Geopolitik in Kafkas Beim Bau der Chinesischen Mauer


Hausarbeit, 2009

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geopolitik und Kafkas Mauerbau

3. Beim Bau der Chinesischen Mauer
3.1 Die Struktur der Erzählung
3.2 Die Mauer als Grenze
3.2.1 China als gekerbter Raum
3.3 Das Mauerkonzept
3.4. Emotionale Bindung des Volkes an den Mauerbau
3.5 Die Führerschaft

4. Eine kaiserliche Botschaft

5. China als literarisches Motiv zur Zeit Kafkas

6. Fazit und Ausblick

Bibliographie

1. Einleitung

Franz Kafkas Beim Bau der Chinesischen Mauer entstand 1917, wurde jedoch erst postum veröffentlicht. In der Erzählung lassen sich geopolitische Ansätze finden, welche im Rahmen einer grundsätzlichen Analyse des Textes in dieser Arbeit untersucht werden. Obwohl Kafka zu seinen Lebzeiten (1883-1924) nie in China war, verband ihn ein lebhaftes Interesse mit dem Land und besonders mit der chinesischen Poesie und Prosa[1]. Seine Erzählung über den Mauerbau ist, wie oft bei Kafka, eine die sich mit einer höhergestellten, alles bestimmenden Macht auseinandersetzt[2]. In Beim Bau der Chinesischen Mauer ist es die Führerschaft, die niemand zu Gesicht bekommt, die im Hintergrund ihre Fäden zieht. Geopolitisch betrachtet ist der Mauerbau von besonderer Bedeutung, da er dem Einheitsgefühl des Volkes dient und gegen die Feinde im Norden schützen soll.

2. Geopolitik und Kafkas Mauerbau

Geopolitik bezeichnet die Verknüpfung von geographischen und politischen Zusammenhängen. Besonders deutlich wird dies, wenn es sich um territoriale Auseinandersetzungen, beispielsweise die zweier Nachbarstaaten handelt. Im Falle der Kafka Erzählung Beim Bau der Chinesischen Mauer spielt die Geographie Chinas sowie die politische Struktur des Landes eine entscheidende Rolle. Der von Kafkas Erzähler geschilderte Mauerbau dient als geopolitisches Instrument des Volkzusammenhaltes: „Raum und Territorium werden nicht mehr als passive Bühne menschlichen Handelns verstanden, die den möglichen gestalterischen Rahmen für soziale Prozesse darstellt. Vielmehr rückt in den Blickpunkt, wie Raum für politische Zwecke instrumentalisiert wird.“ (Helmig) Jan Helmig erklärt geopolitische Denkstrukturen, wie sie auch in Kafkas Erzählung von Bedeutung sind:

Geopolitisches Denken ist in seiner Quintessenz daran interessiert, durch Grenzziehungen Raum zu strukturieren. Abgrenzungen sind zwar alltägliche Grundlage der Gliederung sowohl sozialer als auch natürlicher Umwelt, doch durch die fortlaufende Wiederholung werden realiter willkürliche Grenzziehungen, die häufig als Gegensatzpaare erscheinen, in ein Wissen um Grenzen transformiert, welches letztendlich als natürlich dechiffriert wird. Differenzierung, Normierung und Normalisierung zwischen dem ‚Eigenen’ und dem ‚Anderen’ ist ein entscheidendes Moment der geopolitischen Praxis. (ebd.)

Auch Samuel P. Huntington erklärt in seinem Werk The Clash of Civilisations, dass die eigene Definition immer durch Abgrenzung zum anderen erfolgt. Beim Bau der Chinesischen Mauer ist keine Ausnahme. In der Erzählung grenzt sich China von den feindlich gesinnten Nomaden im Norden ab und definiert sich selbst in Kontrast zu den bösen und wilden Reitervölkern. Huntington beschreibt in The Clash of Civilisations was Kulturen unterscheidet und wie sie sich voneinander abgrenzen. Zwei der wichtigsten Elemente, die eine Kultur definieren, sind laut Huntington die Religion und die Sprache (Huntington 99). Des Weiteren differenziert er in Kulturkreise:

Ein Kulturkreis ist […] die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die allgemeinste Ebene kultureller Identität des Menschen unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Sie definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr. (Huntington 54)

Die Bereiche Kultur und Politik greifen in dem China aus Kafkas Erzählung ineinander und dem Kaisertum fällt durch die Größe des Reiches eine besondere Funktion zu. Dies ist auch realiter so:

