Die Phase der relativen Stabilisierung

Aspekte der innenpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation der Weimarer Republik in den Jahren zwischen 1924 und 1929


Seminararbeit, 2008

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation

3. Fragile Koalitionsregierungen und Reichstagswahlen als Gradmesser

4. Von Ebert zu Hindenburg

5. Kultur und Medien der „Goldenen Zwanziger“

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung

Nach den anfänglichen Krisenjahren der Weimarer Republik bis 1923 schien der junge Staat, bei einer flüchtigen Betrachtung der Jahre zwischen 1924 und 1929, eine konsequente Stabilisierungsphase zu durchlaufen. Die von breiten gesellschaftlichen Kreisen nur dürftig gewürdigten außenpolitischen Erfolge Gustav Stresemanns, dadurch nachlassender internationaler Druck, eine kulturelle Blüte und eine vorangekommene Konsolidierung der innerstaatlichen Verhältnisse lassen diesen Eindruck entstehen. In einer vertieften Auseinandersetzung wird jedoch deutlich, dass diese Erfolge in ihrer Strahlkraft wirtschaftliche, gesellschaftliche und innenpolitische Problematiken überschatteten. Demnach scheint eine Stabilisierungstendenz zwar zuzutreffen, doch geschah sie auf diffuser und angreifbarer Basis und war nur von rudimentär-oberflächlichem Charakter. Demzufolge muss viel mehr von einer „relativen Stabilisierung“[1] gesprochen werden. Neben Stimmen, die die besagte Zeitspanne als „relative Normalität“[2] eingerahmt von permanenten Krisen sehen, sprechen deutsche Historiker wie Rudolf Morsey in diesem Zusammenhang auch von einer „Instabilitätsrepublik“, Michael Stürmer nennt die Jahre eine „Geschichte des Versagens“.[3]

Im Zuge dieser Arbeit möchte der Autor die besagte „Stabilisierungsfassade“ der Weimarer Republik in ihren mittleren Jahren dekonstruieren, indem er versucht erhebliche republikanische Konsolidierungsdefizite in Wirtschaft, Gesellschaft, Innenpolitik und Kultur aufzuzeigen. Er ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.

2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation

Der verklärte Blick auf die Jahre zwischen 1924 und ´29 entstand vor allem durch die positiven Zwischenstationen in der Außenpolitik hinsichtlich der Reparationsfrage und den avantgardistischen Tendenzen in Kunst und Kultur, die sich in der prägenden Wortschöpfung der „Goldenen Zwanziger“ widerspiegelten. Betrachtet man die wirtschafts- und finanzpolitische Konjunktur jener Jahre nach der vorläufigen Beendigung der innerstaatlichen Aufruhr und Inflation, fällt ein Urteil darüber weit weniger zusagend aus, da zwar eine relative wirtschaftliche Stabilisierung festzustellen ist, sich dieser ökonomische Aufschwung aber sehr gedämpft und äußerst dezent vollzog.[4]

Nach der Überwindung der massiven Geldentwertung von 1923, über die Autor Stefan Zweig rückblickend bemerkte, dass „nichts das deutsche Volk so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht [hat] wie die Inflation“[5], galt die doppelte Hauptaufgabe der Regierungskabinette darin, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Hyperinflation zu bereinigen und die Basis für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen. Neben der festen Einführung der zu 40 Prozent durch Gold und Devisen gedeckten Reichsmark im August 1924, einer sparsamen Haushaltsführung und der nun vom Regierungskabinett independenten Reichsbank,[6] bildete die vorerst episodenhafte Klärung der Reparationsproblematik am 16. August 1924 in Form des so genannten Dawes-Plans einen wichtigen Schritt für eine wirtschaftliche und finanzpolitische Entspannung. Doch resultierten aus derselben Initiative sowohl positive als auch negative innerstaatliche Konsequenzen.[7] Nachdem die Reparationszahlungen mit dem Dawes-Plan der ökonomischen Kapazität entsprechend angeglichen wurden und zugleich eine die deutsche Ökonomie akzelerierende internationale Anleihe bewilligt wurde, wirkten die Reparationszahlungen, vorerst jährlichmaximal vereinbarte 2,5 Milliarden Rentenmark, zwar immer noch als große Last, doch animierten einsetzende ausländische Finanzströme Rationalisierungs- und Investitionsvorgänge hinsichtlich einer wirtschaftlichen Konjunktursteigerung.[8]

