Reißerische Titel verlieh Friedrich Nietzsche seinen halb philosophischen, halb poetisch-aphoristischen Werken. Und bei den Kapitelnamen der autobiographischen Spätschrift Ecce homo weiß man nicht, ob man den Autor bemitleiden oder aber besser über ihn lachen sollte. In der Tat liegt Nietzsches Stärke wohl nicht in philosophischer Argumentation. Nietzsche spricht eher aus, als dass er argumentiert, er verkündet.
Und trotzdem kann er kaum einen Anspruch von Ernsthaftigkeit erheben, den man Nietzsche ja entgegen allem Anschein doch nicht absprechen möchte, wenn er nicht zumindest einige begründete Ansätze vorbringt. Was sind also die Gründe Nietzsches, die ihn so hart gegen Religion und Moral sprechen lassen? Was sind die Argumente gegen das Christentum? Und war Nietzsche eigentlich der unumstößliche Atheist und konsequente Nihilist, als der er immer gehandelt wird? Das sollen die Leitfragen der vorliegenden Arbeit sein, um deren Klärung ich mich bemühen möchte.
Hauptsächlich wird hier Bezug auf Nietzsches Spätwerk hergestellt, vor allem den 1888 entstandenen Antichrist. Dieses kurz vor Nietzsches geistiger Umnachtung verfasste Werk zeugt von der abgrundtiefen Abneigung, die Nietzsche in seinem unstetigen und von schwerer Krankheit gezeichnetem Leben gesammelt hat, es ist quasi als die Kulmination seines religionskritischen Denkens zu verstehen. Moral, Christentum – diese Ideologie der Schwachen ist ihm zutiefst vergällt. Und er versucht, sie aufgrund einiger weniger, kaum ausformulierter, aber doch wohl durchaus mitreißender Argumente vernichtend zu schlagen. Trotzdem ist das Erkennen eines Tenors in seiner Kritik durchaus mit Schwierigkeiten verbunden. Doch will man bereits im Voraus einen eindeutigen Vorgeschmack von Nietzsches Antichristentum geben, so lohnt es wohl am meisten, die Anklage des christlichen Kultes und der christlichen Moral am Ende eben des Antichristen zu zitieren: „Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt, – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch, die Eine große innerliche Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit…“
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. DIE VORBEDINGUNGEN ZU NIETZSCHES RELIGIONSKRITIK
III. NIETZSCHES RELIGIONSKRITIK
IV. DAS PATHOLOGISCHE IM CHRISTENTUM UND CHRISTLICHE MORAL
V. DIE PRIESTERKASTE UND PAULUS´ LÜGE
V.I CHRISTENTUM ALS ETHIK
V.II DIE PRIESTERHERRSCHAFT
VI. DIE FIGUR JESU
VII. ANTHROPOMORPHISMEN BEI NIETZSCHE
VIII. NIETZSCHE EIN ATHEIST?
IX. ERGEBNIS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die religionskritischen Ansätze Friedrich Nietzsches, insbesondere sein Spätwerk "Der Antichrist". Ziel ist es, die Motive für Nietzsches scharfe Ablehnung des Christentums und der christlichen Moral zu analysieren und zu klären, ob er als konsequenter Atheist bezeichnet werden kann.
- Analyse der psychologischen und historischen Grundlagen von Nietzsches Religionskritik
- Untersuchung des Konzepts der "Sklavenmoral" im Gegensatz zur natürlichen Moral
- Betrachtung der Rolle des Priestertypus und der Person Paulus bei der historischen Verfälschung des Christentums
- Kritische Würdigung der "Todes-Gottes"-Thematik in Nietzsches Philosophie
Auszug aus dem Buch
IV. Das Pathologische im Christentum und christliche Moral
Nietzsche meint, in der Terminologie des Christentums würden sich die Begriffe Gott und Natur antithetisch zueinander verhalten. Diese Unterscheidung hat nach Nietzsche ihren Ursprung im Hass auf alles Natürliche, und somit auf alles Wirkliche. Dieser Hass auf die Wirklichkeit wiederum ist das Resultat eines Übergewichtes der Unlust über die Lust, was Nietzsche dann allerdings auch „verunglückte Wirklichkeit“ nennen würde. „Nachdem erst der Begriff „Natur“ als Gegenbegriff zu „Gott“ erfunden war, musste „natürlich“ das Wort sein für „verwerflich“, – jene ganze Fiktionswelt hat ihre Wurzel im Hass gegen das Natürliche.“ Somit also ist der christliche Gott eine Schöpfung des Menschen aus Unlust, beziehungsweise Leiden an der Natur. Der an der Natur Unlust leidende und zudem bequeme Mensch ist nach Nietzsche gleichzeitig ein schwacher Mensch. Gemäß Nietzsches Argumentation, dass der christliche Gott eine Kreation der Schwachen und Unterdrückten sei, die in ihrem Unwillen gegenüber der stärkeren Kaste, die sie unterwirft, sich einen Gott schaffen, „streichen sie aus dem Gotte ihrer Überwinder“ alle positiven Eigenschaften. So entstand im Christentum ein Gott der Schwachen und der Krankheit. Also selbst ein kranker und schwacher Gott.
