Formen der Erinnerungskultur

Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft


Magisterarbeit, 2009

107 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Wissenschaftstheorie der Erinnerungskulturen und des kollektiven Gedächtnisses
1. Eine kulturwissenschaftliche Definition von Gedächtnis und Erinnerung
2. Das Kollektive Gedächtnis
3. Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungskulturen
4. Geschichte und Erinnerungskultur

III. Die japanische Kriegserinnerung – Ein Überblick
1. Kriegserinnerung und Erinnerungskultur
2. Siegererinnerung und Verlierererinnerung
3. Religiöse und heroische Opfererinnerung
4. Traumatische Opfererinnerung
5. Tätererinnerung
6. Strategien der Verdrängung
7. Opfererinnerung vor Gericht
8. Kriegserinnerung in »Eigengeschichten«
9. Der japanische Schulbuchstreit - Spiegel des gesellschaftlichen Erinnerungskonfliktes
10. Neue ostasiatische Perspektiven der Kriegserinnerung durch Gemeinschaftsschulbücher

IV. Einordnung der japanischen Friedensmuseen und ihres Stellenwerts für die kollektive Kriegserinnerung
1. Die museale Kriegserinnerung Japans im globalen Rahmen der Zweiten Moderne und die Besonderheit der Friedensmuseen
2. Die japanischen Friedensmuseen – Versuch einer Einordnung
V. Erinnerungskonflikte um die Kriegsausstellungen der japanischen Friedensmuseen – Der japanische Museumsstreit
1. Der Konflikt um das Nagasaki Atomic Bomb Museum
2. Der Konflikt um Peace Ôsaka
3. Der Konflikt um das Friedens- und Menschenrechtsmuseum in Sakai
4. Der Konflikt um das Okinawa Prefecture Peace Memorial Museum und das Yaeyama Peace Memorial Museum

VI. Die nationalen und internationalen Netzwerkaktivitäten der japanischen Friedensmuseen – Ihre grenzüberschreitende Erinnerungspolitik als Antwort auf den Geschichtsrevisionismus
1. Die weltweiten Netzwerkaktivitäten der japanischen Friedensmuseen und die Verbreitung des Friedensmuseums-Gedanken
2. Die innerasiatischen Netzwerkaktivitäten der Friedensmuseen und der Beitrag von Bürgerinitiativen für die Aussöhnung in Ostasien

VII. Schluss

Literaturangaben

I. Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit ist die Analyse des Stellenwerts der Friedensmuseen in der japanischen Gegenwartsgesellschaft. Ich werde zunächst die kulturwissenschaftliche Theorie von Erinnerung und Gedächtnis anwenden, um überblickend die japanischen Formen der Kriegserinnerung zu charakterisieren. Nachdem ich so die Wandlungsprozesse und Konfliktfelder der gesellschaftlichen Kriegserinnerung in Japan aufgedeckt habe, werde ich im nächsten Schritt untersuchen welche Rolle die Friedensmuseen dabei spielen. Die Friedensmuseen sind wie ich zeigen werde ein spezifisches Charakteristikum der Kriegserinnerung im Nachkriegsjapan. Seit den 1980’er Jahren ist ihre Zahl stetig angewachsen und sie haben eine zentrale Bedeutung für den gesellschaftlichen Bezug auf die Kriegsvergangenheit gewonnen. Die Wandlung der Darstellungsformen und Inhalte ihrer Ausstellungen bildet exakt die sich wandelnden zivilgesellschaftlichen Erinnerungsinteressen ab. Die Zahl der zivilgesellschaftlichen Teilnehmer am Erinnerungsdiskurs über den Krieg, ist in den 1980’er Jahren exponential Anstiegen, weil die Zeitzeugen des Krieges ihr Ruhestandsalter erreichten. Das Interesse an der musealen Gestaltung von Kriegserinnerung ist dadurch stark angestiegen. Neben Historikern beteiligten sich nun eine breite Schicht von Bürgern ehrenamtlich an der Dokumentation und Aufarbeitung ihrer lokalen Kriegsgeschichte. Es kristallisierte sich dabei ein breiter Konsens dafür heraus, das Kriegserlebnis für die jüngeren Generationen erfahrbar zu machen, damit diese den Wert des Friedens erkennen. Daher waren die privaten und öffentlichen Kriegserinnerungsmuseen, die durch das Engagement von Bürgerinitiativen entstanden durch eine klare Friedensorientierung ausgezeichnet und deshalb von ihrem Selbstverständnis her keine Kriegs- sondern Friedensmuseen. Als Vorbilder der seit den 1980’ern entstandenen Friedensmuseen dienten die Atombombenopfer-Erinnerungsmuseen in Hiroshima und Nagasaki. Auch in den neuen lokalen Friedensmuseen wurde die Atombombenopfer-Erinnerung als zentrales Leid-Motiv inszeniert. Hinzu kamen weitere lokale Opfernarrative, wie das Erlebnis des Bombenkriegs und des entbehrungsreichen Lebens an der Heimatfront. Diese Narrative wurden gespeist durch die Zeitzeugenerinnerungen und die historische Recherche von Bürgern und Lokalhistorikern. Aber der auffälligste Wandel den die Friedensmuseen seit den 1980’en erfahren haben, besteht in der gleichberechtigten Integrierung der Tätererinnerung neben der Opfererinnerung. Der Hintergrund war, dass eine wachsende Zahl von kritischen Zeitzeugen und Historikern auf die mangelnde Aufarbeitung des Kriegsleids der ostasiatischen Kriegsopfer und auf ihre fehlende Entschädigung durch den japanischen Staat aufmerksam wurde. Diese engagierten Bürger reagierten sensibel auf die Erinnerungsinteressen, von durch den japanischen Aggressionskrieg geschädigten Opfern aus China, Korea und anderen Ländern Asiens. Mit Methoden der Oral-History wurde von diesen engagierten Bürgern verstärkt seit der 1980’er Jahre die Schicksale von chinesischen und koreanischen Zwangsarbeitern und Atombombenopfern erforscht und in Büchern dokumentiert. Die Schadensersatzklagen dieser asiatischen Kriegsopfer gegen den japanischen Staat wurden von denselben engagierten Bürgern durch die Bildung von Netzwerken unterstützt. Später wurden auch die Opfer der Zwangsprostitution unterstützt, indem von Historikern die historischen Umstände ihres Schicksals erforscht wurden und von Bürgern ihre Klagen gegen den Staat unterstützt wurden. Im nächsten Schritt fanden diese asiatischen Opfererinnerungen Eingang in die Kriegsausstellungen der Friedenmuseen. Dies geschah auch mit Hilfe von engagierten Bürgern, die eine historische Verantwortung gegenüber diesen Opfern fühlten. Dadurch wurden die Friedensmuseen zu grenzüberschreitenden Orten der Kriegserinnerung, deren historische Erzählung die Perspektive der passiven japanischen und nicht japanischen Opfer des Asien-Pazifik-Kriegs widerspiegelt und nicht die handelnden Täter des Militärs und ihre heroischen Leistungen in den Mittelpunkt stellt. Wie ich im Kapitel zur Einordnung und Abgrenzung der Friedensmuseen thematisieren werden, ist dies ein Kennzeichen für Museen der so genannten Zweiten Moderne. Japan stellt insofern einen Sonderfall dar, da sich hier nicht die staatlich initiierten Kriegserinnerungsmuseen zu Museen der Zweiten Moderne entwickelt haben, sondern die zivilgesellschaftlich initiierten privaten und öffentlichen Friedensmuseen. Sowohl in den öffentlichen als auch in den privaten Friedensmuseen umfasst die Kriegserinnerung mittlerweile auch die ostasiatischen Opfer des japanischen Aggressionskriegs und die museale Erinnerungspolitik strebt Frieden und Aussöhnung in Ostasien an. Es bleibt allerdings weiterhin schwierig die Kriegsschuld des japanischen Militärs und die Nachkriegsverantwortung des japanischen Staates in öffentlichen Friedensmuseen zu thematisieren. Seit den 1990’er Jahren hat sich eine neo-nationalistische Tendenz in den konservativen Gesellschaftskreisen verstärkt und Vereinigungen von nationalistischen Geschichtsrevisionisten bekämpfen das so genannte masochistische Geschichtsbild der ‚Linken’. In diesem Zusammenhang werde ich im ersten Teil der Arbeit den Konflikt um die Darstellung der Kriegsgeschichte in Schulbüchern, den so genannten Schulbuchstreit, analysieren und im zweiten Teil darstellen wie sich dieser Vergangenheits-konflikt auf die Kriegserinnerung in den Friedensmuseen ausgewirkt hat. Ich werde dabei aufzeigen wie sich, in Reaktion auf nationalistische Angriffe gegen die öffentlichen Friedensmuseen, die Unterstützer und Aktivisten der Museen stärker untereinander vernetzt haben und sie ihre Bemühungen mit erinnerungspolitischen Mitteln die zivilgesellschaftliche Aussöhnung in Asien zu fördern wesentlich verstärkt haben. Die große Anzahl von Friedenmuseen, stellt ein japanisches Phänomen der gesellschaftlichen Kriegsverarbeitung dar. Die Ausstellungen der Museen sind interdisziplinär, sie stehen an der Schnittstelle von Geschichts-, Erziehungs- und Friedenswissenschaft. Von den Museen wird eine Vielzahl von gesellschaftlichen Funktionen wahrgenommen, die von Kriegsgedenken, zu Geschichtserziehung, über Friedenserziehung und Intergenerationen-Austausch, bis zu Umweltschutzerziehung reicht. Deshalb gibt es meines Erachtens fast keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen in westlichen Sprachen, in denen die ganze Komplexität und Dynamik der japanischen Friedensmuseen berücksichtigt wird. Bezeichnenderweise stammt die umfangreichste wissenschaftliche Veröffentlichung über die japanischen Friedensmuseen auf Englisch, von der Friedenaktivistin Yamane Kazuyo, die selbst in dem Friedensmuseum »Grassroots House« in Kôchi arbeitet und ein führendes Mitglied des japanischen »Bürgernetzwerks der Museen für den Frieden« ist. Sie ist dort zuständig für den internationalen Austausch. Ihre Doktorarbeit über die japanischen Friedensmuseen, die sie an der Bradfort University geschrieben hat, dem Ort wo auch das »Internationale Netzwerk der Museen für den Frieden ins Leben« gerufen wurde, ist daher eine Art Selbstpräsentation und Selbstbespiegelung. Sie thematisiert darin, wie Friedensmuseen mit Hilfe von Bürgerengagement die Aussöhnung in Asien vorantreiben und ihre Ausstellungen über den japanischen Aggressionskrieg gegen die Angriffe von Geschichtsrevisionisten verteidigen. Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich daher auf die nationalen und internationalen Netzwerkaktivitäten der japanischen Friedensmuseen eingehen, für die Yamane eine zentrale Rolle spielt. Das Ziel dieser Aktivitäten scheint die weltweite Verbreitung des japanischen Friedensmuseums-Gedanken und die Förderung der Aussöhnung in Ostasien zu sein. Wissenschaftliche Monographien von westlichen Autoren, haben die Friedensmuseen bisher nur auf wenigen Seiten, im Rahmen des Schulbuchstreits und des gesellschaftlichen Konflikts um die historische Kriegserinnerung, behandelt. Aktuelle Beispiele dafür sind die Werke »Politics, Memory and Public Opinion« von Sven Saaler und »Japan’s contested war memories« von Philip A. Seaton. Ich bin aber der Meinung, dass die Friedensmuseen eine zentrale Rolle in der japanischen Erinnerungslandschaft einnehmen und genauere wissenschaftliche Betrachtung verdienen. Den besten Überblick über die Friedensmuseen und andere Kriegserinnerungsmuseen auf Japanisch gibt meines Erachtens, der von der »History Educationalist Conference of Japan« herausgegebene Band »Peace & War Museum Guidebook«. Hier werden alle wichtigen Kriegserinnerungsmuseen Japans, inklusive der Friedensmuseen in kurzen Artikeln vorgestellt und am Ende des Bandes stehen zwei erläuternde Aufsätze. Allerdings bedingt die schnelle Entwicklung im Bereich der Friedensmuseen, das der Band von 2004, mittlerweile schon etwas veraltet ist. Mittlerweile sind schon einige neue wichtige Friedensmuseen, wie etwa das Women’s Active Museum on War and Peace« und das »Peace Aichi«, entstanden. Aktuellere Informationen zur Entwicklung der Friedensmuseen, finden sich in der Vierteljahrszeitschrift des »Center for Research and Documentation on Japan's War Responsibility«. Zuletzt ist 2008 ein Tagungsband mit dem Titel »Museums for peace: past, present and future« erschienen, der die Ergebnisse der »6. Konferenz der Internationalen Museen für den Frieden«, die in Kyôto und Hiroshima stattfand, zusammenfasst. Dieser Band ist allerdings nur an der Bradford University verfügbar. Der dortige Friedensforscher Peter van den Dungen ist der Generalkoordinator des Internationalen Netzwerks der Museen für den Frieden und steht in engen Kontakt mit dem Japanischen Bürgernetzwerk der Museen für den Frieden und dessen Hauptprotagonisten Yamane Kazuyo und Anzai Ikurô (Kyôto Museum for World Peace). Daher ist die Bibliothek der Bradfort University besonders gut mit Literatur über japanische und weltweite Friedensmuseen ausgestattet.

