Hundegestützte Therapie bei Kindern mit Autismus


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,7

Sofie Ellingsen (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Einführung Autismus

3. Mensch-Tier-Beziehung

4. Formen tiergestützter Intervention

5. Hundegestützte Verhaltenstherapie
5.1. Allgemeines zur Verhaltenstherapie bei autistischen Kindern
5.2. Der Hund in der Therapie
5.2.1. Wirkungsbereiche tiergestützter Intervention
5.2.2. Wirkung des Hundes auf das Kind
5.2.3. Rolle des Hundes
5.2.4. Interaktionsformen

6. Reflektion

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Es gibt inzwischen zahlreiche verschiedene Therapieansätze in der Arbeit mit autistischen Kindern.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich speziell mit den Möglichkeiten hundegestützter Therapien beschäftigen.

Während hundegestützte Therapien in den USA als auch in der Schweiz und in Österreich bereits einen festen Platz haben und allgemein anerkannt werden, ist diese Form der Therapie in Deutschland noch nicht sehr weit verbreitet.

Es ist jedoch ein eindeutiger Trend in Richtung dieser neuen Therapieform zu erkennen.

Ich möchte im Folgenden versuchen, das Feld der hundegestützten Therapie näher zu erläutern und die Vorteile und Wirkungsweisen dieser Therapie aufzuzeigen.

Hierfür möchte ich vorher einen kurzen Einblick in das Störungsbild Autismus geben, sowie über die Mensch-Tier-Beziehung und die verschiedenen Formen tiergestützter Intervention.

Diese Informationen sind meiner Meinung nach wichtig um zu verstehen, was die Therapien leisten müssen, welche Förderung speziell autistische Kinder benötigen und weshalb Tiere, speziell Hunde, hierbei behilflich sein können.

2. Einführung Autismus

„Imagine yourself alone in a foreign land. As you step off the bus, the local people crowd toward you, gesticulating and shouting. Their words sound like animal cries. Their gestures mean nothing to you. Your first instinct might be to fight, to push these intruders away from you; to fly, to run away from their incomprehensible demands; or to freeze, to try to ignore the chaos around you.” (Happé 1994, 94)[1]

Dieses Zitat gibt meiner Meinung nach einen guten Eindruck von der Situation autistischer Kinder. Ihre Wahrnehmung der Welt unterscheidet sich von der gesunder Menschen. Ihr Verständnis für Sprache, verbal als auch nonverbal, ist stark eingeschränkt, was zu großen Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen führen kann.

Autismus zählt zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Nach ICD 10, sowie DSM IV müssen bei Autismus Verhaltensauffälligkeiten in folgenden drei Bereichen vorliegen:

- qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen sozialen Interaktion,
- qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation und Sprache sowie
- begrenzte repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten.[2]

Anhand dieser Definition wird bereits deutlich, dass die möglichen Auffälligkeiten nur sehr grob umschrieben sind. Autismus ist ein sehr vielschichtiges, uneinheitliches Krankheitsbild.

„Den“ Autismus gibt es nicht, da bei jedem Betroffenen sowohl andere Ausprägungsstärken als auch Auffälligkeiten und Defizite festzustellen sind. So gibt es zum einen Kinder, die in sonderpädagogischen Einrichtungen betreut werden müssen, zum anderen gibt es Kinder die recht unauffällig sind und sogar Regelschulen besuchen können.

Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Umweltreize zu filtern indem sie unwichtiges aus ihrem Aufmerksamkeitsfokus heraushalten. Dies führt unweigerlich zu einer Reizüberflutung, der die Kinder nur durch eine Abschottung von der Umwelt entkommen können.[3]

Normalerweise ist die Entwicklung eines Kindes eng verknüpft mit einer spielerischen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Autistische Kinder haben diese Fähigkeit in der Regel jedoch nicht, sie sind keine Selbstlerner. Durch die sehr eingeschränkte und kaum auf Eigeninitiative beruhende Auseinandersetzung mit der Umwelt kommt es zu starken Entwicklungsrückständen.[4]

Wie oben bereits gesehen ist ein wichtiges Symptom bei autistischen Kindern eine erhebliche Beeinträchtigung im sozialen Bereich.

