. Jahrhun-derts nicht zustande ge­kommen wäre. Eine solche Kausalität zu behaupten wäre absurd. Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden durchaus die realen Gefahren ent­deckt, die von den Rauschdrogen ausgehen. Die Kontrollmaßnahmen und Verbote, mit denen sich die Gesell-schaft davor zu schützen sucht, sind jedoch eine Sache für sich“ (ebd. 224).

Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen in Europa, die für ein Verbot des Cannabiskonsums eintraten. Ab 1893 sollte eine sogenannte „Hanfdrogen-Kommission“ im Auftrag der britischen Kolonialmacht dem „Mythos Hanf“ zu Leibe rücken. Hinter diesem staatlichen Ressentiment stand das Motiv, noch mehr Schnaps zu verkaufen, denn es existierten wenig schlagkräftige Argumente, um den Cannabiskonsum zu verbieten. So durften die Menschen in Indien zum Beispiel weiterhin Cannabis rauchen, ohne mit staatlichen Repressionen rechnen zu müssen. Nicht so in Südafrika, wo der Hanf 1911 wegen der Perso-nengruppe, die das "Kraut der Armen" zu sich nahm, verboten wurde. Die Türkei hatte eben-falls mit einer aufsässigen, Haschisch rauchenden Bevölkerung zu tun. Gemeinsam mit ihr und dem Königreich Ägypten brachte Südafrika 1925 den Hanf in die Vertragswerke der Opium-Konferenz des Völkerbundes ein. Nach einer Kampfabstimmung von 9 zu 7 wurde die Droge dann verboten. Als Ägypten zusicherte, keine Importbeschränkungen für Heroin zu erlassen, stimmte auch das Deutsche Reich für das Verbot. Am 10. Dezember 1929 unterzeichnete Hin-denburg das Opium-Gesetz, das in der Folge bis zur Formulierung des Betäubungsmittel-gesetzes im Jahre 1971 galt und eine Höchststrafe von drei Jahren Gefängnis für den Besitz der Droge festlegte (vgl. RGBl. I43/1929: 215)

Das in den 20er Jahren in einigen europäischen Ländern erlassene Gesetzt, das Cannabis zu sehr in die Nähe des weitaus gefährlicheren Opiums rückte, sollte weit reichende Konsequen-zen für den Konsum dieser Droge haben. Dennoch gab es schon damals etliche wissenschaft-liche Untersuchungen, die eine Ethnografie des Cannabiskonsums in anderen „Kulturkreisen“ lieferten. Im 20. Jahrhundert beschäftigten sich Naturheilkundler und Geheimmittelprodu-zenten, aber auch pharmazeutische Großunternehmen mit Hanfpräparaten und Wirkstoffen, wobei das medizinische Rauchen der Droge gegenüber anderen Applikationsmethoden an Bedeutung verlor. Zwischen 1850 und 1950 wurde in Europa noch ein Zehntel der Cannabis-medikamente in Form von Zigaretten, Räucherpulver und -papier inhaliert.[2]

2.3 Hanfkonsum und westliche Gegenkultur

Eine Renaissance erlebte der Hanf als Droge erst wieder während der Jugendprotestbewegung in den USA und Westeuropa, also Mitte/Ende der sechziger Jahre. Wichtig für sein damals zunehmendes Image war der beschleunigte kulturelle Wandel und die damit zusammenhän-genden gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen. Vor allem Hippies, Beatniks und Freaks bildeten eine Subkultur, die im Untergrund, auf Happenings und psychedelischen Festivals gerne zum Joint griff. In dieser Zeit begann der Konsum von Cannabis vor allem in den USA signifikant zu steigen und erreichte im „Summer of Love“ von 1967 seinen Höhepunkt (vgl. Booth 2004).[3]

„Insgesamt wurde die gesellschaftliche Funktion des Drogenkonsums in den ausgehenden 60er Jahren umgepolt. Nun waren Drogen nicht mehr verwoben mit dem Willen zum normalen, unauffälligen, bequemen Leben. Nun wurden sie zum Vehikel für die Demonstration von Ge-genkultur. In diesem Zusammenhang erhielten sie zwei neue Hauptfunktionen. Die eine war die kontestative: Drogenkonsum, verstanden als Kampfansage an die Gesellschaft, war osten-tativ; es ging um die Herstellung eines öffentlichen Ärgernisses, um die weiterhin sichtbare Zelebration eines alternativen Rituals. Drogenerfahrung wurde visualisiert, zur Schau gestellt: Pop-Art und Flowerpower waren dabei die Verbildlichung, die graphische Umsetzung von neuen Formen und Farbenerfahrungen. Unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Drogen wurde der Zweck verfolgt, die Einfallslosigkeit der dominanten Kultur aufzuzeigen. Die andere Funktion war eine sozialintegrative: Drogenkonsum war weitgehend gruppengebunden. Das Ritual der Drogen war somit für viele ein zentrales Mittel, den subkulturellen Zusammenhalt zu erfahren und zu verstärken. Der Joint hieß eben nicht umsonst ‚joint’. Die ‚Friedenspfeife der Indianer’ war dagegen so populär, weil es hier um eine Identifikation über ein Symbol des Friedens ging. Die Mobilisierungswirkung der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung stellte für diese gegenkulturelle Gruppenintegration eine starke Triebkraft dar“ (Tanner 2001: 147).