Die politische Zusammensetzung von Kulturkreisen ist in jedem anders und variiert im Laufe der Zeit innerhalb jedes Kreises. So kann ein Kulturkreis eine oder mehrere politische Einheiten enthalten; diese Einheiten können Stadtstaaten, Kaiserreiche, Bundesstaaten, Staatenbünde, Nationalstaaten, Vielvölkerstaaten sein, mit jeweils unterschiedlichen Regierungsformen. Im Laufe der Entwicklung eines Kulturkreises verändern sich normalerweise Anzahl und Art der sie konstituierenden politischen Einheiten. Im Extremfall können Kultur und politische Einheit deckungsgleich sein. China, bemerkt Lucian Pye, ist ’eine Zivilisation, die vorgibt, ein Staat zu sein’. (Huntington 56)

Diesen Aspekt der Koppelung von Kultur und Politik stellt bereits Kafka in seiner Erzählung heraus. In Beim Bau der Chinesischen Mauer hebt Kafka die größtenteils repräsentative Funktion des Kaisers hervor und verdeutlicht, dass die eigentliche Macht von der ungreifbaren Führerschaft ausgeht. Die Mauer hat in Kafkas Text eine symbolische Funktion. Sie ist ein geopolitisches Instrument. China umfasst ein weites Gebiet und die Führerschaft möchte sich vor Feinden schützen sowie auch das Volk zu mehr Einheit auffordern. Durch den Mauerbau wird beides angestrebt. Wie so oft spielen die geographischen Gegebenheiten erst dann eine entscheidende Rolle, wenn sie für die Politik genutzt werden und so eine spezifische Bedeutung zugeschrieben bekommen:

Erst politische Konstellationen und Diskurse weisen geographischen Belangen ihre naturalisierten Ausnahmestellungen zu. Dass geopolitische Annahmen ihren Charakter grundlegend wandeln, ist nicht ausgeschlossen. Daher ist es von besonderem Interesse, diesen Bedeutungswandel nachzuvollziehen und sowohl die eingesetzten kommunikativen Mittel als auch die Strategien der Abgrenzung zu verstehen. (Helmig)

Somit ist es immer eine subjektive geopolitische Bedeutung, die den einzelnen geographischen Gegebenheiten aufgedrückt wird. Je nach Interessenslage und aktueller politischer Situation können sich die geopolitischen Kategorien verändern.

3. Beim Bau der Chinesischen Mauer

Beim Bau der Chinesischen Mauer beschreibt wie ein Volk seine ganze Energie an den scheinbar unendlichen Bau einer monumentalen Mauer investiert, der von einer nebulösen Führerschaft geleitet wird. Eingeschlossen in die Erzählung ist die Allegorie Eine kaiserliche Botschaft[3], welche das vorherrschende Kommunikationsproblem des Kaisertums hervorhebt.

3.1 Die Struktur der Erzählung

Die Erzählung Beim Bau der Chinesischen Mauer lässt sich thematisch in drei Bereiche unterteilen. Zunächst beschäftigt sich der Erzähler mit der Frage der Teilbauweise der Mauer und der Begründung für diese Maßnahme. Der zweite Abschnitt ist der Frage nach der Führerschaft gewidmet sowie ihrer Anzweiflung. Im letzten Abschnitt betont der Erzähler die Größe des Landes, die Reichweite des Kaisertums und verdeutlicht dies durch die Sage über die Botschaft, die das vorherrschende Kommunikationsproblem herausstellt.

In den ersten beiden Abschnitten der Erzählung erfolgt eine Beschreibung des Mauerbaus, der Ich-Erzähler ist noch zurückhaltend. Die ersten Sätze des Textes wirken wie einem Sachbuch entnommen. Der Erzähler berichtet mit Distanz, wie aus einer Vogelperspektive. Später wird dann die Ich-Perspektive deutlich, ebenso wie die Tatsache, dass er selbst in der Geschichte involviert ist. Er ist unmittelbar am Mauerbau beteiligt: „[W]ir, die Erbauer.“ (Mauer 877)

Es ist historisch nicht genau bestimmbar von welcher Zeit der Text handelt. Unlogisch sind vor allem die Aussagen des Ich-Erzählers: Die Dauer des Mauerprojektes zog sich über mehrere Menschenleben hin und der Erzähler erklärt, er sei zwanzig Jahre alt gewesen beim Anfang des Mauerbaus; er berichtet aber auch in seiner Position als Historiker über die Dauer des gesamten Mauerbauprojektes. Es findet also ein perspektivischer Wechsel vom Augenzeugen (Identifizierung mit Mauerprojekt) zum rückschauenden Historiker (Distanz zu Projekt, kritische Perspektive) statt: „Nun mag dieser Vergleich während des Mauerbaus außerordentlich treffend gewesen sein, für meinen jetzigen Bericht hat er doch zum mindesten nur beschränkte Geltung. Meine Untersuchung ist doch nur eine historische […].“ (Mauer 881) Der Text behandelt somit verschiedene Zeitebenen und springt durch die Aussagen des Erzählers zu der Zeit bevor der Mauerbau begann, hin zu der Zeitebene des Mauerbaus und darüber hinaus zu der Zeit nachdem die Mauer als fertig gestellt angesehen wurde. Durch das Nebeneinander der einzelnen Erzählungen innerhalb Beim Bau der Chinesischen Mauer wird symbolisch die Einheitskonzeption der Mauer untergraben, wie es die Teilbauweise ebenfalls tut. Die Mauer setzt sich aus Fragmenten zusammen, ähnlich wie Kafkas Schaffensprozess an sich (siehe Stach 496). Beim Bau der Chinesischen Mauer wirkt durch die unterschiedlichen Zeitebenen aus denen der Erzähler berichtet ebenfalls ein wenig bruchstückhaft:

Obwohl die Große Mauer, wie jedes spezifische kulturelle Artefakt, in einem bestimmten historischen Moment entstand, lässt Kafka den Zeitrahmen unklar. Das gewaltige, mit Hilfe von Zwangsarbeit errichtete staatliche Bauprojekt koexistiert sowohl im Moment seiner Erschaffung als auch in unserer Tagen. Die ausgearbeitete Figur der Mauer selbst wird zu einer subtilen Zeitschaltuhr, die von entfernten chinesischen Chroniken bis zu den Gegebenheiten des Habsburger Reiches führt. (Sussmann 360)

Da die chinesische Mauer realiter besteht und nicht Kafkas Phantasie entsprungen ist, lässt sich sagen, dass bis heute einige Lücken in der Mauer bestehen, die in den verschiedenen Dynastien immer weiter ausgebaut wurde und nun ein Weltkulturerbe ist.

3.2 Die Mauer als Grenze

Eine Mauer stellt immer eine Grenze dar. Die Chinesische Mauer ist eine Grenze, die sich mitten durch das Land zieht und somit China durchtrennt. In Kafkas Erzählung wird die Mauer errichtet, um sich gegen die angeblich gefährlichen Nordvölker abzugrenzen und Sicherheit und Schutz zu schaffen. Kafkas Erzähler lässt keinen Zweifel an der Unsinnigkeit des Mauerbauprojektes, das sich über Jahre hinzieht und nicht einmal geradlinig abläuft, sondern paradoxerweise in Teilbauweise mit vielen Lücken und offenen Räumen voranschreitet. Die Mauer sieht in ihrer militärischen Funktion die Sicherung der Grenze zu den Nordvölkern vor. Die Grenze definiert ein Territorium und ist daher für die Führung wichtig. In der Erzählung wird jedoch deutlich angezweifelt, ob eine reale Gefahr durch die Nomaden im Norden tatsächlich besteht. Die territoriale Funktion der Mauer wird von Kafka in der Kurzgeschichte nicht besonders hervorgehoben, aber der Sinn der Abgrenzung wird durch den Erzähler in Frage gestellt. Da China ein so immenses Gebiet umfasst, scheint der Gedanke es einzugrenzen absurd, da es unmöglich ist, alles zu umgrenzen. Somit wird durch die Idee des Mauerbaus in China der Begriff des Territoriums selbst in Frage gestellt.

Der Mauerbau scheint ein symbolisches Projekt zu sein, dessen Zweck das Evozieren eines Volksbegriffes ist. Die Grenze ist physikalisch, vermittelt aber neben dieser räumlichen, symbolischen Funktion auch eine gedankliche, unsichtbare Einheit, denn sie steht für die kollektive Identität des Volkes. Die Bewohner der verschiedenen Dörfer und Provinzen Chinas befinden sich nicht in einzelnen, abgetrennten Räumen, sondern in einem großen, gemeinsamen Ganzen, dass nur die Feinde „draußen“ hält und Einheit schafft.

