Narrative Strukturen in Regula Venskes: ´Daß man dran glauben mußte...´


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
41 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Gliederung

0 Einleitung

1 Creator - Wirklichkeit

2 Narrative Strukturen
2.1.1 Die Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene
2.1.2 Die Präsenz des Erzählers auf der Erzählerebene
2.2 Der Zeitbezug zwischen Erzähler und Res
2.2.1 Die Vergangenheitserzählung
2.3 Der Standpunkt des Erzählers in der Narratio
2.4 Die zeitliche Relation zwischen Erzählvorgang und erzähltem Vorgang
2.5 Die Wiedergabe der Rede
2.6 Zur Strategie von Selektion und Sukzession
2.7 Die Abgrenzungsstrategie
2.7.1 Zu Texteingang und Textausgang

3 Zur Textart
3.1 Kriminalgeschichte oder Detektivgeschichte

4 Fazit

0 Einleitung

Mit den Ergebnissen der Marburger Arbeitsgruppe „Narrativik“ bietet sich ein verläßliches Instrumentarium zur Analyse narrativer Texte. Die Beschreibungskategorien dieses Modells sind, um den Ausführungen Gerd Driehorsts zu folgen, „in Hinblick auf eine Standardisierung des Beschreibungsinventars kategorial und elementar definiert.“[1]

Wegen ihrer Eindeutigkeit verhindert diese Narrativik eine Vermischung verschiedener narrativer Untersuchungsmerkmale, und ermöglicht so eine Analyse auf der Grundlage der Betrachtung von Detailaspekten und der Trennung verschiedener Dimensionen eines Textes sowie die Beurteilung und Charakterisierung des Textes in seiner Gesamtheit.

Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht Regula Venskes „ Daß man dran glauben mußte... “ auf dieses Modell hin zu überprüfen, um schließlich zu einer Gesamtaussage über diesen fiktionalen Text zu gelangen.

Ein fiktionaler Text, ebenso wie ein nicht- fiktionaler Text, stellt die Verschriftlichung eines Kommunikationsprozesses dar. Nach dem Bühlerschen Organon- Modell als Kommunikations- und Funktionenmodell besteht jede Kommunikation aus den drei Elementen Gegenstand, Sender und Empfänger mit den zugehörigen Funktionen und Funktionsträgern.[2]

Bezogen auf fiktional narrative Texte erhalten die Elemente dieser Trias die Bedeutungen Res[3], Narrator[4] und Rezipient. Bei Res und Narrator handelt es sich um vom Creator geschaffene Elemente: die Res als objektiv vorgestelltes, vorsprachliches Geschehen und der Narrator als textimmanente Erzählerfigur, der die Res von seinem subjektiven Standpunkt aus widerspiegelt und versprachlicht.

Basierend auf diesen Ausführungen sollen in der vorliegenden Arbeit diese Komponenten untersucht werden, wobei die Vermittlerinstanz die Priorität hat, da der Narrator initiatorisch, im Sinne von Ursprung jeder Erzählung, den Ausgangspunkt aller Überlegungen bildet.

Die Res ist jedoch ebenfalls von entscheidender Wichtigkeit, da bei ihrem Fehlen keine Erzählung zustande kommen könnte, aber auch weil die Trennung von Form und Inhalt sich nicht als sinnvoll erweisen würde.

Schließlich handelt es sich beim Bühlerschen Organon- Modell um ein flexibles Modell, bei dem einzelne Komponenten betont werden können, das vollständige Entfallen von Komponenten jedoch nicht möglich ist.[5]

Dementsprechend wird exhaustiv die Narratorfigur untersucht sowie die Res und ihre Strukturen, um schließlich die gemachten Erkenntnisse in einen Gesamtzusammenhang bringen zu können.

Die dritte Komponente der Trias, der Rezipient, wird hier nicht als Gliederungspunkt untersucht, denn schließlich stellt diese Arbeit mit ihren inhaltlichen Aussagen eben diese Komponente dar: die Beurteilung durch den Rezipienten.

Die wichtigsten zu beantwortenden Fragen sind: Wie sind die Bereiche Narrator und Res zu charakterisieren? und Wie kommt die Narratio im Zusammenspiel von Res und Narrator zustande?