Neben ausländischen vor allem aus den USA stammenden Kapitalinvestitionen verwickelte sich Deutschland daraufhin auch durch die Angewohnheit die Reparationen vornehmlich auf amerikanischer Kreditbasis zu finanzieren in die Vorgänge des dortigen Finanzmarktes. Das rechte Spektrum, das sich in seiner Agitation offensiv gegen die überseeische Subventionsinitiative richtete, und auch die Tatsache, dass die Reparationsproblematik die innenpolitischen Debatten auf Kosten anderer politischer Sachverhalte weiterhin dominierte, problematisierte den Dawes-Plan, der die diplomatischen Beziehungen zu den ehemaligen Gegnern freilich entschärfte und stabilisierte, aber keine Gewährleistung sowohl für eine dauerhafte wirtschaftliche Prosperität als auch für eine beständige ökonomische Stabilität war.[9]

Im gleichen Moment kam es zwar zu einer Senkung der Arbeitlosenquote von 30 Prozent im dritten Quartal des Jahres 1923 auf 11 Prozent im Jahr 1924, welche in den folgenden Jahren jedoch nicht unter acht Prozent sinken konnte, woraus im gesamten Jahrfünft von 1924 bis 1929 eine hohe Sockelarbeitslosigkeit von 2 Millionen Personen resultierte.[10] Grund waren die durch Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen[11] seitens der Industrie geschaffenen Überkapazitäten, die zwar die Konjunktur zu steigern vermochten, aber auf welche mit „Produktionsdrosselung und Personalabbau sozial verantwortungslos reagiert wurde.“[12] Im Konjunkturhoch wurde das Personal schrittweise abgebaut, vor allem Büroangestellte aus dem technischen und kaufmännischen Bereich und Freiberufler waren die Leidtragenden der Rationalisierungsfolgen. Während viele Jugendlichen aus den geburtenstarken Vorkriegsjahrgängen unabhängig von ihrem Bildungsgrad mit der verringerten Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen hatten, verlor im vierten Quartal von 1925 in Folge der so genannten „Reinigungskrise“, einem vorübergehenden Konjunkturtief, jeder vierte gewerkschaftlich organisierte Arbeiter temporär seine Anstellung. Das im April 1927 im Reichstag verabschiedete „Arbeitszeitnotgesetz“ und weitere sozialpolitische Abbautendenzen verschärften das Konfliktpotenzial zwischen Gewerkschaften und Unternehmensverbänden, was wiederum nicht förderlich für das Ansehen der jungen Republik war.[13]

Noch bevor die Weltwirtschaftskrise 1929 den unmittelbaren Anfang des Endes einleitete, waren bereits in den Jahren zuvor „nationale Krisensymptome“ in Form einer Marktschwäche und einer Verlahmung der Konjunktur bemerkbar. So kam es zu einer „strukturellen Verlangsamung“ in der Schwerindustrie und aufgrund des Preissturzes von agrarischen Waren zu einem anhaltenden Innovationsstillstand im landwirtschaftlichen Sektor. Im Gegensatz dazu brachten unter anderem die „neuen“ Industriezweige Chemie, Elektrotechnik, Optik, Maschinenbau und Textilverarbeitung eine Konjunktursteigerung und Wachstumsraten.[14] Obschon aber selbst im Jahre 1928 mit einem konjunkturellen Gesamtniveau von 95 Prozent noch nicht jenes des Vorkriegsstandard von 1913 erreicht worden war[15], konnte sich die Weimarer Republik mit ihren Produktionskapazitäten weltweit auf Rang zwei direkt hinter der industriellen Güterproduktion der USA positionieren. Ein fader Beigeschmack dieser Entwicklung war die dazu parallel verlaufende Monopolisierungstendenz, da sich im Jahre 1927 65 Prozent des gesamten Aktienkapitals der Weimarer Republik in der Hand von Konzernen, Kartellen oder Trusts befanden, wie etwa die 1925 gegründete IG Farben im chemischen Bereich oder die sich 1926 zusammengeschlossenen Vereinigten Stahlwerke im Metallgewerbe.[16]

