Propaganda in der frühen Reformationsbewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 2,3

M.A. Patrick Geiser (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Propaganda im Zeichen der Reformation

3. Medien und Alphabetisierung
3.1 Druck, Publikum und Alphabetisierungsgrad
3.2 Medienformen der Propaganda
3.2.1 das Flugblatt
3.2.2 Musik und populäre Kultur im frühmodernen Deutschland

4. die Adelschrift - Luther und Evangelischer Publizismus

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die Reformation als Kommunikationsereignis ist vor dem Hintergrund einer sensibilisierten, krisenbewussten Umwelt zu sehen, welche alle Schichten der Bevölkerung erfasste. Die Kommunikation der frühen Reformation kann nicht nur durch das gedruckte Wort allein determiniert gesehen werden. Ziel dieser Arbeit ist es unter anderem das Zusammenspiel gedruckter und mündlicher Propagandaformen aufzuzeigen. Dabei wird zunächst näher auf den Begriff Propaganda eingegangen und diese unter dem Aspekt der Reformation belichtet. Im dritten Kapitel wird auf die generelle Bedeutung des Drucks und der mündlichen Informationsübertragung eingegangen, wobei auch die Audienz der frühen Reformation und deren Alphabetisierungsgrad erläutert werden. Als Beispiel für gedruckte und mündliche Verbreitungsformen der Propaganda werden in der Folge das Flugblatt sowie das Liedgut der frühen Reformationsbewegung unter die Lupe genommen. Während das gebildete Volk Zugang zu den aufblühenden Printmedien, wie dem Flugblatt hatte, war die breite Masse mehr von traditionellen Medien wie Holzschnitt, Predigten und nicht zuletzt dem Liedgut abhängig. Kapitel 3.2.2 beschäftigt sich mit dem Gewicht populärer Lieder während der Reformation in Deutschland und der Frage, wie es das Liedgut schaffte propagandistische Ideen durch alle Schichten der deutschen Gesellschaft zu verbreiten. Der Fokus liegt dabei auf dem unteren Gesellschaftsschicht, welche nur einen limitierten Zugang zur Polemik der Printmedien hatte.

Das vierte Kapitel wird darlegen in welchem Ausmaß Luther im Gegensatz zu katholischer Polemik veröffentlicht wurde. Anhand der Adelschrift wird gezeigt, wie sich Luther gegen die katholische Kirche und den Papst auflehnte und welchen Faktor dabei auch der deutsche Nationalgedanke spielte, um das breite Volk für sich zu gewinnen. Darüber hinaus wird meine Arbeit im zweiten Teil der Frage nachgehen, welche Rolle Luther hinsichtlich der Medienkampagne und des deutschen Reiches tatsächlich einnahm.

2. Propaganda im Zeichen der Reformation

„Unter Propaganda versteht man die gezielte und organisierte Verbreitung einer Nachricht oder Ideologie, meist im politischen Umfeld. Der Propagandatreibende hat das Ziel, das soziale Handeln und Denken anderer im eigenen Sinn zu beeinflussen. Eine jeweils konkret verbreitete Information kann richtig oder falsch sein. Gelegentlich bezeichnet „Propaganda” auch die Werbung in der Wirtschaft.“1

Der Zweck der Propaganda in der Reformation war die Verbreitung und Treueschwörung einer konfessionellen Botschaft. Dies jedoch führte zu Problemen, da die Botschaft in klare und einfache assimilierte Form gebracht werden musste. Alte Gedanken und Werte mussten eben gemacht werden und darüber hinaus galt es mächtige Symbole des Anhangs der neuen Bewegung zu schaffen. Diese mussten in eine geordnete Struktur von Werten und Loyalität - in ein neues symbolisches Universum integriert werden.