II. Die Wissenschaftstheorie der Erinnerungskulturen und des kollektiven Gedächtnisses

1. Eine kulturwissenschaftliche Definition von Gedächtnis und Erinnerung

Die Kulturwissenschaft zählt das Begriffspaar Erinnerung und Gedächtnis mittlerweile zu den lexikalisierten Grundbegriffen[1]. Semantisch bezeichnet Gedächtnis einen Speicher der vergangenheitsbezogene Informationen enthält und Erinnerung bezeichnet den aktiven Zugriff auf bestimmte Inhalte dieses Speichers. Je nachdem ob es sich um neuronale Speicher, also das menschliche Gehirn, oder um mediengestützte Speicher, also digitale oder analoge Speicher wie Bibliotheken, Archive, oder Museen handelt, variiert ihre Kapazität und Lebensdauer. Zwischen den neuronalen Speichern und mediengestützten Speichern findet ein wechselseitiger Austausch statt. Neue Information geht von den neuronalen Speichern in die mediengestützten und alte bereits nicht mehr im neuronalen Speicher vorhandene Information, wird erneut aus den mediengestützten Speichern abgerufen. Erinnerung kann nur von der Seite der neuronalen Speicher aktiviert werden, entweder durch Abruf aus den mediengestützten Speichern oder durch soziale Interaktion mit anderen neuronalen Speichern. Die mediengestützten Speicher dienen wegen der Fragilität und Unzuverlässigkeit der neuronalen Speicher, in allen komplexeren Gesellschaften, als deren Stütze und werden institutionalisiert. Ohne mediengestützte Speicher ist eine Gesellschaft allein auf den Austausch zwischen den neuronalen Speichern angewiesen. Diese Form der Weitergabe vergangenheitsbezogener Information ist zeitlich, wie inhaltlich begrenzt und stellt einen bewusst-selektiven Akt mit klarer Intention dar. Demgegenüber kann die Sinngebung vergangenheitsbezogener Informationen aus dem mediengestützten Speicher durch die abrufenden Menschen, von der Intention der speichernden Menschen abweichen, denn diese treten in keinen direkten Kontakt miteinander. Die Sinngebung unterliegt dann dem gesellschaftlichen Wandel, neue Wertmaßstäbe oder auch Fehlinterpretation vergangener Information führen zu neuen Deutungen. Aus den Inhalten der überlieferten mediengestützten Speicher kann eine Gesellschaft ihre kulturelle Identität konstruieren, die durch unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten der vergangenheitsbezogenen Information flexibel bleibt.[2]

