Religiöse Sekten und ihr Bild von der Zukunft der Menschheit


Seminararbeit, 2009

30 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeugen Jehovas

3. Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen)

4. Scientology

5. Die Manson-Familie

6. Fiat Lux

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

In Anbetracht seiner Endlichkeit versuchte sich der Mensch immer wieder an heilsgeschichtlich-deterministischen Gedankenkonstrukten, um seinen weiteren Weg vorzuzeichnen. In spirituelle Konzepte geformt, spielen solche Gedankenwelten über die Zukunft des Menschen, vor allem innerhalb von religiösen Sekten eine gewichtige Rolle.

Diese Tendenz soll im Zuge dieser Arbeit anhand mehrerer Beispiele versucht werden zu eruieren. Die Auswahl der einzelnen Glaubensgemeinschaften beschränkt sich dabei auf den Zeitraum ab dem 19.Jahrhundert bis in die heutige Zeit und geht auf die Absicht des Autors zurück, exemplarisch auf das Selbstverständnis und Zukunftsbild bekannterer spiritueller Gruppierungen einzugehen. Dazu werden im Folgenden die religiösen Sekten Zeugen Jehovas, Mormonen, Scientology, Manson-Familiy und Fiat Lux untersucht werden.

Der Autor ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.

2. Zeugen Jehovas

Die Endzeit nach den Vorstellungen der Zeugen Jehovas kündigte der aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania stammende Charles Tazè Russell erstmals im Laufe der 1870er Jahre an. Als selbsternannter Prophet verkündete er, dass Jesus Christus angesichts der bevorstehenden Endzeit 1874 in die „Weltensphäre“ gekommen sei. Seine heilsgeschichtlichen Vorstellungen versuchte Russel mit apokalyptischen und in adventistischer Tradition stehenden Berechnungsmodi zu untermauern, indem er willkürlich Werte, wie etwa die angegebene Jahreszahl der babylonischen Zerstörung Jerusalems, aus der Bibel heranzog.[1]

Aus den Ergebnissen interpretierte Russell eine heilsgeschichtliche Chronologie, nach welcher die Menschheitsgeschichte im Jahre 4126 v. Chr. begann und insgesamt 6000 Jahre andauern sollte. Neben dem sich daraus ergebenen Jahr 1874 für die Hehrniederkunft Christi berechnete Russell eine Apokalypse für 1914.[2] Botschaften dieser Art scheinen vor allem in Zeiten der Krise und des Umbruchs zu wirken.[3] So auch bei Russel, dessen Ankündigungen angesichts des herannahenden Jahrhundertwechsels neben Endzeitfurcht auch hoffnungsvolle Zuversicht auslösten und sich dadurch als effizienten Missionsmittel für seine Bewegung erwiesen.

Dieser Umstand wird in Anbetracht der Mitgliederzahlen deutlich, wobei die anfänglich kleine Glaubengemeinschaft durch Umstrukturierungen und Reformen permanent wuchs, später im Jahre 1965 schließlich die Millionengrenze überschreiten sollte[4] und heute fast sieben Millionen Mitglieder weltweit zählt. Betrachtet man die Mitgliederzahlen genau, so nahmen sie im Laufe der Geschichte immer wieder sprunghaft ab, ausschließlich immer als Reaktion auf mehrere apokalyptische Fehlprognosen.[5]

Aufgrund der Überzeugung, dass sich der heilsgeschichtliche Verlauf innerhalb biblischer Passagen verbirgt und sich somit anhand der Bibel auch apokalyptische Prophezeiungen wie das genaue Datum der Apokalypse ermitteln lassen würden, trugen die Zeugen Jehovas bis 1931 den Titel „Bibelforscher“.[6]

