Es wurde selten der Versuch gewagt, Hagen und Dietrich hinsichtlich ihres Ethos einander gegenüberzustellen, um dabei vor allem Parallelen in den Blick zu nehmen. Die vorliegende Arbeit soll diesen Versuch unter textanalytischem Vorgehen wagen. Dabei soll gezeigt werden, dass Hagen und Dietrich mehr Berührungspunkte in ihrem Handeln aufweisen als bisher angenommen und außerdem Hagen dem höfischen Ethos nicht so fremd ist, wie oft behauptet wird. Das alles soll schließlich zu einem differenzierten Bild der Akteure beitragen. Das theoretische Grundgerüst bieten vor allem die Arbeiten von Müller und Schilling sowie Neumanns und Haymes' Modelle der Ethikschichten. Die Textanalyse beschränkt sich auf den zweiten Teil des Nibelungenlieds, da jener durch den Umstand, dass Hagen und Dietrich dort im selben Kontext handeln und miteinander interagieren, sinnvoll zu vergleichende Anhaltspunkte liefert. Als Textgrundlage wird die von Joachim Heinzle 2013 publizierte Edition genutzt, welche neben dem mittelhochdeutschen Text auch eine hochdeutsche Version bietet und sich an Handschrift B des Werkes orientiert.
Dieser Aufsatz besteht im Hauptteil aus drei Kapiteln, von welchen das erste das Nibelungenlied forschungsgeschichtlich und quellenkritisch einordnet. Kapitel drei und vier enthalten unter Bezugnahme auf die maßgeblichen Forschungskonzepte eine definitorische Annäherung an die verschiedenen Ethiken sowie den Teil der Textanalyse. Dort werden die Elemente êre, leit und trûren hinsichtlich ihrer Ausprägung bei Hagen und Dietrich untersucht und verglichen. Auf dieselbe Weise wird in Bezug auf das Handeln im Rahmen der höfischen Rituale des Waffentragens und des gruozes vorgegangen. Der Schlussteil enthält eine zusammenfassende Darstellung der Figuren.
Hagen von Tronje, ein küene [helt] vil grimmes muot und Dietrich von Bern, ein vil edel ritter guot, scheinen zwei völlig konträre Figuren des Nibelungenlieds zu sein. Der eine tötet Kinder, trinkt das Blut erschlagener Feinde und scheint nichts außer Gewalt zu kennen, während der andere versucht, jedwede Gewalt zu vermeiden und zwischen allen zu vermitteln. Die Gegensätzlichkeit beider Akteure wird bis heute von zahlreichen Literaturwissenschaftlern, Historikern und Soziologen thematisiert, weswegen ihr Bild speziell in der älteren Forschung meist sehr einseitig und auf wenige, für sie vermeintlich typische, auf den ersten Blick auszumachende Merkmale begrenzt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Nibelungenlied
3. Die verschiedenen Ethiken im Vergleich
3.1 Definitionsansätze: höfisch – ritterlich – heroisch?
3.2 êre durch…
3.2.1 mâze und stæte
3.2.2 zorn und muot
3.3. leit und trûren
4. Höfische Rituale
4.1 Der gruoz
4.2 Das Waffentragen
5. Zusammenfassung
6. Anhang
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Handlungsweisen und Wertvorstellungen von Hagen von Tronje und Dietrich von Bern im Nibelungenlied. Ziel ist es, durch eine textanalytische Gegenüberstellung nachzuweisen, dass beide Akteure mehr Berührungspunkte in ihrem Ethos aufweisen als bisher angenommen und Hagen dem höfischen Ethos keineswegs fremd gegenübersteht, um so zu einem differenzierteren Bild der Figuren beizutragen.
- Vergleichende Analyse der ethischen Konzepte (höfisch vs. heroisch)
- Untersuchung der Bedeutung von êre, leit und trûren
- Analyse höfischer Rituale: gruoz (Empfang) und das Waffentragen
- Überprüfung der Charakterisierung von Hagen als vermeintlicher "Outcast"
- Synthese von Handlungslogiken im zweiten Teil des Nibelungenlieds
Auszug aus dem Buch
Der gruoz
Unter gruoz versteht man den ehren- und friedvollen Empfang von Gästen, der von jenen auf respektvolle Weise beantwortet wird. Das Hände-reichen symbolisiert in diesem Kontext gegenseitige Anerkennung, Freundschaft und Frieden. Wird auf einer Seite der erwartete gruoz nicht angemessen erwiesen, muss das als Provokation verstanden werden.
Bereits zu Anfang der 28. Aventüre, als Dietrich benachrichtigt wird, dass die Burgunden sich dem Hof Etzels nähern, reit[en] mit Dieterîche vil manic degen starc, um die Gäste zu begrüßen. Es ist Hagen, der das Ankommen Dietrichs meldet, worauf [er gezogenlîch] zuo den sînen herren [spricht], dass sie aufstehen und den Amelungen entgegengehen sollten. Er begründet diese Aufforderung damit, dass ez vil snelle [unde vil hôchgemuot] degene [sint, die man] niht versmâhen [sult]. Hagen spricht Dietrich und seinem Gefolge also Respekt und Ehre zu und erkennt, ja fordert sogar von seinen eigenen Herren, das angemessene Verhalten. Auch Dietrich und sein Gefolge gruozten minnelîchen die von Burgonden lant, wobei der Fürst von Bern auch Hagen persönlich willkommen heißt und ihm ebenfalls êre und Respekt erweist. Ihre Interaktion findet „somit auf einer höfisch-freundschaftlichen Ebene“ statt, womit auch das von Haymes beschriebene Ethos zum Tragen kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die konträre Wahrnehmung von Hagen und Dietrich dar und definiert das Ziel der Arbeit, diese durch eine vergleichende Textanalyse neu zu bewerten.
2. Das Nibelungenlied: Dieses Kapitel gibt einen forschungsgeschichtlichen Überblick über die Rezeption der Figuren und beschreibt den Aufbau sowie die Überlieferungslage des Epos.
3. Die verschiedenen Ethiken im Vergleich: Hier werden die theoretischen Grundlagen des höfischen und heroischen Ethos erarbeitet und Begriffe wie êre, leit und trûren in Bezug auf die Protagonisten definiert.
4. Höfische Rituale: In diesem Kapitel wird untersucht, wie Hagen und Dietrich durch gezielte Anwendung oder bewusste Missachtung von Ritualen wie dem gruoz und dem Waffentragen ihre eigenen Ziele verfolgen.
5. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und belegt, dass Hagen nicht als einfacher Outcast betrachtet werden kann, da er beide Systeme – das höfische und das heroische – versiert beherrscht.
6. Anhang: Dieser Teil enthält das Quellen- und Literaturverzeichnis der Arbeit.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Hagen von Tronje, Dietrich von Bern, höfisches Ethos, heroisches Ethos, êre, muot, zorn, leit, trûren, höfische Rituale, Spielregeln, mittelalterliche Epik, Handlungslogik, Interaktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die ethischen Systeme von Hagen von Tronje und Dietrich von Bern im Nibelungenlied, um Gemeinsamkeiten in ihrem Handeln aufzudecken.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Thematisiert werden das höfische und heroische Ethos, die Bedeutung zentraler Tugend- und Gefühlsbegriffe sowie die Anwendung ritueller Handlungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das einseitige Bild von Hagen und Dietrich als gegensätzliche Figuren zu revidieren und nachzuweisen, dass Hagen das höfische Ethos aus einer heroischen Motivation heraus gezielt einsetzt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine textanalytische Herangehensweise, basierend auf zentralen Forschungskonzepten wie Müllers Spielregeln-Modell und Neumanns Ethikschichten.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Der Hauptteil konzentriert sich auf den zweiten Teil des Nibelungenlieds, in dem die Interaktion der beiden Helden im Kontext von Krisen und höfischen Zeremonien detailliert analysiert wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Ethos, Ehre, Kampfethik, ritualisierte höfische Interaktion und die Ambivalenz des Heldenbildes.
Wie bewertet die Arbeit Hagens Umgang mit dem höfischen Gruoz-Ritual?
Hagen nutzt das Ritual zur Demarkation: Während er Dietrich gegenüber Respekt zeigt, verweigert er ihn Kriemhild, um als heroischer Widerstandskämpfer aufzutreten.
Welche Bedeutung hat das Waffentragen für das ethische Urteil über die Helden?
Das Waffentragen dient als Aktionsraum für die Helden; während Dietrich durch Waffenverzicht Neutralität signalisiert, nutzt Hagen das Tragen provozierend, um seine heroische Entschlossenheit zu unterstreichen.
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- Ruben Schapke (Author), 2024, Parallelen in Hagens und Dietrichs Ethos im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1462091