2. Das Kollektive Gedächtnis

In der jüngsten Vergangenheit fand über Sinn und Inhalt der Begriffe Erinnerung und Gedächtnis im kulturwissenschaftlichen Rahmen, eine lebhafte interdisziplinäre Auseinandersetzung statt. Dadurch konnten verschiedene einflussreiche Konzepte erarbeitet und erweitert werden. Im Kern drehte sich die Diskussion um die Zulässigkeit und Ausdeutung des Begriffs >kollektives Gedächtnis<, erstmals 1925 verwendet vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs in seinem Werk »Les cadres sociaux de la memoire«. Halbwachs wendete sich als erster gegen die rein individual-psychologische Betrachtung des Bewusstseins und der Funktion des Gedächtnisses und fügte die soziale Komponente des Erinnerns und des Gedächtnisses hinzu. Er erkannte, dass die Inhalte unseres Geistes, besonders die Erinnerungen nur im zwischenmenschlichen Kontext richtig analysiert werden können.[3] Halbwachs Konzept der >sozialen Bezugsrahmen< (cadres sociaux) des Erinnerns beinhaltet, dass sich jede individuelle Erinnerung auf die soziale Interaktion mit den uns umgebenen Mitmenschen stützt[4]. Nach Astrid Erll umfassen Halbwachs cadres sociaux sowohl im wörtlichen Sinn das soziale Umfeld, als auch im metaphorischen Sinn die Denkschemata eines Individuums. Durch die Interaktion mit seinen sozialen Bezugsgruppen, eignet sich ein Individuum Denkschemata an, die seine Wahrnehmung und Erinnerung in bestimmte Bahnen lenken[5]. Für Halbwachs ist die Bedingung menschlicher Erinnerung, die Verortung uns interessierender vergangener Ereignisse in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses. Die Anzahl der sozialen Bezugsrahmen in deren Schnittpunkt eine Erinnerung auftaucht bestimmt darüber wie reich sie ist, so Halbwachs. Da sich eine Gesellschaft die Vergangenheit je nach den Zeitumständen anders vorstellt, muss sich jedes ihrer Glieder den sich verändernden Konventionen beugen und seine eigene Erinnerung in die gleiche Richtung lenken in die sich das kollektive Gedächtnis bewegt. Durch diesen Einfluss des kollektiven auf das individuelle Gedächtnis wird ein Teil unserer Erinnerungen deformiert oder vergessen, resümiert Halbwachs.[6] In seiner späteren Schrift »La memoire collective«[7], gab Halbwachs seiner Theorie eine noch genauere Ausdifferenzierung. Darin thematisiert er das >Generationengedächtnis< und weitet die Bedeutung des Begriffs kollektives Gedächtnis auf den Bereich der kulturellen Überlieferung und der Traditionsbildung aus[8]. Die zeitlose Relevanz der Halbwachschen Theorie besteht zusammengefasst darin, dass er die zwei wesentlichen Eigenschaften von menschlichem Gedächtnis und menschlicher Erinnerung richtig umschrieben hat. Die erste Eigenschaft ist die Interdependenz von individuellem Gedächtnis und individueller Erinnerung mit dem soziokulturellen Umfeld. Das heißt unser Gedächtnis ist sozial bedingt und unsere Erinnerung ist ein sozialer Akt, der bestimmten kulturellen Bedingungen unterworfen ist. Die zwischenmenschliche Kommunikation stellt die Hauptmethode der Speicherung (=Gedächtnisbildung) und des Abrufs (=Erinnerung) vergangenheitsbezogener Information dar. Zur zwischenmenschlichen Kommunikation zählen dabei, die mündliche Erzählung und die Brief-, Telefon-, Chat-, Email-Kommunikation. Der Einfluss unseres soziokulturellen Umfelds auf den Inhalt unseres Gedächtnisses und den Abruf unserer Erinnerungen lässt sich in eine vertikale und eine horizontale Ebene einteilen. Die vertikale Ebene bildet das >intergenerationelle Gedächtnis<, es wird zwischen den verschiedenen Altersgruppen kommuniziert und ist vor allem innerfamiliär verortet. Die horizontale Ebene beruht auf den von Karl Mannheim definierten Generationen, als Alterkohorten mit gemeinsamen Erfahrungshorizont und gemeinsamen Wertvorstellungen[9]. Dadurch das sie bestimmte prägende Erfahrungen gemeinsam mit ihren Altersgenossen durchleben und untereinander kommunizieren, bildet sich ein für sie spezifisches >Generationengedächtnis< heraus und für sie spezifische Formen der Erinnerung. Diese beiden Formen von Gruppengedächtnissen bezeichnete Halbwachs als kollektiv. Daher ist es akkurater nicht vom kollektiven Gedächtnis im Singular, sondern von den kollektiven Gedächtnissen einer Gesellschaft im Plural zu sprechen.

3. Kulturelles Gedächtnis und Erinnerungskulturen

Darüber hinaus hat Halbwachs auch die zweite Eigenschaft menschlicher Erinnerung und menschlichen Gedächtnisses erkannt. Nämlich der innerhalb von Kulturgemeinschaften stattfindende Bezug auf Vergangenes mittels schriftlicher Kommunikation, Medien und Institutionen zum Zweck der Gegenwartsdeutung.[10] Bekanntlich haben Jan und Aleida Assmann Ende der 1980’er Jahre den Begriff >kulturelles Gedächtnis< eingeführt, der zusammengefasst die durch kulturelle Speicherungstechniken von Generation zu Generation übertragenen, identitätsrelevanten Wissensbestände bezeichnet.[11] Damit erweiterten sie die Theorie des kollektiven Gedächtnisses um die kulturelle Ebene, die von Halbwachs nur andeutungsweise beschrieben wurde. Aleida Assmann unterteilt das kollektive Gedächtnis entsprechend in die drei interdependenten Ebenen neuronal, sozial und kulturell.[12] Durch die Verwendung des Konzepts kollektives Gedächtnis außerhalb der unmittelbaren Ebene der sozialen Bezugsrahmen, auf der abstrakten Ebene moderne Gesellschaft und Kultur, wird seine Verfasstheit extrem vielschichtig und sein Inhalt undefinierbar in Größe und Zusammensetzung. Die Formen des Vergangenheitsbezug sind dementsprechend plural, komplex und den kulturellen Gegebenheiten und Zeitumständen unterworfen. Deshalb wurde immer wieder die Frage aufgeworfen wie die Begriffe Gedächtnis und Erinnerung sinnvoll auf den Metaebenen Kultur und Gesellschaft angewendet werden können. Kann eine Kultur oder eine Gesellschaft ein Gedächtnis besitzen und sich erinnern? Zunächst müsste man diese Frage verneinen, denn nur konkret handelnde Personen (=neuronal-organische Speicher) können kulturelle Wissensbestände abrufen und in Umlauf bringen. Die neuere Forschung definiert das kulturelle Gedächtnis deshalb als eine diskursive Formation innerhalb von Gesellschaften und legt ihr Hauptaugenmerk auf die sogenannten Erinnerungskulturen, verstanden als kulturelle Formen von Aufzeichnungs-, Speicherungs- und Übertragungstechnologien. Die Erinnerung wird von der Kulturwissenschaft nun als Abruf und Neukonstitution von Wissen über die Vergangenheit definiert.[13] Die Formen gesellschaftlicher Erinnerung unterscheiden sich natürlicherweise von Kulturraum zu Kulturraum. Aber es finden auch starke Wechselwirkungen zwischen den Kulturräumen und auch zwischen den konkreten national verfassten Gesellschaften und deren Erinnerungskulturen statt. Um die kulturellen Erinnerungsprozesse einer Gesellschaft beschreiben zu können, hat der »Giessener Sonderforschungsbereich 434 Erinnerungskulturen« ein Modell mit konkreten Unterscheidungskriterien entworfen[14]. Das Modell umfasst drei Ebenen. Erstens die Rahmenbedingungen des Erinnerns bestehend aus der >Gesellschaftsformation< (Typus der Gesellschaft in der Erinnert wird), ihrer >Wissensordnung<(die durch eine epochale Diskursformation geprägten sprachlichen Kategorien und elementaren Denkmuster, nach denen Wissen geordnet wird[15]), ihrem >Zeitbewusstsein<(etwa das des Computer- und Internetzeitalters) und ihrer >Herausforderungslage<(Krisen von überkommenen Erklärungs- und Interpretationsmustern durch gesellschaftliche Umbrüche). Zweitens die Ausformung spezifischer Erinnerungskulturen durch (konkurrierende) >Erinnerungsinteressen<, (umkämpfte) >Erinnerungshoheit<, >Erinnerungstechniken<(Hilfsmittel und Methoden wie Mnemotechnik, Kommunikationsweisen, Medientechnologie) und >Erinnerungsgattungen< (Darstellungsformen von Vergangenheit wie Film, Theater, Roman, Historiographie). Drittens das konkrete Erinnerungsgeschehen und seine Inszenierung. Es wird bestimmt durch verschiedene Strategien in der >Erinnerungsarbeit<, von wissenschaftlich-diskursiv bis rein imaginativ-fiktiv und ist abhängig von der Frage ob erinnerte Vergangenheit individuelle Lebenserfahrung oder Erinnerungsraum jenseits der Erfahrungsschwelle ist[16]. Letzterer wird mit Hilfe der kollektiven Gedächtnisse und der kulturellen Erinnerung vermittelt. Anhand dieser Kriterien werde ich in dieser Arbeit die japanische Erinnerungskultur, speziell die Formen der Kriegserinnerung, untersuchen.