Eine Technik von Propaganda ist der vorgetäuschte Diskurs, d.h. obgleich kaum Dialog mit der Zuhörerschaft besteht, funktioniert sie aufgrund der Annahme, diese würde bestehen: “it assumes that there is an audience ‚out there’ on which it is having effect, and because it must anticipate the response of that audience in order to achieve its maximum effect.“2 Eine Methode der Hinführung zu diesem Dialog ist die Kontaktaufnahme mit der Hörer- und Leserschaft anhand eines Mediums. Die Propaganda in der Reformation traf die breite Masse der Deutschen, also vor allem das einfache Volk. Somit war es möglich, das gewöhnliche symbolische Universum, welches von Propagandisten angenommen wurde, zu jenem deutscher populärer Kultur und Glaubens werden lassen zu können: “Propaganda lässt sich ohne Schwierigkeiten im Bereich der geistigen bzw. ideellen politischen oder religiösen Werbung verorten, wobei nicht selten mit den Mitteln der Stereotypisierung, des Feindbildaufbaus und der Stigmatisierung gearbeitet wird und versucht wird, durch eine starke Emotionalisierung auf ein potentielles Publikum zu wirken.“3

3. Medien und Alphabetisierung

3.1 Druck, Publikum und Alphabetisierungsgrad

Die Druckerpresse wurde etwa 70 Jahre vor Beginn der Reformation, im Heilligen Römischen Reich erfunden. Um 1500 existierte sie bereits in über 200 Städten innerhalb Europas. Um 1520 gab es schon 62 Pressen im Deutschen Reich, wobei Köln, Nürnberg, Straßburg, Basel, Wittenberg und Augsburg die führenden Veröffentlichungszentren waren.

Der Druck, eines der tragenden Fundamente für die Bewegung religiöser Reformen, trug die Verantwortung für die rapide Verbreitung reformatorischer Ideen während dieser Epoche. Dieses Fundament reichte von Bibeln, Büchern, Flugblättern und Liedern populärer Unterwerfung bis hin zur geistlichen Erziehung und theologischen Wissenschaft. Seit Luthers Revolte gegen die Kirche wurden die neuen Ideen der lesenden Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sobald sie geschrieben waren. Ein wichtiger Faktor dieses Prozesses war der bewusste Gebrauch gedruckter Propaganda, welche an das gesamte deutsche Volk adressiert war. Ihr großer Erfolg war, dass der neue Glaube als populäre Bewegung mit der Masse als Basis präsentiert wurde.

Da sich die Funktion des Druckers, Verlegers und Buchhändlers oft in einer Person vereinigte, fiel dieser Person mit der Auswahl der Texte und Illustrationen eine wichtige Steuerungsfunktion zu: “Insbesondere katholische Verfasser von religiösen Flugblattexten konnten in Zeiten mit starken konfessionellen Spannungen bisweilen nur unter Schwierigkeiten eine druckwillige Werkstatt finden.“4 Dies führte oft zu einer ausgerichteten Zensurpolitik.

Die effektivsten frühen Formen gedruckter, populärer Literatur waren Flugblätter, Blockbücher, Bilderbögen oder primitive Witzbilder. All diese Formen unterlagen dem Gebrauch des Holzschnitts, dem haltbarsten Mittel der Massenbildreproduktion. Holzschnitt war bereits vor dem Druck, Ende des 14. Jahrhunderts, das erste Medium von Massenzirkulationen. Die frühesten Holzschnitte entstanden als so genannte Einblattholzschnitte zwischen 1400 und 1550 zunächst in alpenländischen und bayerischen Klöstern. In der Reformation kam es zu einer Form, bei welcher sich der Holzschnitt mit Abbildungen kreuzte. Dies war eines der Propagandamittel, welches jedoch stark der Doppeldeutigkeit unterlag, sprich Missverständnisse für das Volk mit sich brachte. Zusammen mit dem Druck sorgte der Holzschnitt für Verständnis einerseits, und schuf in der Folge auf der anderen Seite die Grundlage für Treffpunkte Menschen jeglichen Bildungsgrades:

“ If communication in early modern germany was made up of reading, listening and looking, texted broadsides with woodcuts spoke in all three languages when they were posted in public places and read aloud, as often happened.”5

Mündliche Formen der Propaganda erschienen in gedruckten Predigten, Balladen, Liedern, Gedichten, Bauernregeln und berichteten Konversationen.

„The Reformation was an urban event.“6, so der Historiker A.G. Dickens. Wenn dies zutrifft, war die Reformation jedoch ebenso ein Ereignis der Minderheiten, da lediglich 10 % der Bevölkerung in Städten wohnten. Die Zuhörerschaft muss vom Blickwinkel der Gelehrten äußerst klein gewesen sein. Nichtsdestotrotz, während der kritischen Periode von 1519 bis 1529, als die Schlacht um die Ansicht der städtischen Laien am heißesten war, bedienten sich

80 % jeglichen Drucks von Luthers Arbeiten sowie anti-katholischer Polemik in Mundart. Im Gegensatz dazu war weniger als die Hälfte des katholischen Drucks in deutscher Sprache. Evangelisten zielten ihre Argumente auf eine breite Zuhörerschaft, welche auch gebildete Laien umfasste. Auf der anderen Seite adressierten Katholiken an eine kleinere Zuhörerschaft, welche „Meinungsführer“ wie Geistliche, Ratsmitglieder und Machthaber in ihren Reihen hatte. Dieser Unterschied reflektiert dazu den akademischeren Hintergrund der katholischen Publizisten.

Wenn man annimmt, dass Publizisten bei der Wahl ihrer Publizierungen weniger ihrer persönlichen religiösen Überzeugung, sondern mehr dem Ruf des Marktes und somit dem Profit folgten, kann man davon ausgehen, dass gebildete Laien die Dominanz des evangelischen Marktes und somit den Protestantismus gegenüber dem Katholizismus b]efürworteten. Dies hat keine Aussagekraft darüber, weshalb sie inhaltlich evangelische Schriften den katholischen vorzogen, aber macht die Präferenz dennoch klar.

Die Bedeutung des Drucks als Propagandamittel ist also nicht zu leugnen. Tatsache ist jedoch, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung im Anfangsstadium der Reformation weder Lese- noch Schreibfähigkeit besaß. Dieser Analphabetismus war sowohl geografisch als auch sozial eingeschränkt. Der Alphabetisierungsgrad war vor allem auf Städte im kulturell entwickelten Süden konzentriert. In Württemberg existierten in den 1520er Jahren 89 Schulen was bedeutet, dass es in jeder zweiten Stadt eine Schule gab. Ganz anders jedoch sah die Situation beispielsweise im Osten aus: “(…) there was no more than a handful of schools in Saxony by the late 1520’s all of them urban.“7 Darüber hinaus war Lesen und Schreiben im Großen und Ganzen eine Tugend der Geistlichen. Pragmatische Lese- und Schreibfähigkeit war zwar als Mittel des Handels teilweise vorhanden, jedoch war dies weit vom Gebrauch des Schreibens als autonomes Mittel der Kommunikation von Seiten der gesellschaftlichen Mehrheit entfernt Die Alphabetisierungsrate unter den etwa 12 Millionen Einwohnern des Reiches lag zu Beginn des 16. Jahrhunderts bei etwa 5%, in den Städten und im kulturell weiter entwickelten Südosten zwischen 10% und 30%. Nichtsdestotrotz sieht Robert Scribner das gedruckte Wort als Basis für die Intensität der reformatorischen Bewegung, wohingegen das gesprochene Wort als das Werkzeug galt, wodurch die Masse ihre Nachrichten, ihre Informationen und ihre religiöse Erziehung erfuhr: “ (…) the importance of ‚’hearing’ in the reformation cannot be overemphasized.“8 Selbst für Gebildete war das gesprochene Wort ein mächtigeres und direkteres Erlebnis als das Lesen. Wenn gelesen wurde, dann meist laut damit auch Menschen in der unmittelbaren Umgebung ihren Nutzten davon hatten. Zugang zu gedruckten Wörtern hatte somit lediglich eine kleine, wenn auch stetig wachsende gebildete Elite: „Für das 16. Jahrhundert ist eine rapide Zunahme sowohl der Druckerzeugnisse als auch der Lesefähigkeit zu verzeichnen“9. Die Reformatorischen Ideen halfen bei der bei der Verbreitung der Lesefähigkeit in ähnlich hohem Ausmaß, wie der Druck die Veröffentlichung forderte. Rolf Engelsing formulierte dies wie folgt: „ (...) a time of high ideological interest, such as the reformation, the French Revolution ort, the age of Social Democracy, creates a demand for knowledge which increases reading (and writing) ability.”10