Entgegen den Prognosen Russells fand die Apokalypse im Jahre 1914 nicht statt. In Folge versuchte das WTG-Management die enttäuschte und im Zuge des Nichteintritts stark zurückgegangene Anhängerschaft bei der Stange zu halten, indem die Organisation daraufhin ihrerseits mehrere doppeldeutige Vorhersagen stellte, die sogar so weit gingen, dass sie die Prognosen Russels nicht nur relativierten, sondern ihnen auch in einem beträchtlichem Maße widersprachen. So sei Russel ein Interpretationsfehler in seinen Visionen unterlaufen, da er laut herausgegebener Erklärung den Beginn des Ersten Weltkriegs gesehen habe und diesen fälschlicherweise als vermeintliches „Harmageddon“ gedeutet habe. Doch auch, wenn das „Harmageddon“ noch nicht stattgefunden hatte, so sei doch Jesus in die „Weltenspähre“ eingetreten. Eigentlich ein Widerspruch angesichts der Tatsache, dass Russell die Hehrniederkunft von Jesus Christus in früherer Zeit schon auf das Jahr 1874 festgelegt hatte.[7]

Trotz der ersten fehlgeschlagenen Endzeitprognose, fixierte Russell bereits nach kurzer Zeit einen neuen Termin für die Apokalypse. Demnach sollte sich der Weltuntergang nun 1918 vollziehen, wobei Russell die Gewissheit über eine zweite Fehlprognose aufgrund seines Todes im Jahre 1916 verwehrt wurde.[8]

Russell hinterließ durch seinen Tod kein Machtvakuum innerhalb der Organisation, da er in seinem Testament ein siebenköpfiges Führungskomitee bestimmte, welches die Geschäfte weiterführen sollte. Da zwei der bestimmten Mitglieder verhindert waren, wurden diese durch zwei nachrückende Personen ersetzt. Unter diesen beiden befand sich auch der Geschäftsmann und Rechtsanwalt der „Watch Tower Society“ Joseph F. Rutherford, welcher 1917 zu Jahresbeginn auf der Jahreshauptversammlung der WTG zum Nachfolger Russells bestimmt wurde. Zuerst noch in seinem Spielraum durch Mitglieder des Russell’schen Führungskomitee gehemmt, gelang es ihm seine Macht schrittweise auszubauen und die Organisationsstruktur der Gesellschaft seinen Vorstellungen und Machtansprüchen nach grundlegend zu verändern.[9]

Während Rutherford zahlreiche glaubenstechnische und organisatorische Reformen durchführte, welche das Bild seiner Glaubensgemeinschaft nachhaltig scharf konturierten, wie etwa die Einführung der verpflichtenden Missionstätigkeit für Mitglieder,[10] versuchte er sich wie Russell auch an heilsgeschichtlichen Prognosen. Rutherford prophezeite hierbei nicht nur die Apokalypse für das Jahr 1925, sondern auch die gleichzeitige Wiederkunft alttestamentarischer Propheten wie Abraham.[11] Als auch seine Voraussage nicht eintrat und die Glaubengemeinschaft wiederum mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen hatte, verkündete Rutherford sich in Zukunft nicht mehr verbindlich festlegen zu wollen. Er versichere seinen Gläubigen aber, dass die Apokalypse noch zu ihren Lebzeiten stattfinden und nach wie vor, dass ein exklusiver Platz im Reich Gottes für sie bereitstehen würde. Für letzteres Versprechen bemühte Rutherford die Zahl 144.000, welche auf Berechnungen zu den 12 biblischen Stämmen Israels basierte.[12]

Ein grundlegendes Problem, dass 1931 aber auftrat war der Umstand, dass aufgrund der immer noch ausstehenden Apokalypse und der starken Mitgliederzuwächse am Ende der 1920er Jahre die 144.000 Plätze an der Seite Gottes zur Neige gingen. Ursprünglich wurde geglaubt, dass wenn die Mitgliederzahl 144 000 erreicht sei, Jesus wiederkommen würde.[13] Darauf reagierend führte Rutherford ein Zweiklassensystem ein, wonach Funktionäre, Würdenträger, Auserwählte und bis 1931 geborene Zeugen Jehovas einerseits in den Himmel auffahren und an der Seite Gottes die Erde regieren würden. Die übrigen Gläubigen, innerhalb der Glaubengemeinschaft auch „andere Schafe“ genannt, dürften den neuen Bestimmungen der WTG-Führung nach aber im Anschluss an die Schlacht von „Harmageddon“ im irdischen Paradies leben, welches Jesus Christus dann unsichtbar vom Himmel herab regieren wird.[14]

