Maryse Hilsz. Die Rekordfliegerin aus Frankreich


Fachbuch, 2010
63 Seiten

Leseprobe

Als berühmte französische Luftfahrtpionierin gilt Maryse Hilsz (1903-1946). Sie unternahm in den 1920-er und 1930-er Jahren spektakuläre Fallschirmsprünge, Kunstflüge, Langstreckenflüge und Rekordflüge. Als eine der ersten Frauen trug sie eine französische Militäruniform. Im besten Alter verlor sie bei einem Absturz ihr Leben. Marie-Antoinette („Maryse“) Hilsz wurde am 7. März 1903 als Tochter eines Küfers und einer Schneiderin in Levallois- Perret (Département Hauts de Seine) nordöstlich von Paris geboren. Ihre Eltern stammten aus Rhinau im Elsass. In einigen Biografien wird 1901 als Geburtsjahr von Maryse erwähnt. Manchmal liest man auch die falschen Schreibweisen Hiltz oder Hilz ihres Familiennamens. Ihre Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen. Bereits als kleines Kind sah Maryse gerne vorbeifliegenden Flugzeugen zu. Nach dem frühen Tod ihres Vaters verließ Maryse die Schule, lernte von ihrer Mutter Näharbeiten und begann im Alter von 13 Jahren eine Lehre als Modistin. Als junge Frau interessierte sie sich weiterhin für die Fliegerei. 1924 unternahm sie zusammen mit dem Piloten M. Froissart in Le Bourget bei Paris einen ersten Flug. Damals wagte sie bei einem Wett- bewerb ihren ersten Fallschirmsprung. Diese Erlebnisse verstärkten ihren Wunsch, das Fliegen zu erlernen. Ihre Einkünfte als Modistin erlaubten das aber nicht sofort.

Um ihren Flugunterricht zu finanzieren, trat Maryse Hilsz in der Folgezeit als Fallschirmspringerin für 500 Francs pro Sprung und Luftakrobatin auf. Von 1925 bis 1929 absolvierte sie bei 61 Auftritten in Frankreich, Belgien und Deutschland insgesamt 112 Fallschirmsprünge, darunter 20 zu zweit. Bei ihren waghalsigen Stunts als Luftakrobatin stand sie während des Fluges auf den Flügeln der Maschine.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Detailansicht des Flughafens Le Bourget bei Paris

im Jahre 1922.

Foto: Bibliothèque nationale de France Urheber: Agence de presse Meurisse (via Wikimedia Commons), Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

Ab 1928 besaß Maryse Hilsz endlich einen Pilotenschein. Am 21. Juni 1929 absolvierte sie erfolgreich mit einem Eindecker „Morane- Saulnier 35“ mit 130 PS einen Flug von Le Bourget bei Paris (Frankreich) nach Croydon bei London (England) und zurück in 5 Stunden 45 Minuten. Der Flughafen Le Bourget war 1919 für den kommerziellen Luftverkehr in Betrieb genommen geworden und bis zur Fertigstellung des Flughafens Orly der einzige Pariser Flughafen. Sechs Tage später wagte Maryse am 27. Juni 1929 einen Flug von Paris nach Amsterdam (Niederlande) und zurück. Doch ein Motorschaden zwang sie nahe des Flughafens Schiphol zu einer Notlandung in einem Tulpenfeld. Für den Schaden im Tulpenfeld musste sie 5.125 Francs bezahlen, was die Aufgabe weiterer geplanter Flüge in Europa zur Folge hatte.

Stolz konnte Maryse Hilsz am 21. April 1930 ihre Lizenz Nr. 1293 als Verkehrspilot entgegennehmen. Sie kaufte einen kleinen Doppeldecker „Morane-Saulnier“ („F-Moth“) mit 100- PS-Motor, bei dem es sich um eine in Lizenz in Frankreich nachgebaute „Moth“ („Motte“) von De Havilland“ handelte. Diese Maschine wurde unter „F-AJOE“ zugelassen und von Maryse als „Joe I“ bezeichnet.

Eine der Leidenschaften von Maryse Hilsz waren spektakuläre Langstreckenflüge, die sie 1930 nach Saigon (Vietnam), 1932 nach Tananarive (Madagaskar) sowie 1933 und 1934 nach Tokio (Japan) führten. Ihre andere Leidenschaft waren meisterhafte Kunstflüge. Jede dieser beiden Leidenschaften hätte eigentlich für ein ganzes Leben ausgereicht.

Den Flug von Villacoublay bei Paris nach Saigon wagte Maryse Hilsz am 12. November 1930 mit ihrem Doppeldecker „Joe I“. Dabei verzichtete sie auf einen Passagier, damit sie einen größeren Benzinvorrat mitnehmen konnte. Der Flug erfolgte

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Luftbild der Insel Juan de Nova im Kanal vom Mosambik zwischen Madagaskar und Mosambik.

Foto: TAAF / CC-BY-SA3.0 (via Wikimedia Commons),

lizensiert unter Creative Commons by-sa-3.0-de,

http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

über Gorizia, Belgrad, Istanbul, Konya, Aleppo, Bagdad, Bouchir, Djansk, Karatschi, Agra, Kalkutta, Rangun und Bangkok. Um lästigen Benzingestank loszuwerden, musste sie sich vom 24. November bis zum 4. Dezember 1930 in Rangun (heute Myanmar) aufhalten. In Saigon kam sie am 5. Dezember 1930 an. Ein Ölleck während des Rückfluges erforderte eine Notlandung und eine Reise mit einem Esel, um Schmiermittel zu beschaffen. Am 22. Dezember 1930 traf Maryse in Bagdad (Irak) ein. Neue Probleme verursachte der Ausfall des Propellers am 28. Dezember 1930 in Istanbul (Türkei). Erst am 10. Januar 1931 konnte Maryse diese Stadt verlassen. Am 7. Februar 1931 erreichte sie endlich den Flughafen Le Bourget bei Paris in Frankreich. In 92 Stunden 31 Minuten Flugzeit hatte sie eine Flugstrecke von insgesamt rund 25.000 Kilometern hinter sich gebracht.

In Le Bourget bei Paris traten Maryse Hilsz und ihr Mechaniker Maurice Dronne am 31. Januar 1932 in einer „Farman F-291“ („Joe II“) mit 300-PS ihren geplanten Flug zur Insel Madagaskar vor der Ostküste von Mosambik (Afrika) an. Auf dem Hinflug mussten sie wegen einer geplatzten Ölleitung bei Birni N’Konni in Niger notlanden. Nachdem die Ersatzteile aus Paris eingetroffen und eingebaut waren, ging die Luftreise nach Tananarive (heute Antananarivo) auf Madagaskar weiter. Am 31. März 1932 erfolgte die glückliche Landung in Tananarive. Beim Rückflug traten auf der Strecke von Madagaskar nach Mosambik gewisse „Stabilitätsprobleme“ auf. Diese zwangen zu einer Notlandung auf der drei Kilometer langen und 1,6 Kilometer breiten Insel Juan de Nova im Kanal vom Mosambik zwischen Madagaskar und Mosambik. Dort mussten Maryse und der Mechaniker Dronne 17 Tage lang ausharren, bevor sie wieder starten konnten. An diese

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Maryse Bastié (1898-1952) Foto: Reproduktion einer Postkarte mit Autogramm aus dem 1920-er Jahren. (via Wikimedia Commons),

Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

Maryse Hilsz. Die Rekordfliegerin aus Frankreich 13

Notlandung erinnert ein im Dezember 2010 errichtetes Denkmal auf Juan de Nova. Nach der Ankunft in Frankreich am 7. Mai 1932 - 29 Tage später als geplant - hatte Maryse Hilsz als erste Frau diese schwierige 24.000-Kilometer- Flugreise von Frankreich nach Madagaskar und zurück geschafft.

Mit einer „Farman F-291“ und dem Mechaniker Henri Le- maître machte sich Maryse Hilsz am 1. April 1933 auf die lange Flugreise von Paris nach Tokio (Japan). Bei einem Zwischenstopp in Hanoi (Vietnam) vom 7. bis 13. April 1933 wurden Reparaturen an der Maschine vorgenommen. Die Ankunft in Tokio erfolgte am 16. April 1933. Zurück ging es wieder am 27. April 1933 bis zum 14. Mai 1933. Allein für die Teilstrecke von Saigon nach Paris wurden sechs Tage und 23 Stunden benötigt. Als Belohnung für diese fliegerische Leistung stellte das französische Luftfahrtministerium für den nächsten Langstreckenflug von Maryse eine neue Maschine zur Verfügung. Dabei handelte es sich um ein militärisches Aufklärungsflugzeug „Bréguet Bre 27“ mit 650 PS.

Ein weiteres großes Abenteuer war der Flug von Maryse Hilsz und ihres Mechanikers erneut von Paris nach Tokio und zurück, zu dem sie am 26. Januar 1934 mit der „Bréguet 33 R“ („Joe III“) aufbrachen. Trotz schlechten Wetters stellten sie dabei einen Geschwindigkeitsrekord auf und kamen am 6. Februar 1934 in Tokio an. Der Rückflug in Etappen zog sich vom 20. März bis zum 28. April 1934 dahin. Innerhalb von fünf Tagen 38 Minuten wurde dabei die Teilstrecke von Saigon nach Paris bewältigt. Damit war der Rekord von 1933 gebrochen. In der Literatur wird verschiedentlich der erste Flug einer Frau von Paris nach Tokio und zurück irrtümlich Maryse Bastié (1898-1952) zugeschrieben.

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Maryse Hilsz vor ihrer „Mauboussin M-122“ im September 1935.

Foto: Bibliothèque nationale de France Urheber: Agence de presse Meurisse (via Wikimedia Commons), Lizenz: gemeinfrei (Public domain)

Maryse Hilsz. Die Rekordfliegerin aus Frankreich 15

Im Laufe ihres bewegten Fliegerinnenlebens hat Maryse Hilsz zahlreiche Rekorde aufgestellt. Bei Villacoublay stieg sie am 19. August 1932 in einer „Morane-Saulnier 223“ mit 420 PS bis zu 9.791 Meter hoch und brach damit den bis dahin gültigen Höhenrekord für Frauen. 1933 erhielt sie die „Internationale Harmon Trophy“ als „beste Fliegerin der Welt“. In einer „Morane-Saulnier 275“ mit 600 PS gelang ihr am 17. Juni 1934 in Villacoublay mit 11.800 Metern ein neuer Höhenrekord für Frauen. Am 1. September 1935 gewann sie in einer „Breguet 27“ mit 770 PS auf der 688 Kilometer langen Flugstrecke von Paris nach Cannes mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 277,263 Stundenkilometern den Hélène-Boucher-Cup“. Letz- terer erinnerte an die tödlich verunglückte französische Pilotin Hélène Boucher (1908-1934). Diesen Cup holte sie in einer „Caudron 680-5 Super Rafale“ mit 366,760 Stundenkilometern auch am 29. August 1936. Über Villacoublay kreiste sie am 24. September 1935 in einer „Mauboussin M-122“ mit 75 PS bis in 7.338 Meter Höhe und erreichte damit einen Frauen- höhenrekord für Kleinflugzeuge. Am 23. Juni 1936 stieg sie in Villacoublay mit ihrem Doppeldecker „Potez 506“ mit 900 PS innerhalb von 36 Minuten bis in 14.310 Meter Höhe auf. Eine solche Leistung war bis dahin noch von keiner Frau erreicht worden. Dieser Erfolg wurde von dem Dichter Léon- Paul Fargue (1876-1947) im Magazin „Plain Ciel“ gefeiert. Auch der französische Kunstflieger Michel Detroyat (1905- 1956) be-wunderte die Leistung von Maryse Hilsz. Er wies darauf hin, dass man bei Flügen in so großer Höhe einen Inhalator tragen und eine Kälte bis zu 50 Grad minus aushalten müsse.

Bange Minuten erlebte Maryse Hilsz am 19. Dezember 1936 in der Gegend von Istres (Département Bouches-du-Rhône)

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Hélène Boucher (1908-1934). Foto: Reproduktion einer Aufnahme auf einer Postkarte von 1933

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Details

Titel
Maryse Hilsz. Die Rekordfliegerin aus Frankreich
Autor
Jahr
2010
Seiten
63
Katalognummer
V146219
ISBN (eBook)
9783640572687
ISBN (Buch)
9783656875468
Dateigröße
3163 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Maryse Hilsz, Ernst Probst, Fliegerin, Pilotin, Fliegerinnen, Pilotinnen, Fliegerei, Luftfahrt, Frauenbiografien, Biografien, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Maryse Hilsz. Die Rekordfliegerin aus Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146219

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