Es ist für die Kinder oft schwierig, gesellschaftliche Regeln und Normen zu verstehen, ebenso fehlt ihnen oft ein natürliches Verständnis für Gefühle, Gedanken und Intentionen anderer Menschen.[5] Auch diese Problematik ist zum Teil auf die eingeschränkte Auseinandersetzung mit der Umwelt zurückzuführen, ein großer Teil dieser Probleme beruht jedoch auf einem geringen Sprachverständnis. Nur etwa 50 – 80 % der autistischen Kinder entwickeln Sprache, wobei bei einem großen Teil der Kinder trotzdem starke Beeinträchtigungen festzustellen sind. Es ist jedoch nicht nur die verbale Sprache, die für die Kinder oft unverständlich ist, sie haben oft auch Probleme nonverbale Signale (Gestik, Mimik, Körpersprache) richtig zu deuten oder sie gar selbst zur Kommunikation zu nutzen.[6]

Die sprachlichen Schwierigkeiten sind ein wichtiger Faktor bei der Entstehung anderer Verhaltensauffälligkeiten. Durch die fehlende Möglichkeit der Kommunikation sind viele Kinder kaum in der Lage, Wünsche oder Bedürfnisse als auch Abwehr oder Protest auszudrücken und mitzuteilen. Hierdurch können viele Bedürfnisse schlecht befriedigt werden und auch für Kinder unangenehme Situationen können nur schwer als solche wahrgenommen und beseitigt werden.

Es wird vermutet, dass vor allem drei fehlgeleitete psychologische Abläufe abweichendes Verhalten verursachen. Das Konzept der „Theory of Mind“, beeinträchtigte Exekutiv-funktionen, sowie eine schwache zentrale Kohärenz.

Das Konzept der Theory of Mind bezieht sich auf die Fähigkeit, sowohl eigene Gefühle, Gedanken, Emotionen oder Absichten als auch die anderer Menschen, wahrzunehmen, zu deuten und vorherzusagen. Die bereits zuvor beschriebenen Probleme im Bereich der nonverbalen Kommunikation sind Teil dieses Konzeptes. Außerdem umfasst es die Fähigkeit, bzw. das Unvermögen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, was soziale Beziehungen zusätzlich erschwert.

Beeinträchtigte Exekutivfunktionen führen dazu, dass autistische Kinder kaum in der Lage sind, einen Handlungsplan aufzustellen, also ihr Handeln schrittweise und logisch zu planen und konsequent umzusetzen. Ein sehr wichtiger Aspekt hierbei ist die eingeschränkte Fähigkeit, ihr Handeln veränderten äußeren Umständen anzupassen. Dies ist wohl auch ein Grund für den Wunsch nach stark routinierten Tagesabläufen, dem Widerwillen gegen Veränderungen und der Ausprägung stereotyper Verhaltensmuster.

Eine schwache zentrale Kohärenz bezeichnet das Unvermögen, seine Umwelt als ganzes wahrzunehmen. Normalerweise versuchen Menschen, ihre Umwelt als Ganzes wahrzunehmen und einzelne Reize und Sinneseindrücke in Zusammenhang mit anderen Reizen zu bringen. Kindern mit Autismus fällt dies wahrscheinlich sehr schwer, sie sehen einzelne Details und sind kaum in der Lage, aus den einzelnen Eindrücken ein Gesamtbild zusammenzusetzen.[7]

3. Mensch-Tier-Beziehung

Es gibt viele Wissenschaftler, die sich mit den verschiedenen Aspekten der Mensch-Tier Beziehung befassen.

Das Tiere eine gewisse Anziehung auf Menschen haben, sieht man unter anderem an der hohen Zahl von Haustieren und dem Wunsch fast jedes Kindes nach einem Tier.

Im Laufe der Zeit entstanden vier Konzepte der Mensch-Tier Beziehung, die ich im folgenden kurz darstellen möchte.

1. Biophilie Hypothese

Dieses Konzept geht davon aus, dass der Mensch eine biologisch begründete Verbundenheit zur Natur und allen darin befindlichen Lebewesen hat. Begründet wird diese Theorie damit, dass die Natur und dementsprechend auch die Lebewesen den evolutionären Entwicklungsprozess zu jeder Zeit geprägt und beeinflusst haben.

Kellert beschreibt Biophilie als physische, emotionale und kognitive Hinwendung zum Leben und zur Natur, die die Entwicklung beeinflusst.[8]

2. Konzept der „Du-Evidenz“

Dieses Konzept beruht auf der Fähigkeit des Menschen, sein Gegenüber als „Du“, also als eigenständiges Individuum wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung beschränkt sich nicht nur auf andere Menschen, sondern findet auch bei Tieren Anwendung.