Dieser Hass gegen alles Natürliche aus Leiden ist nach Nietzsche überhaupt erst die Wurzel allen Christentums. Und somit ist ganz klar, von welcher Qualität das Fundament des Christentums ist. Denn zu einem Leiden kennt Nietzsche zwei grundverschiedene Einstellungen, die eines tragischen Sinnes und im Gegenzug die eines christlichen Sinnes; und gleichsam ergeben sich daraus eine vornehme und eine widernatürliche Moral. Und bereits hier kann man wieder die teleologische Ausrichtung in Nietzsches Religionskritik erkennen: „Gewiss hat Nietzsche oft und eindringlich genug darauf hingewiesen, dass sich sein Kampf gegen das Christentum in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich, gegen dessen Moral bzw. gegen sein diese begründendes „Ideal vom Menschen“ richte, während es ihm um die christliche Lehre, etwa die Dogmen in der christlichen Theologie, gar nicht zu tun sei.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das Thema ein, skizziert die Leitfragen und begründet die Konzentration auf Nietzsches Spätwerk, besonders auf "Der Antichrist".
II. DIE VORBEDINGUNGEN ZU NIETZSCHES RELIGIONSKRITIK: Dieses Kapitel beleuchtet Nietzsches biographischen Hintergrund, seine familiäre Prägung durch das Pfarrhaus und seine akademische Entwicklung.
III. NIETZSCHES RELIGIONSKRITIK: Hier wird der theoretische Rahmen abgesteckt, indem Religion als instrumentelle Macht und als Ausdruck einer "Widernatur" definiert wird.
IV. DAS PATHOLOGISCHE IM CHRISTENTUM UND CHRISTLICHE MORAL: Das Kapitel analysiert den christlichen Gott als Produkt der Schwäche und den resultierenden Hass auf das Natürliche.
V. DIE PRIESTERKASTE UND PAULUS´ LÜGE: Dieses Kapitel befasst sich mit der historischen Instrumentalisierung von Religion durch Priester und Paulus.
V.I CHRISTENTUM ALS ETHIK: Es wird untersucht, wie die ursprüngliche Ethik der Evangelien durch Priester und Kirche verfälscht wurde.
V.II DIE PRIESTERHERRSCHAFT: Dieses Unterkapitel beschreibt die Methoden der Priesterkaste, Macht zu erhalten, insbesondere durch die Kreation des Begriffs der Sünde.
VI. DIE FIGUR JESU: Die Person Jesu wird hier als missverstandenes, tragisches Individuum und als Gegenbild zur kirchlichen Ideologie beleuchtet.
VII. ANTHROPOMORPHISMEN BEI NIETZSCHE: Das Kapitel erläutert, wie Nietzsche religiöse Projektionen als Indikatoren für den Gesundheitszustand eines Volkes interpretiert.
VIII. NIETZSCHE EIN ATHEIST?: Hier wird die These vom "Tode Gottes" hinterfragt und Nietzsche gegen die landläufige Meinung als nicht atheistisch positioniert.
IX. ERGEBNIS: Das Fazit fasst zusammen, dass Nietzsches Kritik primär dem Christentum und nicht der Religion an sich gilt und seine Philosophie als biographisch geprägt zu bewerten ist.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Religionskritik, Christentum, Antichrist, Sklavenmoral, Herrenmoral, Priesterkaste, Paulus, Tod Gottes, Atheismus, Widernatur, Genealogie, Pathologie, Moral, Erkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die religionskritischen Argumente Friedrich Nietzsches, wobei der Schwerpunkt auf seinem Spätwerk "Der Antichrist" liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die psychologischen und historischen Ursachen des Christentums, die Rolle der Priesterkaste sowie Nietzsches Gegenüberstellung von "Sklavenmoral" und "vornehmer Moral".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Nietzsches Ablehnung von Religion und Moral zu verstehen und zu klären, ob er als Atheist bezeichnet werden kann oder ob seine Philosophie komplexere religiöse Dimensionen aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse von Nietzsches Texten und greift auf philosophische Sekundärliteratur zurück, um die Argumentationsstränge nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die psychologische Religionskritik (Leiden als Wurzel), die historische Kritik (Rolle des Priesters/Paulus) und die Auseinandersetzung mit der Person Jesu.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sklavenmoral, Priesterkaste, Tod Gottes, Antichrist und das Verhältnis zwischen Natur und Religion.
Wie unterscheidet Nietzsche zwischen dem Philosophen und dem Theologen?
Der Philosoph repräsentiert bei Nietzsche eine höhere, lebensbejahende Klasse, während der Theologe den Hass gegen das Natürliche und das Leben vertritt.
Ist Nietzsche laut dem Autor ein Atheist?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass Nietzsches "Tod Gottes" eher ein antichristliches Bekenntnis darstellt, da Nietzsche selbst ein natürliches Gottesbild eines starken Volkes nicht grundsätzlich ablehnt.
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- Manuel Uth (Author), 2009, Der Antichrist - eine Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146321