Um diese Aspekte erhellen zu können, werde ich nach einer kurzen Vorstellung der Autorin zunächst die narrativen Strukturen, inbegriffen die Figur des Erzählers und dessen Strategie des Erzählens, untersuchen. Diese Analyse wird an gegebener Stelle um die Untersuchung der Res- Strukturen erweitert.

Abschließend wird diese Kurzgeschichte noch als Textart zu beurteilen und so in den Gesamtkontext des Seminars einzugliedern sein dessen Ursprungsort diese Hausarbeit ist.

Da das Seminar die Untersuchung von Kriminalgeschichten als Grundlage hatte, gilt es an dieser Stelle zu fragen, ob es sich bei der vorliegenden Geschichte um eine Kriminal-, bzw. Detektivgeschichte handelt oder nicht. Sollte diese Klassifizierung nicht zutreffend sein, so muß geklärt werden, um welche Art von Kurzgeschichte es sich demzufolge handelt.

Im schließenden, zusammenfassenden Fazit werden die Ergebnisse auf ihre Tauglichkeit bezüglich der von mir aufgeworfenen Fragen zu überprüfen sein und in ihrer Gesamtheit beurteilt werden.

1 Creator - Wirklichkeit

Regula Venske wurde am 12.06. 1955 in Minden/ Westfalen geboren.[6]

Sie studierte zunächst Jura und anschließend Literaturwissenschaften und Anglistik. Nach dem ersten Staatsexamen lehrte sie von 1982 bis 1986 an der Universität Hamburg, der FU Berlin und als Lektorin an der University of London.

1987 promovierte sie zum Doktor phil. und ließ sich als freie Autorin und Journalistin in Hamburg nieder.

Entgegen meiner im Seminar geäußerten Erkenntnisgewinnung handelt es sich bei Regula Venske sehr wohl um eine etablierte deutsche Kriminalautorin.

Ihre ersten drei Kriminalromane „Schief gewickelt“, „Kommt ein Mann die Treppe rauf“ und Rent a Russian“ faßte sie unter dem Zyklus- Titel „Windel- Schnuller- Milchzahn“- Trilogie zusammen. Für „Rent a Russian“ wurde sie mit dem Deutschen Krimi- Preis 1996 ausgezeichnet.

KRIMINALROMANE:

1991 Schief gewickelt

1993 Kommt ein Mann die Treppe rauf

1995 Rent a Russian

1998 Double für eine Leiche

1998 Die Hexen von Övelgönne

1998 Der geklaute Heilige

ANDERE BÜCHER:

1987 (mit Inge Stephan und Sigrid Weigel) Frauenliteratur ohne Tradition? : 9 Autorinnenporträts

1988 Mannsbilder - Männerbilder : Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen

1988 Ach Fanny: Vom jüdischen Mädchen zur preussischen Schriftstellerin: Fanny Lewald

1991 Das Verschwinden des Mannes in der weiblichen Schreibmaschine : Männerbilder in der Literatur von Frauen

1993 Pursuit of happiness oder die Verfolgung des Glücks

1997 Die alphabetische Autorin

1997 Warum heiraten

2 Narrative Strukturen

Aufgrund der narrativen Texten zugrunde liegenden triadischen Struktur von Res, Narrator und Rezipient sind drei verschiedene Konzeptionen von Narrativik denkbar. Dies kann einerseits eine Narrativik sein, die die Strukturen der Res und deren Untersuchung in den Mittelpunkt stellt, eine Narrativik die rezipientenorientiert ist oder wie im vorliegenden Fall kann die Narrativik die Rolle der Vermittlerinstanz favorisieren.[7] Das Entscheidende der erzählerorientierten Narrativik ist nicht das Geschehen sondern die Art und Weise wie die Res vermittelt wird. Das bedeutet, daß der Erzähler durch sein Eingreifen die Handlung nach seinen subjektiven Maßstäben abbildet. Auch wenn wir es immer nur mit den bereits vorliegenden Texten als Endprodukt zu tun haben und somit einer Realisierung von Res und Narrator, so muß doch davon ausgegangen werden, daß das Geschehen in seiner vorsprachlichen Wirklichkeit auf verschiedene Arten präsentiert werden könnte. Eben dieses konkret vorliegende Eingreifen des Narrators in die Darstellung und Präsentation der Handlung gilt es in der erzählerorientierten Narrativik zu analysieren.

Ausgehend von den zentralen Kategorien Erzählertyp und Erzählerstandpunkt werden die übrigen Untersuchungsparameter wie Zeitbezug, Zeitbehandlung, Redewiedergabe, Selektions- und Sukzessionsstrategie sowie Abgrenzungsstrategie zugeordnet.

2.1 Die Konzeption des Erzählers

Die Frage, die der Typisierung der den Narrator beschreibenden Merkmalen vorausgeht ist: „Wie kann der Erzähler als textimmanente Komponente (vs. textexterner Autor), als heuristisches Prinzip, definiert werden, und in welchen möglichen Manifestationen bildet er sich im Text ab?“[8]

Von dieser Fragestellung ausgehend kommt man zu der logischen Einsicht, daß der Erzähler, ob in fiktiver oder nicht- fiktiver Form, eingebunden in Raum und Zeit ist.

So ist es möglich, den Erzähler als Person/Zeit/Ort- System zu konzipieren. Da jede textliche Äußerung zugleich eine Äußerung des Narrators darstellt, steht auch hinter „jeder narrativen Aussage [...] verdeckt, teilverdeckt oder offen nachweisbar der Ursprung des Textes, die Erzähler- ORIGO: ICH (erzähle) etwas JETZT HIER, lateinisch im Sinne einer übereinzelsprachlichen Nomenklatur: EGO/NUNC/HIC.“[9]

Indem die konkrete Textanalyse alle Merkmale des Narrators zusammenträgt bildet sie sein Profil nach.

Um eine erste Klassifizierung des Narrators vornehmen zu können, geht man von der Annahme aus, daß ein Text ontologisch aus zwei Ebenen besteht: der Erzählerebene und der Handlungsebene, sprich der Narrator- Ebene und der Res- Ebene.[10] Die Präsenz bzw. die Nicht- Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene bestimmt über das Merkmal Ich- oder Er- Erzählung, wohingegen diese Präsenz auf der Erzählerebene über das Merkmal Auktorialität entscheidet.

2.1.1 Die Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene

Die Art der Präsenz des Narrators auf der Ebene der Res entscheidet über die Klassifizierung der Erzählung als Ich- Erzählung oder Er- Erzählung. Um diese Form der Narratio bestimmen zu können, ist es wichtig zu entscheiden ob das EGO des Narrators als handelnde Figur im Rahmen der Narratio erscheint und ob es somit „Teil der versprachlichten Vorgänge in ihren Figuren-, Raum- und Zeitkonstellationen ist“[11]. Sollten diese Verhältnisse der Fall sein, so handelt es um eine Ich- Erzählung.

Dies ist im Fall von Regula Venskes Narrator nicht realisiert. Hier handelt es sich beim EGO des Erzählers nicht um ein handelndes Subjekt der Res sondern vielmehr um einen Erzähler, der über andere berichtet. Liegt die Konstellation vor, daß der Erzähler nicht an der Handlung teil hat, sondern lediglich „über andere und anderes außerhalb seiner selbst“[12] berichtet, so handelt es sich um eine Er- Erzählung.

Deiktische Parameter hierfür bilden bereits die in der Narratio auf die handelnden Figuren angewandten Personal- und Possessivpronomen. Entscheidendes Kriterium ist hier die Verwendung der 1.Person Singular, sofern es sich nicht um Redewiedergabe handelt. Wird das „ich“ in der Erzählung angewandt so liegt auch gleichzeitig eine Ich- Erzählung vor, kann diese Personalform nicht ausgemacht werden, handelt es sich um eine Er- Erzählung[13].

Erwähnenswert im Hinblick auf „ Daß man dran glauben mußte... “ scheint mir die Tatsache, daß trotz des häufigen Perspektivwechsels[14] jeweils zu Beginn einer neuen Perspektive deutlich wird, daß es sich durchgängig um eine er- erzählte Geschichte handelt. Die Anfänge der Perspektiven, „Und er war einer von ihnen...“[15], „Seine ganze elfjährige Inbrunst,...“[16], „Er war nur wegen...“[17], „Lange hatte sie ...“[18], „Er hatte es getan...“[19] machen deutlich, daß der Erzähler nicht auch zugleich handelndes Subjekt der Handlungsebene ist.