Nachfolger von Rutherford, der 1942 zu Jahresbeginn verstarb, wurde Nathan Homer Knorr,[15] der nichts aus den fehlgeschlagenen Prognosen seiner Vorgänger zu lernen schien und verkündete, dass Adam laut biblischen Berechnungen im Jahre 4026 v. Chr. geboren worden sei und die Menschheitsgeschichte eine Gesamtdauer von 6000 Jahren haben würde. Diese Zeitspanne wurde aus der Annahme abgeleitet, dass die einzelnen Tage während der Erschaffung der Welt durch Gott nicht einen einzelnen Tag, sondern jeweils 1000 Menschenjahre dauern würden. Ergänzt man nun das Geburtsjahr und die berechnete Gesamtdauer ergibt sich das von Knorr prognostizierte Jahr 1975 für den Beginn der Apokalypse. Vermutlich aufgrund der Furcht vor einer wiederholten Blamage, welche wiederum einen starken Mitgliederschwund mit sich gezogen hätte, versuchte das Management die Prognose wieder abzuschwächen je näher das besagte Jahr rückte.[16]

Unter Frederik Williams Franz als vierter Präsident der WTG-Gesellschaft wurde die Lehrmeinung vertreten, dass Jesus Christus im Jahre 1914 den Thron der Himmelsregierung bestiegen habe und von dort aus unsichtbar die Welt regieren würde.[17] Hinsichtlich des Zeitpunkts für das jüngste Gericht steht in einer Ausgabe der Zeitschrift Wachturm aus den 70er Jahren unter anderem geschrieben „Die Generation von 1914 wird nicht vergehen“, und dass die Dauer einer Generation 70 Jahre beträgt. Nachdem auch das aus diesen Berechnungen hervorgegangene Jahre 1984 ohne größere Zwischenfälle verstrich, ergänzte man die Dauer der „letzten Generation“ um 10 Jahre, wonach es 1994 soweit hätte sein müssen.[18] In einer 1989 ausgesendeten Mitteilung der WTG-Zentrale aus Brooklyn hieß es dazu: „Alle Geschehnisse deuten daraufhin, dass die Nationen sich einem großen Höhepunkt nähern. ‚Harmageddon’ steht vor der Tür und es ist der aufrichtige Wunsch vieler Menschen dieser Katastrophe zu entgehen und die Rettung im ewigen Leben zu finden.“[19] Und auch 1993 propagierte man im Wachturm das vermeintlich bevorstehende Ende:

„Jesus kam im Jahre 1914 in seiner Herrlichkeit. Er ging mit all seinen Engeln in die Offensive, indem er seine dämonischen Feinde angriff und aus dem Himmel warf. Was gemäß seinem Gleichnis danach geschah, lässt uns erkennen, dass dadurch, dass sich Jesus auf einen Thron der Herrlichkeit setzte, eine Gerichtszeit während seiner Gegenwart dargestellt wird.“[20]

Das Jahr 1994 nahm seinen Lauf und das Management der WTG musste sich ein neues Argument für die ausbleibende Apokalypse überlegen. Seit 1994 wurde daher kein genaues Datum oder Jahr mehr für einen drohenden Weltuntergang prognostiziert, obwohl das WTG-Management noch am Ende des Jahre 1994 über die Zeitschrift „Erwachet“ verkünden ließ „Da nun schon 80 Jahre seit 1914 vergangen sind, können wir offensichtlich sehr bald mit der Befreiung durch Gottes Königreich rechnen.“[21]

Mit dem Slogan „Millionen jetzt lebender Menschen würden niemals sterben“[22] warben die Zeugen Jehovas um neue Mitglieder und viele davon lebten „eine letzte Generation“ lang im Gewissen in absehbarer Zeit erlöst zu werden. Statt an den Prophezeiungen zu zweifeln, was aber die versprochene Erlösung gefährdet hätte, richteten viele ihr Leben und ihren Alltag an das bevorstehende Jüngst Gericht aus mit der Folge, dass sie ihre apokalyptische Todessehnsucht mit ins Grab nahmen.[23]

Wie versucht wurde darzustellen wurde die Endzeitlehre der Zeugen Jehovas im Laufe der Zeit mehrmals neu ausgelegt. Nach den heutigen Lehren wurde mit dem Sündenfall der universale Herrschaftsanspruch Jehovas durch Satan in Zweifel gezogen.

