Die Erlebnispädagogik – anhand Kurt Hahns Erlebnistherapie


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen – Was ist Erlebnispädagogik?

3. Ursprünge und Entwicklung der Erlebnispädagogik anhand Kurt Hahns „Erlebnistherapie “

4. Erlebnispädagogik unter heutigen Gesichtspunkten

5. Probleme und Kritik der Erlebnispädagogik

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit mehreren Jahren hat der Begriff der Erlebnispädagogik Einzug gehalten in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens. Dabei beschränken sich die unter diesem Gesichtspunkt angebotenen Maßnahmen nicht nur auf die Jugend sondern werden vermehrt auch in der Erwachsenenbildung eingesetzt.

Die heutige Zeit ist vielfach geprägt von Stress, Konflikten und Hektik, dass so genannte „Leben auf der Überholspur“ einerseits sowie Depressionen und Motivationslosigkeit auf der anderen Seite. Aktuelle Befindlichkeiten und Bedürfnisse werden immer mehr zurückgestellt ob aus Gründen des Zeit- oder Geldmangels und verstärken den Wunsch nach affektiven Erlebnissen.

Besonders für Jugendliche werden die Erprobungs- und Erfahrungsspielräume immer seltener und enger. Neugier, Abenteuerlust und Aktivitätsdrang als Kennzeichen der Selbstfindung des Heranwachsenden bleiben in der meist betonisierten Umwelt unbefriedigt.

„Der starke kindliche Drang zum Entdecken, Experimentieren und zu Abenteuern kompensiert sich dann nicht selten in Aktionen, die jenseits der Legalität liegen.“ (Reiners, 1993, S.7)

Dieser ursprünglichen, primären Erlebnisse beraubt, findet zunehmend eine Kompensierung durch medienvermittelte Erfahrungen statt. Die Reizüberflutung und das nur sekundäre Erleben solcher Ereignisse ermöglicht jedoch eine Distanzierung und Selektion unbehaglicher Themen. Dies und die fehlenden Ersterfahrungen provozieren eine Gesellschaft, unfähig mit Kritik und Problemen umzugehen.

Ausgehend von diesen Fakten und Überlegungen sehe ich die Erlebnispädagogik als effektive und notwendige Möglichkeit besonders in der Jugendsozialarbeit eben jenen Erlebnisdurst zu stillen und somit präventiv oder gar „therapeutisch“ einzugreifen.

In dieser Arbeit möchte ich mich mit den Ursprüngen und Hintergründen der Erlebnispädagogik beschäftigen, in deren Mittelpunkt die „Erlebnistherapie“ des Reformpädagogen und Wegbereiters Kurt HAHN steht. Demgegenüber möchte ich die moderne Erlebnispädagogik beleuchten unter dem Gesichtspunkt der Anwendbarkeit in der Praxis sowie ihrer Probleme und Kritiken.

2. Definitionen: Was ist Erlebnispädagogik?

Das Wort Erlebnispädagogik wird durch die Aktualität des bezeichnenden Themas häufig und selbstverständlich gebraucht. Versucht man jedoch diesen Begriff näher zu erläutern, findet man sich in einem undurchdringlichen Gewirr aus Definitionen und Erklärungsversuchen wieder. Bis zum heutigen Zeitpunkt fehlt sowohl eine eindeutige Definition als auch eine tragfähige Fundierung der Erlebnispädagogik. Meine nachstehenden Erläuterungen handeln sich daher eher um eine Auswahl verschiedener Definitionsansätze, beginnend mit meinen eigenen Überlegungen zu diesem Begriff.

Pädagogik bezeichnet im Gesamten die Disziplin der Erziehung und Bildung.

Der Begriff Erlebnis wird im pädagogischen Wörterbuch wie folgt definiert: "Erleben, Erlebnis ist das Bewusstwerden, Gewahrwerden, Innewerden von körperlichen und seelischen Zuständen. Es handelt sich dabei um psychische Vorgänge, meist gefühlsmäßiger, affektiver Art, von besonderer Unmittelbarkeit und Einmaligkeit." Die Kombination dieser beiden feststehenden Definitionen vermittelt meiner Ansicht nach ganz gut den Gedanken der Erlebnispädagogik. Es erfolgt eine Erziehung durch die unmittelbare Teilnahme an einem Geschehen und dessen emotional- affektiver Verarbeitung. Ein soziales Lernen und Verhalten wird demzufolge erst durch die Verinnerlichung des Erlebten ermöglicht und gestattet dann dem Individuum adäquate Inhalte zu adaptieren. Unbeachtet bleiben dabei jedoch die Charakteristika der Ganzheitlichkeit, der Gruppenorientierung und die Auswahl extremer Lernsituationen zur Schaffung prägender Grenzerfahrungen.