2.1.2 Die Präsenz des Erzählers auf der Erzählerebene

Ob und wie sich der Narrator auf der Erzählerebene präsentiert ist distinktives Merkmal für die Auktorialität bzw. Nicht- Auktorialität des Erzählers. Die Präsentation des Erzählers auf der Ebene des Narrators kann in zweierlei Weise stattfinden, entweder als Kommentar des Erzählers zur Narratio oder als Problematisierung des Erzählprozesses an sich. Wird in einer dieser Formen die Ebene des Erzählers realisiert, ist die Rede von der Auktorialität des Narrators. „Zur Konstatierung von Auktorialität, also zur expliziten Erscheinungsform des Narrators als Sprechendem[...], nehmen wir Bezug auf die Bühlersche Origo- Konzeption mit den ‘deiktisch- grammatischen’ Origo- Parametern EGO/HIC/NUNC.“[20] Das Ausmachen eines dieser Origo- Parameter im Rahmen der Erzählerebene führt bereits zu dem Schluß, daß es sich um eine Auktorialität seitens des Narrators handelt wobei die Tatsache kein Gewicht hat, ob der Narrator sich ein- oder mehrmals an der Oberfläche der Ebene des Narrators ausmachen läßt. So ist es für den kompetenten Rezipienten jederzeit möglich, über die Analyse der Parameter EGO/HIC/NUNC die Auktorialität des Narrators zu kennzeichnen.

Der nicht- auktoriale Erzähler ist nicht an den Origo- Parametern explizit nachweisbar, er ist lediglich implizit im Text enthalten, das bedeutet „ein derartiger Erzähler referiert weder qua Ich, noch qua Zeit, noch qua Ort auf seinen Status als Erzähler. Fehlende Selbstreferenz ist indessen nicht gleichbedeutend mit fehlender Existenz.“[21] Denn schließlich ist der Narrator implizit jederzeit greifbar. In erster Linie stellt der Narrator als Ursprung der Versprachlichung der Res natürlich eine Grundkonstante für einen fiktiven Text dar und dementsprechend muß bei einem Narrator, der nicht explizit an der Oberfläche des Textes nachzuweisen ist davon ausgegangen werden, daß der Narrator implizit vorhanden ist. Weiterhin ist der Erzähler implizit greifbar als in die Narratio versetztes Beobachtungszentrum, denn die Res ist in ihrer Darstellung abhängig vom Standpunkt des Erzählers in der Szene. Letztlich ist ein impliziter Erzählernachweis nach kommunikativen Gesichtspunkten möglich, „da die Textstrategie eine wirkungsästhetische Intention verrät. Intentionalität verweist auf denjenigen, von dem sie ausgeht, hier auf den Narrator.“[22]

Diese Punkte, die den impliziten Erzählernachweis nicht zu einem lediglich sehr vagen Nachweis degradieren, sind zwar auch dem expliziten Nachweis inhärent, da sie die Grundstrukturen eines fiktiven, narrativen Textes aufgreifen, aber die weiteren Merkmale eines expliziten Erzählers erweisen sich in dieser Hinsicht als distinktiv.

Im Fall unseres präterital erzählten Textes[23] gibt es laut Roßbach noch einen weiteren impliziten Erzählernachweis, denn eine präteritale Geschehensebene setzt immer eine präsentische Erzählerebene voraus.[24] Da diese präsentische Erzählerebene im vorliegenden Text jedoch nur als implizit vorauszusetzen ist und in der Textgestaltung nicht explizit realisiert wurde, handelt es sich hier um eine nicht- auktoriale Erzählung. Bei der ersten Ausarbeitung durch die Gruppe gab es durchaus Unstimmigkeiten bezüglich der Auktorialität. Diese basierten auf der Ausgangsthese, daß Wertungen, die nicht aus einer Figurenperspektive entstammen als Wertungen durch den Narrator anzusehen sind und somit ein bestimmendes Merkmal für Auktorialität bilden. Wie jedoch auch Brandt[25] in seinen Ausführungen bemerkt gilt es Wertungen vor ihrer Zuordnung zum Narrator oder zu einer Figur genau zu betrachten. Ein methodisch einwandfreies Verfahren beinhaltet die Unterscheidung von vier möglichen Darbietungsformen von Wertungen. Wertungen, die das Urteil der Auktorialität nicht nach sich ziehen können sind solche, die durch die Figuren geäußert werden, Wertungen des Narrators, die von der Res- Ebene her erfolgen oder Wertungen, die eine Verbindung von Figuren- und Narrator- Wertung darstellen. Die vierte Klasse von Beurteilungen ist die Wertung des Narrators von der Narrator- Ebene aus, wodurch die Narrator- Ebene expliziert wird und Auktorialität des Erzählers folgt.

