Konkretes Denken

Portfolio zu einem wichtigen Begriff der Frühpädagogik geprägt durch Prof. Gerd E. Schäfer


Ausarbeitung, 2007

18 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Definition und Einordnung

2. Merkmale
SinnlicheErfahrung
Muster oder eine innere Welt
Ordnung der Welt
Abgrenzung
Handeln
Emotionale Bewertung
Differenzierung
Grundlage

3. Bereiche
Wahrnehmen sinnliche Aufmerksamkeit
Handeln
Bewegen
Wie derholen und Sich-Vertiefen
Imitieren7 Ko-Konstruieren und Ausprobieren
Explorieren und Experimentieren
Spielen

4. Bedeutung von Spiel im Bezug auf konkretes Denken
Abgrenzungen
Aspekte der Ich-Welt-Auseinandersetzung
Der Interme diäre Bereich
Phantasie
Selbstbildungspotential

5. Literaturverzeichnis

Definition und Einordnung

„Konkretes Denken"1 ist eine frühe, grundlegende Form des Denkens. Sie tritt ab der Geburt, vielleicht sogar schon intrauterin, in den letzten Wochen der Schwangerschaft, auf. In den ersten Lebensjahren ist sie essentiell, aber auch ihre wichtige und grundlegende Rolle für die spateren Jahren und das Erwachsenenalter sei nicht zu verkennen.

Konkretes Denken be deutet, handelnd sinnliche Erfahrungen zu machen. Durch Abgrenzung der einzelnen Erfahrungen im Fluss der Erlebnisse und durch die emotionale Bewertung der somit entstehenden Erfahrungsmuster schafft das Kind eine erste Or dnung der Welt. Es bil den sich Vorstellungen, Bil der, Muster und Strukturen. Das Kind erfahrt Sinn und Be deutung. Somit ist das konkrete Denken Basis und Vorraussetzung von Bil dung. In seiner Eigenschaft als selbsttatige Kompetenz stellt diese Form des Denkens ein be deutsames Selbstbil dungspotential des Kindes dar.

An das konkrete Denken schlieBt sich eine zweite, weiterführende Form des Denkens an: das aisthetische Denken. Der Begriff stammt aus dem Griechischen, Aisthesis = Wahrnehmung mit den Sinnen. Bei dieser Form denkt das Kind, indem es mit seinen zuvor gemachten Wahrnehmungen und Erfahrungen umgeht. Es geht also um Vorstellungen, um Phantasien, um mentales Experimentieren und Neukombinieren von Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Erlebnismustern.

Wichtig ist mir, hervorzuheben, dass es bei diesen Denkformen keine klare Trennung gibt und sie nicht als Stufenmo dell aufgefasst wer den! Sie vermischen sich untereinander, folgen aufeinander, wechseln sich ab o der treten gleichzeitig auf. Wahrend ein Kind beispielsweise mit Vorstellungen und Bildern umgehend spielt, kann es gleichzeitig neue konkrete Erfahrungen machen und denken. Das konkrete Denken wir d je doch als die erste Form des Denkens bezeichnet, weil sie Voraussetzung für zweite und weiterführende Formen ist. Es schlieBen sich nach Schafer eine dritte und vierte Form des Denkens an: das sprachlich-narrative Denken und das theoretische Denken.2

Merkmale

Sinnliche Erfahrung

Im Gehirn eines Neugeborenen sind nur einige wenige Denkmuster angelegt. Daher nimmt es zunachst hauptsachlich wahr! Seine erste grundlegende mentale Leistung besteht in der Aufnahme und Verarbeitung sinnlicher Erfahrungen. Die Wahrnehmung ist also konstituierendes Merkmal des konkreten Denkens. Diese kann im eher motorisch passiven Zustand erfolgen (Warme, Weichheit, gehalten wer den, gekitzelt wer den, etc.). Das Spektrum an Erfahrungsmöglichkeiten lasst sich aller dings enorm erweitern, wenn man den Aspekt des Handelns hinzuzieht! (Es gibt unendlich viele Bewegungsformen, tasten, fühlen, sich an andere Ort begeben, etc.).

Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung liegen nicht weit auseinander, wenn man sie überhaupt als zwei getrennte Prozesse i dentifizieren kann. Konkretes Denken ist beides. Das Wahrnehmen von sinnlichen Reizen ist das Denken des Babys. Zwangsläufig und nahezu gleichzeitig wer den die Reize verarbeitet, und es entstehen Wahrnehmungsmuster.