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden pro Jahr nur 40 Ausgaben von Arbeiten auf Deutsch hergestellt. Bereits 1519 gab es 111 neue Titel, wobei ein Drittel dieser von Martin Luther selbst stammten. Der Druck war Zugabe, und kein Ersatz für mündliche Kommunikation. Höchstwahrscheinlich erfuhr die breite Masse den Druck nur passiv, sprich durch das Vorlesen einer anderen Person. Sie musste sich nicht ausschließlich den konzentrierten Arten der Kommunikation, wie dem Druck widmen, sondern erfuhr auch Kreuzungen der Medien wie das laute Vorlesen, Vorträge aus Texten oder nicht alphabetischen Zeichen und deren Deutung, wie Abbildungen. Diese waren bei weitem nicht von den Printmedien ausgeschlossen. Kommunikation beinhaltete somit zu Beginn des 16. Jahrhunderts lesen, zuhören und sehen. Dabei wurde dem Sehen und Erkennen mindestens das gleiche Gewicht wie dem Lesen eingeräumt, was bedeutet, dass der Druck in engem Zusammenhang mit visuellen Formen der Kommunikation gesehen wurde: “Printing made possible the exactly repeatable literary statement. It thus fulfilled the same communication function for the illiterate and the semi-literate that printing fullfilled for those able to read in the narrow sense.“11

[...]


1 http://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda.

2 Scribner, Robert W., For the Sake of the Simple Folk - Popular Propaganda for the German Reformation, Oxford 1994, S.

3 Kunczik, Michael, Propaganda im Zeitalter der Reformation - Persuasive Kommunikation im 16. Jahrhundert, St. Augustin 1989, S. 5.

4 Oelke, Harry: Die Konfessionsbildung des 16.Jahrhunderts im Spiegel Illustrierter Flugblätter, Berlin/ New York, 1992, S.105.

5 Oettinger, Rebecca Wagner, Music as Propaganda in the German Reformation, Burlington 2001, S. 27.

6 Edwards, Mark U., Printing, Propaganda and Martin Luther, University of California Press, 1994, S. 31.

7 Scribner, R. W : For the Sake of the Simple Folk- Popular Propaganda for the German Reformation, Camebridge 1981, S. 2. 4

8 Oettinger, Rebecca Wagner, Music as Propaganda in the German Reformation, Burlington 2001, S. 24.

9 Kunczik, Michael, Propaganda im Zeitalter der Reformation- Persuasive Kommunikation im 16. Jahrhundert, St. Augustin 1989, S. 7.

10 For the Sake of the Simple Folk, S.2.

11 For the Sake of the Simple Folk, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Propaganda in der frühen Reformationsbewegung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V146059
ISBN (eBook)
9783640568680
ISBN (Buch)
9783640568604
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Propaganda, Reformationsbewegung
Arbeit zitieren
M.A. Patrick Geiser (Autor), 2007, Propaganda in der frühen Reformationsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146059

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