„I’m black and proud“ - Malcolm X

Wirkung, Leben, Vermächtnis


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Separation und schwarzer Nationalismus

3.1. Kindheit und Jugend
3.2. Die Nation of Islam
3.3. Der autonome Weg des letzten Jahres

4. Vermächtnis und Erinnerungskultur

5. Fazit

6. Bibliographie:

1. Einleitung

Welche primären Erinnerungen werden im heutigen kollektiven Gedächtnis bezüglich sozialer Bewegungen hervorgerufen? In Anbetracht von Initiativen wie beispielsweise der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der Antivietnam-Proteste oder der Studentenbewegungen sind es wahrscheinlich in erster Linie weder deren Deklarationen und Prinzipien, noch der große, von der Überzeugung zur gesellschaftlichen Veränderung getragene, Idealismus, an welchen in Reminiszenz vornehmlich gedacht wird. Nein, in der primären gesellschaftlichen Erinnerung manifestieren sich vor allem einzelne Führungspersönlichkeiten, welche sich aus der jeweiligen Bewegung herauskristallisieren, ihre jeweiligen Werte, auf welche man sich berufen kann, und ihre Bedeutung und Rolle als Bezugspunkt; sei es für die breite Masse oder für eine viel geringere Anzahl von Gleichgesinnten.

Speziell in unserer heutigen Erinnerungskultur an die sozialen Bewegungen der 1960er Jahre trifft das Genannte zu. Seien es Namen wie Che Guevara, Rudi Dutschke oder Martin Luther King Jr., sie alle sind in unserer gegenwärtigen allgemeinen Erinnerungskultur vorhanden, doch oft unabhängig in ihrer Bedeutung und nicht immer als einzelnes Zahnrad ihrer jeweiligen Bewegung. Überhaupt ist die Erinnerung an die Initiativen jener Tage, zusammengefasst hauptsächlich unter dem Namen `68-Bewegung bekannt, sehr diskrepant, da sie in Forscherkreisen bis heute Debatten über ihre historische Rolle und ihre Wirkung provoziert.[1]

Betrachtet man diese einzelnen Bewegungen genauer, so fällt auf, dass sie in sich keineswegs eine geschlossene und homogene Argumentationseinheit bildeten, sondern von wiederum verschiedenen Ansichten und Lösungsansätzen in Bewegung gehalten wurden. Dieses Prinzip ist unter anderem auch in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung anzutreffen, sowie im dortigen pluralistischen Verständnis von „black power“; eines der charakteristischsten Schlagwörter der Bewegung in Anlehnung an einen Buchtitel des afroamerikanischen Romanciers Richard N. Whright. Entscheidend geprägt wurde der Begriff vom Bürgerrechtler Stokely Carmichael, der sich als Vorsitzender der SNCC[2] im Jahre 1966 nach einem länger anschwellenden Konflikt mit Martin Luther King Jr. in Jackson von dessen integrationistischen Idealen abwandte und in seiner 1967 veröffentlichten Schrift „Black Power“ erstmals den institutionellen Rassismus zu definieren versuchte. King interpretierte den Begriff hinsichtlich seiner integrativ-pazifistischen Leitlinie hingegen als Emanzipation der Afroamerikaner in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Andere konservative schwarze Bürgerrechtler sowie die amerikanische Presse wiederum sahen in „Black Power“ einen Appell zu gewalttätigen Aktionen. Für Carmichael, welcher sich inzwischen von den nur mäßigen Erfolgen einer friedlichen Lösung enttäuscht zeigte, rief als Gegenpol zum „white power“ zum radikalen „black power movement“ auf.[3]

Zugleich schloss Carmichael, der später zu den Mitgliedern der „Black Panthers“ zählen sollte, alle weißen Organisations-Gefährten aus der SNCC aus und war überzeugt, dass die Bürgerrechtsbewegung ihre Ziele schlussendlich nur dann erreichen konnte, wenn sie ausschließlich von Afroamerikanern geführt, beaufsichtigt und finanziell unterstützt wurde beziehungsweise „black staffed, black controlled, and black financed“. Dieser Tendenz gegenüberstehend, distanzierten sich Gewalt verurteilende schwarze Organisationen wie die NAACP[4] von der SNCC und verurteilten den „black power“-Begriff. Als 1968 , im Todesjahr Martin Luther Kings, Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen in Mexiko bei einer Siegerehrung auf dem Podest ihre Faust im schwarzen Handschuh zum „black-power“-Gruß in die Höhe streckten, erlangte die Bewegung internationale Bekanntheit. Doch war nicht Carmichael das geistige Rückgrat des „black power movements“, sondern hatte die Bewegung ihren Ursprung in der Denkrichtung des schwarzen Nationalismus und ihrem mitunter wichtigsten Vertreter Malcolm X, mit welchen ich mich in dieser Arbeit näher beschäftigen möchte.[5]

Dabei werde ich versuchen in Anbetracht einer definitorischen Erläuterung des schwarzen Nationalismus-Begriffs und dem Werdegang von Malcolm X, seinen Einfluss auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung während seines Lebens und post mortem zu eruieren, um zuletzt einen Blick auf seine Deutung, Konzeption und Erinnerung in heutiger Zeit zu werfen. Ich bin mir dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hoffe aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.

