Das Soldatenmotiv in Walter Scotts 'Waverley; or, 'tis sixty years since' und Conrad Ferdinand Meyers 'Die Versuchung des Pescara'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Ethos des Soldaten
2.1. Waverley
2.2. Pescara

3. Beziehungen und ihre Auswirkungen
3.1. Familiäre Hintergründe
3.2. Frauen

4. Kultur und Historie
4.1. Die Kulturflucht des Waverley vs. die Standhaftigkeit des Pescara
4.2. Die geschichtliche Handlung und das Handeln der Helden

5. Der Verrat

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf den ersten Blick scheinen Die Versuchung des Pescara und Waverley; or, ’tis sixty years since keine Gemeinsamkeiten zu besitzen. Beiden liegt einerseits die Rolle der Hauptperson als die eines Soldaten und andererseits die Möglichkeit des Verrates zugrunde. Diese Arbeit soll die Gründe untersuchen, aus welchen Waverley der Versuchung unterliegt, während Pescara der Versuchung widerstehen kann.

Um dies zu erreichen, werden die beiden Hauptfiguren daraufhin untersucht, inwieweit das Ethos des Soldaten in ihrem Leben eine Rolle spielt. In einem weiteren Schritt werden die familiären Hintergründe und Beziehungen erläutert. Dies geschieht aus dem Grund, dass Menschen immer aufgrund ihrer Bildung und ihrer Erziehung zu verschiedenen Verhaltensweisen gelangen und der Verrat vor allem im Falle Waverleys aufgrund seiner sozialen Verbindungen zustande kommt! In diesem Zusammenhang ist auch die Rolle der Frauen in Die Versuchung des Pescara und Waverley; or, ’tis sixty years since zu untersuchen, da sowohl bei Meyer als auch bei Scott die Frauen Einfluss auf die beiden Hauptfiguren ausüben. Weiterhin ist es in unserer Zeit, in der die Kulturen immer mehr vermischt werden – man findet amerikanische Lebensweisen auf der ganzen Welt, und fernöstliche Vorstellungen von Religion dringen in Europa immer weiter vor – interessant zu untersuchen, vor welcher Kultur Waverley flüchtet und in welcher Umgebung er seine Wünsche anscheinend als erfüllbar ansieht. Das Handeln der Figuren vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklungen zeigt ebenfalls Unterschiede auf, die jedoch die verschiedenen Rollen von Waverley und Pescara unterstreichen. Das Verhalten der Protagonisten zum Zeitpunkt des Verrates wird den Unterschied zwischen ihnen auf den Punkt bringen.

2. Das Ethos des Soldaten

Was ist das Ethos eines Soldaten? Wenn man davon ausgeht, dass das Ethos eines Soldaten sich daraus entwickelt, dass eine Gruppe Menschen im Kampf gegen eine andere Gruppe ein gemeinsames Ziel verfolgt, entsteht dadurch der Zwang zur gegenseitigen Treue und Hilfe. Das Ziel der Gruppe sollte über persönliche Wünsche gestellt werden, um den Erfolg möglich zu machen. Damit die Gruppe effektiv arbeitet, liegt die Befehlsgewalt in den Händen einer besonders geeigneten Führungsperson. Dieser sind die Soldaten verpflichtet. Außerdem gehört zum Ethos des Soldaten eine gewisse Gegenwärtigkeit. Nur wenn der Soldat ohne Ablenkungen irgendwelcher Art agiert, kann er vollständig für das gemeinsame Ziel eingesetzt werden.

2.1. Waverley

Im Falle Waverleys ist die Frage nach dem Ethos des Soldaten interessant, da von einem solchen Treue zum Vaterland erwartet wird. Diese Erwartung wird jedoch von Waverley nicht erfüllt. „The history of Edward Waverley is a story of character formed by experience.“[1] Er entwickelt ein eigenes Ethos, welches hier beleuchtet werden soll.

Ein Aspekt des Ethos des jungen Waverley ist der Gehorsam gegenüber Höherstehenden. Der Entschluss, Soldat zu werden, wird nicht von Waverley selbst gefällt, sondern die Entscheidung wurde ihm von seinem Vater auferlegt, der ebenfalls der Autorität gehorchte: „this he [Richard Waverley] could himself say, that he knew his Majesty had such a just sense of Mr Richard Waverleys merits, that if his son adopted the army for a few years, a troop, he believed, might be reckoned upon in one of the dragoon regiments lately returned from Flanders“[2]. Zu Beginn seiner Entwicklung ist Waverley ein romantischer Jüngling, der an die Ideale der Geschichten, die er hörte, glaubte: „From such legends our hero would steal away to indulge the fancies they excited.[...] he would excercise for hours that internal sorcery“[3]. Zu dem Ethos des Soldaten passt dieses Träumerische wenig. Jedoch ist Waverley zu Beginn eher weltfremd und wird in das Leben eines Soldaten hinein gedrängt, ohne selbst die Wahl zu treffen. Dieses Ungeplante der Zukunft des jungen Waverley passt in eine Unentschlossenheit, die zu der „Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit der Scott’schen Helden“[4] passt. Keiner kann seine Zukunft vorhersehen, und in einem gewissen Maße geht jeder einem ungewissen Schicksal entgegen, wie es der mittlere Held bei Scott auch tut.