Diese Wahrnehmung wird als Grundlage für die Entwicklung von Empathie und Mitgefühl angesehen, welche eine starke Bindung und eine Vertrautheit, sowohl zwischen Menschen, als auch zwischen Mensch und Tier ermöglichen.[9]

3. Ableitung aus der Bindungstheorie

Die Bindungstheorie geht davon aus, das frühe Bindungserfahrungen einen starken Einfluss auf die sozio-emotionale Entwicklung und die Qualität späterer Beziehungen haben. Die Art der Bindungserfahrungen bildet die Grundlage für späteres soziales und emotionales Verhalten sowie den Umgang mit Emotionen.

Auch mit Tieren kann eine starke Bindung eingegangen werden, die zumeist positiv gewertet werden kann und so einen positiven Einfluss auf spätere Beziehungen, nicht nur zu Tieren sondern auch zu anderen Menschen, haben kann.[10]

4. Konzept der Spiegelneurone

Spiegelneurone sind Nervenzellen, die „bei Betrachtung oder Simulation eines Vorgangs die gleichen Potentiale auslösen, die entstünden, wenn der Vorgang aktiv gestaltet und durchgeführt würde.“[11]

Das Konzept der Spiegelneurone ähnelt dem Konzept der Du-Evidenz. Durch die Spiegelung wird dem Menschen ermöglicht, fremde Absichten nachzuvollziehen. Auch ermöglichen sie eine soziale Resonanz und Mitgefühl.

Ein sehr wichtiger Aspekt in der Mensch-Tier Beziehung ist das Verhalten untereinander.

Menschen neigen dazu, Tiere wie Menschen zu behandeln. Dies kann, je nach Ausprägung, sowohl positiv als auch negativ gewertet werden. Ein positiver Aspekt ist jedoch, dass gerade Kinder durch diese Anthromorphisierung eine starke Beziehung zu einem Tier aufbauen können, die alle positiven Aspekte einer Beziehung, wie sie auch zu anderen Menschen besteht, enthält.

Kommunikation mit Tieren geschieht auf nonverbaler Ebene.

Zwei der Kommunikationsaxiome nach Watzlawick besagen, man kann nicht nicht kommunizieren und jede Kommunikation enthält sowohl einen Inhalts-, als auch einen Beziehungsaspekt.

Jedes Verhalten, jede Bewegung (Gestik, Mimik, Körperhaltung) und jeder Laut (lachen, gähnen) hat einen Mitteilungscharakter. Dies wird als nonverbale Kommunikation bezeichnet. Auf der Beziehungsebene können nur sehr wenige gesendeten Signale bewusst gelenkt werden. Die Kommunikation bewegt sich vor allem auf einer subjektiv emotionalen Beziehungsebene.

Tiere reagieren oft sehr sensibel auf kleinste Signale und zeigen eine unmittelbare Reaktion. Diese Reaktion auf das eigene Verhalten kann Kinder ermutigen, eine Beziehung aufzubauen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt hierbei ist, dass sich Kinder durch die unmittelbare Reaktion des Tieres ihrer eigenen Signale deutlicher bewusst werden und dadurch auch lernen, Signale anderer besser zu deuten.[12]

[...]


[1] Zitiert nach: Verhaltenstherapeutisch orientierte Förderprogramme, S.1

[2] vgl. M. Hinz, S.7

[3] vgl. Praxisbuch Autismus, S. 26

[4] vgl. Praxisbuch Autismus, S. 18

[5] vgl. Ratgeber autistische Störungen, S.16

[6] vgl. Verhaltenstherapeutisch orientierte Förderprogramme, S. 24f.

[7] vgl. Ratgeber Autistische Störungen, S. 33f

[8] vgl. Handbuch der tiergstützten Intervention, S. 4

[9] vgl. Handbuch der tiergestützten Intervention, S. 7

[10] vgl. Handbuch der tiergestützten Intervention, S. 10

[11] Handbuch der tiergestützten Intervention, S.12

[12] vgl. Handbuch der tiergestützten Intervention, S. 14 ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Hundegestützte Therapie bei Kindern mit Autismus
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V146100
ISBN (eBook)
9783640574162
ISBN (Buch)
9783640574995
Dateigröße
1696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autismus, Therapie, hundegestützte
Arbeit zitieren
Sofie Ellingsen (Autor), 2009, Hundegestützte Therapie bei Kindern mit Autismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146100

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