Elise Garnerin. Die "Venus im Ballon"


Fachbuch, 2010

63 Seiten


Leseprobe

Eine der berühmtesten frühen Ballonfahrerinnen, Luft- akrobatinnen und Fallschirmspringerinnen in Frank- reich war Elise Garnerin (1791-1853). Von 1815 bis 1936 machte sie sich mit zahlreichen Absprüngen in verschiedenen Ländern Europas als „Venus im Ballon“ einen Namen. Elise hatte berühmte Verwandte, die in der Geschichte der Luftfahrt eine wichtige Rolle spielten.

Elise Garnerin kam 1791 in Paris zur Welt. In der Literatur findet man auch die Schreibweise „Elisa“ Ihr Vater Jean Baptiste Garnerin (1766-1849) war während der „Französi- schen Revolution“ Sekretär im „Bureau“ des „Nationalcon- vents“. Er trat im Prozess gegen Marie Antoinette (1755-1793), als Zeuge gegen die Königin auf, die wegen angeblicher Verschwörung mit dem Ausland hingerichtet wurde.

Ein Onkel von Elise war André-Jacques Garnerin (1769- 1823), der Erfinder des Fallschirms und erste Fallschirm- springer. Während einer frühen Phase der „Napoleonischen Kriege“ (1792-1797) beauftragte man ihn, Verhandlungen mit den Alliierten, die Frankreich von allen Seiten bedrohten, zu führen. Weil die französische Republik von ihren Feinden offiziell nicht anerkannt war, hielt man André-Jacques drei Jahre lang auf der Festung Buda in Ungarn gefangen. Während seiner Gefangenschaft entwarf er Fallschirme, mit deren Hilfe er fliehen wollte.

Wieder in Freiheit unternahm André-Jacques Garnerin seinen ersten Flug mit einem von ihm selbst konstruierten Heißluft- ballon. Am 22. Oktober 1797 sprang er in Paris als erster Mensch mit einem Fallschirm ab. Sein Sprung, der in die An- nalen der Luftfahrt einging, erfolgte aus einem selbstgebauten Ballon in etwa 400 Meter Höhe über dem „Parc Monceau“ und wurde von einer großen Menschenmenge bewundert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

André-Jacques Garnerin (1769-1823), der Onkel von Elise Garnerin, sprang am 22. Oktober 1797 in Paris als erster Mensch mit einem Fallschirm ab.

Bild: Library of Congress,

Prints and Photographs Division, Washington

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jeanne-Geneviève Garnerin (1775-1847), geborene Labrosse, die Tante von Elise Garnerin,

fuhr am 10. November 1798 ,

mit der Engländerin Miss Henry als Fahrgast als erste Frau der Welt einen Ballon selbstständig. Bild: „Journal des Dames et des Modes“, 1797/1798

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

André-Jacques Garnerin hat den Fallschirm erfunden, mit dem seine Ehefrau Jeanne-Geneviève Garnerin am 12. Oktober 1799 abgesprungen ist.

Bild: Library of Congress,

Prints and Photographs Division, Washington

Elise Garnerin. Die „Venus im Ballon“ 11

Der von André-Jacques Garnerin konstruierte und benutzte Fallschirm hatte noch einen Konstruktionsfehler. Weil sich am Scheitel des Fallschirms keine Öffnung befand, strömte die verdichtete Luft über den Rand des Schirms und verur- sachte gefährliche, starke Pendelbewegungen. Erst auf An- regung des Astronomen Jérome Lalande (1732-1807) brachte André-Jacques Garnerin fünf Jahre später eine Scheitelöffnung am Fallschirm an.

Auch Jeanne-Geneviève Garnerin (1775-1847), geborene Labrosse, zunächst Schülerin und später Ehefrau des ersten Fallschirmspringers André-Jacques Garnerin sowie Tante von Elise, sorgte in der Luftfahrt für Aufsehen. Sie fuhr am 10. November 1798 als erste Frau der Welt einen Ballon selbst- ständig. Eine Engländerin namens Miss Henry war ihre Kopilotin, weswegen man vom ersten Ballonflug mit einem ausschließlich weiblichen Team spricht. Am 12. Oktober 1799 unternahm Jeanne-Geneviève als erste Frau der Welt einen Fallschirmsprung. Sie sprang aus einer Höhe von 900 Metern. Zur Luftakrobaten-Truppe von André-Jacques Garnerin gehörten auch dessen älterer Bruder Jean Baptiste Garnerin und dessen Tochter Elise Garnerin. Letztere entwickelte sich zum Star der Truppe.

Über Elise Garnerin heißt es, sie sei bereits im Kindesalter zwischen den Gondeln herumgeklettert sowie mit ihrem Vater und ihrem Onkel im Ballon durch die Lüfte gesegelt. Mit 15 lernte sie selbst das Ballonfliegen. Am 22. Oktober 1799 wagte sie in jungen Jahren ihren ersten Fallschirmsprung aus rund

1.000 Metern Höhe. Zuvor war sie von Ärzten eindringlich davor gewarnt worden. Die Mediziner hatten gemeint, bei solch gewagten Sprüngen könnte der Druck der Luft den zarten Organen eines jungen Mädchens gefährlich werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Plakat in französischer Sprache

für eine Vorstellung von Elise Garnerin in Paris

Bild: Library of Congress,

Prints and Photographs Division, Washington

Zeitweise arbeitete Jean Baptiste Garnerin, der Vater von Elise und ehemalige Revolutionär, als Illuminateur der nieder- ländischen Königin Hortense (1783-1837), der Stieftochter von Napoléon Bonaparte (1769-1821). Hortense hatte 1802 Louis Bonaparte (1778-1846), einen der vier Brüder von Napoléon, geheiratet. Ihr Ehemann war von 1806 bis 1810 als „Lodewijk Napoleon“ König des von Napoléon geschaf- fenen Königreichs Holland.

Jean Baptiste Garnerin machte seinem jüngeren Bruder André- Jacques Garnerin die Ehre der wichtigen Erfindung des Fallschirms streitig. Deswegen kritisierte André-Jacques den Vater von Elise in seinem Werk „Ursurpation d’etat et de réputation par un frére sau préjudice d’un frère“ (1815). Jahrelang begeisterte Elise Garnerin ihre Zuschauer mit immer tollkühneren Kunststücken. Bei der Siegesfeier in Paris anläss- lich des endgültigen Sieges über Napoléon im Jahr 1815 beeindruckte sie den preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) mit einem Sprung aus 1.000 Metern Höhe. Elise landete wohlbehalten in einem Stoppelfeld und prä- sentierte sich dem König und den Zuschauern keck mit dem um die Hüften gebundenem Fallschirm.

In der Zeit von 1815 bis 1836 führte Elise Garnerin in Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Österreich und Russland insgesamt 39 Absprünge vor Publikum durch. Von begeisterten Zuschauern wurde sie als „Venus im Ballon“ gefeiert.

Weil man sie in Spanien unfreundlich behandelt hatte, ließ Elise Garnerin am 5. Juni 1818 in der Zeitung von Bayonne einen Brief von ihr an den französischen Botschafter in Madrid veröffentlichen. Darin beschwerte sie sich über die ihr in Spanien widerfahrene Behandlung. Darauf reagierte das

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wilhelmine Reichhard (1788-1848)

Lithographie von Adolph Friedrich Kunike (1777-1838)

Elise Garnerin. Die „Venus im Ballon“ 15

spanische „Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten“ mit einer Note an den französischen Botschafter in Madrid, die ebenfalls in Zeitungen veröffentlicht wurde. Diese Note wurde am 15. Juli 1818 von dem Minister José García de León y Pizarro (1770-1835) unterzeichnet.

Anlässlich des „Monarchenkongresses“ im Herbst 1818 in Aachen kam ein Heer von Künstlern/innen in diese Stadt. Damals traten auch die Luftschifferinnen Elise Garnerin aus Frankreich und Wilhelmine Reichard (1788-1849) aus Deutschland in Achen auf. Beim „Monarchenkongress“ berieten sich der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), der russische Zar Alexander I. (1777-1825) und der österreichische Kaiser Franz I. (1768-1835) über die „Festigung der Restauration in Frankreich“.

Zeitungen im In- und Ausland informierten ihre Leser/innen immer wieder über Neuigkeiten aus dem Leben von Elise Garnerin. „Der Bote von Tyrol“ beispielsweise berichtete am 11. Mai 1819: „Demoiselle Elise Garnerin, welche vor einigen Tagen abermals eine Luftfahrt hielt, hing sich, als sie 2500 Klaster hoch war, an den Fallschirm, und kam bei Sürene langsam herunter. Ihr Ball flog bis Jarcy, einem Dorfe sechs Stunden von Paris. Die kühne Luftschifferin empfand, als sie über 2000 Klaster gestiegen war, alle gewöhnlichen Wirkungen einer Höhe: Kälte, Brustbeklemmung, Sausen in den Ohren und Anschwellen der Drüsen“.