Muster oder eine innere Welt

Durch dieses erste Erleben wer den eine Pülle von verschie densten Mustern angelegt. Es sind subjektive Repräsentationen der Wirklichkeit. Diese können geor dnet, gespeichert, wiederer-kannt, gelöscht, zusammengeführt und erweitert wer den. Kurz: Sie dienen dem Erfahren, Begreifen und Denken von Welt. Es sind subjektive Bilder und Repräsentationen der äuSeren Wirklichkeit, je nach Umfeld und persönlichem Erleben des Einzelnen. Die Muster können von unterschie dlicher Herkunft, Beschaffenheit und Zusammensetzung sein. Sie können sinnliche Erfahrungen o der Ereigniseinheiten abbil den, es können materielle, interpersonale, sinnliche o der emotionale Aspekte im Vor dergrund stehen. Muster sind komplex und meist durch multiple Co dierung zugänglich. Auch wenn das Kind diese Muster in der Phase des konkreten Denkens noch nicht vielzählig und flexibel abrufen, kombinieren und mit ihnen hantieren kann, stellen sie doch sein gesamtes subjektives Erleben dar, seine innere Welt.

Ordnung der Welt

Um in der bunten, meist alle Sinne gleichzeitig reizenden Welt überleben zu können, verlangt das menschliche Gehirn nach Or dnung. Damit ist der Mensch sein Leben lang, aber besonders natürlich in seinen ersten Lebensjahren beschäftigt. Reize wer den aufgenommen, bewertet, und entsprechend ihrer Beschaffenheit und Bewertung sortiert und gespeichert. So können Eigenschaften, Ereignisse und sogar Reaktionsnotwendigkeiten vorausgesehen wer den. Ahnliche Reize können - um das Leben zu entkomplizieren und überhaupt lebbar zu machen - verallgemeinert und bereits bekannten Kategoriegebil den zugeor dnet wer den. Das konkrete Denken ermöglicht dem Kind nicht nur eine innere Or dnung der äuSeren Welt, sondern es lernt auch, objektive Or dnungen der Welt wie Alltagsabläufe und Verhaltens-merkmale kennen. AuSerdem erkennt es bald, dass es durch sein eigenes Verhalten die Or dnung der Welt zum Teil nach seinen Wünschen zu gestalten vermag.

Die innere Or dnung der Welt wir d durch Anlegen von Erfahrungsmustern erreicht. Erfahrungen haben immer auch eine zeitliche Komponente. Abschnitte, Ereigniseinheiten und deren Wie derholung spielen eine Rolle. Hierbei wer den Informationen der einzelnen Sinnesorgane nicht isoliert erfahren. Einzelne Erfahrungen sind immer komplex und wer den intensiv erlebt. Beispielsweise das gestillt wer den mit aktiven Saug- und Schluckbewegungen, passivem Gehalten wer den, Geschmack, Geruch, Hunger und Sättigung, Wärme, Nähe und Austausch. Bei entsprechend regelmäSiger Wie derholung schlieBen sich diese Erfahrungen bald zu einem Ereignismuster zusammen, welches auch als ganzes emotional bewertet wir d und nun erwartet wer den kann.

Abgrenzung

Abgrenzung ist ein be deutsames Mittel zur Schaffung von Or dnung. Wahrnehmungen, Hand-lungen, Empfindungen, Ereignisse wer den voneinander abgegrenzt. Nur so ist das Gehirn fahig, sie als einzelne Elemente zu bewerten, zu erkennen, zu speichern. Abgrenzung ist also eine Grundlage von Wahrnehmen, Erkennen und Denken.

Handeln

Handeln ist gleich Denken, und zwar konkretes Denken. Denn Handeln lasst sinnliche Erfahrung entstehen, sei es die eigene Körpererfahrung o der die Welterfahrung, die durch d ie jeweiligen Bewegungen möglich wer den. Da so gut wie keine Denkmuster vorhanden sind, kann noch nicht mental über Handlungen nach -gedacht o der Ereignisse voraus -gesehen wer den. Denken beschrankt sich also überwiegend auf die unmittelbare Wahrnehmung im direkten Handeln. Daher erhalt diese frühe Form des Denkens ihren Namen: das konkrete Denken.

Handeln ist ein allgemeiner Oberbegriff, unter den in diesem Zusammenhang verschie dene Aktivitaten mit ihrem jeweils eigenen Be deutungshorizont zusammengefasst wer den müssen. Hier einige Beispiele: intentionales Handeln, Bewegung, Spiel, Imitieren, Ausprobieren, etc.; in spaterem Alter auBer dem künstlerische Aktivitaten, Tanz, Sport, etc. Auf einige Aspekte und deren Be deutung wir d weiter unten genauer eingegangen.

Emotionale Bewertung

Emotionale Wahrnehmung ist die Wahrnehmung von Beziehungen.3 Wie stehe ich zu etwas? Alles, was man wahrnimmt, erhalt eine emotionale Farbung. Je de Erfahrung wir d emotional bewertet und erhalt somit ihre spezifische subjektive Be deutung. Da durch wir d deutlich, d ass Emotionen maBgeblich an der Strukturierung und inneren Or dnung der Welt beteiligt sind. Ihre Bil dung wir d durch das konkrete Denken favorisiert.