Seit jenem Zeitpunkt existiert laut Zeugen Jehovas eine Streitfrage zwischen Jehova und Satan.[24] Laut aktuellen eschatologischen Ansichten bestieg Jesus Christus im Oktober 1914 schließlich den Himmelsthron, wodurch der Endkampf gegen Satan eingeleitet wurde.[25] Demnach befinden wir uns gerade in einer Endzeit.

Den eschatologischen Vorstellungen der Zeugen Jehovas nach wird kurz vor Anbeginn der „Schlacht von Harmageddon“ die „Große Hure von Babylon“ vernichtet, welche allegorisch für alle „falschen Religionen“ steht. Darauf beginnt die „Schlacht von Harmageddon“, wobei die beiden Begriffe die große Bedeutung des Geschehens untersteichen, sich aber nicht auf einen konkreten Ort beziehen. Nach mehreren verfehlten Vorraussagen für das genaue Datum, verweißt die WTG gegenwärtig auf den vagen Umstand, dass der Beginn der Schlacht sehr nah wäre.[26]

„Auf der Seite Jehovas werden Christus Jesus und alle Heere des Himmels kämpfen. Christus wird die himmlischen Heere, die auch mächtigen Engeln bestehen anführen.“[27] Gegner werden Satan und seine dämonischen Bundesgenossen sein, welche aber im Kampf gegen Jesus Christus deutlich unterliegen. In Folge erwarten die Ungläubigen zahlreiche Plagen und Seuchen, auf welche in den Ausführungen der Zeugen Jehovas betont durch Bibelstellen und bildlichen Darstellungen häufig eingegangen wird.[28]

Nach der „Schlacht von Harmageddon“ wird Satan aber noch nicht vernichtet, sondern vorerst gefesselt und damit zu einer tausendjährigen Untätigkeit verdammt, da er noch mal benötigt wird, um den göttlichen Heilsplan zu vollenden. Kurz nach der Schlacht entrücken 144.000 Auserwählte in den Himmel und regieren gemeinsam mit Jesus Christus alias Erzengel Michael die Erde. Unter den Auserwählten befinden sich neben den Zeugen Jehovas aus der Moderne auch biblische Charaktere wie Noah, Sarah, Abraham oder die zwölf Apostel darunter. Die übrige Menschheit wird in drei Kategorien eingeteilt. Dabei ist für die erste Gruppe, in welcher sich etwa Pharisäer, Jesuskritiker oder Mitglieder der falschen Glaubensvorstellungen, allen voran der katholischen Kirche, eine Auferstehung schlicht unerreichbar. Für die Mitglieder der zweiten Kategorie hingegen besteht die Möglichkeit auf Probe auferstehen zu können, da sie durch verschiedene Umstände, wie etwa durch ihre Existenz vor dem Leben Russels, nicht die Möglichkeit bekamen den Glauben der Zeugen Jehovas anzunehmen. Die dritte Gruppe bilden gläubige Zeugen, die keinen Platz mehr unter den 144.000 Auserwählten gefunden haben und dadurch eine Existenz im Tausendjährigen Reich auf Erden antreten,[29] welche zunächst „die Erde säubern und die Ruinen dieses alten Systems beseitigen. Nie wieder wird jemand ohne gute Nahrung und annehmbare Wohnbedingungen leben. Wie schön wird es dann sein, in den Wäldern spazieren zu gehen und eine Weile von einem Löwen oder vielleicht von einem großen Bären begleitet zu sein. Die Alten werden wieder jung. Dann wird es keine Todesannoncen mehr geben, sondern freudige Berichte über die Auferstandenen.“[30] Für jene auf der Erde wird Gott aber weiterhin unsichtbar bleiben.

Nachdem die Erde von den irdischen Zeugen Jehovas in einen paradiesähnlichen Zustand umgestaltet und bevölkert wurde, werden diese ihre Fortpflanzungsfähigkeit verlieren, um eine terrestrische Überpopulation zu verhindern. Dieser Zustand währt 1000 Jahre an.[31]

Nach dieser Zeit wird Satan abermals freigelassen, um die Verbliebenen erneut auf ihren Glauben hin zu prüfen. Im Anschluss folgt die Endschlacht zwischen Teufel und Christus, in welcher sich Jesus wiederum deutlich behaupten kann.[32] Jene die an der letzten Prüfung ihres Glaubens gescheitert sind werden zusammen mit Satan schließlich in einen Feuer- und Schwefelsee für immer eliminiert, währen der Rest in alle Ewigkeit im wiederhergestellten Paradies leben darf.[33]

3. Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen)

Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ kann aus heutiger Sicht zu einer der erfolgreichsten Endzeitgemeinden gezählt werden. Aktuell zählt die Glaubengemeinschaft weltweit mehr als 13 Millionen Mitglieder. Missionarische Erfolge der Kirche sind neben den umfassenden missionarischen Tätigkeiten in aller Welt vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich bei den Mormonen zwar um eine Endzeitgemeinde handelt, sich der Gründer Joseph Smith und auch keiner seiner Nachfolger, im Gegensatz zu den dadurch krisengeschüttelten Zeugen Jehovas, auf ein genaues Datum einer mögliche Apokalypse fixiert hat und dadurch tiefere Einschnitte in die Kirchengeschichte vermieden werden konnten. Sitz der Kirche ist die hauptsächlich von Mormonen bewohnte Stadt Salt Lake City im amerikanischen Bundesstaat Utah, welcher erst mit dem mormonischen de jure Verzicht auf die Polygamie im Jahre 1896 in die Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen wurde. De facto wird die Mehrfachehe, die auch Polygenie oder Polyandrie einschließen kann, von kleinen Teilen der Glaubensgemeinschaften aber immer noch betrieben, ganz nach dem Vorbild ihrer Propheten wie Joseph Smith mit 33 Ehefrauen oder etwa Brigham Young, dem je nach Überlieferung 23 bis 56 Frauen zugeschrieben werden.[34]

Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ wurde 1830 vom amerikanischen Farmersohn Joseph Smith gegründet. Damit schien er einer göttlichen Anweisung nachgekommen zu sein, denn nach seinen Angaben offenbarte sich ihm im Jahre 1819 ein Bote Gottes, welcher Smith auftrug als Auserwählter eine Kirche zu begründen. Jener göttliche Bote namens Moroni, unter anderem der Nachkomme des Propheten Mormon, hätte Smith am 21. September 1923 die Existenz und den Verwahrungsort der heiligen goldenen Schrifttafeln offenbart, in welchen die göttlichen Evangelien-Lehrsetzte eingraviert gewesen wären.[35] Obwohl Smith laut seinen Ausführungen die goldenen Tafeln noch am selben Tag nahe der Ortschaft Manchester, Kreis Ontario im Staate New York, an einem Hügel namens Cumorha fand, vergingen weitere Jahre bis Smith die Platten das erste Mal an sich nehmen konnte. Bis dahin sollte Smith jedes Jahr um die gleiche Zeit an dieselbe Stelle kommen bis die Zeit reif wäre. Im Jahre 1927 schien es soweit. Smith erhielt die Platten im Alter von 22 Jahren von Moroni, um deren längst vergessene Inhalte für die Nachwelt zu transkribieren und in englischer Sprache auf Papier zu bringen. Um die fremd anmutenden Schriftzeichen der Platten zu entziffern zu können, benutzte Smith angeblich die beiden göttlichen Seher-Steine „Urim“ und „Tummim“, die in einem Silberbügel brillenähnlich abgefasst und zusammen mit den goldenen Tafeln verwahrt waren.[36]

