Konflikte an der Schnittstelle Ost-West

Ein analytischer Blick auf Schlacht-Beschreibungen von Konflikten zwischen machtpolitischen Sphären der Antike


Seminararbeit, 2008
24 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Xenophon, Thukydides und Caesar
2.1 Xenophon und der Zug der Zehntausend
2.2 Thukydides und die Schlacht von Mantineia
2.3 Caesar und die Schlacht von Pharsalos

3. Alexander der Große
3.1 Die Alexanderhistoriker Arrian und Curtius Rufus
3.2 Die Schlacht von Issos
3.3 Die Entscheidung bei Gaugamela
3.4 Die Ferne wird zum „neuen Osten“: Alexanders Zug gegen Poros

4. Fazit

1. Einleitung

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder signifikante Auseinandersetzungen, die ebenso als so genannte „Ost- West-Konflikte“ betrachtet werden können. Sind es in der jüngeren Geschichte etwa die Irak-Kriege, die israelischen Unabhängigkeitskriege oder die Kreuzzüge im Mittelalter, seien es kurzfristige oder länger andauernde Konflikte, das direkte kriegerische Aufeinandertreffen zweier Feindparteien in größeren Gefechten bis hin zu bedeutenden Entscheidungsschlachten stellten in ihrer Nachwirkung bedeutende Knotenpunkte der Geschichte dar. Auch in der Antike vermochten militärische Entscheidungen auf dem Schlachtfeld Konflikte zwischen Ost- und West zu begründen, fortzusetzen oder zu beenden. Bis heute leider nicht ganzheitlich tradierte literarische Werke zeugen von der Tragweite einzelner direkter Auseinandersetzungen; wenn etwa Xenophon mit seinem Heer der Zehntausend in persischem Feindesland steht oder wenn beschrieben wird wie Alexander der Große mit seinem Heer gegen Dareios und später gegen den indischen Herrscher Poros marschiert.

Vor allem die Geschichte des berühmten Makedonenkönigs wurde mit all ihren Facetten und Handlungssträngen immer wieder bearbeitet, modifiziert oder neu ausgelegt und fand unter anderem auch deshalb ihren Niederschlag in mehreren Erzähltraditionen. Als wichtige Knotenpunkte des Handlungsstrangs nehmen die einzelnen Schlachtenbeschreibungen aber nicht nur in der Alexanderschreibung eine wichtige Rolle ein, deren Analyse und Vergleich bemerkenswerte und erstaunliche Resultate zu Tage fördert.

Die vorliegende Seminararbeit basiert auf dem rein in der Lehrveranstaltung „Antike Schlacht-Beschreibungen und der Ost-West-Konflikt“ erhaltenen Wissen. Darauf ist unter anderem auch das Fehlen einer Bibliografie im Anhang begründet. Im Rahmen dieses Informationsfeldes möchte ich im Zuge dieser Arbeit die Thematik der Lehrveranstaltung konturieren und reflektieren, indem ich die während des Seminars besprochenen literarisch-historiographischen Texte unter anderem auf Tendenzen, Diskrepanzen und Stereotypen hin untersuche.

Weitere zentrale Punkte werden unter anderem die Analysen der behandelten Autoren, ihren individuell-literarischen Zügen, ihre stilistischen Mittel, der Authentizitätsfaktor und der Vergleich ihrer schriftlichen Hinterlassenschaften sein. Mit zitierten Auszügen aus den jeweiligen Texten wird zusätzlich versucht die Gedankengänge zu untermauern. Im Zentrum der Argumentation werden hauptsächlich die Analyse der Texte, allen voran der inhaltliche Vergleich der besprochenen Alexanderhistoriker stehen, also Arrian und Curtius Rufus, auf welche in einem eigenen Kapitel kurz eingegangen wird. In Anbetracht des Seminarthemas und hinsichtlich der inhaltlichen Lehrveranstaltungsschwerpunkte wird zuvor jedoch ein im Vergleich etwas bündigerer Blick auf die besprochenen Texte von Xenophon, Thukydides und Caesar geworfen, wobei phasenweise versucht wird konzeptuelle Schnittpunkte zwischen den Autoren zu lokalisieren und in Verbindung zu setzen. In einem Fazit werden abschließend die wichtigsten Erkenntnisse reflektiert, die durch das Seminar und der Bearbeitung der Texte gewonnen wurden.

Überdies möchte ich mit Verlaub auf den Umstand hinweisen, dass in der Verbindung und Vernetzung zwischen dem relativ breiten Spektrum der bearbeiteten historiografischen Texte untereinander, dem Aspekt des Seminartitels und den geforderten Forschungsfragen eine nicht ganz einfach zu lösende Herausforderung bestand. Ich hoffe deshalb bei der vorliegenden Arbeit dem Ziel einer kohärenten Texteinheit und hinsichtlich meiner eigenen Überlegungen einer stringenten Argumentation nachgekommen zu sein und vorhandene gemeinsame Nenner auf einen Punkt gebracht zu haben. Hinsichtlich des folgenden Textes bin ich mir zudem der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hoffe aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.

2. Xenophon, Thukydides und Caesar

2.1 Xenophon und der Zug der Zehntausend

Xenophon, schrieb „den Zug der 10.000“ im Rahmen von sieben Büchern der Anabasis vermutlich in den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts v. Chr. Als Xenophon das Werk verfasste war er aus Athen verbannt und befand sich auf einem spartanischen Landgut. Womöglich fertigte er das Werk an, um sein Dasein auf Seiten Spartas zu rechtfertigen. Beispielsweise versucht er unter anderem auch den Feldzug und seine Teilnahme zu rechtfertigen, indem er versucht Kyros als „idealen Anführer“ darzustellen. Diesen Typus eines idealen Herrschers führt er auch in seinem Werk „Kyropädie“ über den Stammvater der Perser, Kyros den Großen, fundierter aus. Nach Abschluss der Anabasis setzte er die Geschichtsschreibung von Thukydides in Form seiner zeitlich folgenden „Hellenika“ indirekt fort.

Hinsichtlich seiner Darstellung zur Schlacht von Kunaxa um 401 v. Chr. wird zwar ein Kriegsrat gehalten, aber nicht näher geschildert. So fehlt auch ein Schlachtplan. Es kommt aber eine große Rede von Kyros vor, wobei Reden prinzipiell eine Ausdruckmöglichkeit des Historiografen sind, um die inhaltlichen Akteure zu charakterisieren und zudem dem Werk eine bestimmte „Färbung“ zu geben. Bei der Rede des Kyros wagt Xenophon deshalb auch den Blick in Kyros „hinein“.

Weitere Stilmittel sind beispielsweise die Nachrufe, die im Werk oft den Schlachten folgen. Als wichtiges Charakteristikum für die antike Historiografie, geben Nachrufe die Möglichkeit die Handlung aufzubereiten und den Charakter aufzupolieren und zu schärfen. Es werden dabei aber nicht nur Nachrufe auf menschliche Akteure gehalten, sondern auch auf besondere Tiere, wie etwa Alexanders Pferd Bukephalos in einem hier noch später analysierten Text eines Alexanderhistorikers.

Prinzipiell fällt es dabei aber leichter mit außergriechischen Akteuren zu experimentieren.

Im Rahmen der Schlachtenbeschreibungen wird einem noblen Krieger meist ein nobler Gegner gegenübergestellt, um die Ehre zu wahren. Wie schon erläutert bemühte sich Xenophon Kyros als idealen Herrscher darzustellen. So weißt jener in seiner Rede auf die Tapferkeit der Griechen hin.: „Ihr Griechen , nicht aus Mangel an Einheimischen habe ich euch als Bundesgenossen mitgeführt, sondern in der Überzeugung, daß ihr tüchtiger und einer großen Zahl von Barbaren überlegen seid, […][1] Zusätzlich gibt der Konkurrent um den persischen Thron weiters sogar an, er würde sein Gebiet für die Freiheit der Griechen hergeben: „Denn laßt euch sagen: ich würde eure Freiheit meinem Besitz und viel anderem noch vorziehen.“[2] In diese Darstellungsweiße fließen auch ein gewisses Maß an Stereotypen ein, wenn etwa Kyros die Griechen vor dem Geschrei der Perser warnt: „Wenn ihr das aushaltet, so muß ich mich, glaube ich, in allem Übrigen nur schämen, sobald ihr die Art unserer Landesbewohner kennenlernt.“[3] Im Gegensatz dazu nähern sich das Heer des Großkönigs aber „in größtem Schweigen, ruhig, gleichmäßig und langsam […]“.[4] Vor dem Kampfbeginn kommt es nochmals zu einer schwachen und ungenauen Beschreibung der Kampfformation.

Das Heer des Großkönigs setzt sich aus verschiedenen Ethnien zusammen. Beim Kampf selbst werden aber nur mehr die bekannten Heerführer und die Griechen genannt. So liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei der Nennung der verschiednen Ethnien nur um ein Stilmittel handelt, die Größen der jeweiligen Reiche zu veranschaulichen. Dieser Eindruck wird durch die irreal erscheinenden Zahlen verdeutlicht, die sich während der Schlacht schlicht aufzulösen scheinen.

Während bei Schlachtbeginn nach dem ersten Feindkontakt Panik, Furcht und unkoordinierte Flucht unter den Gegnern einsetzte bleiben die Griechen geordnet:

„Bevor ein Geschoß sie erreichen konnte, machten die Perser kehrt und flohen. Da verfolgten die die Griechen nach Kräften, indem sie einander zuriefen nicht zu laufen, sondern in Reih und Glied zu folgen.“[5] Dieses „Angstmotiv“ ist auch bei Thukydides anzutreffen, wenn er den Verlauf der Schlacht von Mantineia beschreibt. Interessanterweise fand in der Schlachtbeschreibung von Xenophon kein einziger Grieche den Tod „wie denn auch sonst kein Grieche in diesem Kampfe Schaden nahm; nur auf dem linken Flügel soll einer von einem Pfeil getroffen worden sein.“[6]

Kyros wird zu keiner Zeit als Barbar beschrieben, im Gegensatz zu seinem Bruder, der es bevorzugt aus dem Zentrum seines Heeres heraus zu befehligen: „Denn alle Anführer der Barbaren führen ihre Truppen von der Mitte aus, weil sie glauben, so seien sie am sichersten, […]. So hielt auch der Großkönig damals in der Mitte seines Heeres […].“[7]

Dieses Aufstellungsprinzip läuft jenem der Griechen entgegen, da dort das größte Gewicht nicht das Zentrum inne hat, sondern der oft idealisiert und stilistisch gefestigte rechte Flügel hat. Demnach wird Kyros bei der Schlachtenaufstellung geraten sich zurückzuhalten und sich in die Mitte zu begeben, wodurch er indirekt zu einem Barbaren wird, während sich die griechischen Kampfverbände auf dem rechten Flügel positionieren. Diese Kontinuität ist beispielsweise in der Alexanderliteratur oder auch noch bei Caesar anzutreffen. Vermutlich ist dieser Umstand auf die Tatsache zurückzuführen, dass es nach griechischer Ansicht die größte Ehre ist auf der Rechten zu kämpfen, da dieser als starker Flügel gilt.

Obwohl Kyros es gelingt das gegnerische Heer in die Flucht zu schlagen und mit seinen Tischgenossen bis zum Großkönig vorzudringen, kann er zwar zum Todesstoß ansetzen aber dem Großkönig nur eine Wunde zufügen. Vermutlich um die Glaubwürdigkeit des geschilderten Szenen zu steigern und einen gewissen Grad an Objektivität zu transportieren beruft sich Xenophon dabei auf den „Arzt Ktesias“, der diese Verletzung geheilt haben soll. Auch über die Gefallenenzahlen auf Seiten der Perser berichtet Ktesias, da sich dieser während der Schlacht in der Nähe des Großkönigs aufgehalten haben soll. Kyros findet im Kampfe gegen seinen Bruder und dessen Gefolge den Tod. In einem weiteren bearbeiteten ausgewählten Text wird Ktesias, der auch später vielfach benutzt wurde, unter anderem auch von Diodor zweimal zitiert. Ktesias´s Werk „Persika“, in welchem er vorgibt genau über die Verhältnisse des persischen Königshofes informiert zu sein ist aber dabei womöglich nur eine Parodierung und Karikierung von Herodots historeographischen Ansätzen.

Der Beschreibung nach muss Artaxerxes Heeresfront so breit gewesen sein, dass er sich nicht in der Mitte, sondern sich bereits links davon befand. In der Folge ist Kyros nun dazu gezwungen einen weiten Hacken nach links machen, um dem Großkönig persönlich zu attackieren. Da aber die griechischen Truppen unter Klearchos am Euphrat verbleiben und nicht mitziehen bricht die Linie des Kyros auf. Die Griechen werden zudem während der gesamten Auseinandersetzung als selbstständige und autonome Division dargestellt und greifen auch selbstständig an.

Als der Großkönig nach dem Tode des Kyros kehrt macht, um die an dem linken Flügel siegreichen Griechen zu attackieren, breiten diese ihren Flügel mit dem Rücken zum Fluss aus. Die „Barbaren“ beziehungsweise Perser fliehen nun erneut und ziehen ihre Reiter-Truppen auch vom Hügel ab. Die Griechen sehen wie das Heer von Artaxerxes „scheinbar“ die Flucht ergreift, warten auf Kyros´s Ankunft, von dessen Tod sie noch nichts wissen und kehren daraufhin zu ihrem geplünderten Lager zurück. Mitten ins Feindesland. So sind die griechischen Kontingente die einzigen die nicht verloren hatten beziehungsweise im ersten Moment nichts davon wissen. Dieser Umstand resultiert aus der Tatsache, dass die Griechen nicht nur hier bei Xenophon immer als eine Art „Übersoldaten“ geschildert werden, die nur geringe Verluste hinnehmen müssen. Dieser Fakt scheint aber erstaunlicherweise immer auch noch dann zu gelten, wenn Söldnerkontingente aus Griechenland, beispielsweise in der Alexanderhistorie, auf Seiten der griechischen Gegner kämpfen.

Der Großkönig dringt nach der Niederlage von Kyros in dessen Lager ein und plündert es. Parallelen dazu lassen sich auch wiederum in Werken der besprochenen Alexanderhistoriker finden.

Xenophon war es wahrscheinlich nur möglich die Schlacht aus seiner Sicht zu beschreiben , da er sich wahrscheinlich bei den Hopliten im Gemenge befand und daher kein genaues Bild über die Vorkommnisse in der Mitte hatte. Manche Teile der Schlacht musste Xenophon beispielsweise durch Augenzeugenberichte rekonstruieren, um Begebenheiten seiner Abwesenheit zu kompensieren.

2.2 Thukydides und die Schlacht von Mantineia

Mit seinem Werk zum Peloponnesischen Krieg, mit welchem unter anderem auf die heutige Methodik wissenschaftlicher Geschichtsschreibung vorgriffen wurde, fasste Thukydides die komplexen Konflikte seiner Zeit im Begriff des Peloponnesischen Krieges thematisch zusammen.

Um objektive Glaubwürdigkeit zu erzielen geht Thukydides in seinem Werk innerhalb seines ersten Buches im Methodenkapitel auf seine Vorgehensweise ein.

Bezüglich der Taten und Ereignisse innerhalb seines Werkes versucht er Augenzeugen aufzusuchen, um beide Seiten darzustellen. Damit ist eine relativ neutrale Schreibweise verbunden, wobei er unter anderem versucht durch beidseitige Kritik Stärken und Schwächen der Beteiligten auszugleichen. Weiters auffallend ist bei Thukydides der Fakt, dass er teilweise den Präsens verwendet, um wahrscheinlich zu zeigen, dass er in jener Zeit gelebt hat. Teilweise gegensätzlich zu seinem Grundsatz der großmöglichen Objektivität stehen aber die von Ihm wiedergegebenen und rekonstruierten Reden, die ein Viertel seines Werkes umfassen. Doch spricht Thukydides im selben Moment nie von Gewissheiten, sondern immer nur von Möglichkeiten, auch hinsichtlich der genannten Zahlen.

Im Buch V., 25 beschreibt Thukydides die Schlacht von Mantineia, an welcher er selbst nicht teilnahm, zwischen dem von Agis geführten spartanischem Heer und seinen Verbündeten gegen Argos und Mantineia, die von athenischen Kontingenten unterstützt werden. In der Darstellung zu einer der größten Feldschlachten des Peloponnesischen Krieges fällt die direkte Schlachtbeschreibung selbst relativ kurz aus, doch wird dieser Faktor durch deutliche Kampfszenen und stringenten Informationen teilweise relativiert. Die Schilderung der Vorgeschichte nimmt im Verhältnis einen größeren Teil in Anspruch. Der lakonische Stil von Thukydides findet seinen Niederschlag auch in den kurz geschilderten Reden, die in indirekter Form wiedergegeben werden. An manchen stellen bringt sich der Autor selbst ein, wenn er etwa Sparta, das sehr auf Tradition, Ordnung und Hirarchie bedacht dargestellt wird, einem Athen gegenübersetzt, das nur darauf aus scheint machtpolitisch zu expandieren. Dies macht sich auch bereits bei Schlachtbeginn bemerkbar. Während die Spartaner ein geordnetes Vorgehen auf dem Schlachtfeld aufweißen, weißt die chaotische und unkoordinierte Attacke von Argos bereits auf den möglichen Ausgang der Schlacht hin. Dennoch kommt es aufgrund von Befehlsverweigerung zu einer Krisensituation auf Seiten der Spartaner als in deren Reihen eine Lücke entsteht, durch welche sie am linken Flügel durch das Heer von Mantineia und „seinen tausend erlesenen Verbündeten von Argos“ in starke Bedrängnis gebracht werden können. Die Entscheidung fällt aber im Zentrum. Hierbei kommt bei Thukydides das in einem eigentlichen Krieg grundlegende Angstmotiv vor, das die spartanischen Gegner zur Flucht verleitet, wobei sie durch die kritische Lage des linken spartanischen Flügels im Anschluss nicht verfolgt werden.

Hinsichtlich der Verlustzahlen scheinen die angegebenen Ziffern fraglich, doch Thukydides umgeht diesen Sachverhalt sehr schlau, indem er beispielsweise bei den Spartanern auf den Konjunktiv ausweicht. In Anbetracht des Textes scheint eine Erzeugung von Plausibilität dadurch nachvollziehbar, wenn in der Argumentation auf Vorgeschichte, Gelände, Zahlverhältnisse und Aufstellung verwiesen wird und zusätzlich auch eine direkte Folgenbilanzierung enthalten ist.

2.3 Caesar und die Schlacht von Pharsalos

Der Schlacht von Pharsalos ging eine verheerende Niederlage Caesars in Dyrrachium im heutigen Albanien voraus, wo Pompeius seine Truppen konzentrierte. Im Zuge eines fehlgeschlagenen Umzingelungsversuchs verlor Caesar selbst, laut seiner eigenen Überlieferung, 900 kriegswichtige Leute. Während Caesar das Vertrauen seiner Truppen zurückgewinnen musste und er nach Pharsalos aufbrach, um dort nach Eintreffen seiner restlichen Truppen die Entscheidung durch eine offene Feldschlacht zu suchen, wurde Pompeius durch weitere republikanische Truppen, dann in Thessalien angekommen auch durch Regimenter Scipios, verstärkt.

In seinen Schilderungen zur Schlacht von Pharsalos benützt Caesar häufig die direkte Rede und provoziert damit den Anschein über die Äußerungen des Pompeius informiert gewesen zu sein. Wahrscheinlich bekam Caesar diese textlich glaubwürdigkeitssteigernden Informationen von Gefangenen nach der Schlacht. Während die direkte Schlachtbeschreibung selbst relativ kurz ausfällt, kommt es im Text zu vielen Reden, angefangen von der Elite hin zu einfachen Soldaten. Die großen Reden werden von Caesar wie etwa bei Thukydides dort positioniert, wo sie realistisch erscheinen, in diesem Falle am Abend vor der Schlacht. Eine weitere Parallele ist die pragmatische und kurze Ansprache Caesars vor den Truppen, wiederum ähnlich der Darstellungsweise von Thukydides.

Ein weiteres interessantes Stilmittel stellt der Anschein dar, dass Caesar bezüglich Pompeius den Eindruck der Hybris erwecken will, indem er sein prunkvolles Lager und Zelt nennt und damit eine implizierte Parallele zur dekadent geschilderten Lebensweise von Dareios zu ziehen vermag.

Caesar, der wie Xenophon von sich in der dritten Person schreibt, setzt die Verlustzahlen extrem hoch an und wirft Pompeius vor, die Kampfeslust seiner Truppen erdrückt zu haben. Caesar rühmt seine Milde und verwendet an verschieden Textstellen die ideologischen Begriffe „lenitas“ oder „clementia“. Caesar beschreibt seine Rolle im Konflikt als souverän und aktiv, Pompeius hingegen ist von Schwäche und Passivität gezeichnet, in seinen Reihen nehmen andere das Heft in die Hand. Bezüglich der Schlachtbeschreibung transformiert sich der anfängliche Krisenmoment für Caesar im Laufe der Schlacht doch zum Sieg. Wie Caesar es vollbrachte mit einer numerischen Unterzahl auch eine dritte und vierte Linie aus dem Boden zu stampfen, wird durch den Text nicht aufgelöst und wird dadurch zu einer Glaubwürdigkeits-Problematik desselben. Ähnlich wie beispielsweise bei Xenophon erfährt man bei Caesar über die Vorgänge im Zentrum und auf dem linken Flügel relativ wenig.

Da ein erheblicher Teil des Senats zum Zeitpunkt des Konflikts auf Seiten des Pompeius stand und Caesar schon längere Zeit nicht mehr in Rom zugegen war, nutzte er vermutlich die Verschriftlichung „seiner Sicht der Dinge“, um seine Position und sein Agieren und Verhalten zu rechtfertigen. In Anbetracht hermeneutischer Quellenkritik wurde die Überlieferung Caesars lange Zeit für bare Münze gehalten und galt als markantes militärhistorisches Schulungsbeispiel.

3. Alexander der Große

3.1 Die Alexanderhistoriker Arrian und Curtius Rufus

Arrian, der 400 Jahre nach dem Tod des makedonischen Feldherren wirkt, gilt hinsichtlich des militärischen Bedeutungsgehalts und -Horizontes als wichtigster und zuverlässigster Alexanderhistoriker. Geboren 89 n. Chr im kleinasiatischen Nikomedeia, machte er im zweiten Jahrhundert Karriere unter den römischen Kaisern Trajan und Hadrian. Seine siebenbändiges Alexanderwerk, unter anderem die umfangreichste Darstellung des Alexanderfeldzuges, nennt sich in Reminiszenz an Xenophon „Anabasis Alexandru“, an welchem er sich darin auch hinsichtlich Erzählstruktur sowie Erzählstil orientierte. Vor allem bei der Gegenüberstellung von Schlachtenbeschreibungen der beiden Autoren fällt dieser Faktor auf.

Im Vergleich zu anderen Alexanderhistorikern verzichtet Arrian auf ein romanhaftes Alexanderbild und suggeriert damit im selben Moment einen gewissen Grad an Objektivität. Untermauert wird diese Impression durch den Bezug auf verschiedene Quellen, vor allem auf die Darstellungen direkter Zeitzeugen wie Ptolemaios, ein General Alexanders, oder dem Offiziersteilnehmer Aristobolus. Auf diese beiden Hauptquellen stützt Arrian seinen Anspruch eines plausiblen Alexanderbildes, wobei er sich wahrscheinlich auf Ptolemaios hinsichtlich militärischer und politischer Aspekte und auf Aristobul hinsichtlich Geografie und Technik bezog.

Sowie seine militärische Laufbahn Niederschlag in seiner Darstellung militärischer Sachverhalte innerhalb des Alexanderwerks fand, scheint auch sein historisches Umfeld Einfluss auf sein Werk gehabt zu haben. Der Historiker Albert Bosworth vermutet etwa, dass die ersten Bücher noch in der Zeit Trajans entstanden, in denen Alexander parallel dazu als Vorbild für die expansive Politik gedient haben soll. Nachdem Arrian dies zuerst vermutlich unterstützt hatte, fand daraufhin auch die Defensivpolitik Hadrians indirekten Eingang in sein Werk. Die direkte Kritik Arrians an seiner Alexanderfigur und die damit verbundene indirekte Kritik an seiner eigenen Zeit lassen sich meiner Meinung nach aber erst zwischen den Zeilen erschließen, da er diese Komponente nur sehr dezent und hintergründig verwendet. Ein glaubwürdiges Alexanderbild ist im Gegensatz zum objektiv wirkenden Rahmen der beschriebenen Feldzüge aber eher fraglich.

Neben Arrian fungiert das Werk „Alexandri Magni Macedinos“ des Römers Curtius als zweite große Quelle zum Makedonen. Sein Alexanderwerk füllte zehn Bände, von welchen nur die ersten beiden nicht erhalten sind. Hinsichtlich seiner Alexandergeschichte lässt sich feststellen, dass die Erzählung von Curtius, wie etwa auch jene von Justin oder Diodor auf der folkloristischen Erzähltradition beziehungsweise auf der so genannten „Vulgata-Tradition“ basieren, da sich wichtige Gemeinsamkeiten zwischen diesen Autoren ausmachen lassen. Diese festzustellende Similarität ist aber nicht kontinuierlich, sondern wird durch Divergenzen, resultierend durch den Einfluss anderer Erzähltraditionen auf den jeweiligen Autor, immer wieder unterbrochen. Die mögliche Hauptquelle stellt dabei „Kleitarch’s Alexandergeschichte“ dar.

Obwohl das Werk der römischen Kaiserzeit zugeordnet wird, beinhaltet eine genaue Datierung eine grundlegende Problematik, wobei die Entstehungsphase in einen Zeitraum zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert datiert wird. Häufig wird zur möglichen Datierung das letzte Buch herangezogen, in welchem Perdikkas zunächst als Alexanders Nachfolger aufgebaut wird. Hierbei befindet sich das Alexanderreich in einer unsicheren Phase, das als Allegorie zum römischen Reich zu Rufus Lebzeiten gedeutet werden könnte. Denn das römische Reich war zwar am zerbrechen, doch ein Stern erschien am Himmel. Als daraus resultierende Zeiträume erscheinen die Zeit Vespasians oder die Zeit Caligulas. Auch nicht eindeutig geklärt ist, ob Curtius Rufus sein Werk vor oder nach Arrian geschrieben hat. Dessen ungeachtet sind die Konzeptionen der Autoren verschieden. So vollzieht Alexanders Persönlichkeit ab dem Sieg bei Gaugamela eine kontinuierlich-negative Wandlung. Alexanders Wirkung und Charakterzüge können sich nicht analog mit dem plötzlichen und außerordentlichen Machtgewinn entwickeln. Die Folge sind die Bildung verwerflicher Wesenszüge, wie etwa Despotie. Curtius setzt dabei das Mittel der Kritik viel offensichtlicher ein als Arrian.

Meiner Meinung nach nimmt das Werk des Curtius eine hybride Stellung zwischen den Polen der Romanliteratur einerseits und der Geschichtsschreibung andererseits ein. Für diesen Umstand spricht die verwendete Sprache des Autors, die mitunter sehr reißerisch, bildhaft und atmosphärisch ausfällt, und der Erzählstil, der sich vielmehr auf das Individuelle und Subjektive einzelner Szenen bezieht als eine stringente und objektive Aufbereitung des historischen Inhalts zu schaffen.

[...]


[1] Xenophon, der Zug der Zehntausend, Buch I, S. 51.

[2] Xenophon, Zehntausend, Buch I , S. 53.

[3] Xenophon, Zehntausend, Buch I , S. 53.

[4] Xenophon, Zehntausend, Buch I , S. 61.

[5] Xenophon, Zehntausend, Buch I , S. 63.

[6] Xenophon, Zehntausend, Buch I , S. 63.

[7] Xenophon, Zehntausend, Buch I, S. 65.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Konflikte an der Schnittstelle Ost-West
Untertitel
Ein analytischer Blick auf Schlacht-Beschreibungen von Konflikten zwischen machtpolitischen Sphären der Antike
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte und Ethnologie)
Veranstaltung
Antike Schlacht-Beschreibungen und der Ost-West-Konflikt
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V146084
ISBN (eBook)
9783640565573
ISBN (Buch)
9783640565146
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikte, Konflikt, Schnittstelle, Schlacht, Schlachten, Schlachtenbeschreibungen, Machtpolitik, Macht, Antike, Sphäre, Ost, West, Xenophon, Thukydides, Caesar, Pharsalos, Mantineia, Alexander, Alexander der Große, Alexanderhistoriker, Historiker, Arrian, Curtius Rufus, Issos, Gaugamela, Zug gegen Poros, Poros
Arbeit zitieren
Hubert Feichter (Autor), 2008, Konflikte an der Schnittstelle Ost-West, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146084

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