Die strittige Stelle „Es herrschte große Einsamkeit auf der Welt, für manch einen gab es keine Rettung mehr.“[26] ist nicht als Wertung von der Ebene des Narrators einzuschätzen, sondern vielmehr als Figuren- Wertung im Sinne einer Fokussierung auf die Person des Mörders.

In Regula Venskes „ Daß man dran glauben mußte... “ ist der Narrator also konzipiert als ein nicht- auktorialer Er- Erzähler, der keine handelnde Figur der Res darstellt und auch auf der Ebene des Narrators nicht explizit realisiert wird.

2.2 Der Zeitbezug zwischen Erzähler und Res

Bei der Untersuchung des Zeitbezuges ist nicht die zeitliche Relation von Creator und Res Untersuchungsgegenstand sondern vielmehr der temporale Bezug zwischen Narrator und Res. Betrachtet wird bei dieser Beziehung das Verhältnis des Redemoments zum jeweiligen vorsprachlichen Geschehen.

Dieses Verhältnis kann sich dreierlei Art gestalten: vorzeitig, gleichzeitig oder nachzeitig. Da der Fall des nachzeitigen Erzählens verschwindend selten ist, hat der Rezipient es in der Mehrzahl der Fälle entweder mit der Relation der Gleichzeitigkeit oder der Vorzeitigkeit zu tun.

Gleichzeitige Erzählungen sind derart gestaltet, daß der Moment in dem das Geschehen versprachlicht wird und der Moment des Geschehens selbst zusammenfallen, wobei aus einer Haltung des Erlebens erzählt wird. Liegt hingegen die Handlungsgegenwart vor dem Moment des Erzählens, so handelt es sich beim Zeitbezug um Vorzeitigkeit.

2.2.1 Die Vergangenheitserzählung

In „Daß man dran glauben mußte...“ kann der Zeitbezug mit vorzeitig, erinnernd, präterital und Vergangenheitserzählen beschrieben werden, denn je nach dem Aspekt, der in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird findet eine terminologisch differente Bezeichnung für gleiche Sachverhalte statt[27].

Tatsache ist, daß die Res mit ihren Handlungen und Figuren auf einer Zeitleiste dem Moment ihrer Versprachlichung vorgelagert ist. Demzufolge ist bei einer Darstellung der Relation zwischen Res und Narrator die Res vorzeitig, unter psychologischem Aspekt findet der Akt des Erzählens aus einer Haltung des Erinnerns statt. Grammatisches Deiktikum für diesen Zeitbezug ist die Tempusform Präteritum, aus welchem Grund die Geschichte als präterital erzählt charakterisiert wird, ausgehend vom epischen Präteritum als Basistempus, der Typ der Geschichte ist schließlich eine Vergangenheitserzählung.

Ausgehend von dieser Einordnung der zeitlichen Relation von Res und Narrator findet sich auch im Verlauf der Res die Notwendigkeit, eine zeitliche Relation zwischen einem Bezugspunkt und einem Geschehen herzustellen. Über den grundsätzlichen Aufbau von Vorzeitigkeit oder Gleichzeitigkeit einer Res und Moment der Versprachlichung besteht die Notwendigkeit auch die zeitlichen Relationen innerhalb der Res zu verdeutlichen.

Dies geschieht beim Vergangenheitserzählen ausgehend vom Basistempus Präteritum. Beim Gegenwartserzählen läge das Basistempus Präsens als grammatisches Deiktikum vor. Auf diese Weise läßt sich laut Freudenberg[28] das Tempussystem des Deutschen in zwei Teilsystemen aufbereiten. Diese beiden Teilsysteme werden bezeichnet mit Tempusgruppe I und Tempusgruppe II, beziehungsweise Welt I und Welt II. Hierbei stellt, bezogen auf den kommunizierenden Sprecher und somit auch auf unseren Narrator, die erste Tempusgruppe „die gespannte Haltung unmittelbarer Betroffenheit“[29] dar, „sie signalisiert emotionale Nähe und volle Konzentration“[30], die Welt der zweiten Tempusgruppe steht demgegenüber für eine „lockere, entspannt- distanzierte Haltung“[31].

Bei unserer Erzählung halten wir uns in eben diesem Feld der locker, entspannt- distanzierten Haltung auf und auf das Basistempus Präteritum zur Darstellung von Gleichzeitigkeit zum Bezugspunkt folgen die Tempi Plusquamperfekt zur Darstellung eines Vorher zum Bezugspunkt und die Konstruktion würde/sollte plus Infinitiv zur Verdeutlichung eines Nachher zum Bezugspunkt im Rahmen der Res.

Diese Zeitenfolge im Sinne einer Darstellung von Vergangenheit und die Schilderung von Vor- Vergangenheit und Nach- Vergangenheit, ist in „Daß man dran glauben mußte...“ konsequent durchgehalten:

„Jetzt war (Präteritum: Gleichzeitigkeit) es bald soweit, die Stunde seiner Rache war gekommen (Plusquamperfekt: Vorzeitigkeit). Er würde es endlich tun, und dann würde er nie mehr an Tonia denken (würde plus Infinitiv: Nachzeitigkeit).“[32]

„Und da sah (Präteritum: Gleichzeitigkeit) sie in endlich - mit verschleiertem Blick nahm (Präteritum: Gleichzeitigkeit) man eben doch mehr wahr, auch wenn das Typen wie Michael nie würden begreifen können (würden plus Infinitiv: Nachzeitigkeit).[...] Wie hatte sie ihn einst schon allein des Haarschopfs wegen geliebt (Plusquamperfekt: Vorzeitigkeit).“[33] (Hervorhebungen von mir, K.E.)

[...]


[1] G. Driehorst (1994, S. 77).

[2] Vgl. hierzu R. Hannes (1989, S. 26).

[3] Vgl. hierzu Freudenberg (1992, S.107)

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. hierzu die Ausführungen zum Prinzip der Prädominanz bei R. Hannes (1989, S.28).

[6] Vgl. Internetseite ourworld.compuserve, Internetseite gewi.kfunigraz

[7] Vgl. zu den Vor- und Nachteilen der geschehens- bzw. rezipientenorientierten Narrativik und der

Dringlichkeit, der erzählerorientierten Narrativik den Vorzug zu geben B. Rossbach (1995, S. 30ff.).

[8] Ebd. S. 35.

[9] Ebd. S. 36.

[10] Vgl. hierzu G. Driehorst (1995, S. 79).

[11] R. Hannes (1989, S. 36).

[12] Ebd. S. 37.

[13] Umgekehrt kann jedoch nicht bei Verwendung der dritten Person Singular oder Plural folgernd von einer

Er- Erzählung ausgegangen werden.

[14] Vgl. hierzu Kapitel 2.3. dieser Arbeit, S.

[15] Venske (1997, S. 291).

[16] Ebd. S. 293.

[17] Ebd. S. 295.

[18] Ebd. S. 297.

[19] Ebd. S. 299.

[20] G. Driehorst (1995, S. 79).

[21] B. Roßbach (1995, S. 39).

[22] Ebd. S. 36.

[23] Vgl. hierzu Kapitel 2.2.1. dieser Arbeit, S.

[24] Vgl. hierzu B. Roßbach (1995, S. 36).

[25] Vgl. hierzu W. Brandt (1992, S.32).

[26] Venske (1997, S. 291).

[27] Vgl. hierzu Brandt (1992, S. 30).

[28] Vgl. hierzu Freudenberg (1992, S. 112f.). Man beachte dabei auch seinen Exkurs zum traditionellen und modernen Ansatz der Darstellung des deutschen Tempussystems. Hier handelt es sich um eine vereinfachende Darstellung, die keinen Anspruch auf eine erklärende Funktion erhebt.

[29] Ebd. S. 113.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Venske (1997, S. 293).

[33] Venske (1997, S. 298).

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Narrative Strukturen in Regula Venskes: ´Daß man dran glauben mußte...´
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Germanistik und Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
HS Kriminalgeschichten. Narratortypologie und Erzählstrategie
Note
gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
41
Katalognummer
V1461
ISBN (eBook)
9783638109024
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrative, Strukturen, Regula, Venskes, Kriminalgeschichten, Narratortypologie, Erzählstrategie
Arbeit zitieren
Kerstin Eidam (Autor), 1999, Narrative Strukturen in Regula Venskes: ´Daß man dran glauben mußte...´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1461

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