4. Geschichte und Erinnerungskultur

Vorher muss ich aber die hier skizzierte Theorie der Erinnerungskulturen und der kollektiven Gedächtnisse in ein Verhältnis zur Geschichtswissenschaft setzten, deren Ziel die objektive Dokumentation menschlicher Vergangenheit ist. Jörn Rüsen bezeichnet die >historische Erinnerung< als spezifische kulturelle Leistung. >Geschichte< sei die erinnernde Deutung der Vergangenheit, die als kulturelles Mittel, der Daseinsorientierung in der Gegenwart dient[17]. Sie sei zwar nicht die praktisch wirkungsvollste, aber unterscheide sich von allen anderen bewussten Arten historischer Erinnerungsarbeit dadurch, dass sie für ihre Erinnerungsleistungen besondere Ansprüche erhebt, eben diejenigen die mit dem Namen Wissenschaft bezeichnet werden.[18] Erll resümiert, die Geschichte sei ein modernespezifischer Bezug auf vergangenes Geschehen und das kollektive Gedächtnis sei ihm übergeordnet. Denn zu ihm zählten auch Religion, Mythos und Literatur. Der geschichtswissenschaftliche Bezug auf Vergangenheit finde also unter dem Dach einer umfassenden Erinnerungskultur statt.[19] Dementsprechend wird im Giessener Drei-Ebenen-Modell die Historiografie den Erinnerungsgattungen zugeordnet. Darüber hinaus ist zu beachten das Auswahl und Deutung geschichtlicher Ereignisse in der Historiographie sozial und kulturell bedingt sind, wie die Anhänger des historischen Relativismus betonen.[20] Das heißt die Erinnerungsinteressen sozialer Gruppen, die zurzeit hegemoniale Erinnerungskultur einer Gesellschaft, oder die politische Gesellschaftsformation wirken prägend auf die historische Erinnerung. Das Objektivitätspostulat des Historismus, weswegen Halbwachs noch Geschichte und Gedächtnis strikt unterschied, besteht zwar weiterhin als Ideal, aber die Konstrukthaftigkeit, Perspektivität und Standortgebundenheit der Historiografie werden heute selbstverständlich im akademischen Diskurs berücksichtigt.[21] In der neueren Forschung wird die Historiographie so auch als Medium kollektiven Erinnerns begriffen und die Geschichtswissenschaft wird als machtvolle Institution in Prozessen der gesellschaftlichen Aushandlung von Vergangenheitsversionen eingestuft.[22] Die historische Erinnerungsarbeit als wissenschaftlich-diskursiver Bezug auf Vergangenheit hat sich mit der globalen Verbreitung der westlichen Wissenschaft in allen modernen Gesellschaften institutionell verankert. Besonders die Schulerziehung, sowie Museen und Gedenkstätten in modernen Nationalstaaten greifen weltweit auf die historische Wissenschaft zurück, um mit ihren Erinnerungsinteressen allgemeine Akzeptanz zu erlangen. Auffallend ist die Dominanz des westlichen historischen Denkens in der Geschichtswissenschaft, auch in nicht-westlichen Ländern. Ausgangspunkt dafür waren die nach westlichem Vorbild durchgeführten Modernisierungen. Daher ist die westlich-modern geprägte historische Wissenschaft auch in der japanischen Erinnerungslandschaft eine wichtige Einflussgröße. Aber durch sie kann auch der Blick auf andersartige Traditionen und Entwicklungen der Erinnerungskulturen im nicht-westlichen Kulturbereich verstellt werden, obwohl gerade diese Andersartigkeit untersucht werden soll.[23]

III. Die japanische Kriegserinnerung – Ein Überblick

1. Kriegserinnerung und Erinnerungskultur

Wenn es im Folgenden um die Erinnerung an Krieg und Kriegsverbrechen geht, so geschieht dies im Einklang mit der Theorie der kollektiven Gedächtnisse, wonach die aus dem menschlichen Gedächtnis konstruierte Vergangenheits-version stets fragment- und bruchstückhaft ist. Sie wird beeinflusst durch die Erwartungshaltung des Zuhörers und ist ein Produkt der gegenwärtigen soziokulturellen Zeitumstände und der politischen Gesellschaftsformation. Außerdem spielen besonders bei der Kriegserinnerung, die psychologischen Kategorien Trauma und Schuld eine große Rolle. Diese bringen bestimmte Entschuldungs- und Entlastungsstrategien hervor. Daher steht die narrativ übermittelte Kriegserinnerung der Zeitzeugen, teilweise im Widerspruch mit der narrativen Konstruktion des Kriegsgeschehens durch die Geschichtswissenschaft. Andererseits sind die Aussagen von Zeitzeugen mittlerweile als wichtige Quelle der sozialgeschichtlichen Disziplin Oral-History etabliert worden. In Verbindung mit den wissenschaftlichen Methoden der Geschichte und Soziologie, stellen Zeitzeugeninterviews ein unverzichtbares Instrument dar, um die Vergangenheit jenseits der Erfahrungsschwelle glaubwürdig und erfahrbar an die Nachkriegsgenerationen zu vermitteln. Erst in Verbindung mit den subjektiven Erzählungen vom Kriegserlebnis durch die Zeitzeugen, wird die von der historischen Wissenschaft aus den schriftlichen Zeugnissen konstruierte Kriegsvergangenheit lebendig. Da ich dieser Arbeit die japanische Kriegserinnerung thematisiere, ist es sinnvoll Begriffkategorien zu verwenden, die dieser speziellen Herausforderungslage gerecht werden. Benutzt wurden diese Begriffe bereits von Aleida Assmann um die deutsche Erinnerungslandschaft zu beschreiben[24], genauso gut lassen sie sich aber auf die japanische Situation anwenden.

2. Siegererinnerung und Verlierererinnerung

Die beiden am naheliegendsten Kategorien der Kriegserinnerung heißen >Sieger< und >Verlierer<. Innerhalb der sich seit dem 19. Jahrhundert ausbreitenden Nationalstaaten nahm die Erinnerung an Siege und Niederlagen eine bedeutende Stellung ein. Das offizielle Erinnerungsinteresse bestand darin, solche Bezugspunkte in der Geschichte hervorzuheben, die das positive Selbstbild zu stärken halfen und im Einklang mit den nationalen Handlungszielen standen. Daher spricht Aleida Assmann vom selektiv-perspektivischen Charakter des Nationalgedächtnis. Denn aus seinem Inhalt werden Erinnerungen, die nicht ins heroische Selbstbild passen, verbannt.[25] Natürlicherweise war die Inszenierung der Erinnerung an nationale Siege durch Gedenktafeln, Museumsausstellungen, Gedenkstatuen etc. die übliche Praxis der Kriegserinnerung früher Nationalstaaten. Wie aber bereits der Vordenker der Nationalismustheorie Ernest Renan 1882 betonte, kann die Erinnerung an erlittene Niederlagen und an das damit verbundene Leid ein weitaus stärkeren Kitt nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl bilden.[26] Dort wo eine Nation ihre Identität (oder ein Teil ihrer Identität) auf ein Opferbewusstsein gründet, werden Niederlagen mit großem Pathos und zeremonialem Aufwand erinnert, so Assmann[27]. Die Inszenierungsweisen der Erinnerung an nationale Niederlagen sind komplex und vielschichtig. Vor allem das Gedenken der Kriegsgefallenen spielt eine kritische Rolle nach verlorenen Kriegen. In Japan und Deutschland hat nach der Kriegsniederlage 1945 mit Hilfe der Besatzungspolitik eine ideologische Neuorientierung stattgefunden. Die Einsicht das der Krieg durch verfehlte Politik zustande gekommen war, auf Grundlage verfehlter Zielsetzungen geführt wurde und die Art und Weise der Kriegsführung moralisch nicht zu rechtfertigen war, setzte sich nach und nach in den Bevölkerungen durch. Entsprechend werden die Kriegsgefallenen von ihren überlebenden Angehörigen und Kameraden auch als Opfer des ultranationalistischen bzw. faschistischen Systems erinnert und damit verbindet sich oft ein pazifistischer Appell an die jüngeren Generationen. Das Zeitzeugeninterview oder im japanische Fall auch die publizierte Eigengeschichte (Jibunshi)[28], sowie natürlich das Gespräch mit der jüngeren Generation und Antikriegsausstellungen sind die Erinnerungsmedien bzw. -techniken die diesem Erinnerungsinteresse gerecht werden.

