Amy Johnson-Mollison - Englands erste Flugzeugmechanikerin


Fachbuch, 2010
64 Seiten

Leseprobe

Die berühmteste Pilotin Englands war Amy Johnson-Mol- lison (1903-1941), geborene Johnson. Sie wurde als erste Frau in Großbritannien zur Flugzeugmechanikerin ausgebildet und flog als erste Frau allein von England nach Australien. Ihr letzter Flug, bei dem sie ums Leben kam und nach dem ihr Leichnam nie gefunden wurde, hat zur Legendenbildung bei- getragen.

Amy Johnson kam am 1. Juli 1903 in der englischen Hafen- stadt Hull (Yorkshire) zur Welt. Ihr Vater John William Johnson war ein erfolgreicher und wohlhabender Fischhändler. Ihre Mutter Amy Hodge war die Enkelin von William Hodge, Bürgermeister von Hull im Jahre 1860. Amy erlebte eine behütete und sorglose Kindheit. Ungeachtet dessen rebellierte sie mit ihrem Dickkopf gegen alles, was ihre Freiheit einschränkte.

Einerseits galt Amy als gute Schülerin, andererseits hatte sie als Anstifterin von Streichen bei den Lehrkräften einen schlech- ten Ruf. Beispielsweise organisierte sie einen Schwimm- wettkampf in einem Bad, nachdem der Schulleiter die Grün- dung eines Mädchenschwimmclubs in der Schule abgelehnt hatte, weil er Schwimmen für undamenhaft hielt.

Eines Tages plante Amy einen Boykott der bei den Kindern verhassten Strohhüte, die als Teil der Schuluniform getragen werden mussten. Morgens kam sie als Einzige mit einem Panamahut - statt mit einem Strohhut - in die Klasse. Ihre Mitschülerinnen dagegen erschienen wie immer mit Strohhut, obwohl sie zuvor hoch und heilig genau das Gegenteil ver- spochen hatten.

Das sportliche Mädchen spielte am liebsten nur mit Jungen begeistert Hockey und Cricket. Als 14-Jährige verlor Amy durch einen Cricketball zwei Schneidezähne. Ihre vermö- genden Eltern konnten sich einen teuren Zahnarzt leisten und Amy erhielt ein gutes künstliches Gebiss. Ungeachtet dessen fühlte sie sich entstellt und litt ihr Selbstbewusstsein stark.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amy Johnson besuchte von 1915 bis 1922

die „ Boulevard High School “ (heute „ Kingston High School “ ) in Hull

Damit werden oft ihre späteren Depressionen und ihre Überempfindlichkeit erklärt.

Nach ihrem Studium an der Universität Sheffield und dem Erwerb ihres „Bachelor of Arts“ zog Amy Johnson nach London. Dort fand die etwas menschenscheue junge Frau nach langer Suche zunächst eine Stelle als Sekretärin im Büro eines Rechtsanwaltes. Ihre Fähigkeiten in Stenographie waren aber für diese Arbeit unzureichend, was sie nicht zuzugeben wagte, und sie hasste bald diesen Job. In einer Werbeagentur gefiel es ihr anschließend auch nicht besser. Erst der nächste Job in einer Anwaltskanzlei behagte ihr schließlich. Dort hörte sie Motorengeräusche startender und landender Flugzeug vom nahen Flugplatz „Stag Lane“ und kam auf die Idee, das Fliegen zu lernen.

Eine Flugstunde kostete damals fünf Pfund, was genau dem Wochenlohn von Amy Johnson entsprach. Doch sie fand eine preiswertere Unterrichtsmöglichkeit. Sie zahlte eine Aufnah- megebühr von sechs Pfund beim „London Aeroplane Club“ und durfte dann als Mitglied geschult werden. Amy absolierte 1928/1929 insgesamt 15 Flugstunden. Bei ihrer ersten Flugstunde trug sie einen geliehenen, viel zu großen Helm, hörte alle Anweisungen des Fluglehrers wie durch Watte und machte deswegen vieles falsch. Beim nächsten Mal hatte sie zwar den richtigen Helm auf, aber der Fluglehrer hielt sie angeblich nun schon für eine Idiotin. Als Flugschülerin und auch später als Pilotin landete Amy nie weich, sondern immer hart. Manche ihrer Freunde spotteten deswegen: „Amy landet nicht, Amy kommt an“. Am 9. Juni 1929 machte die 28-Jährige ihren ersten Alleinflug und im August 1929 den Pilotenschein.