2.4 Drogenkultur im Wandel

In den siebziger Jahren brach die Drogensubkultur in den USA und Europa zunehmend aus-einander. Die Herrschenden der westlichen Welt drehten weiter an der Repressionsschraube, wobei das Dispositiv des „War on drugs“ im globalen Maßstab weiter ausgebaut wurde. Ver-stärkte Kriminalisierung, das Aufkommen von Heroin und anderen synthetischen Drogen, führten zur Aufsplitterung subkultureller Bewegungen und zu ihrem Zerfall. Es begann der Rückzug ins Private, gekennzeichnet durch einen ängstlichen Konsum hinter verschlossenen Türen, immer in Sorge, entdeckt und als Drogenkranker denunziert zu werden. So zumindest in vielen westlichen Nationen. Es dominierte die Prohibition und die Militarisierung der Rausch-giftbekämpfung, wie wir sie seit den ausgehenden 60er-Jahren bis heute erleben. Dies trug zur Dämonisierung und Stigmatisierung der Konsumenten bei, teilweise sogar zur gesellschaft-lichen Hysterie gegenüber dem Gebrauch von Haschisch und Marihuana (vgl. Amendt 1990 u. 2003; Bröckers 2004).

Demgegenüber steht heute ein pragmatischer Ansatz, der sich einem pluralistisch-liberalen Gesellschaftsbild verpflichtet fühlt und sich der doktrinären These von einer „drogenfreien Gesellschaft“ widersetzt. „Diese Politik möchte den Teufelskreis, der aus der Prohibitions-politik hervorging, durchbrechen. Sie stuft den Feldzug gegen Cannabis als kontraproduktiv und unnötig ein, verkennt hingegen die Gefahren, die von Opiaten ausgehen, nicht. Doch auch in dieser Beziehung steht nicht die Purifizierung der ‚guten Gesellschaft’ von den ‚bösen Drogen’ im Vordergrund, sondern es wird eine Drogenpolitik gefordert, die sich in erster Linie an den Bedürfnissen jener orientiert, die Probleme mit Stoffen haben, die physisch und psy-chisch abhängig machen“ (Tanner 2001: 254).

Hanfkonsum kann historisch und endlich als Ausdruck einer spezifischen Lebensform betrach-tet werden. Anteilig könnte man sogar von einem gegengesellschaftlichen Konsumverhalten sprechen, das den Widerstand gegen die Zumutungen der wirtschaftlichen Modernisierung und Kommerzialisierung symbolisiert. Stellten die Cannabiskonsumenten traditionell ein homo-genes Publikum dar, so sind „Kiffer“ inzwischen in vielen Ländern (auch in einigen orient-alischen) zu einer heterogenen Gruppe geworden, so dass von einer Subkultur nicht mehr die Rede sein kann. In der europäischen und amerikanischen Jugendkultur ist Cannabis sehr weit verbreitet; von Beginn der 1990er bis Anfang der 2000er Jahre war ein kontinuierlicher Anstieg im Konsum unter Jugendlichen festzustellen, der aktuell die ‚Höchstwerte‘ aus den frühen 1970er Jahren deutlich übersteigt. Parallel hierzu wurde Cannabis seit den 1990er Jahren in diversen Jugendkulturen thematisiert, vor allem im Hip-Hop und Reggae, zudem auch in Filmen und Literatur. Unter vielen Jugendlichen hat sich dabei eine Beiläufigkeit des Konsums eingestellt. Demgegenüber konnte Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre noch ein stärker ritualisierter Cannabiskonsum unter Jugendlichen beobachtet werden. Dazu hat in den gegenwärtig über Jugendkulturen vermittelten Bildern von Cannabis die in der „Hippi-ezeit“ noch vordergründige Funktion der Droge als Symbol der Rebellion stark an Wirksam-keit eingebüßt. Auch gibt es unter jugendlichern Cannabiskonsumenten eine wachsende Minderheit, die die Droge aufgrund vielschichtiger sozialer und psychischer Probleme systematisch missbraucht.[4] Mit dem zunehmenden Wandel vom rituellen zum profanen Konsum verliert die Droge mehr und mehr ihre kulturelle und spirituelle Bedeutung, die sie in früheren geschichtlichen Epochen noch hatte (vgl. Gaskin 2004).

3. Alkohol im Altertum und in der Antike

Neben dem Hanf ist der Alkohol eine der ältesten Drogen der Welt. Schon oft zeigte er seine Schattenseiten, wenn es um Grausamkeiten und Zerstörung in der Welt ging. Immer wieder verstärkte er das Elend der Armen und zerbrach das Glück von Familien. Als „Wasser des Lebens“, „Sprache der Wahrheit“, „Balsam der Seele“, „Retter in der Not“ und „des Menschen letzter Trost“ preist man bis heute seine Sonnenseiten. Als Genussmittel kann er das Leben der Menschen versüßen, kann es durch Missbrauch und Abhängigkeit aber auch sukzessive zer-stören.