Im Bezug auf das konjunkturbedingte allgemeine Konsumverhalten als Indikator für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität ist zu sagen, dass bis 1923 eine Phase des „eingeschränkten Konsums“ feststellbar ist, während sich im Jahrfünft von 1924 bis 1929 eine Phase „vermehrten Konsums“ mit einer leichten Verschiebung von Grundausgaben zu Wohlstandsausgaben zeigte. Grund dieser Entwicklung war neben der Konjunktursteigerung auch „technische Rationalisierungen, Massenproduktionen und neue Formen der Distribution von Massengütern.“[17]

Obwohl 1928 ein konjunktureller Abschwung zu verzeichnen war,[18] schien die Gesamtsituation auf eine weitere Konsolidierung und Stabilisierungsphase entgegen zu gehen. Ein Jahr später sollte aber durch die starke Dependenz zum us-amerikanischen Finanz- und Wirtschaftsmarkt ein verhängnisvoller Absturz folgen. Nach dem enormen Export von nordamerikanischem Kapital während der 20er Jahre Richtung Europa kam es durch den am 24. Oktober 1929 stattfindenden Kurssturz an der New Yorker Wall Street zu einem abrupten Ende dieses vor allem für die Weimarer Republik wichtigen Finanzflusses. Die geborgte Prosperität auf der die deutsche Konjunktur basierte raste talwärts, da es neben dem Wegfall der us-amerikanischen Kredite und dem Abzug der bisher getätigten Kapitalinvestitionen zurück Richtung USA[19] auch zu enormen Verluste durch den zwangsweise eingestellten Exporthandel kam. Mit der ökonomischen Hiobsbotschaft des Schwarzen Freitags wurde es offensichtlich, dass die zweite Phase der Weimarer Republik eine „Zeitspanne einer ökonomischen Scheinblüte auf unsicherer, überwiegend ausländischer Finanzbasis“[20] war.

3. Fragile Koalitionsregierungen und Reichstagswahlen als Gradmesser

Im parlamentarischen und parteinpolitischen Geflecht der Weimarer Republik waren in diesen mittleren Jahren mehrere Problematiken auf Reichsebene vorhanden, die die Durchführung einer verfassungskonformen und praktikablen parlamentarischen Regierungsweise erschwerten. Das kontinuierliche Faktum einer ab dem Jahre1920 nicht mehr vorhandenen parlamentarischen Mehrheit im Reichstag, erschwerte die Findung eines beständigen Konsenses in innenpolitischen und außenpolitischen Fragen. Die daraus resultierende Vorgehensweise der Reichskabinette sich auf inkonstante und wechselnde Mehrheiten zu stützen, wirkte sich zusätzlich negativ auf den Parlamentarismus der Weimarer Republik aus.[21]

Nachdem auch gemäßigte, pro-republikanische Parteien wie die SPD, das Zentrum oder die DDP nach 1920 keine Mehrheit auf Reichstagsebene mehr inne hatten und eine Mitbeteiligung von SPD und DNVP in ein und derselben Koalitionsregierung nicht durchsetzbar war, ergaben sich ab Beginn der 20er Jahre drei mögliche Koalitionskonstellationen. Die dabei entstandenen Regierungskoalitionen zeichneten sich neben den vorherrschenden ideologischen Divergenzen der jeweiligen Koalitionspartner vor allem durch ihre Fragilität aus.[22] Die Zeiträume der aktiven Regierungskabinette reichte dabei von kurzen 48 Tagen bis hin zu verhältnismäßig lang wirkenden 21 Monaten.[23]

Die erste von den drei möglichen parteilichen Regierungskonstellationen bildete der so genannte „Bürgerblock“, welcher den Rahmen für eine Koalition zwischen dem bürgerlichen Zentrum, der föderalistisch-konservativen BVP, der rechtsliberalen DVP und der erzkonservativen DNVP schuf. Nach schwerfälligen Koalitionsverhandlungen erreichte der parteilose Hans Luther am 15. Jänner 1925 die erstmalige Konsolidierung eines Mitte-Rechts-Kabinetts,[24] welches wiederum Ende Jänner 1927 unter Wilhelm Marx eine Neuauflage erlebte. Obwohl im „Bürgerblock“ ein innen-und wirtschaftspolitischer Konsens bestand, war man sich in außenpolitischer Hinsicht uneins. Diese Meinungsverschiedenheiten führten dazu, dass die Minister der DNVP, die unter anderem die Reparationsdirektive des Versailler Vertrages durchgehend nicht akzeptierten, nach der Unterzeichnung der Locarno-Verträge aus dem Kabinett Luthers ausschieden.[25]

Obwohl sich Deutschland durch den geglückten Locarno-Coup definitiv der außenpolitischen Isolierung entledigt sah, war Hans Luther nun dazu gezwungen, im Jahre 1926 ein Minderheitskabinett aus Zentrum, DVP, DDP und BVP als ehemalige Mitglieder des „Bürgerblocks“ ohne Beteiligung der DNVP zu formieren. Auch nachdem ein Misstrauensvotum Luther zum Rücktritt zwang, bildete sich im Mai wiederum eine Minderheitsregierung, nun unter der Leitung von Wilhelm Marx. Solche Minderheitskabinette aus bürgerlichen Mittelparteien kristallisierten sich als weiteres Koalitionsmodell aus den gegebenen Möglichkeiten heraus, doch waren sie immer auch auf Beistand, Akzeptanz und Duldung von rechts, am Beispiel der DNVP 1926, oder von links angewiesen, wie es bereits 1920 beim von der SPD akzeptierten Minderheitenkabinett von Konstantin Fehrenbach der Fall war.[26]

Die dritte Koalitionsmöglichkeit in der mittleren Phase der Weimarer gestaltete sich in Form einer so genannten „Großen Koalition“ aus den Parteien SPD, Zentrum, DDP, BVP und DVP.[27] Mitte August 1923 gelang es Gustav Stresemann, der als späterer und bis 1929 kontinuierlich im Amt bleibender Außenminister bedeutende Akzente in der Außenpolitik Deutschlands setzte, zu bilden, nachdem der Ruhrkampf eine Hyperinflation und unzählige Streiks verursacht und die SPD Kanzler Cuno den parlamentarischen Beistand verwehrt hatte. Stresemann, der außerordentliche Sondervollmachten für sein Kabinett verlangte, um die Wirtschaftskrise zu überwinden, scheiterte aber an der verweigerten Unterstützung der SPD. Obwohl er darauf am 3. Oktober zurücktrat, formierte er am 6. Oktober wieder ein Kabinett derselben Partei-Konstellation um sich, da die SPD sich nun zu einer Unterstützung seiner Forderungen durchgerungen hatte. Obwohl das Kabinett durch die Einführung der Rentenmark am 15. November 1923 die Inflation unmittelbar stoppen konnte, stellte der Koalitionspartner SPD bereits acht Tage später, aufgrund der ihrerseits erachteten mangelnden Vorgehensweiße gegenüber den bayrisch-nationalsozialistischen Putschisten in München vom 8. November, ein Misstrauensvotum gegen Stresemann. Nachdem dieser unterlag, trat er zurück.[28]

Dieses Beispiel zeigt, dass die Konstellation der „Großen Koalition“ aufgrund eines Dissenses in wirtschafts-und sozialpolitischen Fragen äußerst fragil war. Doch schien man in der Außenpolitik einer Meinung zu sein, wie sie hinsichtlich des Young-Plans auch bei einer Neuauflage der „Großen Koalition“ Ende Juni 1928 unter dem SPD-Angehörigen Hermann Müller gegeben war. Doch das Kabinett Müller scheiterte neben den Problematiken, die im Zuge der Weltwirtschaftskrise entstanden, auch an weiteren ungelösten wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fragen und löste sich im März 1930 auf. Trotz der dauerhaftesten Amtsperiode eines Kabinetts in der gesamten Zeit der Weimarer Republik, hemmte die Regierung Müller sich durch den stetigen Dissens bei innenpolitischen Fragen insoweit selbst, indem Regierungsminister gegen die eigenen Kabinettsbeschlüsse votierten.[29] Der wirtschaftskundige DDP-Angehörige Gustav Stolper bemerkte dazu kur vor dem Exitus des Weimarer Parlamentarismus durch die Einführung der Präsidialkabinette am Ende des Jahres 1929: „Was wir heute haben, ist eine Koalition von Ministern, nicht eine Koalition von Parteien. Es gibt überhaupt keine Regierungsparteien, es gibt nur Oppositionsparteien. Daß es so weit gekommen ist, bedeutet eine schwere Gefährdung des demokratischen Systems, als Minister und Parlamentarier ahnen.“[30]

