Karel Reiner, einer der wichtigsten Vertreter der tschechischen Avantgarde-Musik, war unter zwei Diktaturen aus unterschiedlichen Gründen politischer Verfolgung bzw.Diskriminierung ausgesetzt. Die vorliegende Arbeit versucht, am Beispiel der Biografie
und des Klavierwerkes dieses jüdischen Komponisten die komplexen Zusammenhänge von politischen Rahmenbedingungen und dem Schaffen dieses Künstlers aufzuzeigen und zu erörtern. Ausgehend von Selbstzeugnissen Karel Reiners und Aussagen engster Vertrauter und
Freunde sowie umfangreicher Archivrecherchen, werden in der vorliegenden Arbeit biografisch und künstlerisch relevante Stationen des Werdeganges eines Opfers zweier Diktaturen aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht.
In der Darstellung werden bewusst biografische und werkanalytische Gesichtspunkte miteinander verflochten, da auf diesem Wege die Beantwortung der Frage nach den wechselweisen Zusammenhängen von politischem Kontext, Entstehungsgeschichte und
Komponistenintention am ehesten realisierbar scheint.Im Rahmen dieser Arbeit soll auch kritisch hinterfragt werden, warum die Musik Karel Reiners, der als Komponist und Pianist im Ghetto Theresienstadt wirkte, bis heute kaum Beachtung im Rahmen sich ständig mehrender Gedenkkonzerte findet. Diese Gedenkkonzerte werden nur allzu oft mit Bezeichnungen, wie „Musik aus Theresienstadt“ etikettiert und wirken damit gelegentlich sogar der eigentlichen Intention solcher Veranstaltungen kontraproduktiv entgegen, indem sie den Fokus auf die zweifellos
zahlreichen kulturellen Aktivitäten hinter Stacheldraht richten, nicht jedoch auf die eigentliche von Elend und Tod geprägte Lagerrealität.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
I.1 Gegenstand und Fragestellung
I.2 Quellen und Material
II. Geburtsstunden: Kindheit und Jugend Karel Reiners zwischen Weltkrieg und Neubeginn in der ersten Tschechoslowakischen Republik
II.1 Politische Wirren der Nachkriegszeit
II.2 Vielfalt in der Einheit: Auf der Suche nach dem persönlichen Stil
III. Lehrjahre
III.1 Josef Suk und Alois Hába
III.2 Musikalischer Spagat zwischen „Volkston“ und „Viertelton“
III.3 Vielschichtige Aufgaben: Emil František Burian und das Theater D 34-38
IV. Wachsende Bedrohung: Nationalsozialistische Machtübernahme und Liquidierung der Tschechoslowakischen Republik
IV.1 Flucht in die Illegalität: Private Hauskonzerte
IV.2 Musikalischer Protest
V. Theresienstadt
V.1 „Mehr als nur die physische Existenz …“: Musik hinter Stacheldraht und Ghettowall
V.2 „Freizeitgestaltung“ als Propaganda
VI. Dem Tode entkommen: Rückkehr nach Prag
VI.1 Neubeginn in der „Sozialistischen Republik“
VI.2 Kader, Kunst und Komponisten
VII. Gescheiterte Träume: Der „Prager Frühling“ und seine Konsequenzen
VII.1 Parteiaustritt mit Folgen
VII.2 Erneute Verdrängung
VIII. Zu Möglichkeiten und Grenzen der „Oral History“ für die Biografie-Forschung am Beispiel des Komponisten Karel Reiner
IX. Politische Dimensionen im (Klavier)-Werk Karel Reiners
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Lebensweg und das kompositorische Schaffen des tschechisch-jüdischen Künstlers Karel Reiner unter dem Einfluss zweier totalitärer Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Das Ziel ist es, die komplexen Wechselwirkungen zwischen den politischen Rahmenbedingungen, der persönlichen Biografie des Komponisten und seinem künstlerischen Ausdruck aufzuzeigen, wobei insbesondere seine Solo-Klavierwerke im Zentrum der Analyse stehen.
- Biografische Stationen von Karel Reiner unter nationalsozialistischer und kommunistischer Herrschaft.
- Werkanalytische Untersuchung der Solo-Klavierwerke als Spiegel der künstlerischen Entwicklung.
- Die Rolle von Musik als Ausdruck von Widerstand und Protest in totalitären Systemen.
- Methodische Reflexion über den Einsatz von „Oral History“ in der Biografie-Forschung.
- Kritische Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte Reiners im Kontext der Gedenkkultur.
Auszug aus dem Buch
II.2 Vielfalt in der Einheit: Auf der Suche nach dem persönlichen Stil
Neben seinen Klavierstudien begann Karel Reiner schon frühzeitig mit autodidaktischen Kompositionsstudien. Gerade 18jährig schrieb er Neun lustige Improvisationen (1928/29), die zu Beginn der 1930er Jahre als sein op. 1 gedruckt wurden und die der Autor selbst am 23. 11. 1934 in einem Konzert uraufführte. Von den ursprünglich 25 kurzen Improvisationen, die der Komponist schrieb, hielten lediglich neun seiner Selbstkritik stand. Hierbei handelt es sich um rhythmisch und melodisch stark kontrastierende Miniaturen, die – häufig auf der Ganztonskala basierend – die Vorliebe Reiners zu „Kurzformen und ungebundener Melodiebildung“ erkennen lassen.