Der Name „Alkohol“ stammt sprachgeschichtlich aus dem Akkadischen, der alten Sprache der Babylonier, wo er aber unter dem Namen „Guhlu“ bekannt war. Erst später gelangte sein Name über das arabische „alkul“ in die Alchemie (die Lehre von der Umwandlung der Stoffe). Hier bezeichnete man ihn als das „feinpulvrige Substrat der Dinge“ oder das „sehr feine Puder“. Erst im 16. Jahrhundert übertrugen Paracelsus - und einige Jahre später Libavius - den Begriff sinngemäß auf flüssigen Branntwein, dem „alcool vini“. Ob sich in vormoderner Zeit ein den Alkoholika entsprechender Oberbegriff herausbildete, bleibt zweifelhaft (vgl. Gerchow/ Heber-le 1980). „Erst bei den Iatrochemikern[5] des 17. Jahrhunderts setzte sich die Absicht durch, dass in Wein, Bier und Branntwein genau dieselbe berauschende Substanz enthalten sei. Diese wurde jedoch als ‚Oel’ oder ‚Spiritus’ bezeichnet. ‚Alkohol’ und dann auch: ‚Aethylakohol’ wurde vielmehr in der chemisch-technischen Fachsprache der ersten Hälfte des 19. Jhs. gemein, als es die Alkoholometrie ermöglichte, den Alkoholgehalt von Flüssigkeiten zu bestimmen; von dort wurde sie dann umgangssprachlich“ (Spode 2001:28).

Schon in biblischer Zeit spielte Alkohol als Genussmittel eine große Rolle im alltäglichen Leben der Menschen. Nachweisbar wurde Bier im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris bereits im 4. Jahrtausend vor Christi Geburt getrunken. Man vermutet, dass es Sumerer waren, die in Mesopotamien das erste Bier brauten. Doch der Trank, der dort im Krug der Orientalen schäumte, hatte geschmacklich nicht viel mit dem zu tun, was wir heute unter Bier verstehen. Neben Wasser und Gerste wanderten nämlich noch Feigen, Datteln, Senf und Kardamom in den Gärbottich (vgl. Farber 1982)

In der Antike wurde Alkohol zu einem bedeutenden und sogar sakralen Genussmittel. Die All-tagswelt war noch nicht vom Übernatürlichen getrennt, so dass man in vielen der damaligen Kulturen glaubte, der Alkohol sei ein Geschenk der Götter. In den Mythen der Ägypter war es Osiris, der ägyptische Gott des Jenseits, der Wiedergeburt und der Toten, aber auch der Gott der Vegetation, des Nils und der Fruchtbarkeit, der den Menschen den Anbau von Wein und die Herstellung von Bier lehrte (vgl. Schneider 1953).

Auch im antiken Griechenland trank man gerne Wein, da man wusste, dass er die Zunge löst und die Trinkenden selig macht. Im antiken Mythos übergibt der Weingott Dionysos dem irdischen Ikaros eine Rebe und lehrt ihn die Weinbereitung. Als Ikaros jedoch seinen Gästen den Trank anbietet, erschlagen sie ihn, da sie glauben, er wolle sie vergiften. Auch wenn es sich hier um einen Mythos handelt, so weist dieser doch auf die Sonnen- und Schattenseiten des Weines hin: Einerseits würdigt man seinen Anbau und seine Verarbeitung als kulturelle Leistung, andererseits schreckt man vor den Gefahren zurück, die mit seinem Konsum verbun-den sind.

[...]


[1] Auch als „Morphium“ bekannt, abgeleitet von Morpheus, dem griechischen Gott der Träume und des Schlafes.

[2] Der Vorteil beim Inhalieren liegt in der raschen Wirkung und der damit zusammenhängenden Möglichkeit der

Dosierung während der Applikation (vgl. Behr 1980).

[3] Der Ausdruck „Summer of Love“ bezeichnet den Sommer 1967, als die sogenannte Hippiebewegung auf ihrem

Höhepunkt angelangt war. Oft wird fälschlicherweise angenommen, der „Summer of Love“ bezeichne den Som-

mer des Jahres 1969, in dem das Woodstock Festival stattfand.

[4] Der Anstieg des Cannabiskonsums in unserer Gesellschaft gibt Anlass zur Sorge, da sich ca. 15.000 Jugendliche jährlich im Zusammenhang mit Cannabismissbrauch in therapeutische Behandlung begeben.

[5] Iatrochemiker: von (griech.) iatrós = Arzt; nach Paracelsus: med. orientierter Chemiker.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V146049
ISBN (eBook)
9783640554041
ISBN (Buch)
9783640553587
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozial-, Kulturgeschichte, Alkohol-, Hanfkonsums, Orient, Okzident
Arbeit zitieren
Dr. Burkhard Kastenbutt (Autor), 2010, Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146049

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