Durch die ideologischen Divergenzen der im Reichstag vertretenen Parteien war dieser Zustand aber nicht nur kurz vor Ende der parlamentarischen Republik eine Problematik, sondern charakterisierte auch die gesamten Jahre der „relativen Stabilisierung“ und war dabei nicht nur auf die Oppositionsparteien zu beschränken. Sich innerparteilich wechselhaft ändernde Verhältnisse verhinderten eine kontinuierliche Beständigkeit der fraktionellen Verhältnisse, so dass auch die Regierungsparteien den von ihnen getragenen Kabinetten in einem „gestörten“ Verhältnis, geprägt von Misstrauen und Unmut, gegenüberstanden.[31]

Die labile Lage im Reichstag lag erheblich am Unwillen der Parteien ihre parteiprogrammatischen Forderungen zugunsten einer stabilen und beständigen Mehrheit zu beschneiden oder zu reduzieren, da man der Ansicht war, dass man mit Kompromissen bis hin zur Regierungsverantwortung die eigenen Wähler frustrieren und verprellen würde. Die Wahlergebnisse bestätigten die Parteien in diesen Befürchtungen, da neben der wachsenden, durch die unstete Politik der ständig wechselnden Kabinette verursachten Unzufriedenheit über den parlamentarischen Parteienstaat, auch eine verbreitete Verachtungshaltung gegenüber der Republik innerhalb der Bevölkerung verankert war. Demzufolge wurde jede Kabinettspartei bei den darauf folgenden Wahlen mit einem Stimmentzug bestraft, wodurch es mit der Zeit immer schwieriger wurde potenzielle Kandidaten für ein tragfähiges Kabinett zu finden. Besonders die Ergebnisse der Reichstagswahlen fungieren in diesem Zusammenhang als wichtiger Stimmungsgradmesser im Bezug auf die Gunst des parlamentarischen Kurses.[32]

Während in den Jahren von 1923 bis 1924 um die drei Millionen Kurzarbeiter und noch Unausgebildete ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft aufkündigten, sahen sich auch Angestellte und Kleinbürger durch die 1923 durchgeführte Währungsreform, durch welche sie ihr Vermögen einbüßten, von der Republik enttäuscht und wanderten vermehrt in das Ambiente nationalistischer Gesinnungen ab.[33] So mussten alle parteipolitischen Fraktionen, die in den Jahren zuvor an der Regierung beteiligt waren, bei den Wahlen zum zweiten Reichstag am 4. Mai 1929 deutliche Stimmeinbußen verkraften. Für die Flügelparteien des rechten und linken Lagers kam es zu einem eindeutigen Stimmzuwachs. So konnten die parlamentarismusfeindliche NSDAP[34] ihre Mandate von null auf 32, die KPD von zwei auf 62 und die DNVP von 66 auf 106 Sitze steigern. Während hingegen nur das Zentrum die Zahl seiner Sitz erhalten und um ein Mandat ausbauen konnte konnte, verminderten sich für die SPD ihre bis dahin gehaltenen Mandate von 113 auf 100, die Sitze der DDP von 45 auf 28, jene der DVP von 62 auf 44.[35] Obwohl man sich von den Wahlen zum zweiten Reichstag Ergebnisse erwartete, die die Bildung einer regierungsfähigen Mehrheit erleichterten, erschien das angestrebte Vorhaben nun noch schwieriger zu realisieren, da eine Mehrheitskoalition nur mit Hilfe der nun mandatstärksten Kraft DNVP zu bilden war. Durch die Uneinigkeit über den von Stresemann und den bürgerlichen Fraktionen verfolgten Kurs in der Außenpolitik, im Sommer 1924 vor allem hinsichtlich des sich dadurch auch auf die innenpolitische Gesamtsituation auswirkenden Dawes-Plan, und durch nicht kompatible Koalitionsbedingungen scheiterten mehrere Sondierungsgespräche zwischen dem bürgerlichen Minderheitenkabinett Marx und der DNVP.[36] Als Marx auch bis Mitte Oktober des Jahres keine Mehrheit zu finden vermochte, kam es zu einer Auflösung des Reichstages durch den Reichspräsidenten Ebert.[37]

[...]