Da laut Smith die Platten nach zwei Jahren von Moroni wieder zurückgefordert wurden und er damit keinen sicheren Beweis mehr für die vermeintlichen Dokumente göttlicher Herkunft besaß, wurden elf Gläubige in der Mormonenbibel namentlich angeführt, denn der „Herr hat dafür gesorgt, daß außer Joseph Smith noch elf andere die Goldplatten zu Gesicht bekamen und ausdrücklich bezeugten, daß das Buch Mormon wahr ist und von Gott kommt.“[37]

Im Jahre 1830 erschien schließlich die Transkription der goldenen Platten in Form des Buches Mormon, in welchem es einführend unter anderem heißt, die Botschaft lege „den Plan der Errettung dar und lässt die Menschen wissen, was sie tun müssen, um in diesem Leben Frieden und im künftigen Leben ewige Errettung zu erlangen“.[38] Das Werk Mormon selbst lehnt sich eng an die vier Evangelien der Bibel an, welche Smith hinsichtlich seiner Lehren grundlegend modifizierte. So wird das Buch Mormon als göttliche Offenbarung der westlichen Hemisphäre und die Bibel als jene der östlichen angesehen, die aber laut Smith viele Glaubensfehler enthält.

Das 500 Seiten umfassende Buch Mormon besteht aus 15 Büchern[39] und wird von den Mormonen nicht nur als Lehr- sondern auch als Geschichtsbuch auf der Basis einer Jahrtausende zurückreichenden Heils- und Profangeschichte Amerikas verstanden.[40] Die zentralen Knotenpunkte des Buches drehen sich um die Erzählung über den jüdischen Propheten Mormon, dessen Ahnenstamm laut Smith um 600 v. Chr. Jerusalem verließ und über den Atlantik nach Nordamerika aufbrach. Dort spalteten sich die Neuankömmlinge in die gottgefällige Bevölkerung der Nephiten, welche Jesus Christus nach seiner Auferstehung auch im nördlichen Amerika erschienen sein soll, und in die abtrünnigen Lameniten, welche die Nephiten in einer letzten Entscheidungsschlacht bei Cumorha im Jahre 400 n. Chr. besiegen konnte.[41] In der Folge bestrafte Gott die Lameniten dafür mit einer dunklen Hautfarbe. Durch dieses Argument versuchte Smith die Herkunft, die Existenz und das Schicksal der indigenen amerikanischen Bevölkerung zu erklären. So sei nicht nur die dunkle Hautfarbe, sondern auch die Ausrottung durch den Weißen laut Smith die Folgen einer göttlichen Strafe.[42]

Moroni, dem letzten lebenden nephitischen Prophet, gelang es die Lehren und die heiligen Schriften vor seinem Tode auf goldene Platten zu verewigen und am Hügel Cumorah zu versiegeln und zu vergraben.[43]

Ab der Versiegelung der goldenen Platten bis zu ihrer Entdeckung durch Smith vergingen etwa 1400 Jahre, wobei die Mormonen in der Auffindung der Platten durch Smith den Startpunkt für die beginnende Endzeit konstatieren.[44] Dazu steht im Kapitel 27 des 2. Buches Nephi geschrieben: „Und siehe, das Buch wird versiegelt sein, und in dem Buch wird eine Offenbarung von Gott sein, vom Anfang der Welt bis zum Ende.“[45]

[...]


[1] Helmut Obst, Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemsinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2000, S. 411.

[2] Marion Bayerl, Die Zeugen Jehovas. Geschichte, Glaubenslehre, religiöse Praxis und Schriftverständnis in spiritualitätstheologischer Analyse (Geist und Wort 2), Hamburg 2000, S. 114ff.

[3] Obst, Apostel, S. 411.

[4] Ebd., S. 431.

[5] Bayerl, Zeugen, S. 119.

[6] Andreas Fincke/Matthias Pöhlmann, Kompass. Sekten und religiöse Weltanschauungen. Ein Lexikon, Gütersloh 2004, S. 231ff.