2. Separation und schwarzer Nationalismus

Mit dem Beginn der afroamerikanischen Diaspora 1619, als die ersten schwarzen Sklaven auf einem holländischen Schiff bei Jamestown, Virginia anlandeten[6], waren Afroamerikaner lange Zeit kollektiv aus der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen worden. Obwohl 1776 in der „Declaration of Independence“ allgemeine Menschenrechte postuliert wurden, umfasste dies nicht nur einen systematische Politik des nationalistischen und abstraktideologischen Ausschlusses, sondern auch eine Manifestierung eines rassistisch motivierten Herrschaftsverhältnisses. Mit der von Lincoln erlassenen „emancipation preclamation“ und dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges wurde die Sklaverei und damit die bis dahin existierende direkte Gewaltrelation zwar abgeschafft, doch wurde jene Politik der so genannten „Reconstruction“, welche eine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung verfolgte, alsbald untergraben und durch eine Politik der Rassentrennung und Segregation abgelöst, deren Beschlüsse bis zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung galten und alle gesellschaftlichen Räume bestimmten. Während in den ehemaligen Nordstaaten quasi eine soziale Exklusion vorherrschte, waren im Süden segregative Bestimmungen, wie beispielsweise die so genannten „black codes“, per Gesetz verankert. Dieser weiße Nationalismus, der Afroamerikanern einen gleichgestellten Zugang zu Macht und Ressourcen verwehrte und sie zugleich systematisch aus der Gesellschaft, in der sie lebten, ausschloss, ließ in ihnen eine fundamentale Diskrepanz entstehen.[7]

Dies führte zur gewichtigen afroamerikanischen Frage, inwiefern sie denn nun Teil der amerikanischen Gesellschaft waren oder ob sie denn nun durch permanente Segregation sogar eine eigene ausgegrenzte (Sub-)Nation darstellten. Eine Möglichkeit zur Lösung der Frage konnte die meist dominante Tendenz der Assimilierung oder Integration oder ein in Minderheiten auftretender revolutionärer gesamtgesellschaftliche Veränderungsglauben sein; oder aber auch die Bildung eines eigenen schwarzen Nationalismus in direkter Reaktion auf das „weiße Gegenstück“, um dessen Wert- und Sozialstrukturvorstellungen einer Dekonstruktion zu unterziehen. Das Wort Nationalismus beschreibt den hier vorliegenden reaktiven schwarzen Antirassismus dabei in dieser ersteren Äußerungsform sehr undeutlich, da es sich nicht um einen eigentlichen Nationalismus im klassischen Sinne handelt, sondern im Speziellen eine, durch den schwarzen Kollektivprotest gegen die Segregation hervorgerufene, eigens verfolgte Interessenspolitik und eine Selbstorganisation in einer Widerstandsgemeinschaft meint. Doch kann sich der schwarze Nationalismus in einer weiteren Erscheinungsform, durchaus über diesen Ausdruck von bloßem Antirassismus hinausgehend, auch als Nationalismus „ersten Grades“ äußern, der mit einem nationalistischen Programm agiert und als weitreichender Befreiungsnationalismus gedeutet werden kann. Dadurch wird dieser Typus mit anderen Nationalismen parallelisierbar. Ziel der beiden Erscheinungsformen ist es in ihrer gemeinsamen Eigenschaft eines Entwicklungsnationalismus die durch den ehemaligen Kolonialismus hervorgerufenen und sozial und gesellschaftlich verankerten ethnischen Ungleichheiten abzuschaffen. Sei es der in dieser Hinsicht älteste und während des 19. Jahrhunderts sehr populäre Gedanke einer schwarzen Emigration zurück nach Afrika oder die Gründungsabsicht eines eigenen schwarzen Staates auf dem Gebieten der Vereinigten Staaten, schwarz-nationalistische Strategien zeichnete und zeichnet sich häufig und beständig durch einen separatistischen Charakter aus. Doch ist die separatistische Tendenz nur eine Untergruppe des schwarzen Nationalismus, da auch weitere nichtseparatistische Ideen, wie die Forderung nach kommunaler Selbstbestimmung oder zusätzliche gesellschaftsrevolutionäre Grundvorstellungen existieren. Um die kulminierende Denkrichtung von Malcolm X kurz vor seinem Tode in einem späteren Kapitel nachvollziehbarer zu machen, sei hier auch die in den USA und der Karibik entstandene überstaatliche Spielart des schwarzen Nationalismus in Form des Panafrikanismus genannt, welcher durch das internationale Zusammenwirken aller Schwarzen und aller ehemaligen Kolonien eine Bekämpfung international rassistischer Ausbeutungsstrukturen versucht. Dabei grundlegender Gedanke ist die Überlegung, dass eine Besserung der rassistischen und kollektiven Pression durch die ineinander verschlungenen globalen Strukturen rein in den USA nicht möglich ist. Die verschiedenen inhaltlichen Konzeptionen können durch die unterschiedliche Betonung der meist miteinander auftretenden Elemente des politisch, kulturell, ökonomisch und religiösen Nationalismus voneinander differenziert werden.[8]

Im Laufe der 20er Jahre, dem Jahrzehnt in welchem Malcolm X geboren wurde, fand sich die „black community“ in einer äußerst gespaltenen Lage wieder, da die systematische Segregation sowohl im gesellschaftlichen, wie auch speziell im rechtlichen Sinne, immer noch fundamental dazu beitrug, dass der Lebensalltag eines Afroamerikaners im gesellschaftlichen Kontext meist aus Diskriminierung, Armut und Rassismus bestand. In der „Black Community“ waren die Ansichten über die reaktiven Lösungsansätze grundlegend verschieden.[9] Slave Booker T. Washington, Hauptvertreter einer Akkommodation-Philosophie, hielt es für falsch eine unmittelbare Gleichstellung zu fordern, man solle den Herrschaftsanspruch der weißen Us-Amerikaner und die Segregationsgesetze anerkennen, da es mit der Zeit durch bessere Ausbildung zu einem verbesserten gesellschaftlichen Status und demnach von selbst zur Gleichberechtigung kommen werde. Vertreter weiterer Lösungsansätze wie der Integrationist W.E.B. DuBois bezeichneten diesen Ansatzpunkt auf weiße Konzessionen zu warten als unhaltbar. Indem er bereits 1909 die Organisation NAACP[10] gründete, konnte er seine Forderungen nach einer Gegenwehr, hinsichtlich afroamerikanischer Wählerdiskriminierung und den Segregationsgesetzen, auch auf nationaler Ebene wirksam vorantreiben.[11]

[...]


[1] Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA, München 2001, 111-124.

[2] Student Nonviolent Coordinating Committee, durch separatistische Strömung ab 1969 Student National Coordinating Commitee

[3] Daniel Moosbrugger, Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. „Schwarze Revolution“ in den 1950er und 60er Jahren, phil. Diss. Innsbruck/Bregenz 2003, 147-149.

[4] National Association for the Advancement of Colored People

[5] Jürgen Müller, Die Geschichte des Student Non-Violent Coordinating Committee. Ein Kapitel der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten [Amerikastudien 49], Stuttgart/Tübingen 1977.

[6] Frederick Douglass, Das Leben des Frederick Douglass als Sklave in Amerika von ihm selbst erzählt, Göttingen 1991, 224-228.

[7] Britta Waldschmidt-Nelson, Martin Luther King. Malcolm X. Gegenspieler, Frankfurt am Main 2000, 13-33.

[8] Albert Scharenberg, Schwarzer Nationalismus in den USA. Das Malcolm X-Revival, Münster 1998, 41-51.

[9] Jürgen Weber, Der Us-amerikanische Kulurimperialismus und die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Eine demokratietheoretisch-politologische Analyse [Dissertationen der Universität Wien 36], Wien 1996, 169-172.

[10] National Association for the Advancement of Colored People

[11] Zips, Werner und Kämpfer , Heinz, Nation X. Schwarzer Nationalismus, Black Exodus und Hip Hop, Wien 2001, 56-57.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
„I’m black and proud“ - Malcolm X
Untertitel
Wirkung, Leben, Vermächtnis
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Zeitgeschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V146074
ISBN (eBook)
9783640564736
ISBN (Buch)
9783640564897
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
black, proud, Malcom, Malcom X, MalcomX, black and proud, Seperation, Nation of Islam, Martin Luther King, Black Power, Carmichael, 68, 68er, movement
Arbeit zitieren
Hubert Feichter (Autor:in), 2007, „I’m black and proud“ - Malcolm X, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146074

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „I’m black and proud“ - Malcolm X



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden