Weihnachtsunruhen 1918

Darstellung der Ereignisse in der Presse


Seminararbeit, 2007
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hintergrund der und kurzer Überblick über die Ereignisse anhand von Zeitungsberichten

3 Die Darstellung der Akteure in der Presse
3.1 Die Regierung im Fokus der Presse
3.2 Die Volksmarinedivision im Fokus der Presse

4 Die Rolle des Vorwärts als Medium

5 Resümee

6 Bibliographie
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Gegenstand meiner Hausarbeit sind die Weihnachtsunruhen des Jahres 1918 im Zuge der Revolution 1918/19, mit besonderem Fokus auf die Rezeption und Bewertung der Ereignisse in der Presse.

Die Forschung hat sich vor allem seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgiebig mit der Revolution von 1918/19 beschäftigt. Dabei findet man vielfach den Ansatz, das Scheitern der Weimarer Republik schon mit ihrem Ursprung, der Revolution, zu erklären. Zahlreiche Konfliktlinien der Weimarer Zeit resultieren aus der Revolutionszeit. Dazu zählt insbesondere die Spaltung der Linken, die bis in den Krieg zurückgeht, jedoch im Verlauf der Revolution entscheidend manifestiert wurde.

Ein wesentlicher Aspekt, der auch unter Wissenschaftlern der frühen Bundesrepublik zu einigen Diskussionen führte, ist in diesem Kontext das Bündnis der SPD-Führung um Friedrich Ebert mit dem kaiserlichen Offizierskorps. In den 50er Jahren sah die Wissenschaft dieses Bündnis noch als unbedingt notwendig für die Etablierung der parlamentarischen Demokratie an. Doch seit den 70er Jahren herrscht trotz kritischer Auseinandersetzung mit der herrschenden Lehre eine Übereinstimmung darin, dass die bolschewistische Gefahr weitaus geringer war, als man früher angenommen hatte, und dass die SPD eine wesentlich größere soziale Fundierung der Republik hätte schaffen können. Hauptvertreter dieser Lehre sind unter anderem Eberhard Kolb, Erich Matthias und Reinhard Rürup, wohingegen Wolfgang J. Mommsen und Heinrich August Winkler die herrschende Lehre durchaus kritisch betrachten. In diesem Zusammenhang taucht auch immer wieder der Begriff des „dritten Weges“ auf, eine Alternative jenseits von Rätesystem und parlamentarischer Demokratie. Peter van Oertzen, ebenfalls ein bekannter Historiker auf diesem Gebiet, beschreibt den „dritten Weg“ wie folgt: „Die einzige wirkliche Alternative zur bürgerlichen Demokratie war nicht der ‚Bolschewismus’, sondern eine auf die Räte gestützte soziale Demokratie.“[1] Im Allgemeinen versteht man unter dem „dritten Weg“ inzwischen nicht mehr einen bestimmten Weg, sondern alternative Handlungsspielräume und -optionen, die die Revolutionsregierung hatte. Der wissenschaftliche Diskurs auf diesem Gebiet hat stark nachgelassen, sodass der überwiegende Teil der Sekundärliteratur aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts stammt; in den letzten Jahren sind kaum neue Beiträge zur Revolutionsforschung publiziert worden.

Die Weihnachtsunruhen 1918, mit dem Kampf zwischen den aufständischen Matrosen und den von der Regierung beauftragten Reichswehrtruppen, sind ein geeignetes Beispiel, die Frage nach einem „dritten Weg“ zu klären, den Konflikt innerhalb der Arbeiterschaft herauszufiltern und die These des Verrats der SPD an der Revolution zu bearbeiten. Des Weiteren sind die Weihnachtstage 1918 ein Einschnitt in der Phaseneinteilung der Revolution – nicht zuletzt wegen des Austritts der USPD-Volksbeauftragten aus der Regierung am 29.12.1918. Bis Ende Dezember sahen auch die Arbeiter- und Soldatenräte ihre Aufgabe darin, „die neueingesetzten [sic!] Regierungen zu unterstützen, gegenrevolutionäre Bestrebungen zu unterdrücken […]“[2], doch seit Anfang Januar 1919 kam es zu einer Radikalisierung der Massenbewegung.

In dieser Arbeit werde ich deshalb vor allem auf die öffentliche Darstellung der Ereignisse eingehen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie über die Weihnachtsunruhen in der Presse berichtet wurde, wie die Regierung bzw. die Volksmarinedivision dargestellt wurden und mit welchen Mitteln die Presse versuchte, die Stimmung zu beeinflussen.

Als Quellen sollen die Ausgaben des Vorwärts, der Vossischen Zeitung und der Neuen Preußischen Zeitung im Zeitraum vom 24.12. - 30.12. dienen.

In der Arbeit wird die Interpretation in drei Schritten vollzogen:

Zunächst sollen die Hintergründe und der Verlauf der Auseinandersetzung zwischen den Matrosen und der Regierung anhand von Zeitungsberichten erarbeitet werden. In einem zweiten Schritt werde ich auf die Darstellung und Bewertung der Akteure, Matrosen und Regierung, eingehen. Den Hauptteil abschließend folgt dann eine kritische Auseinandersetzung mit der Berichterstattung des Vorwärts. Schon in der Abendausgabe des 24.12. befand sich ein äußerst umstrittener Leitartikel des Chefredakteurs Friedrich Stampfer mit dem Titel „Volksherrschaft oder Verbrecherherrschaft?“ Breite Kreise der Berliner Arbeiterschaft bezeichneten die Position des Vorwärts als Hetze und bei einer Demonstration am 25.12. besetzten einige von ihnen das Vorwärts -Gebäude. Daher erscheint es mir interessant, als dritten Punkt des Hauptteils einen genaueren Blick auf die „Hetze“ des Vorwärts zu werfen. Die Frage ist in diesem Fall, inwiefern die damalige Berichterstattung des Vorwärts tatsächlich als Beispiel für eine bewusste Einflussnahme der Medien auf Politik und öffentliche Stimmung angesehen werden kann.

2 Hintergrund der und kurzer Überblick über die Ereignisse anhand von Zeitungsberichten

Die Volksmarinedivision, mit einer Stärke von circa 1000 Mann, hatte die Aufgabe, das Berliner Schloss zu bewachen; ihre Mannschaften waren im gegenüberliegenden Marstall untergebracht.[3]

Hintergrund der Weihnachtsunruhen in Berlin waren schon länger andauernde Differenzen zwischen der Volksmarinedivision und der Regierung in Person des Berliner Stadtkommandanten Wels, die laut eines Berichts des Stadtkommandanten im Vorwärts darauf zurückzuführen sind, dass „es der Kommandantur niemals gelang, von der Leitung der Marinedivision genaue Angaben über ihre tatsächliche Stärke zu erlangen.“[4] Am 21. Dezember erhielt Wels den Auftrag, der Volksmarinedivision die ausstehende Löhnung von 80000 Mark auszuzahlen, aber erst nachdem diese das Schloss geräumt und sämtliche Schlüssel herausgegeben habe.[5] Am 23. Dezember räumten die Matrosen das Schloss und übergaben die Schlüssel dem Volksbeauftragten Emil Barth (USPD). Der englische Historiker A. J. Ryder schildert die Situation wie folgt: „Barth, not being authorised to accept the keys, rang up Wels, who refused to allow Barth to take them except on the authority of Ebert, who could not be found.“[6] Der Bericht von Wels bestätigt diesen Verlauf des Telefongesprächs: „Ich bäte ihn [Barth], mit den Matrosen und den Schlüsseln zu Ebert zu gehen. Wenn Ebert mir den Auftrag gäbe, würde ich das Geld auszahlen.“[7] Daraufhin zogen die Matrosen mit ihrem Anführer Dorrenbach zur Stadtkommandantur, während eine Matrosenwache, die die Reichskanzlei zu bewachen hatte, die Regierung festsetzte und die Telefonzentrale in ihre Hände nahm. Dorrenbach und eine Delegation verhandelten mit Wels in der Stadtkommandantur, doch als es vor dem Gebäude zu einer Auseinandersetzung zwischen den Matrosen und der Republikanischen Soldatenwehr kam, bei der zwei Matrosen starben, stürmten die Matrosen die Stadtkommandantur. Sie nahmen Wels sowie seinen Stellvertreter als Gefangene mit in den Marstall.[8] Der Bericht „Anarchie und kein Ende“ in der Abendausgabe des 24.12. der Neuen Preußischen Zeitung, in dem es heißt „Seine [Wels] Gefangensetzung war das Ziel der gestrigen Aktion“[9], kann in diesem Kontext nicht ernst genommen werden. Die Aktion der Matrosen hatte einen spontanen Charakter.

Auf welche Weise die Truppen des Kommando Lequis nun am Abend des 23.12. benachrichtigt wurden, ist in den Darstellungen widersprüchlich. So schrieb die Neue Preußische Zeitung, Ebert hätte sich eingeschaltet[10], während Wels in seinem Bericht behauptete, er habe mit General Lequis gesprochen. „Ich bäte ihn [Lequis], alles von dort zu tun.“[11] Auch die Forschung scheint sich in diesem Punkt nicht einig zu sein. Ryder schreibt: „He [Wels] was taken to the palace and roughly treated. Just before his arrest, however, he had managed to telephone General Lequis to ask for help.”[12] Bei Winkler wird dieses Telefonat nicht erwähnt. Vielmehr betont Winkler, dass Ebert über die von den Matrosen nicht kontrollierte geheime Leitung mit dem preußischen Kriegsministerium gesprochen habe und militärische Hilfe angefordert habe. Ebenfalls über diese Leitung habe sich dann Groener mit Ebert in Verbindung gesetzt, um sich zu militärischen Aktionen autorisieren zu lassen.[13]

Ein weiterer umstrittener Punkt ist die Frage, inwiefern Verhandlungen zwischen den Matrosen und der Regierung in der Nacht zum 24. Dezember stattgefunden haben: In dem im Vorwärts veröffentlichten Bericht der drei SPD-Volksbeauftragten über die Ereignisse des 24. Dezember steht der Satz: „Um 1 Uhr morgens kam von einem Führer der Volksmarinedivision aus dem Schloß [sic!] die telefonische Meldung: ‚Ich kann für das Leben von Wels nicht mehr garantieren.’“[14] Erst nach dieser Nachricht, zwischen zwei und drei Uhr, hätte Ebert sich dazu entschieden, die OHL um Hilfe zu bitten, so Winkler in seiner bereits erwähnten Studie.[15] Die Neue Preußische Zeitung berichtete in ihrer Abendausgabe des 24. Dezember, dass „die Verhandlungen zwischen den Regierungsvertretern unter Leitung von Molkenbuhr, dem Rat der Fünf, der republikanischen Soldatenwehr und den Abgesandten der Abteilung 3 der Matrosendivision, die bis gegen 12 ½ Uhr dauerten, […] zu keinem Ergebnis [führten].“[16] Des Weiteren schrieb die Neue Preußische Zeitung in diesem Bericht, die Matrosen versicherten, „daß [sic!] Wels und seinen beiden Begleitern persönlich kein Leid geschehen sollte.“[17]

Somit ist festzuhalten, dass die Ereignisse in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember nicht genau rekonstruiert werden können. Die Frage, ob das Leben des Stadtkommandanten Wels ernsthaft bedroht wurde, lässt sich genauso wenig klären, wie die Frage, von wem und wann die Reichswehr zur Unterstützung gerufen wurde. Sowohl die Darstellungen in der damaligen Presse, als auch jene in der Sekundärliteratur widersprechen sich in den genannten Punkten.

Gesichert wiederum ist die Tatsache, dass das Generalkommando Lequis in den frühen Morgenstunden des 24. Dezember in Berlin eintraf und dass das Feuer auf Schloss und Marstall gegen 7.45 Uhr eröffnet wurde. Gegen Mittag war der Kampf entschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Revolutionäre Soldaten, Matrosen und Zivilisten Unter den Linden in Berlin, aus: www.dhm.de

Nachdem die Regierungstruppen zunächst das Schloss erobern konnten, gelang es der Volksmarinedivision durch die Unterstützung der Sicherheitswehr des Polizeipräsidenten Eichhorn, einen militärischen Sieg zu erringen.[18] Die Anzahl der Todesopfer wurden auf 70 geschätzt.[19] Nach dem Sieg der Matrosen wurden erneut Verhandlungen aufgenommen. „Von Seiten der Volksmarinewehr nehmen daran teil der Kommandant des Schlosses Radle, der Matrose Milewski, ferner Dost vom Zentralausschuß [sic!] der Marine. Die Regierung ist durch Richard Müller und Cohen vertreten.“[20] Ergebnis dieser Verhandlungen am Nachmittag des 24.12. war ein Vertrag zwischen der Regierung und der Volksmarinedivision. Inhalt ist, dass die Matrosen das Schloss räumen, vollständig in die Republikanische Soldatenwehr eingegliedert werden und sich verpflichten, in Zukunft an keinen Aktionen gegen die Regierung mehr teilzunehmen.[21]

3 Die Darstellung der Akteure in der Presse

3.1 Die Regierung im Fokus der Presse

In diesem Abschnitt soll das Verhalten der Regierung während der Weihnachtsunruhen 1918 anhand von Berichten und Kommentaren in der Presse dargestellt, sowie die Folgen der Weihnachtsunruhen für die Regierung und die Konfliktlinie zwischen den beiden sozialistischen Regierungsparteien herausgearbeitet werden.

Die damalige Regierung der Volksbeauftragten bestand aus Friedrich Ebert, Phillip Scheidemann und Otto Landsberg (alle SPD), sowie Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth (alle USPD).

„Die Vorgänge vom Weihnachtsheiligabend bis zum Feiertagsschluß [sic!] legen die Frage nahe, ob in Deutschland noch eine Regierung besteht. Regierung ist, wer Willen und Macht besitzt.“[22], so scharf verurteilte die Vossische Zeitung die Regierung und sprach ihr somit jede Daseinsberechtigung ab. Auch die Neue Preußische Zeitung unterstellte der Regierung Handlungsschwäche: „Die Stellung der Regierung zu den Kämpfen ist unentschieden und schwächlich, wie immer.“[23] Es handelt sich hierbei allerdings um ein liberales und ein konservatives Blatt, von welchen man eher kein Lob und keine Unterstützung für eine sozialistische Regierung erwarten kann. Anders wiederum verhält es sich mit dem Vorwärts, der der Regierung, insbesondere natürlich den drei SPD Volksbeauftragten, eine gute Arbeit bescheinigt.[24]

Um die Kritik, ob positiv oder negativ, besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, zunächst einmal die Ziele und Beweggründe der Regierung herauszufiltern, sofern sie denn der damaligen Presse zu entnehmen waren. Unter dem Titel „Weihnachten im Kampf“ veröffentlichte der Vorwärts am 25.12. eine Stellungnahme der drei SPD Volksbeauftragten Ebert, Landsberg und Scheidemann. Unter dem Stichwort „Frieden“ schrieb Friedrich Ebert über die militärische Niederlage des deutschen Reiches, die katastrophalen Folgen des Militarismus und die Schwierigkeiten der Friedensschließung mit den Völkern. Er betont die pazifistische Grundhaltung der Sozialdemokratie: „Wir deutschen Sozialdemokraten haben die Erhaltung des Friedens gewollt, bevor dieses entsetzliche Morden begann.“[25] Er hofft auf einen Frieden, „der aller Völkerfeindschaft für immer ein Ende macht, einen Frieden, der allen Völkern ihr Recht läßt [sic!], auch unserem Volk, dem geschlagenen!“[26] Des Weiteren warnt der führende Sozialdemokrat vor einem deutschen Bürgerkrieg: „Aber das Morden ist vorbei. Wer will, daß [sic!] es wieder beginnt? Wer könnte die Verantwortung dafür tragen, daß [sic!] Deutsche gegen Deutsche, Arbeiter gegen Arbeiter kämpfen. Das darf nicht sein!“[27] Diese Aussage ist eine eindeutige Absage an eine Fortführung oder sogar Radikalisierung der Revolution. Dass die innere Sicherheit und der Frieden immens wichtig sind, verdeutlicht auch Otto Landsberg in seiner Schrift unter dem Stichwort „Freiheit“. Er sagt: „Die staatsbürgerliche Freiheit nach innen ist der Keim aller Freiheit.“[28] Die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar sind in diesem Kontext von entscheidender Bedeutung: „Freiheit kann uns nur kommen aus dem tiefen Verständnis der Revolution, in der wir uns befinden und der erste sichtbare Ausdruck dieses Verständnisses muß [sic!] der Sieg der Sozialdemokratie am 19. Januar sein.“[29] Der dritte Text, geschrieben von Phillip Scheidemann unter dem Stichwort „Brot“, fügt den bereits genannten Aspekten die Herausforderungen hinzu, die deutsche Wirtschaft wieder auf Frieden umzustellen und die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Mit der rhetorischen Frage „Was kann uns retten? Nichts kann uns retten, wenn uns nicht die Arbeit rettet!“[30] bringt Scheidemann seine Botschaft auf den Punkt.

Zusammenfassend muss man die Tatsache im Auge behalten, dass die drei SPD- Volksbeauftragten, wie auch ihre Kollegen von der USPD, mit enormen Herausforderungen konfrontiert wurden; mit Erich Matthias gesprochen: „Der militärische Zusammenbruch, die trostlose Wirtschafts- und Ernährungslage, die Demobilisierung, die revolutionäre Erregung in den Massen der Arbeiter und zurückflutenden Soldaten, die Abbröckelungstendenzen an der Peripherie des Reiches sowie nicht zuletzt die außenpolitische Schwäche und Isolierung des geschlagenen Deutschland stellten sie [die Regierung] über Nacht vor Aufgaben, die fast unlösbar erscheinen mussten.“[31] Dennoch ist das Verhalten der Regierung, besonders jenes der SPD-Volksbeauftragten, äußerst umstritten. Nicht nur die Forschung, auch die zeitgenössische Presse ist mit Kritik nicht sparsam umgegangen. So wurden die SPD Politiker Ebert, Scheidemann, Landsberg und Wels sowohl von konservativer und liberaler Seite[32], als auch von einigen linken Kräften[33] scharf angegriffen. Die Kritik der Konservativen und Liberalen konzentrierte sich vor allem auf den Aspekt der Ordnung und Sicherheit. Die Neue Preußische Zeitung schreibt zum Beispiel in ihrer Abendausgabe des 24.12. mit Bezug auf den Pazifismus der Sozialdemokraten „Will man aber ihren friedestiftenden [sic!] Beruf an der Fähigkeit messen, im eigenen Lager Frieden zu halten, so ist er verzweifelnd gering. Der gestrige Tag war wieder einmal eine gründliche Blamage für das sozialistische Regiment […]“[34] Die liberale Vossische Zeitung fügt diesem den Vorwurf hinzu, die Regierung habe keine klare Linie. In dem Artikel „Es muss auch regiert werden“ der Morgenausgabe des 27.12. heißt es: „Dabei ist die Regierung nicht einmal konsequent. Will man keine Gewalt anwenden, dann läßt [sic!] man jede Schießerei überhaupt. Ein Kampf auf den Straßen darf nur äußerstes Mittel sein. Bevor man ihn anfängt muß [sic!] man sich aller Konsequenzen bewußt [sic!] sein. Ist der Entschluß [sic!] gefasst, so muß [sic!] man ihn auch zu Ende führen.“[35] Dieser Vorwurf der Sprunghaftigkeit scheint berechtigt. Für die Journalisten mussten die Ereignisse um Weihnachten 1918 rätselhaft gewesen sein, welches man nicht zuletzt daran erkennt, dass die Vossische Zeitung in der Abendausgabe des 27.12. einen Artikel unter dem Titel „Rätselhafte Vorgänge“ veröffentlicht hat. Die Regierung war daran nicht unschuldig. Zum einen war nicht klar erkennbar, welche Regierungsmitglieder über welche Angelegenheiten das Sagen hatten: Die Tatsache, dass Otto Wels es nicht akzeptierte, dass Emil Barth den Schlüssel des Schlosses von den Matrosen entgegennahm, ist ein bezeichnendes Beispiel. Die Zuständigkeiten unter den einzelnen Regierungsmitgliedern waren nicht genügend geklärt.

Weiterhin zeigt dieses Beispiel, dass die Koalitionsparteien SPD und USPD keine gemeinsame Linie vertraten (zu diesem Konflikt später mehr). Letztlich war die Fülle der Ereignisse mit ihren Wendungen äußerst verwirrend: Zuerst verhandelte man mit den Matrosen, eine Einigung schien in Sicht, dann wiederum beauftragte die Regierung das Kommando Lequis zum gewaltsamen Eingriff gegen die Matrosen, nach dem Sieg der Matrosen wurde letztlich wieder verhandelt.

[...]


[1] Van Oertzen, Peter: Betriebsräte in der Novemberrevolution. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung über Ideengehalt und Struktur der betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der deutschen Revolution 1918/19, Düsseldorf 1963, S.67.

[2] Reinhard Rürup: „Demokratische Revolution und dritter Weg. Die deutsche Revolution von 1918/19“, in: Geschichte und Gesellschaft Nr. 9 1983.

[3] Ich beschränke mich auf meine Auswahl von Zeitungen: Vossische Zeitung, Neue Preußische Zeitung und Vorwärts. Wenn ich im Folgenden von Presse spreche, sind diese Zeitungen gemeint. Ich bin mir bewusst, dass dies nur eine Auswahl ist.

[4] Vorwärts 28.12.1918 Morgenausgabe, „Zur Vorgeschichte der Straßenschlacht – Bericht des Stadtkommandanten“.

[5] Zu entnehmen aus: Vorwärts 28.12.1918 Morgenausgabe, „Zur Vorgeschichte der Straßenschlacht – Bericht des Stadtkommandanten“ und siehe auch Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Berlin/Bonn 1984, S. 109.

[6] A.J. Ryder: The German Revolution of 1918. A Study of German Socialism in War and Revolt, Cambridge 1967, S. 188 f.

[7] Vorwärts 28.12.1918 Morgenausgabe, „Zur Vorgeschichte der Straßenschlacht – Bericht des Stadtkommandanten“.

[8] Vergleiche Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung, S. 109.

[9] Neue Preußische Zeitung 24.12.1918 Abendausgabe, „Anarchie und kein Ende“.

[10] Neue Preußische Zeitung 24.12.1918 Abendausgabe, „Anarchie und kein Ende“.

[11] Vorwärts 28.12.1918 Morgenausgabe, „Zur Vorgeschichte der Straßenschlacht – Bericht des Stadtkommandanten“.

[12] Ryder S. 189.

[13] Siehe Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung, S. 109 f.

[14] Vorwärts 25.12.1918, „Bericht über die Ereignisse des 24. Dezember“.

[15] Siehe Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung, S.110.

[16] Neue Preußische Zeitung 24.12.1918 Abendausgabe, „Der Matrosenaufstand in Berlin“.

[17] Neue Preußische Zeitung 24.12.1918 Abendausgabe, „Der Matrosenaufstand in Berlin“.

[18] Vergleiche: Materna, Ingo: Der Volzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte 1918/19. Berlin 1978 S. 168; Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung, S. 110; Ryder S. 190.

[19] Vorwärts, 25.12.1918, „Der Weihnachtsfriede von Berlin“.

[20] Neue Preußische Zeitung, 25.12.1918, „Der Straßenkampf am Heiligabend“.

[21] Der genaue Wortlaut des Vertrags wurde im Vorwärts des 25.12.1918 im Bericht „Der Weihnachtsfriede von Berlin“ abgedruckt. Bewertungen und Anmerkungen zum Vertrag folgen in den folgenden Kapiteln.

[22] Vossische Zeitung, 27.12.1918 Morgenausgabe, „Es muss auch regiert werden.“.

[23] Neue Preußische Zeitung, 25.12.1918, „Der Straßenkampf am Heiligabend“.

[24] Unter anderem zu entnehmen: Vorwärts, 25.12.1918, „Der Weihnachtsfriede von Berlin“.

[25] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[26] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[27] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[28] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[29] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[30] Vorwärts, 25.12.1918, Beilage: „Weihnachten im Kampf“.

[31] Matthias, Erich: „Der Rat der Volksbeauftragten“ in: Kolb, Eberhard: Vom Kaiserreich zur Weimarer. Republik, Köln 1972, S. 111.

[32] Wie in den Zitaten oben aus der Neuen Preußischen Zeitung und der Vossischen Zeitung auch zu erkennen ist.

[33] Die Freiheit, ein USPD Blatt, ist hier zu nennen, und ab 1919 natürlich die KPD mit ihrer Roten Fahne.

[34] Neue Preußische Zeitung 24.12.1918 Abendausgabe, „Anarchie und kein Ende“.

[35] Vossische Zeitung, 27.12.1918 Morgenausgabe, „Es muss auch regiert werden.“.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Weihnachtsunruhen 1918
Untertitel
Darstellung der Ereignisse in der Presse
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Seminar I)
Veranstaltung
Einführungsseminar: Weimar - misslungene Demokratie?
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V146227
ISBN (eBook)
9783640569717
ISBN (Buch)
9783640570133
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weihnachten, 1. Weltkrieg, Novemberrevolution, Revolution 1918, SPD, USPD, Spartakusbund, Friedrich Ebert, Vorwärts, Weimarer Republik, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Presse
Arbeit zitieren
Markus Ramers (Autor), 2007, Weihnachtsunruhen 1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146227

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