3. Religiöse und heroische Opfererinnerung

Das kollektive Gedenken der Kriegsgefallenen in Japan hat aber auch eine bis heute bedeutsame religiöse Komponente. Im Vorkriegsjapan wurde der dörflich-familiär organisierte Ahnenkult mit einem nationalen Ahnenkult für die Kriegsgefallenen verbunden. Dies geschah mit Hilfe der Familienstaatsideologie. Durch sie wurde die familiäre, genealogische Einheit aller Japaner propagiert. Symbolisiert wurde diese genealogische Einheit durch den mythischen 2000-jährigen Familienstamm des Tennôs. Die zentralen Orte des nationalen Ahnenkults sind der Yasukuni-Schrein in Tôkyô und seine über Japan verteilten Ableger, die Gôkoku-Schreine. Der religiöse Ahnenkult spiegelt eine Volksreligiosität wieder, der ein spezielles Zeitverständnis zu Grunde liegt. Die Gegenwart wird aufgefasst als das Produkt der durch die Vorfahren in der Vergangenheit erbrachten Leistungen. Diese Leistungen verpflichten die Nachkommen zu Dank gegenüber den verstorbenen Vorfahren. Gleichzeitig wird verhindert die Handlungen der Vorfahren kritisch im historischen Kontext zu betrachten. Diese Denkweise schließt bei konsequenter Befolgung auch alle Toten vom Gedenken aus, die nicht unter die Kategorie gemeinsame Vorfahren fallen.[29] Ein weiterer Bestandteil dieses Ahnenkults ist der Glaube, dass die Geister der gewaltsam Umgekommenen durch religiöse Rituale besänftigt werden müssen. Geschieht dies nicht brächten sie Unheil für die Lebenden. Im Denkrahmen der Familienstaatsideologie bedeutet dies, das die Geister der Kriegsgefallenen Unheil für den Staat brächten, würden sie nicht vom ‚nationalen Vater’, dem Tennô besänftigt. Über diese Verwebung von Volksreligion mit nationaler Ideologie hinaus, wurde der Yasukuni-Schrein und die Gôkoku -Schreine im Vorkriegsjapan von Militär und Staat auch dazu genutzt den Tod für das Vaterland zu glorifizieren. Alle für den japanischen Staat gefallenen Soldaten werden dort bis heute, unterschiedslos als göttliche Heldenseelen verehrt, also unabhängig von ihren persönlichen Leistungen oder Verfehlungen.[30] Daher erklärt sich auch die Einschreinung der vom Tôkyô-Tribunal verurteilten Kriegsverbrecher und der oft unter Zwang rekrutierten Soldaten aus den Kolonien. Letztere waren zum Zeitpunkt ihres Todes Angehörige des japanischen Staates und sind ausdrücklich als solche dort eingeschreint. Generell sind der Schrein und das angegliederte Militärmuseum Yûshûkan[31] bis heute Orte an denen die Kriegserinnerung gemäß der Vorkriegsideologie betrieben wird und das Erinnerungsinteresse religiös-nationalistisch geprägt ist. Das die Agenda des ‚Großostasiatischen Kriegs’ die asiatischen Nachbarländer vom westlichen Imperialismus zu befreien, weitestgehend als Propaganda einzustufen ist und der Krieg ein einseitig von Japan ausgehender und japanische Interessen dienender Aggressions- und Invasionskrieg darstellte, sind historische Urteile die keine Aufnahme in die dortige Erinnerungsarbeit finden. Das in der japanischen Gesellschaft die religiös-nationalistische Kriegserinnerung nach wie vor eine wichtige Rolle spielen kann, ist zum großen Teil zurückzuführen auf die anhaltende politische Einflusskraft der japanischen Vereinigung der Kriegshinterbliebenen (Nippon Izokukai[32]), die im direkten Kontakt mit dem Yasukuni-Schrein steht[33]. Bemerkenswerterweise hat die religiös-nationalistische Geschichtsauffassung und Erinnerungspolitik der Izokukai nicht von Beginn an bestanden. 1947 entstand als Vorläufer der Izokukai die »Wohlfahrtsliga der Kriegshinterbliebenen« und in ihren Gründungsstatuten standen als Ziele »die Verhinderung von Krieg, die Schaffung von ewigem Weltfrieden und das Beitragen zur Wohlfahrt für alle Menschen«[34]. Aber 1953 wurde der Name in Nippon Izokukai umgeändert und der erinnerungspolitische Slogan lautete nun »Verehrung der Seelen der Kriegsgefallenen«, ganz im Einklang mit dem nationalen Ahnenkult der Vorkriegszeit. Dazu passt dass der verurteilte Kriegsverbrecher und ehemalige Finanzminister des Tôjô-Kabinetts Okinori Kaya(1889~1977) 1962 den Vorsitz der Izokukai übernahm und diesen bis zu seinem Tode 1977 innehatte. Und der 1996 zum Ministerpräsidenten gewählte LDP-Politiker Hashimoto Ryutarô (1937-2006), war gleichzeitig auch ein langjähriger Präsident der Izokukai. Er war auch beteiligt an dem 1993 von der LDP gegründeten »Studienkomitee über die Geschichte«, das Ergebnis dieses Komitees lautete: »Erstens, Japan hat im Zweiten Weltkrieg einen Krieg geführt um Asien vom europäischen Kolonialismus zu befreien. Zweitens, Japan hat keine Kriegsverbrechen begangen, Nanking Massaker und die Zwangsprostitution sind alles Erfindung. Viertens, Japan hat im Zweiten Weltkrieg keinen Aggressionskrieg geführt«.[35] Als Hashimoto dann Ministerpräsident war, startete er einen Frontalangriff auf die Ausstellungen zum japanischen Aggressionskrieg in öffentlichen Friedensmuseen. Der von Hashimoto 1996 bei den lokalen Behörden in Auftrag gegebene »Untersuchungsbericht zu den Kriegsmuseen Japans« war der Startschuss für nationalistische Attacken auf ‚unpatriotische’ Museen die Japans Aggressionskrieg kritisch ausgestellt hatten. Diese Attacken wurden zumeist mit den in Japan allseits bekannten schwarzen Lautsprecherbussen ausgeführt.[36] Dies führte zur Abänderung einiger Ausstellungen, entweder durch Eingreifen von LDP-Politikern, oder durch die rechte Drohkulisse. Im »Okinawa Prefecture Peace Memorial Museum« war ersteres der Fall[37]. Dazu mehr im dritten Kapitel. Die Izokukai stellt eine der wichtigsten Interessenvertreter der LPJ in der Gegenwart dar und hatte besonders in Hashimoto einen mächtigen Verbündeten. Diese politische Konstellation begünstigte seit den 1990’er Jahren die Erinnerungsinteressen der rechts-konservativ orientierten Gesellschaftskräfte um die Izokukai und gab ihrer Sicht auf den Krieg Legitimation von offizieller Seite.[38] Gekrönt wurden ihre erinnerungspolitischen Bemühungen, mit den mehrmaligen offiziellen Besuchen des Yasukuni-Schreins durch den populären LPJ Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi am 15. August, dem Tag des Kriegsendes.[39] Die dadurch ausgelösten schwerwiegenden politischen Verwicklungen mit den asiatischen Nachbarländern, sind massenmedial und akademisch umfangreich dokumentiert und sollen daher hier nicht näher erläutert werden. Allerdings wird der gegenwärtige Machtverlust der LPD, voraussichtlich die politische Position des Izokukai schwächen und die politischen Erinnerungsinteressen werden sich allmählich wandeln im Sinne einer ostasiatischen Annäherung.

4. Traumatische Opfererinnerung

Im Unterschied zur >heroischen Opfererinnerung<, die vor allem die im Kampf gefallenen Soldaten betrifft, kommt die >traumatische Opfererinnerung< zustande durch die Passivität der zu Tode gekommenen, die obwohl unbeteiligt, Opfer der Militärmaschinerie werden. Die Atombomben-Abwürfe auf Nagasaki und Hiroshima sind bis heute das zentrale >Leid-Motiv< in der nationalen Erinnerung Japans.[40] Die dort inszenierte Erinnerung gründet auf einem >traumatischem Opfergedächtnis<, in dem angesichts des unglaublichen Ausmaßes des Leids und der Zerstörung durch die Atombomben, zunächst kein Raum blieb auch die japanische Seite als Kriegstäter zu erinnern und es gleichzeitig politisch unmöglich war die amerikanische Seite als Kriegstäter zur adressieren. Daher lag der Fokus der Erinnerungsarbeit nicht auf der Frage wie es zu den Atombombenabwürfen kam und wer verantwortlich dafür ist, sondern Hiroshima und Nagasaki sollten als moralische Lehrstücke für eine umfassende Friedenserziehung dienen. Das japanische Leid durch die Atombomben, gab diesen Orten der Erinnerung die moralische Autorität, nukleare Kriegsführung zu verurteilen und sich selbst als internationale Mahnmäler für den Frieden zu inszenieren.[41] Das japanische >Tätergedächtnis< wurde so bis in die 1980’er Jahre hinein vom >Opfergedächtnis< überlagert. Es interessant zu beobachten, wie trotz der international hegemonialen Erinnerung Japans als Kriegstäter, der innerjapanische Diskurs eine hegemoniale Selbsterinnerung als Atombombenopfer hervorbrachte. Zur Ausblendung der japanischen Täterrolle gehörte auch, dass den koreanischen Atombombenopfern lange Zeit eine eigene Gedenkstätte im Hiroshima-Friedenspark verweigert wurde. Da Hiroshima eine Stadt mit umfassender Rüstungsproduktion war, arbeiteten dort zum Zeitpunkt der Abwürfe der Atombomben entsprechen viele koreanischen Zwangsarbeiter.[42]

Mittlerweile hat sich aber auch in Hiroshima und Nagasaki die Erinnerungspolitik dahingehend verändert, dass die japanische Täterrolle im Krieg und der Kolonialzeit, sowie die nichtjapanischen Opfer der Atombombenabwürfe in der Erinnerungsarbeit berücksichtigt werden[43]. Dazu mehr im Kapitel über die japanischen Friedensmuseen. Was die Thematisierung der amerikanischen Täterrolle und die Frage nach der moralischen Verantwortung der USA angeht, wird durch die japanischen Erinnerungsmedien eine kritisch differenzierte Sichtweise transportiert. In den Friedengedächtnismuseen Hiroshimas und Nagasakis, wie auch in den meisten Geschichtslehrbüchern der Mittelschule, werden die Atombombenabwürfe mittlerweile als eine Folge des japanischen Militarismus und der Unfähigkeit der Regierung zur Kapitulation dargestellt, aber die Unverhältnismäßigkeit der Mittel wird deutlich kritisiert. Das immense Ausmaß des verursachten menschlichen Leids durch die Atombomben, sei egal welche Gründe für die Abwürfe herangezogen würden, moralisch nicht zu rechtfertigen. Zu dem werden in den Schulbüchern und Museen verschieden lautende historische Einschätzungen, ob die Abwürfe zur Beendigung des Krieges notwendig waren, nebeneinander gestellt und so die apologetische amerikanische Vergangenheitsversion in Frage gestellt, ohne sie direkt und offen zu kritisieren.[44]