Die einzelnen Stücke sind mit folgenden Bezeichnungen versehen: I. Moderato – II. Allegretto – III. Moderato – IV. Allegro – V. Živě [lebhaft]– VI. Allegro moderato – VII. Moderato – VIII. Allegro – IX. Rychle [schnell].
Zusätzlich gibt Karel Reiner für seine Kompositionen genaue Metronomzahlen vor und notiert trotz der Kürze der einzelnen Stücke zahlreiche und sehr genaue Interpretationsvorgaben in Bezug auf Dynamik, Artikulation, Phrasierung, Tempo und Agogik. Diese Genauigkeit der Notation, die dafür spricht, dass Karel Reiner sehr konkrete Vorstellungen über die Art und Weise des Vortrags seiner Kompositionen hatte, lässt sich für all seine Werke konstatieren und wird insbesondere bei seinen Klavierkompositionen auf eigene Spielerfahrungen gegründet sein. Auch Rückschlüsse auf die eigene Spielweise des Komponisten sind denkbar. Dennoch lassen die zahlreichen Interpretationsvorgaben noch genügend Raum für vielseitige Interpretationen dieser kontrastierenden Miniaturen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Berührungsebenen von Musik und Politik ein und legt den Fokus auf die Biografie und das Klavierwerk des jüdischen Komponisten Karel Reiner unter zwei Diktaturen.
I.1 Gegenstand und Fragestellung: Das Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise, die biografische und werkanalytische Gesichtspunkte verflechtet, und begründet die Konzentration auf die Klavierwerke sowie die Notwendigkeit von Zeitzeugenbefragungen.
I.2 Quellen und Material: Hier werden die verwendeten Quellen, wie Manuskripte, Briefwechsel, Notenmaterial und Zeitzeugengespräche, beschrieben und deren Bedeutung für die biografische Rekonstruktion dargelegt.
II. Geburtsstunden: Kindheit und Jugend Karel Reiners zwischen Weltkrieg und Neubeginn in der ersten Tschechoslowakischen Republik: Dieses Kapitel beschreibt die kulturell geprägte Kindheit des Komponisten in einer Atmosphäre des Aufbruchs und des aufkeimenden tschechischen Nationalbewusstseins.
II.1 Politische Wirren der Nachkriegszeit: Der Abschnitt analysiert die Auswirkungen der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik auf das unmittelbare Umfeld des jungen Karel Reiner und seine frühe musikalische Entwicklung.
II.2 Vielfalt in der Einheit: Auf der Suche nach dem persönlichen Stil: Hier werden Reiners frühe kompositorische Versuche, insbesondere die „Neun lustigen Improvisationen“, als Ausdruck seines Strebens nach einem individuellen Stil betrachtet.
III. Lehrjahre: Dieser Abschnitt behandelt Reiners formale Ausbildung, trotz der anfänglichen Bedenken seines Vaters, und seine Hinwendung zum Kompositionsstudium.
III.1 Josef Suk und Alois Hába: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss von Josef Suk und Alois Hába, die als Reiners Lehrer seine musikalische Entwicklung maßgeblich prägten.
III.2 Musikalischer Spagat zwischen „Volkston“ und „Viertelton“: Der Autor untersucht hier das Klavierwerk „Dvanáct“ und dessen Stellung im Spannungsfeld zwischen verschiedenen musikalischen Ansätzen.
III.3 Vielschichtige Aufgaben: Emil František Burian und das Theater D 34-38: Dieses Kapitel widmet sich Reiners Tätigkeit als musikalischer Leiter am experimentellen Burian-Theater und seiner musikalischen Arbeit mit avantgardistischen Strömungen.
IV. Wachsende Bedrohung: Nationalsozialistische Machtübernahme und Liquidierung der Tschechoslowakischen Republik: Hier wird der Einfluss der politischen Radikalisierung und der wachsenden antisemitischen Bedrohung auf Reiners Leben und seine Arbeit geschildert.
IV.1 Flucht in die Illegalität: Private Hauskonzerte: Der Abschnitt dokumentiert die Bedeutung privater Hauskonzerte als Form des geistig-kulturellen Widerstandes gegen die Repressalien des NS-Regimes.
IV.2 Musikalischer Protest: Dieses Kapitel analysiert die 2. Klaviersonate als Ausdruck musikalischen Protests und politischer Verarbeitung der Okkupationszeit.
V. Theresienstadt: Der Abschnitt skizziert die Rolle von Theresienstadt als Ghetto und die dortigen kulturellen Aktivitäten im Kontext der nationalsozialistischen Propaganda.
V.1 „Mehr als nur die physische Existenz …“: Musik hinter Stacheldraht und Ghettowall: Hier wird das musikalische Leben unter den Extrembedingungen des Ghettos und Reiners Einsatz für die kulturelle Selbstverwaltung untersucht.
V.2 „Freizeitgestaltung“ als Propaganda: Dieser Teil beleuchtet die perfide Nutzung der kulturellen Aktivitäten durch die NS-Lagerleitung zu Propagandazwecken gegenüber der Außenwelt.
VI. Dem Tode entkommen: Rückkehr nach Prag: Das Kapitel beschreibt das Überleben der Internierung und die schwierige Rückkehr des Ehepaars Reiner in das befreite Prag.
VI.1 Neubeginn in der „Sozialistischen Republik“: Der Abschnitt widmet sich den ersten Nachkriegsjahren und Reiners beruflicher Tätigkeit in einem neuen politischen System.
VI.2 Kader, Kunst und Komponisten: Hier werden Reiners künstlerisches Wirken und seine gesellschaftlichen Ämter nach 1948 und in den 1960er Jahren reflektiert.
VII. Gescheiterte Träume: Der „Prager Frühling“ und seine Konsequenzen: Das Kapitel analysiert die politische Enttäuschung nach 1968 und deren Auswirkung auf Reiners Leben.
VII.1 Parteiaustritt mit Folgen: Der Autor schildert hier die persönliche Entscheidung Reiners zum Parteiaustritt und die daraus resultierenden beruflichen Konsequenzen und Aufführungsverbote.
VII.2 Erneute Verdrängung: Dieser Teil beschreibt die zunehmende Isolierung Reiners in seinen letzten Lebensjahren und den Kampf seiner Freunde für die Aufführung seiner Musik.
VIII. Zu Möglichkeiten und Grenzen der „Oral History“ für die Biografie-Forschung am Beispiel des Komponisten Karel Reiner: Das Kapitel reflektiert methodisch den Wert von Zeitzeugeninterviews bei der Rekonstruktion des Lebens und Werkes von Karel Reiner.
IX. Politische Dimensionen im (Klavier)-Werk Karel Reiners: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse über die politische Bedeutung in Reiners Musik und die Problematik ihrer Rezeption im Kontext totalitärer Systeme.
Schlüsselwörter
Karel Reiner, Tschechoslowakische Avantgarde, Klavierwerke, Theresienstadt, Musik und Politik, Nationalsozialismus, Kommunistische Diktatur, Oral History, Musikalischer Widerstand, Alois Hába, Josef Suk, E. F. Burian, Klaviersonaten, Gedenkkultur, Biografieforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Leben und das kompositorische Werk des tschechisch-jüdischen Künstlers Karel Reiner unter dem Einfluss der politischen Repressionen durch das nationalsozialistische und das kommunistische Regime.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die biografische Aufarbeitung, die werkanalytische Untersuchung seiner Solo-Klavierwerke, die Rolle der Musik als Ausdruck von Widerstand sowie die methodische Reflexion zur Arbeit mit Zeitzeugenaussagen im Kontext der Biografie-Forschung.
Welches ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie sich die komplexen politischen Rahmenbedingungen der verschiedenen Diktaturen auf die künstlerische Entwicklung und das Klavierwerk Karel Reiners auswirkten und wie man diese Zusammenhänge heute wissenschaftlich erschließen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit verknüpft biographische Forschung mit musikanalytischen Verfahren und integriert intensiv ausgewertete „Oral History“-Interviews, um ein differenziertes Bild der Lebensumstände und künstlerischen Absichten zu erhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte von Reiners Kindheit und Jugend über seine Lehrjahre bei Hába und Suk sowie die Arbeit am Burian-Theater bis hin zu seiner Verfolgung im Nationalsozialismus, dem Überleben im Ghetto Theresienstadt, der Rückkehr nach 1945 und seinem Parteiaustritt nach 1968.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie tschechische Avantgarde, Musik unter Diktaturen, Klavierkomposition, Widerstandskultur und Erinnerungsforschung charakterisieren.
Warum ist die musikalische Arbeit im Ghetto Theresienstadt für das Verständnis des Komponisten so wichtig?
Die Tätigkeit im Ghetto Theresienstadt stellt eine Zäsur in Reiners Leben dar. Die künstlerische Auseinandersetzung in dieser extremen Situation und die spätere Verdrängung seiner dort entstandenen Werke sind essenziell, um Reiners Position in der heutigen Gedenkkultur zu verstehen.
Welchen Stellenwert nimmt die 2. Klaviersonate in Bezug auf das politische Engagement des Künstlers ein?
Die 2. Klaviersonate wird als tiefstes Werk des Komponisten aus der Okkupationszeit betrachtet. Sie dient als direktes Ausdrucksmittel seines Widerstandes und verknüpft Zitate der tschechischen Hymne, des Hussitenchorals und der Internationalen miteinander.
- Quote paper
- Anke Zimmermann (Author), 2004, Verfolgt, verdrängt, vergessen - Die Klavierwerke des tschechisch-jüdischen Komponisten Karel Reiner, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146060