Merkwürdiges erfuhr man 1819 im „Conversationsblatt. Zeitschrift für wissenschaftliche Unterhaltung“, das in Wien erschien: „In Orleans ist Elise Garnerin, weil sie eine Luftfahrt angekündigt, 3000 Franken eingenommen, und ihr Wort nicht gehalten, zur Haft gebracht worden. Es soll ihr der Prozeß gemacht werden.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

André-Jacques Garnerin (1769-1823),

Gravierung von Edward Hawke Locker (1777-1849) von 1802, Bild: Library of Congress,

Prints and Photographs Division, Washington

Elise Garnerin. Die „Venus im Ballon“ 17

Nicht schmeichelhaft für Demoiselle Elise Garnerin klang auch eine kurze Meldung im „Morgenblatt für gebildete Stände“ vom August 1821. Darin wurde sie als „schöne Dame, ziemlich phantastisch gekleidet, und dem Anschein nach etwas doch auf die Menschen herabsehend“ beschrieben. Durch einen Unfall beim Füllen eines Ballons in Paris kam am 18. August 1823 André-Jacques Garnerin, der Onkel von Elise, ums Leben. Er wurde dabei von einem Balken am Kopf getroffen. Ihr Vater Jean Baptiste Garnerin leitete 1825 zusammen mit dem Physiker Stephan Kaspar Robertson (geboren 1763) Versuche mit dem Fallschirm.

„Der Bayerische Volksfreund“ berichtete am 29. August 1828, Elise Garnerin, die erst kürzlich ihre 35. Luftfahrt in Brüssel unternommen habe, böte an, beim Theresienfest (Oktoberfest) 1828 in München eine Luftfahrt zu unternehmen. Dabei wolle sie mit dem Fallschirm aus der Höhe abspringen. Einem Artikel im „Münchner Conservations-Blatt“ von 1829 zufolge, benahm sich Elise Garnerin vor einem Auftritt in Hamburg nicht sehr damenhaft. Als sich Jäger der National- garde freien Eintritt verschaffen wollten, entriss Elise einem von ihnen den Säbel und schlug ihn damit auf den Kopf, ohne den Mann jedoch zu verwunden. Daraufhin fielen andere Jäger über Elise her und richteten sie so übel zu, dass sie schwer krank im Krankenhause behandelt werden musste. Dieser Fall wurde von der Polizei untersucht.

1833 überraschten Zeitungen wie „Der Bote von Tyrol“ und andere Blätter ihre Leserschaft mit der Nachricht, Elise Garnerin, die Tochter des bekannten Luftschiffers, habe in New York einen reichen Bankier geheiratet. Zu diesem Zeitpunkt war sie etwa 42 Jahre alt. Vierzehn Tatge vor der Heirat hatte sich Elise mit ihrem Ballon auf dem Landgut ihres Bräutigams niedergelassen. Nach Unterzeichnung des Heiratskontraktes schrieb der glückliche Ehegatte einem Freund: „Ich habe eine Frau aus den Wolken empfangen, und an mir bewährt sich der Spruch: Alle guten Dinge kommen von oben“. Elise erklärte später, sie hätte den besten Mann. Ob die Geschichte „Die Braut aus der Luft“ im „Jahrbuch des Nützlichen und Unterhaltenden“ (Band 29, 1863) der Wahrheit entspricht, lässt sich heute nicht entscheiden. Darin ist davon die Rede, Elise Garnerin habe im Frühling 1838 nachts geträumt, sie sei Braut, dies ihrer Mutter erzählt und erklärt, sie habe sich sehr glücklich dabei gefühlt. Die Mutter antwortete angeblich: „Nun, wer weiß, was nächstens geschieht?“ Danach unternahm Elise eine Luftfahrt und landete etwa vier Meilen von New York City entfernt in einer Gegend, in der sich ein Landhaus befand. Der Besitzer war ein angenehmer und reicher Witwer im Alter von etwa 35 Jahren. Dieser Mann bat Elise bei ihm einzukehren und sie nahm diese Einladung an. Elise machte einen sehr guten Eindruck auf den Witwer und dieser gefiel ihr ebenfalls. Als sich Elise verabschieden wollte, bat sie der Witwer, sie solle länger bei ihm bleiben. Ihrer Einwilligung, zu bleiben, folgte ein Heiratsantrag des Mannes. Mit Zustimmng der Mutter sagte Elise zu und wurde ihrem Traum gemäß eine glückliche Ehefrau. Der Verfasser des Artikels im „Jahrbuch des „Nützlichen und Unterhaltenden“ spekulierte, Elise habe auch im wachen Zustand oft das gedacht, was sie mehr als nur einmal träumte.

Von dem guten Ruf, den Elise Garnerin als Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin genoss, versuchten andere Luftakobatinnen noch jahrelang nach deren Rückzug ins Privatleben zu profitieren. Sie kündigten sich auf ihren Plakaten als „Garnerin“ an, um viel Publikum anzulocken.

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Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Elise Garnerin. Die "Venus im Ballon"
Autor
Jahr
2010
Seiten
63
Katalognummer
V146274
ISBN (eBook)
9783640572748
ISBN (Buch)
9783656866008
Dateigröße
2933 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Elise Garnerin, Ballonfahrerin, Ballonfahrerinnen, Luftakrobatin, Luftakrobatinnen, Fallschirmspringerin, Fallschirmspringerinnen, Frauenbiografien, Biografien, Ernst Probst, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Elise Garnerin. Die "Venus im Ballon", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146274

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