Die moderne Erlebnispädagogik ist ein universell anwendbares Instrument der Pädagogik mit einem großen Spektrum an verschiedenen Methoden und einsetzbaren Orten. Sie gilt nicht mehr wie früher als „finales Rettungskonzept“ der „Schwierigsten“ sondern bedient heute ein breites Klientel, mit oder ohne Problemen.

HECKMAIR und MICHL beziehen sich in ihrer Definition auf Kinder und Jugendliche und beschreiben die Erlebnispädagogik folgendermaßen:

„Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.“ (Heckmair/ Michl, 2002, S.90)

Eine ähnliche Definition liefert auch HUFENUS:

„Erlebnispädagogik ist eine Methode, die Personen und Gruppen zum Handeln bringt, mit allen Implikationen und Konsequenzen, bei möglichst hoher Echtheit von Aufgaben und Situationen in einem Umfeld, das experimentierendes Handeln erlaubt, sicher ist und den notwendigen Ernsthaftcharakter besitz.“ (Galuske, 1999, S.210)

Eine ganz andere Auffassung vertritt KLAWE:

„Erlebnispädagogik ist keine Methode, sondern eine pädagogische Grundeinstellung, die darum bemüht ist, den pädagogischen Alltag in seinen Bezügen möglichst erlebnisintensiv zu gestalten.“ (Klawe/ Kunstreich/ Krätschmar, 1992, S.9)

Die folgenden Ansätze von NICKOLAI, QUENSEL und RIEDER finde ich sehr praxisrelevant. Sie vereinen die Bedeutung der Einzelwörter mit den für die Erlebnispädagogik charakteristischen Eigenschaften:

„ Erlebnispädagogik ist also, zusammengefasst, die Wechselwirkung von vertieft aufgenommenen Ereignissen und deren Reflexion, wobei die Chance zumindest groß ist, dass künftige Entscheidungen, aber auch Handeln und Verhalten generell durch Eigenerfahrung und Modellernen an Gruppenmitgliedern oder Situationen geprägt und davon beeinflusst werden.“ (Nickolai/ Quensel/ Rieder, 1991, S.162)

NICKOLAI hebt noch mal besonders die Abweichung zum Alltag hervor:

„In der Erlebnispädagogik liegen für mich die Betonung auf Erlebnis, Abenteuer, Natur und neue Erfahrungen. Etwas zu erleben, das heißt auch Abenteuer zu erleben, ist schon immer ein Bedürfnis insbesondere junger Menschen. Erlebnispädagogik hebt deutlich von der Alltagssituation ab und wird mitunter ein Grenzerlebnis. Angst wird eine deutliche Erlebnisqualität. Unter Abenteuer verstehe ich ein episodenhaftes und aus dem alltäglichen herausragendes Ereignis, das man aber aufsucht, „riskiert“ und wie eine Probe besteht.“ (Nickolai/ Quensel/ Rieder, 1991, S.28)

Bei der enormen Vielfalt an Literatur und demnach auch Definitionen zur Erlebnispädagogik stellen die aufgeführten Ansätze nur eine geringe Auswahl dar. Aber sie verdeutlichen sehr gut die unterschiedlichen Auffassungen und Schwerpunkte der einzelnen Autoren. In jedem Ansatz finden sich Wahrheiten, die aber gegeben durch die Fülle an Methoden und Umsetzungen der erlebnispädagogischen Maßnahmen nicht auf jedes Projekt zutreffen können und müssen. Da Erlebnisse des Einzelnen subjektiv und nicht planbar sind steht diese Methode ohne tragfähige Fundierung weiterhin in der Kritik.

Meiner Erfahrung nach ist eine Maßnahme dann erfolgreich wenn sie durch Verbinden der unterschiedlichen Ansätze ein Konzept hervorbringt, welches speziell dem Projekt und der jeweiligen Zielgruppe entspricht. Nicht allein das abenteuerliche Erlebnisfeld ergibt die Wirkung, sondern die spezifische Weise in der sie genutzt, präsentiert und kombiniert wird.

3. Ursprünge und Entwicklung der Erlebnispädagogik anhand Kurt Hahns „Erlebnistherapie“

Kurt HAHN (1886- 1974) kommt als Reformpädagoge und Begründer der Erlebnistherapie die Rolle des Wegbereiters der modernen Erlebnispädagogik zu. Er war weder studierter Pädagoge noch durchlief er eine konventionelle Karriere als Lehrer, Erzieher oder Sozialwissenschaftler. Er profilierte sich zunächst in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als politischer Berichterstatter, Redenschreiber und Berater. Später, als engster Vertrauter des Reichskanzlers Max von BADEN, gründeten sie gemeinsam zwei Jahre nach dessen Abdanken das Landerziehungsheim Schule Schloss Salem am Bodensee. Dort verstand es Kurt HAHN als Leiter der Schule und charismatischer Pädagoge sowohl Schüler, Kollegen und Umfeld für sich und seine Ziele einzunehmen.