Im Gegensatz zu vielen anderen Fliegerinnen ihrer Zeit interessierte sich Amy Johnson auch für die Mechanik und wartete und reparierte ihre Flugzeuge selbst. Als ihr C. S. „Jack“ Humphreys, der Leiter der Flughafenmechaniker, anbot, sie als Mechanikerlehrling einzustellen, sagte Amy sofort zu. Denn mit ihrer Arbeit nur als Sekretärin war sie nicht zufrieden. Während ihrer Lehrzeit als Mechaniker fühlte sie sich ständig überarbeitet, ausgenutzt und schlecht behandelt, hielt aber eisern durch. Ihre männlichen Kollegen schätzten sie nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr und nannten sie „Johnnie“. Im Dezember 1929 legte Amy Johnson erfolgreich als erste Frau in Großbritannien ihre Prüfung als Flugzeugmechaniker ab. Damals war es ihr großer Traum, Berufspilotin zu werden - eine Vorstellung, die zur damaligen Zeit in der Männerwelt auf wenig Gegenliebe stieß.

Um Anerkennung zu finden, plante Amy Johnson etwas Außergewöhnliches: Sie wollte allein von England nach Australien fliegen und dabei den 1928 von dem australischen Flugpionier Bert Hinkler (1892-1933) aufgestellten Rekord von fünfzehneinhalb Tagen brechen. Die reine Flugzeit hatte 128 Stunden betragen. Mit finanzieller Hilfe ihres Vaters kaufte sie ein einmotoriges Flugzeug „De Havilland Gipsy Moth“, lackierte es grün und nannte es „Jason“. So hießen der grie- chische Sagenheld,, der das „Goldene Vlies“ suchte, und die Fischhandlung ihres Vaters.

Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ war Ende der 1920-er Jahre bzw. Anfang der 1930-er Jahre die Konkurrenz um Sponsoren für wagemutige Flugunternehmen extrem hart. Doch nach vielen Anstrengungen und Rückschlägen erklärte sich endlich der britische Ölunternehmer Charles Wakefield (1859-1941) bereit, die Hälfte der Kosten für den Australienflug zu über- nehmen und bei den Etappenlandungen Treibstoff bereitzu- stellen.

Amy Johnson bereitete ihren Australienflug akribisch vor. Am 5. Mai 1930 startete die damals noch völlig unbekannte 26- Jährige auf dem Londoner Flugplatz Croydon mit ihrer „Gipsy Moth“. Lediglich ihr Vater und einige Fliegerkollegen waren dabei anwesend. Die Presse hatte an der unerfahrenenen Pilotin kein Interesse. Amys weiteste Strecke waren bis dahin 237 Kilometer von London nach Hull gewesen.

Auf der Flugstrecke von London nach Istanbul hatte Amy Johnson noch keine ernsthaften Probleme zu bewältigen. Es störten sie - so schrieb sie in ihr Bordbuch - lediglich die Benzindämpfe, die aus den Zusatztanks strömten, welche statt des Passagiersitzes in ihr Flugzeug eingebaut waren. Am dritten Tag nach dem Start musste Amy ihre erste große Herausforderung meistern: Das vor ihr liegende Taurusmassiv war rund 3.600 Meter hoch, ihre schwer beladene Maschine konnte aber nur bis etwa 3.300 Meter steigen. Nach vor- sichtigem Herumsuchen im Nebel entdeckte Amy die Eisen- bahnlinie der Bagdadbahn, an der sie entlang flog, bevor sie erleichtert in Aleppo (Syrien) landete.

Die nächste Etappe nach Bagdad verlief für Amy ebenfalls abenteuerlich. Kurz vor ihrem Ziel geriet sie in einen Sand- sturm und sah nichts mehr. Ihr Flugzeug „Gipsy Moth“ war nicht für einen Blindflug ausgerüstet und wurde vom Wind in die Wüste abgetrieben. Aus Sicherheitsgründen landete Amy mitten in der Wüste und hatte dabei das Glück, nicht in tiefen Sand zu geraten. Es vergingen drei Stunden, bis sich der Sturm legte und sie weiterfliegen konnte. Nach der Ankunft in Bagdad hatte sie keine Kraft mehr, die Wartungsarbeiten an ihrem Flugzeug selbst vorzunehmen und war überglücklich, dass ihr Mechaniker der „Imperial Airways“ diese Arbeit abnahmen. Beim Zwischenstopp in Karatschi (heute Pakistan) hatte Amy Johnson den australischen Piloten Bert Hinkler bereits um zwei Tage unterboten. Nun wurde die so genannte „Fliegende Sekretärin“ schlagartig berühmt und die Presse riss sich um Berichte über ihren spektakulären Flug. Bei ihrer Ankunft in Allahabad (Indien) wurde Amy von einer Gruppe Journalisten empfangen.

Bei der Landung im strömenden Regen auf einem Fußballplatz in Rangun (Birma) bekam Amy Johnson Probleme mit dem

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amy Johnson im Juli 1930

in Kalgoorlie in West-Australien

weichen Untergrund. Ihr Flugzeug streifte ein Fußballtor und machte einen Kopfstand (so genanntes „Fliegerdenkmal“). Dabei wurden Propeller, Tragflächen und ein Teil des Fahr- werks beschädigt. Nach diesem Missgeschick war Amy am Boden zerstört. Doch Lehrer und Studenten des Ranguner Polytechnikums halfen ihr bei den Reparaturen, indem sie Streben nachbauten und zerbrochene Metallteile zusammen- schweißten. Außerdem hatte Amy einen Ersatzpropeller auf den Rumpf ihrer Maschine gebunden. Zwei Tage später konnte sie nach Singapur weiterfliegen.

Während der nächsten Etappe geriet Amy Johnson über dem Meer zwischen Singapur und Java (Indonesien) in einen hef- tigen Sturm, mit dem sie sechs Stunden lang zu kämpfen hatte. Bei der Notlandung auf einer Zuckerrohrplantage beschädig- ten Pflöcke, die für den Grundriss eines neuen Hauses ein- gerammt worden waren, die Bespannung der unteren Trag- flächen schwer. Weil sie kein anderes Material zur Verfügung hatte, reparierte sie den zerrissenen Stoff mit Klebestreifen. Nach diesem Abenteuer folgte ein rund 800 Kilometer langer Flug über das Wasser der von allen Piloten gefürchteten Timor- See. Um auf dieser Etappe nicht einzuschlafen, sang Amy, bis sie das dem australischen Kontinent vorgelagerte Melville Island erreichte.

Am 24. Mai 1930 landete Amy Johnson mit Freudentränen in den Augen auf dem Flughafen von Port Darwin (Australien). Für ihren Flug von England nach Australien hatte sie vier Tage mehr gebraucht als Bert Hinkler. Ungeachtet dessen wurde sie durch diesen Flug zum Star unter den weiblichen Fliegern jener Zeit. In Australien ehrte man sie mit dem Schlager „Johnnie’s in Town“ („Johnnie“ hieß ihr Spitzname) und in England mit dem Song „Amy, wonderful Amy“.

Nach der Rückkehr in England verlieh König George V. (1865- 1936) der mutigen Amy den „Orden des britischen Empire“. Die menschenscheue Pilotin musste Geschenke (darunter ein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amy Johnson auf einer Postkarte von 1930/1931

Auto, ein Motorboot und ein neues Flugzeug) und Ehrungen entgegennehmen, Vorträge halten und Berichte schreiben, was ihr nicht leicht fiel. Noch während ihres Fluges hatte ihr Vater in ihrem Namen einen Exklusivvertrag mit der Tageszeitung „Daily News“ abgeschlossen, der sie verpflichtete, in ganz England Veranstaltungen durchzuführen. Es folgten Flüge über Großbritannien, Feuerwerke, Bankette und Massen- veranstaltungen auf Flugplätzen. Nach einer Woche erlitt Amy einen Nervenzusammenbruch und versteckte sich bei Freun- den. Die „Daily Mail“ drohte damit, sie würde Amy’s Flugzeug beschlagnahmen, aber sie drohte, lieber würde sie die „Jason“ verbrennen, als sie der Zeitung zu überlassen. Daraufhin wurde der Vertrag in beiderseitigem Vernehmen aufgelöst. 1934 erhielt sie auch die „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“.

Für den Januar 1931 plante Amy Johnson einen aufsehen- erregenden Winterflug von London über Sibirien nach China. Weil sie anscheinend so schnell wie möglich von England wegkommen wollte, ging sie schlecht vorbereitet an den Start. Ihr offenes, zweisitziges Flugzeug „Gipsy Moth Jason III“ ging schon in Warschau (Polen) zu Bruch, als sie bei der Landung hart aufsetzte.

Ihr Missgeschick in Warschau zügelte Amy Johnsons Unter- nehmungslust nicht. Im Juli 1931 flog sie zusammen mit dem Mechaniker Jack Humphries in einer „Puss Moth“ von de Havilland innerhalb von zehn Tagen von London nach Tokio. Dabei unterbot sie den bestehenden Geschwindigkeitsrekord für diese rund 16.000 Kilometer lange Strecke. In Chailar an der mongolischen Grenze verpasste sie knapp die deutsche Fliegerin Marga von Etzdorf (1907-1933), die allein nach Tokio unterwegs war. In Toko wurden Johnson und Hum- phries begeistert empfangen.

Im Juni 1932 flog Amy Johnson allein von London nach Kapstadt in Südafrika. Dabei lernte sie den Piloten Jim Molli-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amy Johnson und der Mechaniker Jack Humphries im September 1931 in Japan

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Amy Johnson im Februar 1933

nach der Eröffnung der „ Gala Motor Show “ in London

[...]

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Amy Johnson-Mollison - Englands erste Flugzeugmechanikerin
Autor
Jahr
2010
Seiten
64
Katalognummer
V146198
ISBN (eBook)
9783640572663
ISBN (Buch)
9783656280996
Dateigröße
2819 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Amy Johnson-Mollison, Fliegerin, Pilotin, Fliegerinnen, Pilotinnen, Fliegerei, Luftfahrt, Frauenbiografien, Biografien, Ernst Probst, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Amy Johnson-Mollison - Englands erste Flugzeugmechanikerin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146198

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Amy Johnson-Mollison - Englands erste Flugzeugmechanikerin


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden