Hélène Boucher. Die französische Wunderfliegerin


Fachbuch, 2010
71 Seiten

Leseprobe

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Hélène Boucher (1908-1934). Foto: Reproduktion einer Aufnahme auf einer Postkarte von 1933

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„College Sévigné“,

Privatschule für Mädchen in der „Rue Pierre-Nicole“ in Paris, Foto: LPT / Wikimedia Commons / CC-BY-SA3.0, lizensiert unter Creative Commons-Lizenz by-sa-3.0-en, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Eine frühe französische Pilotin war Hélène Boucher (1908-1934). Die „Wunderfliegerin“ stellte im Laufe ihres kurzen Lebens insgesamt elf Weltrekorde auf.

Eine ihrer bekanntesten Leistungen war ihr Geschwindig- keitsrekord im Sommer 1934 über 100 Kilometer, womit sie in jenem Jahr als die „schnellste Frau der Welt“ galt. Hélène ist in jungen Jahren bei einem Übungsflug ums Leben ge- kommen.

Hélène Antoinette Eugénie Boucher kam am 23. Mai 1908 als Tochter des Architekten Léon Boucher und seiner Ehefrau Élisabeth Hélène Dureau in Paris zur Welt. Von früher Kindheit an nannte man sie „Léno“, dies war ein Anagramm des Vornamens Léon ihres Vaters.

Während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) verließ die Familie Boucher ihren Wohnort Paris und zog nach Yer- menonville im Département Eure-et-Loir. Ihre Schulferien verbrachte Hélène auf einem Bauernhof in einem kleinen Weiler unweit von Maintenon, wo die „kleine Dame“ zeitweise Tiere hütete. Sie hatte ein großes Talent zum Zeichnen von Tieren und nahm Zeichenunterricht. Als Schulkind sammelte sie Artikel über Flugzeuge und Fotos von Fliegern.

Nach Rückkehr der Familie Boucher in ihre Pariser Wohnung in der „Rue de Rennes 169“ besuchte Hélène die Schule „Lycee Montaigne“ und das „College Sévigné“. Das private „College Sévigné“ war die erste weltliche Oberschule für Mädchen in Frankreich. Eine Schulfreundin von ihr war die 1905 geborene Dolly van Dongen, die Tochter des französischen Malers niederländischer Herkunft, Kees van Dongen (1877-1968). Im Alter von 16 Jahren lernte Hélène Boucher das Autofahren. Es heißt, sie sei kein Wildfang, sondern ein Mädchen mit frischem Gesicht, hübschen Mandelaugen und zierlicher, guter Figur gewesen. Zeitgenossen beschrieben sie überschwänglich als schlagfertig, entschlossen, ausdauernd, hartnäckig, überzeugend, offen, ehrlich, spontan, mutig, bescheiden, fleißig und frei von Bosheit.

Eines Tages teilte Hélène ihren Eltern mit, ein Bachelor nütze ihr wenig, sie sei ziemlich gut in Englisch und wolle nach London gehen, um sich sprachlich zu verbessern. Ihr Vater reiste daraufhin mit ihr auf die Isle of Wight, quartierte sich dort in einer Pension ein und Hélène führte drei Monate lang das schöne Leben eines Mädchens aus der Mittelschicht.

Nach der Rückkehr aus England begann Hélène in Frankreich eine Lehre als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft. Eine Zeitlang arbeitete sie als Hutverkäuferin.

Ein 20 Minuten langer Flug über dem Flugplatz von Orly am 4. Juli 1930 in einer zweisitzigen „Gipsy Moth“ zusammen mit dem Piloten Le Folcavez war ein Schlüsselerlebnis für die 22-jährige Hélène Boucher. Sie begeisterte sich für die Fliegerei, kam jedes Wochenende zum Flugplatz Orly und wollte das Fliegen lernen.

An einem Sonntag im Herbst 1930 begegnete Hélène Boucher auf dem Flugplatz Orly dem Piloten Henri Liaudet (1894- 1956), dem sein Kollege Le Folcavez bereits von der jungen Frau erzählt hatte, die mit ihm ihren ersten Flug unternommen hatte. Dabei erfuhr Liaudet, dass Hélène gerne selbst fliegen würde, und sie wurden gute Freunde.

Eines Tages wurde Hélène Boucher von Henri Farbos (1894- 1964), dem Gründer einer Flugschule in Mont-de-Marsan, der Hauptstadt des Départements Landes, angesprochen. Er teilte ihr mit, er habe ihren Freund Liaudet als Fluglehrer engagiert, und lud sie ein, sie solle eine seiner ersten weiblichen Flug- schüler werden.

Ihre erste Flugstunde absolvierte Hélène Boucher am 20. März 1931 bei Henri Liaudet. Nach erfolgreicher Prüfung auf einer „Gipsy Moth“ erhielt sie am 21. Juni 1931 ihren Pilotenschein Nr. 182. Sie war damals die 31. Pilotin in Frankreich. Über sie heißt es, sie sei mit Leib und Seele eine Pilotin gewesen. Von ihr ist der Ausspruch überliefert: „Das ist der einzige Beruf, in dem Mut sich lohnt und konkrete Ergebnisse auch Erfolg bedeuten.“

Nach hundert Flugstunden und einem erfolgreich absolvierten Nachtflug erhielt Hélène Boucher im Juni 1932 die kommerzielle Pilotenlizenz. Sie war die vierte Frau, die nach Adrienne Bolland, Maryse Bastié und Maryse Hilsz diese Lizenz bekam. In London kaufte Hélène Boucher am 18. Juli 1932 ein englisches Flugzeug des Typs „Avro Avian“. Vier Tage später beteiligte sie sich am 22. Juli 1932 als einzige Frau an der Luftrallye Caen-Deauville. Nach zwei Dritteln der Strecke hatte ihre Maschine technische Probleme und sie musste nahe des Dorfes Prémery auf einer Wiese mit schmalen Gräben, Hecken und Bäumen notlanden. Ein lokaler Mechaniker half ihr, die Kraftstoffleitung zu reparieren. Doch nach dem Start verlor die Maschine erneut an Geschwindigkeit und blieb in den Ästen von zwei Bäumen hängen. Dabei wurde Hélène zwar nicht verletzt, sie hatte aber große Angst gehabt. Dies hielt sie jedoch nicht vom weiteren Fliegen ab.

Am 13. Februar 1933 startete Hélène Boucher in Paris zu einem Langstreckenflug nach Saigon (Vietnam). Technische Probleme ihrer Maschine zwangen sie aber bereits in Bagdad (Irak) zur Rückkehr nach Frankreich. Anschließend berichtete sie über dieses Abenteuer in der Zeitung „Pictorial“.

Mit ihrer Maschine „Maubossin Helena“ in Blau und Silber brillierte Hélène Boucher am 2. Juli 1933 beim Flugwettbewerb „Zwölf Stunden von Angers“. Dabei flog sie von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends – alle vier Stunden unterbrochen von dreiminütigem Tanken – in etwa 50 Metern Höhe insgesamt 1.645,864 Kilometer weit.

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Adrienne Bolland (1895–1975), Foto eines unbekannten Fotografen auf einer Postkarte um 1921 (via Wikimedia Commons), Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

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Maryse Bastié (1898–1952), Foto: Bibliothèque nationale de France Urheber: Agence de presse Mondial (via Wikimedia Commons), Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

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Hélène Boucher auf dem Flugplatz Le Bourget im Jahre 1933, Foto: Bibliothèque nationale de France, Urheber: Agence de presse Mondial (via Wikimedia Commons), Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

Einen Monat später stieg Hélène Boucher am 21. August 1933 mit ihrer „Maubossin Helena“ bis in 5.900 Meter Höhe auf. Damit brach sie den bisherigen Höhenrekord für Kleinflugzeuge der amerikanischen Fliegerin Mary Haizlip (1910– 1997).

Von dem bedeutenden französischen Kunstflieger Michel Détroyat (1905–1956), dem „Ass der Asse“, lernte Hélène Boucher im September 1933 innerhalb von vier Wochen auch den Kunstflug. Es heißt über sie, sie sei außergewöhnlich graziös geflogen und sie habe selbst die schwierigsten Kunstflugfiguren beherrscht. Ihr Fluglehrer prophezeite, Hélène würde bereits in einigen Monaten eine der besten Kunstfliegerinnen sein.

Bei der Flugschau in Villacoublay am 8. Oktober 1933 konnten Tausende von Zuschauern die Flugkünste von Hélène Boucher und der deutschen Kunstfliegerin Vera von Bissing (1906– 2002) bewundern. Zwischen beiden gab es einen großen Unterschied: Hélène zeigte ihre Kunststücke in sehr niedriger Höhe, Vera in sehr großer Höhe. Ein Augenzeuge schrieb: „Hélène Boucher mit ihrem blauen und schwarzen Flugzeug war sehr niedrig geflogen, hatte in Sichtweite aller drei enge Kreisel nach links, dann nach rechts, zwei Loopings, einen Immelmann, zwei schnelle Rollen, einen anderen langsameren Überschlag, schließlich einen langen Flug auf dem Rücken ausgeführt“. Fortan galt Hélène Boucher als große Pilotin. Man lud sie oft ein, sie flog bei vielen Veranstaltungen und wurde überall gefeiert.

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Vera von Bissing (1906–2002) Foto: Reproduktion eines Fotos eines unbekannten Fotografen

Bei der „Internationalen Damen-Kunstflugmeisterschaft“ („Coupe Féminines“), die damals der Weltmeisterschaft entsprach, platzierte sich Hélène Boucher am 28. April 1934 als Zweite hinter der deutschen Fliegerin Liesel Bach (1905– 1992). Die Deutsche Vera von Bissing hatte wegen Krankheit und die Französin Adrienne Bolland (1896–1975) wegen technischer Probleme an ihrem Flugzeug nicht teilnehmen können.

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Details

Titel
Hélène Boucher. Die französische Wunderfliegerin
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V146150
ISBN (eBook)
9783640572625
ISBN (Buch)
9783656870258
Dateigröße
4262 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Hélène Boucher, Ernst Probst, Fliegerinnen, Pilotinnnen, Fliegerin, Pilotin, Luftfahrt, Frauenbiografien, Biografien, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Hélène Boucher. Die französische Wunderfliegerin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146150

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