3.2.1 China als gekerbter Raum

China ist eine unüberschaubar große Landmacht, die versucht, sich abzugrenzen. Niels Werber spricht in Die Geopolitik der Literatur von glatten und gekerbten Räumen, wobei das Meer und das Land gemeint sind. Die Landmacht wir der Seemacht (Netz aus Schifffahrtslinien auf See) gegenübergestellt: „Ein Körper hat verwundbare Grenzen, die er flächendeckend schützen muß; ein Netz dagegen hat allein seine Knotenpunkte oder ‚Relais’ zu sichern.“ (Werber 103) Somit gestaltet sich die Sicherung eines gekerbten Raumes aufwendiger als die eines glatten. Im Falle von China sind es die Nomaden, die den „Körper“ China angreifen wollen und vor denen die Mauer als Abgrenzung schützen soll. Die Nomaden selbst sind immer in Bewegung und grenzen sich nicht ab, im Gegenteil, sie deterritorialisieren: „Die Nomaden der Philosophie durchstreifen den Raum, ohne ihn zu umhegen, in Grundstücke zu parzellieren und so zu kerben.“ (Werber 108) Werber bezieht sich auf Deleuze und Guattari[4]: „Es sei das vitale Interesse jeden Staates, nicht nur das Nomadentum zu besiegen, sondern auch die Migration zu kontrollieren und ganz allgemein einen Rechtsbereich gegenüber einem ’Außen’ geltend zu machen.“ (ebd.) In Kafkas Erzählung wird dieser Punkt durch die Abgrenzung mithilfe der Mauer deutlich[5]. „[D]och werden sich immer, solange der Abschluß der Festung nicht hermetisch ist, ’Ströme’ finden, die den Staat ’durchziehen’, Waren-, Menschen-, Nachrichtenströme etwa, die der nomadischen Kriegsmaschine Medien der Deterritorialisierung an die Hand geben.“ (Werber 109) Bezieht man diese Aussage auf den Kafka-Text, wird klar, dass die Mauer aufgrund ihrer vielen Lücken und der unüberschaubaren Größe keinen wirklichen Schutz vor Nomaden bieten kann.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Kommunikation zwischen Führung und Volk, die sich in Kafkas Text extrem problematisch gestaltet. Die Medien in Kafkas Erzählung sind lediglich die der mündlichen und schriftlichen Verständigung. Da das Gebiet jedoch immens groß ist, kommt eine Kommunikation, wenn überhaupt, dann nur schleppend zustande. Mittlerweile haben die Medien sich verändert und durch das Hinzukommen der Neuen Medien sowie durch die zunehmende Globalisierung gibt es in der heutigen Zeit Kommunikationsprobleme anderer Art.

3.3 Das Mauerkonzept

Die Mauer soll Schutz für Jahrhunderte bieten und mit größter Sorgfalt gebaut werden. Ein ganzer Teil des Volkes ist auf den Mauerbau getrimmt, wie aus den Kindheitserinnerungen des Erzählers hervorgeht. Alle Lebensbereiche in China werden auf den Bau ausgerichtet, das Mauerhandwerk hat oberste Priorität: „Fünfzig Jahre vor Beginn des Baues hatte man im ganzen China, das ummauert werden sollte, die Baukunst, insbesondere das Maurerhandwerk, zur wichtigsten Wissenschaft erklärt und alles andere nur anerkannt, soweit es damit in Beziehung stand.“ (Mauer 878) Die Mauer wird sogar mit dem biblischen Turmbau zu Babel verglichen. Ein Gelehrter will auf die Mauer einen so gewaltigen Turm bauen, wie einst in Babel, um die gebündelte Volkskraft Chinas zu veranschaulichen. Er begründet das Scheitern des Turmbaus zu Babel mit der Schwäche des Fundamentes, was aufgrund besserer Methoden in China nicht passieren könne und daher zusätzlich zur Mauer auch ein darauf thronender Turm möglich sei: „[W]ozu waren in dem Werk Pläne, allerdings nebelhafte Pläne, des Turmes gezeichnet und Vorschläge bis ins einzelne gemacht, wie man die Volkskraft in dem kräftigen neuen Werk zusammenfassen solle?“ (Mauer 880) Dieses Vorhaben wirkt noch unausführbarer als der Mauerbau an sich und ist geprägt von Hybris.

Das Mauerkonzept beruht auf zwei Hauptteilen der Mauer, die von Südosten und Südwesten aus aufeinander zulaufend gebaut werden, in vielen kleinen Fünfhundert-Meter-Teilabschnitten. Die Mauer wird also bewusst lückenhaft gebaut, was zunächst ein wenig rätselhaft erscheint. Das Teilstückverfahren scheint dem Konzept einer kompakten Mauer zu widersprechen. Der Erzähler erklärt jedoch den psychologischen Effekt dieser Maßnahme. Der einzige Grund dieser Teilbauweise sei, dass für die Erbauer und Bauleiter ein Ergebnis sichtbar wird. Das Ziel, die Mauer in ihrer gesamten Ausdehnung zu bauen und zu betrachten, ist in einem Menschenleben nicht zu erreichen. Um große persönliche Verzweiflung zu vermeiden, wird das Teilbau-System genutzt. Bloß fünfhundert Meter werden in fünf Jahren fertig gestellt und die Bauleiter verlieren mit ihrer aufsteigenden Ungeduld das Vertrauen in die gemeinsame Sache. Daher werden sie auf Reisen geschickt, um bereits fertige Mauerteile zu besichtigen und vom Volk geehrt zu werden. Daraus schöpfen sie Vertrauen und neuen Tatendrang; Ehre und Ansehen sind ihr Ziel:

[Sie wurden] weit verschickt, sahen auf der Reise hier und da fertige Mauerteile ragen, kamen an Quartieren höherer Führer vorüber, die sie mit Ehrenzeichen beschenkten, hörten den Jubel neuer Arbeitsheere, die aus der Tiefe der Länder herbeiströmten, sahen Wälder niederlegen, die zum Mauergerüst bestimmt waren, sahen Berge in Mauersteine zerhämmern, hörten auf den heiligen Stätten Gesänge der Frommen Vollendung des Baues erflehen. Alles dies besänftigte ihre Ungeduld. (Mauer 879)

Die Größe und Ausdehnung des Baus sind für den einzelnen Menschen unnachprüfbar. Dass die Mauer dem Schutz vor den Nordvölkern dienen soll, erscheint paradox, falls der Bau tatsächlich Lücken aufweist:

[Es] klaffen Lücken, die nach und nach geschlossen werden, deren Zahl und Ausdehnung jedoch den Arbeitern und selbst den lokalen Bauleitern unbekannt bleibt. Daher kann niemand, der nicht zur obersten >Führung< gehört, mit Gewissheit sagen, wie weit der Bau fortgeschritten ist, ja, es ist nicht einmal klar, ob die Mauer nach Abschluss der Arbeiten wirklich lückenlos ist. In der Vorstellung ist sie niemals vollendet, sie bleibt ein Fragment, das aus Fragmenten besteht. (Stach 496)

Der Mauerbau selbst ist gefährlich und nur qualifiziertes Personal daran beteiligt. Die Mauer stellt sich jedoch als wenig Schutz gebend, und somit recht sinnlos dar. Sie ist sogar eine Gefährdung:

Die Mauer war doch, wie allgemein verbreitet wird und bekannt ist, zum Schutze gegen die Nordvölker gedacht. Wie kann aber eine Mauer schützen, die nicht zusammenhängend gebaut ist. Ja, eine solche Mauer kann nicht nur nicht schützen, der Bau selbst ist fortwährend in Gefahr. Diese in öder Gegend verlassen stehenden Mauerteile können immer wieder leicht von den Nomaden zerstört werden, zumal diese damals, geängstigt durch den Mauerbau, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie Heuschrecken ihre Wohnsitze wechselten und deshalb vielleicht einen besseren Überblick über die Baufortschritte hatten als selbst wir, die Erbauer. (Mauer 877)

Es ist paradox, dass die Feinde vor denen die Mauer schützen soll, eine bessere Kenntnis über den Stand des Mauerbaus haben als die Erbauer. Somit bleibt der Sinn der Teilbauweise die Kernfrage des Kafka-Textes.

Im Text lässt sich ein Hinweis auf den möglichen Untergang des Kaisertums finden. Der Erzähler betont die selbstzerstörerische Kraft des Menschen:

[...]


[1] „Kafka always admired Chinese literature.” (Meng 80)

[2] Siehe beispielsweise auch Der Process, Das Schloss.

[3] Die Allegorie wurde außerdem als einzelne Erzählung in dem Band Der Landarzt (1919) veröffentlicht.

[4] Gilles Deleuze und Felix Guattari: Tausend Plateaus (1980)

[5] Kafka spricht in der Erzählung Ein altes Blatt (1919) ebenfalls von Nomaden, die eine Stadt belagern.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Geopolitik in Kafkas Beim Bau der Chinesischen Mauer
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Geopolitik Seminar
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V146299
ISBN (eBook)
9783640568895
ISBN (Buch)
9783640569182
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Franz Kafka, Chinesiche Mauer, Bau der chinesischen Mauer, Geopolitik
Arbeit zitieren
Marie-Christine Wittmann (Autor:in), 2009, Geopolitik in Kafkas Beim Bau der Chinesischen Mauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146299

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