5. Tätererinnerung

Die Kehrseite der Selbsterinnerung als Opfer nach Kriegsniederlagen, ist die >Tätererinnerung<. Im Regelfall trennen die Opfer und Täter nationale Grenzen, aber wie im Fall der Zainichi -Koreaner, können sich auch große Opfergruppen dauerhaft innerhalb der Tätergesellschaft etablieren. Der Grund warum die kriminalistischen Begriffe Täter und Opfer Eingang in den Bereich der historischen Erinnerung fanden, begründet Assmann damit, dass der mörderische Strudel der totalen Kriege auch einen Großteil der Zivilbevölkerung erfasste und ohne strategisch-militärische Gründe Menschen planmäßig und massenweise ermordet wurden. Die Kriegsverbrechertribunale von Tôkyô und Nürnberg stellten ein historisches Novum dar, das den Ausnahmecharakter dieser Kriege manifestierte.[45] Es ließe sich ergänzen, dass es im Wesen moderner Kriegsführung liegt hohe ‚Kollateralschäden’, also zivile Kriegsopfer und teils irreversible Umweltschäden zu verursachen, wie z.B. der Vietnamkrieg eindeutig zeigte. Nach modernen kriegerischen Auseinandersetzungen stehen sich nicht nur Sieger und Besiegte, sondern auch Opfer und Täter mit ihren Erinnerungsinteressen gegenüber. Seit den Prozessen von Tôkyô und Nürnberg hat sich die Chance für Opfer von Kriegsverbrechen und Genoziden erhöht, internationale Anerkennung ihres Leids und Entschädigung von der Täterseite zu erhalten. Allerdings hat besonders der von den USA initiierte Internationale Militärgerichtshof für den fernen Osten, nicht unterschiedslos alle japanischen Kriegsverbrechen verhandelt, sondern vor allem westliche Interessen, speziell diejenigen der USA vertreten. Nur drei der 11 Richter stammten aus Ländern, die unmittelbar von Japans Expansionspolitik betroffen waren, namentlich aus China, den Philippinen und Indien. Die japanischen Kolonien Korea und Taiwan waren nicht vertreten.[46] Das Ergebnis war, dass zwar wegen Zwangsprostitution von niederländischen Frauen Strafen verhängt wurden, aber die massenhafte und systematische Zwangsprostitution von Frauen hauptsächlich aus Korea, aber auch aus den anderen Kolonien und aus Japan, kein Gegenstand der Verhandlung wurde.[47] Auch die Verwendung von Koreanern und anderen Bevölkerungsangehörigen aus den Kolonien als Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Umständen, war kein Gegenstand der Verhandlung. Außerdem wurden die verbrecherischen Aktivitäten der japanischen Armeeeinheit 731, die systematisch biologische und chemische Kriegsforschung an chinesischen Kriegsgefangenen testete, nicht verhandelt. Die amerikanische Besatzungsverwaltung hielt aus nationalem Interesse die Informationen darüber zurück. Den japanischen Forschern wurde Straffreiheit von Kriegsverbrechen zugesichert, wenn diese sich bereit erklärten ihre Testergebnisse zugänglich zu machen und mit den US-amerikanischen Forschungsgruppen zu kooperieren.[48] Die Folge war, dass überlebende Opfer der Armeeeinheit 731 und des Systems der Zwangsprostitution erst in den späten 1980’er und 1990’er Jahren mit ihren Schicksalen an die Öffentlichkeit traten und Schadensersatzklagen gegen den japanischen Staat anstrengten[49]. Damit forderten sie die japanische Öffentlichkeit indirekt heraus, die Vernachlässigung der Selbsterinnerung als Täter gegenüber der Selbsterinnerung als Opfer kritisch zu hinterfragen. Bis dahin hatten nur einige wenige Friedensaktivisten und Historiker die Geschichte der Opfer des japanischen Aggressionskriegs erforscht. Aber durch den seit 1982 zur diplomatischen Affäre eskalierenden Schulbuchstreit, dazu weiter unten mehr, und die Gerichtsprozesse der Opfer wurde eine Wende in der japanischen Kriegserinnerung eingeleitet. Seitdem spielt die kritische Dokumentation der eigenen Täterrolle im Krieg, eine größere Rolle als je zuvor. Diese Veränderung werde ich am Beispiel der Ausstellungen zur Kriegsgeschichte in den japanischen Friedensmuseen, in den folgenden Kapiteln eingehend analysieren. Trotz besagter Mängel des Tôkyô-Tribunals, war das Nanking-Massaker von 1937, dort Gegenstand umfassender Verhandlungen. General Matsui wurde damals als Hauptschuldiger, wegen seiner unterlassenen Kontrolle der Armeen zum Tode verurteilt.[50] Durch die hohe Zahl westlicher Ausländer die als Diplomaten oder Firmenvertreter in Nanking arbeiteten, waren bereits zum Zeitpunkt des Massakers detailreiche Informationen über die Vorgänge an die westlichen Regierungen und die westliche Öffentlichkeit gedrungen, daher war die Beweislage relativ eindeutig. Obwohl das durch die Prozesse auch in Japan öffentlich gemachte Massaker, von der Bevölkerung als Fakt angenommen wurde, war es jedoch kein Thema im Alltagsleben der Menschen, die im Nachkriegselend um ihr Überleben kämpften. Die Schuld wurde externalisiert, das heiß die Verantwortung wurde auf die Generalität, in diesem Falle General Matsui geschoben.[51] Die gesellschaftliche Anerkennung einer >Kollektivschuld<, der am Massaker beteiligten Einsatzgruppen, wird durch das oben erläuterte religiös motivierte heroische Soldatengedenken erschwert. Aber auch die historische Erinnerungsarbeit lehnt eine kollektive Schuldzuweisung ab und differenziert die Täterschaft in Kategorien wie militärische Entscheidungsträger und unter Befehls- und Gruppenzwang handelnde Soldaten am Kriegsschauplatz. Letztere Gruppe wird wiederum auch als Opfer der militaristischen Erziehung und nationalistischen Propaganda charakterisiert[52]. Diese historische Einschätzung beruht zu einem großen Teil auch auf den narrativ überlieferten Erinnerungen der überlebenden Soldaten. Diese wurden von der 1984 durch Fujiwara Akira gegründeten Forschungsgemeinschaft für Nanking dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet.[53] Dagegen ist das Kollektivschuldmotiv in den Erinnerungen der überlebenden Bewohner Nankings stark vorhanden, die Differenzierung der japanischen Soldaten in Mitläufer und Entscheidungsträger kann nicht stattfinden. Das Bild der wahllos mordenden japanischen Soldateska ist tief ins Gedächtnis eingebrannt. Ihre Erinnerungen fallen in die Kategorie der traumatischen Opfererinnerung. Das traumatische Erlebnis des Massakers bestimmt die Erinnerungen der Opfer und ihrer historischen Wahrnehmung Japans als Täternation bis heute. Besonders das berühmt gewordene Buch der chinesischen Journalistin Iris Chang, » The Rape of Nanking«[54] spiegelt diese historische Wahrnehmung wieder, die eine differenzierte Betrachtung ausschließt und dazu tendiert die japanische Seite zu dämonisieren.