Genauer betrachtet reichen die historischen Fäden und Wurzeln, auf denen auch Kurt HAHN aufbaut, bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Betrachtet man seine pädagogischen Ansätze detailliert, muss man feststellen dass diese weder neu noch originell sind. Dies war auch nicht sein Bestreben. Er selbst äußerte: „Es ist alles gestohlen, von Hermann LIETZ, von GOETHE, von PLATO und von den public schools, von den Pfadfindern.“ (Erleben und Lernen Heft 1/2005, S.11) Aber gerade dadurch wird ihm der Verdienst zugeschrieben durch seine Erlebnistherapie die verschiedenen Fäden einer Pädagogik des Erlebens miteinander verknüpft zu haben. Angelehnt an seine Vordenker lassen sich die nachfolgenden Erkenntnisse als Grundelemente HAHNs Pädagogik bezeichnen:

- das an PLATO angelehnte harmonische Staatsverständnis – eine „ideale Gemeinschaft“ – in der das Gute durch die Macht der Erziehung hervorgebracht wird
- die Trennung der Kinder von ihren Eltern , wenn diese der Erziehung unfähig sind, im Sinne der „pädagogischen Provinz“, die bereits von PLATO, GOETHE, PESTALOZZI und LIETZ beeinflusst wurde
- das „moralische Äquivalent des Krieges“ in der Erziehung von JAMES

Aber auch andere Vordenker haben die Grundmauern zum Gedankengebäude der

Erlebnispädagogik mit errichtet. Als fulminanter Theoretiker predigte schon ROUSSEAU das Erlebnisse, Erfahrungen und Abenteuer notwendige Lernprinzipien sind und man sich wieder auf die Natur besinnen sollte. So stammt von ihm der Satz: „Leben ist nicht atmen, leben ist handeln“. (Heckmair/ Michl, 2002, S.6) Auch THOREAU muss in die Liste der Vordenker mit aufgenommen werden. Er gilt als Vater der Ökologiebewegung und sah die Natur als die große Erzieherin. Sein Ziel war die ursprüngliche und unmittelbare Hinwendung zum Leben ohne einen Mittler. Dabei kritisierte er dessen Verlust durch dem im Zeitgeist begründeten Streben nach Luxus, Bequemlichkeit und Reichtum. Als Voraussetzung dafür sah er einen psychisch kranken Charakter an.

HAHN verstand seine Pädagogik als weltoffen und partizipativ. Er wollte, das in der Schule vermittelte wirklichkeitsverzerrte, theoretische Wissen in Verbindung bringen mit den persönlichen Neigungen des Einzelnen und dem praktischen Nutzen. Er brachte sich damit in Gegenposition zu der vorherrschenden Methode in Landerziehungsheimen, die ihre Zöglinge im Allgemeinen von der „kranken Zivilisation“ fern halten wollten. Seine Idealvorstellung bestand in einem Lernen, dass durch konkretes Handeln und praktischen Lebensbezug gekennzeichnet, die Herausbildung eines „tatkräftigen, humanitär gesinnten Menschen“ fördert, der Verantwortung übernehmen kann und soll. „«Giftlose Leidenschaften» wie Forschungsdrang, Tatendrang, die «Seligkeit des musikalischen Schaffens», die «Sehnsucht nach Bewährung im Ernstfall» sollen bei den Jugendlichen gefördert werden, um so die Gefahren schädlicher Einflüsse einzudämmen.“ (Heckmair/ Michl, 2002, S.24)

Sein Modell der Erlebnistherapie begründete er, auf den von ihm festgestellten „Verfallserscheinungen“ der Gesellschaft. Diese beinhalteten den Mangel an menschlicher Anteilnahme, den Mangel an Sorgsamkeit, den Mangel an Initiative und Spontaneität und dem Verfall der körperlichen Tauglichkeit. Seine Theorien sind kurz und prägnant, bilden aber das Fundament seiner praktischen Impulse und der Vielzahl von ihm initiierten Gründungen. Er hat sich mit der Gesellschaft und ihren „Leiden“ befasst um eine Lösung für deren „Heilung“ zu finden. Auch wenn die moderne Erlebnispädagogik als Handlungskonzept aufzufassen ist, entstand sie aus den Theorien von Kurt HAHN, die auch in der heutigen Gesellschaft im Allgemeinen ihre Gültigkeit nicht verloren haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Erlebnispädagogik – anhand Kurt Hahns Erlebnistherapie
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,8
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V146270
ISBN (eBook)
9783640572724
ISBN (Buch)
9783640573257
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erlebnispädagogik, Kurt, Hahns, Erlebnistherapie
Arbeit zitieren
Bachelor Kai Noack (Autor:in), 2006, Die Erlebnispädagogik – anhand Kurt Hahns Erlebnistherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146270

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