[7] Obst, Bann, S. 420f.

[8] Bayerl, Zeugen S. 29f.

[9] Obst, Apostel, 422ff.

[10] Hugo Stamm, Im Bann der Apokalypse. Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten, Zürich – München 1998, S. 301f.

[11] Bayerl, Zeugen, S. 29.

[12] A.Wolfgang Mischitz, Jehovas Zeugen und ihre Umwelt. Zwischen Aneignung und Abwehr, Wien 2003, S. 24f.

[13] Friederike Valentin, Das Ende ist nahe. Naherwartung und Parusieverzögerung bei Sekten und religiösen Sondergruppen, in: Hans Gasper/Friederike Valentin (Hrsg.), Endzeitfieber. Apokalyptiker, Untergangspropheten, Endzeitsekten, Freiburg im Breisgau 1997, S. 41.

[14] Stamm, Bann, S. 301.

[15] Eva Maria Kaiser/Ulrich Rausch, Die Zeugen Jehovas. Ein Sektenreport, München 1998, S. 131f.

[16] Stamm, Bann, S. 302f.

[17] Kaiser/Rausch, Sektenreport, S. 137-140.

[18] Stamm, Bann, S. 302f.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S. 302ff.

[21] Ebd., S. 303.

[22] Kaiser/Rausch, Sektenreport, S. 130.

[23] Stamm, Bann, S. 303.

[24] Joachim Müller, Apokalypse. Botschaften der Angst oder Frohbotschaft? (Informationen zur neuen religiösen Szene 12), Freiburg im Breisgau 1999, S. 18ff.

[25] Ebd.

[26] Bayerl, Zeugen, S. 80ff.

[27] Ebd.

[28] Klaus-Dieter Pape/Gary Lukas Albrecht (Hrsg.), Zeugen Jehovas, in: Harald Baer/Hans Gasper (Hrsg.), Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus, Freiburg 2005, Sp. 1416-1418.

[29] Bayerl, Zeugen, S. 81f.

[30] Müller, Apokalypse, S. 19.

[31] Bayerl, Zeugen, S. 80ff.

[32] Pape/Albrecht, Zeugen Jehovas, Sp. 1416-1418.

[33] Bayerl, Zeugen, S. 80ff.

[34] Stamm, Bann, S. 292ff.

[35] Gerald Kluge, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, in: Harald Baer/Hans Gasper (Hrsg.), Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus, Freiburg 2005, Sp. 689f.

[36] Stamm, Bann, S. 288f.

[37] Ebd., S. 289.

[38] Ebd., S. 288ff.

[39] 4 Bücher Nephi, Jakob, Enos. Jarom, Omni, Worte und Buch Mormons, Mosiah, Alma, Helaman, Ether, Moroni.

[40] Albert Mössmer, Mormonen. Die Heiligen der letzten Tage, Düsseldorf 1995.

[41] Obst, Apostel, S. 296f.

[42] Ebd., S. 294ff.

[43] Ebd., S. 296f.

[44] Stamm, Bann, S. 290.

[45] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Religiöse Sekten und ihr Bild von der Zukunft der Menschheit
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte und Ethnologie)
Veranstaltung
Der Blick in die Zukunft. Astrologie, Numerologie, Traumdeutung, Chiromantie und andere Methoden der Divination und Zukunftsprognose von der Antike bis zur Gegenwart
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V146087
ISBN (eBook)
9783640565559
ISBN (Buch)
9783640565177
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religiöse Sekten, Sekten, Zukunft, Zukunft der Menschheit, Bild der Zukunft, Zukunftsbild, Zeugen Jehovas, Apokalypse, Untergang, Weltuntergang, Mormonen, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Scientology, Die Manson-Familie, Manson Family, Charles Manson, Fiat Lux, Uriella, Joseph Smith, L. Ron Hubbard, Hubbard, Endzeit, Paradies, Elohim, Jehova, Zukunftsvorstellungen, Zeugen
Arbeit zitieren
Hubert Feichter (Autor:in), 2009, Religiöse Sekten und ihr Bild von der Zukunft der Menschheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146087

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