6. Strategien der Verdrängung

Gleichzeitig sind die Überlebenden des Nankingmassakers, die Opfer der Zwangsprostitution und die ehemaligen Zwangsarbeiter, genauso wie überlebenden Atombombenopfer moralische Zeugen, die durch Weitergabe ihrer Erinnerungen den typischen Verdrängungsstrategien innerhalb der jeweiligen Täternationen, also >Ausblenden<, >Externalisieren<, >Aufrechnen< und >Leugnen<, entgegenwirken.[55] Beispiele für die Anwendung der beiden ersten Strategien in Japan, wurden bereits weiter oben im Text angeführt. Auch für die Anwendung der Strategie des Aufrechnens und des Leugnens lassen sich in der japanischen Erinnerungslandschaft etliche Beispiele finden. Die besagte Wende von der ausschließlichen Selbsterinnerung als Opfer, hin zur kritischen Selbsterinnerung als Kriegstäter seit den späten 1980’ern, stellt nur eine Seite der Entwicklung dar. Umgehrt sind seit Mitte der 1990’er Jahre auch einflussreiche nationalistische Geschichtsrevisionisten auf den Plan getreten, die gegen die kritische Erinnerung des Asien-Pazifik-Kriegs und der japanischen Täterrolle in der Öffentlichkeit, ankämpfen. Ein Beispiel für das Aufrechnen von Kriegsschuld stellt die Reaktion der rechts-konservativen Presse, auf das Bekanntwerden der problematischen Beteiligung von ca. 300000 südkoreanischen Soldaten als Verbündete der USA im Vietnamkrieg, dar. Die Zeitschrift Sapio prangerte an, dass im Rahmen von gegen Guerilla gerichteten Kampfhandlungen, vom südkoreanischen Militär etliche unschuldige vietnamesische Zivilisten getötet wurden. Es sei unfair wenn nur die japanischen Kriegsverbrechen in Schulbüchern thematisiert werden müssten, aber die Kriegsverbrechen anderer Länder in deren Schulbüchern unerwähnt blieben. Auch Südkorea dürfe sich nicht nur als Opfer darstellen und müsse sich zu seiner Täterrolle bekennen.[56] Das heißt der Tenor lautet, die japanischen Kriegsverbrechen hatten keinen Sondercharakter, sondern alle Nationen haben dunkle Seiten in ihrer Geschichte, die sie zu verbergen suchen. Wenn die Kriegsverbrechen Japans überhaupt dargestellt werden müssen, dann nur im Kontext der von anderen Nationen ebenfalls begangenen Kriegsverbrechen. Eine solche Darstellungsweise zielt auf die Relativierung der japanischen Schuld. Solange auch andere Nationen sich nicht zur ihrer Täterrolle bekennen, sei auch Japan nicht verpflichtet dazu, so die Logik der rechts-konservativen Presse. Kobayashi Yoshinori geht in seinem Bestseller Manga Senso ron (Diskurs über den Krieg) noch einen Schritt weiter und nutzt sein wirkmächtiges Bild-Text-Medium um die historische Kriegsschuld Japans zu dekonstruieren und die daraus erwachsende Kriegsverantwortung abzulehnen. Kobayashi ist durch seinen großen und jungen Leserkreis, sowie sein eingängiges, verfängliches Vermittlungsmedium, nach meiner Einschätzung der einflussreichste Geschichtsrevisionist Japans. Im zweiten Band von Sensô Ron verwendet er 50 Seiten auf die Leugnung des Nankingmassakers und wirft der so genannten ‚Linken’(sayoku) Japans vor, der chinesischen Geschichtsfälschung aufgesessen zu sein. Zu dieser Fälschung gehören, wie Kobayashi anschaulich zu machen versucht, die viel zu hoch gegriffene Opferzahl die sich nicht mit historischen Dokumenten deckt und Fotomontagen die angebliche japanische Gräueltaten zeigen.[57] Kobayashi weiß wohl dass die unterschiedliche Opferzahl japanischer und chinesischer Historiker dadurch zustande kommt, dass die chinesische Seite die Zeit bis zur Einnahme der Stadt und deshalb auch den erweiterten Umkreis der Stadt mit einrechnet. Er benutzt aber gezielt wissenschaftliche Streitpunkte, um die Frage zu stellen ob überhaupt ein Massaker stattgefunden habe, oder es nur ‚normale’ Kriegshandlungen gegeben habe. Dabei ist durch die Arbeit der oben genannten Forschungsgemeinschaft das Massaker bereits umfassend dokumentiert worden und seine Leugnung kann nur als irrationale nationalistisch motivierte Aktivität eingeordnet werden. Selbst wenn manipulierte Fotos existieren, ist die dokumentarische Beweislast für ein Massaker doch erdrückend, dazu kommen die Erinnerungen der Überlebenden. Um unliebsame historische Wahrheiten zu leugnen, ist es ein weltweit beliebtes Mittel (rechts-konservativer Kreise), gezielt nach inakkuraten Stellen in der historischen Darstellung und Dokumentation zu suchen. Dadurch soll historische Erinnerungsarbeit die sich um eine kritische Inszenierung der Kriegsvergangenheit bemüht, diskreditiert werden und die öffentliche Aufmerksamkeit von ihr abgelenkt werden. Auf diese Problematik werde ich im Kapitel zur musealen Kriegserinnerung in Japan noch näher eingehen.

7. Opfererinnerung vor Gericht

Mittlerweile operiert der Internationale Strafgerichtshof in Kooperation mit den Vereinten Nationen von Den Haag aus und befasst sich mit Genoziden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Opfer und Täter in kriegerischen Auseinandersetzungen werden nach deren Beendigung, nun immer öfter zu Zeugen und Angeklagten, die sich vor Gericht wieder begegnen und aus deren Erinnerungen versucht wird die Geschehnisse zu rekonstruieren. Das Gericht stellt die Institution dar, die prinzipiell am effektivsten Übernahme von Kriegsverantwortung einfordern kann. Im Japanischen Fall lehnen die Gerichte, seit Abschluss des Friedensvertrags von San Francisco 1952 und des Friedensvertrags mit der Volksrepublik China 1972, es jedoch ab staatliche Entschädigungsleistungen für Opfer des japanischen Militärs zu verfügen. Die Begründung lautet, dass Japan bereits auf zwischenstaatlicher Eben alle Entschädigungen geleistet habe, was durch die Friedensverträge besiegelt wurde und dass Privatpersonen kein Anrecht auf staatliche Wiedergutmachung hätten. So geschehen im August 2002, als der oberste Gerichthof die 1997 erhobene Schadensersatzklage von 180 chinesischen Überlebenden der biologischen Kriegsführung der Einheit 731 abwies.[58] Bei Klagen von ehemaligen Zwangsarbeitern gegen japanische Unternehmen (hauptsächlich ehemalige Zaibatsu wie Mitsubishi), wird mit der gleichen Logik argumentiert[59]. Es wurden zur Entschädigung der chinesischen oder koreanischen Opfer stattdessen private Fonds gegründet, aus denen Entschädigungssummen ausgezahlt werden sollten. Diese Leistungen wurden von den Opfern selbst aber zurückgewiesen, da ihr Ziel die Anerkennung der Kriegsverbrechen durch den japanischen Staat war und ist.[60] In Reaktion auf die negative Haltung der japanischen Gerichte gegenüber privaten Klagen von Opfern des japanischen Militärs, wurde im Jahr 1999 durch die Anstrengungen einer Bürgerinitiative das »Women’s War Crimes Tribunal« eingegrichtet, das in Tôkyô tagte und 2001 sein Urteil in Den Haag verkündete[61]. Von diesem internationalen Gerichtshof wurden die Zwangsprostitution und die Zwangsarbeit als japanische Kriegsverbrechen anerkannt. Auch wenn dieser Gerichtshof keine materielle Kompensation für die Opfer erwirken kann, war es sein Ziel durch die offizielle Anerkennung der Kriegsverbrechen, die moralische Würde der Opfer des japanischen Militarismus wiederherzustellen.[62] Aber nicht nur durch die Institution Gericht können die Erinnerungen der überlebenden Kriegsopfer und auch die der ehemaligen Täter gesellschaftliche Anerkennung finden. Denn ihr Kriegserlebnis macht Opfer und Täter gleichsam zu historischen Zeugen. Ihre mündlichen und schriftlichen Zeugnisse werden durch die Oral-History erfasst, verifiziert und in den historischen Kontext eingebunden. Auch Fotografien und sonstige materielle Überreste die von den Kriegsverbrechen Zeugnis ablegen, oder ein sekundäres Erlebnis der Schrecken der Kriege ermöglichen, werden historisch verifiziert und in einen Sinnzusammenhang eingeordnet. Inszenierungsräume für die Erinnerungen der Kriegsopfer bieten historische Museen, Ausstellungen und natürlich die Erinnerungsmedien Buch und Film. Besonders in Japan wird auf diese Weise moralische Kompensation für die Opfer des japanischen Militarismus angestrebt. Die Erinnerung an die Zwangsprostitution wird seit 2005 im » Women’s Active Museum on War and Peace«[63] (WAM) wachgehalten. Dieses Museum geht auf dieselbe Bürgerbewegung zurück, die auch das Womens War Crime Tribunal initiiert hat. Die Journalistin und Aktivistin für Frauenrechte Matsui Yayori (1934-2002) war eine der Initiatorinnen des Tribunals. Sie gründete in ihren letzten Lebensmonaten das WAM und hinterließ der Einrichtung ihren gesamten Besitz, bevor sie am 27. Dezember 2002 an Leberkrebs starb.[64] Und die Erinnerung an die chinesischen und koreanischen Zwangsarbeiter wird wachgehalten vom Partnermuseum des WAM, dem 1995 eröffneten »Oka Masaharu Memorial Nagasaki Peace Museum«[65] (OMMPM). Es war der Friedensaktivist und Zeitzeuge Oka Masaharu der als erster Japaner für die Aufarbeitung der Geschichte der koreanischen Zwangsarbeiter und Atombombenopfer kämpfte. Er gründete 1981 die »Nagasaki Association for Protecting Human Rights of Koreans Living in Japan« zur Unterstützung der Schadensersatzforderungen der koreanischen Opfer gegen den japanischen Staat[66]. Die von ihm initiierten Nachforschungen haben mittlerweile eine umfangreiche historische Dokumentation der koreanischen und chinesischen Zwangsarbeit hervorgebracht. Auch die schriftliche Fixierung zahlreicher koreanischer und chinesischer Opferaussagen geht auf sein Engagement zurück. Das nach seinem Tode 1993 von seinen Unterstützern gegründete OMMPM setzt sein Erbe fort und die Ergebnisse der Nachforschungen werden dort ausgestellt. Anhand von Fotos, Dokumenten und Zeitzeugenaussagen wird im OMMPM das sekundäre Erlebnis des Leids der Zwangsarbeiter ermöglicht und der Besucher erfährt, dass der japanische Staat und die ehemaligen Zaibatsu, wie Mitsubishi es bis heute versäumt haben die Opfer angemessen zu entschädigen. Auch die Geschichte der Zwangsprostitution wird dort ausgestellt. Seit Beginn Okas Engagements in den 1970’ern hat es einen regen Austausch zwischen den koreanischen Opfern und den japanischen Friedensaktivisten gegeben, denn Okas Gruppe hat das Leid der Opfer nach der Oral History Methode dokumentiert. Und seit 1999 untersuchte die »Association for Researching the Truth of Chinese Forced Labour in Nagasaki« unter Führung Okas und Yasunori Takazanes, dem späteren Direktor des OMMPM, auch die Geschichte der chinesischen Zwangsarbeiter, die in Nagasaki für die Mitsubishi Minenindustrie arbeiten mussten. Dafür wurden mehrere Chinareisen unternommen und der Kontakt mit Opfern wurde hergestellt.[67] Die Aktivisten des OMMPM haben auch nach Okas Tod weiter den Austausch mit den chinesischen Opfern gesucht, ihr Leid erforscht, dokumentiert und sie bei Klagen gegen den japanischen Staat unterstützt.[68]

[...]


[1] Vgl. Ansgar Nünning (Hg.): Grundbegriffe der Kulturtheorie und Kulturwissenschaft, Stuttgart 2005, S.48f.

[2] Dieser Abschnitt gibt meine frei formulierte Begriffsbestimmung von Gedächtnis und Erinnerung wieder. Siehe dazu auch die Begriffsbestimmungen von Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 31ff.

[3] Vgl. Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (Les cadres sociaux de la memoire), Frankfurt a.M.1925/1985, S. 361ff.

[4] Vgl. Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2005, S. 15.

[5] ebenda, S. 15.

[6] Halbwachs, 1925/1985, S. 368.

[7] Postmortum und unvollständig 1950 erschienen. Der französische Jude Halbwachs wurde im August 1944 von den Nationalsozialisten ins KZ Buchenwald deportiert und im Mai 1945 umgebracht.

[8] Erll, 2005, S. 14f.

[9] Vgl. A. Assmann, 2006, S. 26.

[10] Vgl. Erll, 2005, S. 15.

[11] Vgl. A. Assmann, 2006, S. 52ff.

[12] Vgl. ebenda, S. 33.

[13] Erll, 2005, S. 35.

[14] Das Giessener Modell hier wiedergegeben nach Erll, 2005, S. 34f.

[15] Frei nach: Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften (Les mots et les choses), Frankfurt a.M., 1971/2008.

[16] Erll, S. 35.

[17] Jörn Rüsen: Theoretische Zugänge zum interkulturellen Vergleich historischen Denkens, in: Jörn Rüsen u.a.(Hg.): Die Vielfalt der Kulturen. Erinnerung, Geschichte, Identität 4, Frankfurt a.M. 1998, S. 44.

[18] Jörn Rüsen: Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewusstseins, sich in der Zeit zurecht zu finden, Köln u.a. 1994, S. 30f.

[19] Erll, 2005, S. 45.

[20] Vgl. ebenda, S. 44.

[21] Vgl. ebenda, S. 25.

[22] ebenda, S. 46.

[23] Vgl. Rüsen, 1998, S. 39.

[24] Vgl. A. Assmann, 2006, S.64ff.

[25] Vgl. A. Assmann, 2006, S.64.

[26] Vgl. ebdenda, S.65.

[27] ebenda

[28] dazu weiter unten mehr

[29] Shingo Shimada: Formen der Erinnerungsarbeit: Gedenken der Toten und Erinnerungsarbeit, in: Jörn Rüsen u. a. (Hg.): Geschichtsdiskurs. Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierung seit 1945, Frankfurt a.M. 1999, S. 39.

[30] Näheres dazu findet sich bei Klaus Antoni: Der himmlische Herrscher und sein Staat, München 1991.

[31] Vgl. Internetpräsenz: http://www.yasukuni.jp/~yusyukan/

[32] 日本遺族会 Internetpräsenz: http://www.nippon-izokukai.jp/

[33] Vgl. Kunichika Yagyû: Der Yasukunischrein im Japan der Nachkriegszeit, in: Christoph Cornelißen u. a.(Hg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt a.M. 2003, S. 246.

[34] Yamane Kazuyo: Peace Museums in Japan. The Controversial Exhibitions on Japan’s Aggression at Peace Museums and Citizens’ Efforts for Peace and Reconciliation, unveröffentlichte Doktorarbeit, Bradfort 2006, S. 16.

[35] Yamane, S. 151.

[36] Ebdenda, S. 153.

[37] Vgl. Julia Yonetani: On the battlefield of Mabuni: Struggles over peace and the past in contemporary Okinawa, in: East Asian History, Canberra 2000, S. 159f

[38] Vgl. Takeo Satô: Die Aufarbeitung des Kriegsthemas in den japanischen Museen und anderen Kultureinrichtungen, in: Hans Martin Hinz (Hg.): Der Krieg und seine Museen, Frankfurt a.M. 1997, S. 150.

[39] Nähere Informationen darüber finden sich bei John Nelson: Social Memory as Ritual Practice: Commerorating Spirits of the Military Dead at Yasukuni Shinto Shrine, in: The Journal of Asian Studies 62 no. 2, New York 2003, S. 443-467.

[40] Vgl. A. Assmann, 2006, S. 65.

[41] Florian Coulmas: Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte, München 2005, S. 30 und S. 110f.

[42] Vgl. Coulmas, S. 25ff.

[43] Vgl. ebenda, S. 30f.

[44] Vgl. ebenda, S. 89ff. und Philip A. Seaton: War Menories. The ‚memory rifts’ in historical consciousness of World War II, London 2007, S. 177f.

[45] Vgl. A. Assmann, S.72.

[46] Vgl. Reglindis Helmer: Internationaler Militärgerichtshof Fernost, in: Steffi Richter u. a.(Hg.): Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan, Köln 2003, S. 224f.

[47] Vgl. Yoshimi Yoshiaki: Das Problem der „Trostfrauen“, in: Steffi Richter u. a.(Hg.): Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan, Köln 2003, S. 97ff.

[48] Vgl. Peter Merker: Einheit 731, in: Steffi Richter u. a. (Hg.): Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan, Köln 2003, S. 219f.

[49] Vgl. ebenda und Steffi Richter: Trostfrauen, in: Steffi Richter u. a.(Hg.): Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan, Köln 2003, S. 234.

[50] Vgl. Ishida, Yuji: Das Massaker von Nanking und die japanische Öffentlichkeit, in: Christoph Cornelißen u. a.(Hg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, 2003, S. 236.

[51] Vgl. ebenda.

[52] So etwa in: Iritani, Toshio: Group psychology of the Japanese in wartime,London 1991.

[53] Vgl. Ishida, S. 240.

[54] Vgl. Iris Chang: The Rape of Nanking. The forgotten Holocaust of World War II, New York 1997.

[55] Vgl. A. Assmann, S. 169.

[56] Vgl. Richter, S. 235.

[57] Vgl. Kobayashi Yoshinori: Gômanism Senden Special Sensô Ron 2, Tôkyô 2001, 299ff.

[58] Vgl. Yamane, S. 260.

[59] Vgl. ebenda, S.195ff.

[60] Vgl. ebenda, S. 203f.

[61] ebenda, S. 204ff.

[62] Vgl. Andrew Horvat u. a. (Hg.): Sharing the burden of the past: Legacies of war in Europe, America and Asia, Tôkyô 2003, S. 182f.

[63] Vgl. Yamane, S. 207f. und auf der Internetpräsenz des WAM: http://www.wam-peace.org

[64] Vgl. Biografie Matsui Yayori auf WAM Internetpräsenz: http://www.wam-peace.org/english/modules/about/index.php?content_id=2

[65] Vgl. Rekishi kyôikukai kyôgikai (Hg.): Zôho Heiwa Hakubutsukan Sensô Shiryôkan Gaidobukku (New Edition Peace & War Museum Guidebook), Tôkyô 2004, S. 44f. und Yamane, S. 185ff., Internetpräsenz: http://www.d3.dion.ne.jp/~okakinen/

[66] Vgl. Yamane, S. 190f.

[67] Vgl. Yamane, S. 210.

[68] Das Engagement von Ôka und den Aktivisten des OMPM für die Entschädigung der koreanischen und chinsesischen Opfer wird ausführlich bei Yamane auf den Seiten 189-201 und 209-212 beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Formen der Erinnerungskultur
Untertitel
Die Bedeutung der Friedensmuseen in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Ostasieninstitut - Lehrstuhl Modernes Japan)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
107
Katalognummer
V146279
ISBN (eBook)
9783640567959
ISBN (Buch)
9783640567881
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung, Gedächtnis, Japan, China, Korea, Vergangenheitsbewältigung, Schulbuchstreit, Geschichtspolitik, Friedensmuseen, Yasukuni, Geschichtserziehung
Arbeit zitieren
Daniel Lachmann (Autor), 2009, Formen der Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146279

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