[1] Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 16), München 2000, S. 72 f.

[2] Wolfgang Hardtwig, Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit, in: Wolfgan Hardtwig (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918 – 1939 (Geschichte und Gesellschaft 21), Göttingen 2005.

[3] Kolb, Republik, S. 72 f.

[4] Ulrich Kluge, Die Weimarer Republik, Paderborn 2006, S. 113 f.

[5] Ralf Berhorst, Die Stunde der Spekulanten, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27, S.88-99.

[6] Berhorst, Spekulanten, S.88-99.

[7] Gerd Meyer, Die Reparationspolitik. Ihre außen- und innenpolitischen Rückwirkungen, in: Karl Dietrich Bracher/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Die Weimarer Republik. 1918-1933. Politik. Wirtschaft. Gesellschaft (Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte 22), Düsseldorf 1987.

[8] Kluge, Weimarer Republik, S. 113 ff.

[9] Ebd.

[10] Jost Hermand/Frank Trommler, Die Kultur der Weimarer Republik, München 1978, S. 26 f.

[11] Christiane Koch, Arme Zeiten – Heiße Stimmung. Alltag der zwanziger Jahre, in: Die wilden Zwanziger, Berlin 1986, S. 33 f.

[12] Kluge, Weimarer Republik, S. 156.

[13] Ebd., S. 207 ff.

[14] Ebd., S.199 f.

[15] Ebd., S. 113 f.

[16] Ebd., S. 118-123.

[17] Kluge, Weimarer Republik, S. 140.

[18] Carl-Ludwig Holtfrerich, Im Griff der Depression, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27, S. 158-161.

[19] Holtfrerich, Depression, S. 158-161.

[20] Kluge, Weimarer Republik, S. 113 f.

[21] Kolb, Republik, 71 f.

[22] Ebd., S. 72ff.

[23] Frank Otto, Das neue Deutschland, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27, S. 6-23.

[24] Detlef Lehnert, Die Weimarer Republik. Parteinstaat und Massengesellschaft, Stuttgart 1999, S. 130 f.

[25] Kolb, Republik, 72 ff.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Otto, Deutschland, S. 6-23.

[29] Ralf Berhorst, Parlament im Abseits, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27, S. 162-163.

[30] Kolb, Republik, S. 73.

[31] Ebd., S. 73 f.

[32] Ebd., S.73 f.

[33] Heinrich August Winkler, Weimar 1918 -1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993, 244 ff.

[34] Sigmund Neumann. Die Parteien der Weimarer Republik, Köln – Mainz 1973, S. 73 ff.

[35] Hermand/Trommler, Kultur, S. 24 f.

[36] Michael Stürmer, Koalition und Opposition in der Weimarer Republik 1924-1928, S. 73-78.

[37] Kolb, Republik, 77 f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Phase der relativen Stabilisierung
Untertitel
Aspekte der innenpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation der Weimarer Republik in den Jahren zwischen 1924 und 1929
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte und Ethnologie)
Veranstaltung
Die Weimarer Republik und der Aufstieg des Nationalsozialismus
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V146082
ISBN (eBook)
9783640565603
ISBN (Buch)
9783640565122
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stabilisierung, relative Stabilsierung, Weimar, Weimarer Republik, 1924, 1929, Innenpolitik, Wirtschaft, Kultur, Ebert, Goldene Zwanziger, Hindenburg, Hitler, Reichtag, Reichtagswahlen, Dekonstruktion, Medien
Arbeit zitieren
Hubert Feichter (Autor), 2008, Die Phase der relativen Stabilisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146082

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