An dieser Stelle möchte ich auf Greenspans Theorie des „ dualen Codes" verweisen.4 Sie besagt, dass die Speicherung von Wahrnehmungserfahrungen mithilfe einer zweifachen Co dierung erfolge: einer sinnlichen und einer emotionalen. Erfahrungsmustern können also immer auf zweifache Weise gespeichert, erinnert, verglichen, differenziert etc. wer den. Man könnte sagen, konkretes Denken ist also in doppelter Hinsicht wichtig. Es ermöglicht dem Kind nicht nur die Entstehung von sinnlichen Erfahrungsmustern, sondern geht immer mit der Bildung von Gefühlsmustern und -ketten einher. Diese stellen laut Greenspan eine basale Komponente von Intelligenz dar.

Differenzierung

Denkmuster wer den durch ihre Veranderbarkeit charakterisiert. Konkrete Erfahrungen wer den in Mustern gespeichert, können je doch durch spater gemachte konkrete Erfahrungen d ifferenziert, d.h. erweitert, revi diert, etc. wer den. In einer anregungsreichen Umgebung, die differenzierte Erfahrungen ermöglicht, wir d eine gute Grundlage von konkreten Denkmustern erschaffen. Diese sind gleichzeitig Voraussetzung und Stoff für weiterführende Denkformen wie dem aisthetischen, dem narrativen, dem abstrakten, dem symbolischen und dem theoretischen Denken. Dies be deutet u.a., dass später - losgelöst von konkreten Erfahrungen - Denkmuster z.B. durch Neukombination, durch Reflexion o der durch Kommunikation differenziert wer den können.

Grundlage

Auf dem konkreten Denken basieren subjektive Weltor dnung und Selbstbild und alle weite-ren Denkformen. Das konkrete Denken bildet nicht nur die Grundlage für das aisthetische Denken, sondern auch für die anderen Denkformen, da diese ihrerseits auf dem aisthetischen Denken aufbauen. Das konkrete Denken ist folglich Grundlage für eine Or dnung der Welt, für die Bildung von Kategorien, Oberbegriffen, Abstraktionen, Themenbreichen. Als Voraussetzung für theoretisches Denken ist es somit Be dingung für Schulfähigkeit sowie wissenschaftlichem Denken und Arbeiten.

Konkretes Denken ist Grundlage von Symbolbildung un d damit von Sprachfähigkeit. Hierbei spielen die konkreten Bewegungserfahrungen ein besondere Rolle. Dies stellt man immer wie der daran fest, wie sehr sich unser Sprachgebrauch der Bewegungs- und Wahrnehmungs-formen als Aus-druck smittel be dient.

Auch wir als Erwachsene machen täglich neue Erfahrungen und unsere schon weit entwickelte Denkstruktur bleibt bis zu einem gewissen Grad veränderbar. Konkretes Denken ist nicht nur Selbstbil dungspotential der frühen Kindheit, sondern Teil der evolutionär be dingten lebenslangen Lernfähigkeit und Wandelbarkeit des Menschen.

Bereiche

Wahrnehmen, sinnliche Aufmerksamkeit

Konkretes Denken zeichnet sich durch eine hohe sinnliche Aufmerksamkeit und Fähigkeit zu feinem differenzierendem Wahrnehmen aus. Diese Aufmerksamkeit resultiert meiner Meinung nach u.a. gera de aus der Abwesenheit anderer Denkformen. Diese sind entwe der von Natur aus noch nicht in einer Vielzahl vorhanden wie beim Baby und Kleinkind. Oder als Erwachsener kann man sie - unbewusst o der willentlich - zurückstellen.

Bleiben wir zunächst beim Kind. Ohne nach -zu denken schenkt es seine volle wahrnehmende Aufmerksamkeit den Dingen und Vorgängen um sich herum. Es sieht, hört, fühlt, riecht und nimmt dies mit emotionaler Intensität war. Erregt ein Reiz besonders seine Aufmerksamkeit, wie zum Beispiel ein Sonnenstrahl, der auf der Gar dine hin- und herwackelt, so wir d er genauestens beobachtet: Helligkeit, Bewegung, Farbe, Form, Entfernung, Rhythmus, Funken etc. Die Beobachtungen wer den natürlich nicht in diesen Beobachtungskategorien gemacht, vielmehr verhält es sich umgekehrt: Vielfältige konkrete Erfahrungen in theoretische Kategorien eingeteilt wer den.

[...]


1 Schafer, e) S. 1ff. Und: Schafer f) S. 23ff. Achtung: Begriffsverwen dung teils unterschie dlich.

2 Schafer, g).

3 Schafer: f) S. 15.

4Greenspan, S. 37.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Konkretes Denken
Untertitel
Portfolio zu einem wichtigen Begriff der Frühpädagogik geprägt durch Prof. Gerd E. Schäfer
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Professionelles Handeln in der Frühpädagogik
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V146284
ISBN (eBook)
9783640554072
ISBN (Buch)
9783656287742
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konkretes Denken, Frühe Kindheit, Spiel, Phantasie, intermediärer Bereich, Selbstbildungspotential, handeln, wahrnehmen
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagogin Anna Bachem (Autor), 2007, Konkretes Denken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146284

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