Im Verlauf seiner Entwicklung wird Waverley mit der Wirklichkeit konfrontiert, verharrt aber in seiner romantisierenden Sicht der Welt. In dem Kapitel ‚An old and a new acquaintance’ wird Waverley von Charles empfangen: „and Waverley, kneeling to Charles Edward, devoted his heart and sword to the vindication of his rights“[5]. Hier bekennt er ritterliche Tugenden. Er vermacht sein Herz und sein Schwert einem Ziel. Bestek sieht den mittleren Helden als „eine Reflektorfigur: eine Person, die denkt, fühlt und wahrnimmt und in deren Wahrnehmung der Leser unmittelbar Einblick erhält“[6]. Die Widmung seines Herzens und seines Schwertes deutet den Wunsch Waverleys an, ein romantischer Held zu werden, wie es die Helden seiner Jugend in den Erzählungen waren. Er übersieht, dass er „ohne feste politische Bindung in den Strudel der Ereignisse“[7] gerät und droht, darin zu versinken.

Kurz darauf, am Vorabend des Kampfes der Highlander, zeigt Waverley Gefühle, die wenig zu einem pflichtbewussten Soldaten passen, der für die Ziele seines Herrn in den Tod geht. Hier zeigt Waverley wieder seine mittlere Position zwischen den Parteien:

’How many of these brave fellows will sleep more soundly before to-morrow night, Fergus!’ said Waverley, with an involuntary sigh. ‚You must not think of that,’ answered Fergus, whose ideas were entirely military. ‚You must only think of your sword, and by whom it was given. All other reflections are now too late.’[8]

Fergus verkörpert in dieser Szene den wahren Soldaten. Er erinnert Waverley an die Tugend des Soldaten, sich seiner Sache zu opfern, und er verhindert die Gedanken an die Grauen, die im Kampf auf den Soldaten zu kommen. Waverley ist hier jedoch kein guter Soldat, da er Zweifel am Kampf hegt, beziehungsweise die Grausamkeit des Kampfes sieht und dessen Wert in Frage stellt. Im Militär allerdings werden keine Fragen gestellt, sondern Befehle befolgt.

Waverleys innere Einstellung scheint nicht für einen Soldaten passend. Dies wird von dem Seitenwechsel Waverleys und von seinen romantischen Vorstellungen deutlich.

2.2. Pescara

Im Gegensatz zu Waverley ist Pescara kein Soldat, sondern deren Anführer: ein Feldherr. Jedoch muss hier beachtet werden, dass Pescara in der Novelle Die Versuchung des Pescara eine andere Stellung einnimmt als Waverley bei Scott. Er ist Befehlshaber – immer noch ein Soldat, jedoch ein Soldat mit einer ungleich größeren Verantwortung. Er muss Entscheidungen treffen, die auch die Politik betreffen. Somit ist Pescara nicht nur seinem Soldaten-Ethos verpflichtet, sondern er handelt im politischen Rahmen seiner Umwelt. Hier gilt es jedoch zu zeigen, inwiefern Pescara als ein Soldat anzusehen ist.

Pescara nicht als das anzusehen, was er ist – nämlich ein Soldat im Dienste seines Herrn – ist auch der Fehler derjenigen, die ihn versuchen wollen. So geht Morone davon aus, dass Pescara mehr auf ein nationales Gefühl und seine Herkunft geben würde, als auf seinen Treueschwur, wenn er seinen Plan begründet:

Pescara ist unter uns geboren. Er hat Spanien niemals betreten. Die herrlichste Italienerin ist sein Weib. Er muß Italien lieben. [...] nehmen wir den größten Sohn der Heimat und ihren einzigen Feldherrn in Anspruch.[9]

Zu diesem Irrtum kommt der Fehler, dass ein Soldat keine eigenen Ziele kennt, sondern versucht, seine Ziele durch Befehle zu erreichen. Morone geht jedoch von einer Selbstsucht bei Pescara aus, die diesen dazu verpflichten müsste, für sich eine Krone haben zu wollen:

Möchte er sie, als der Größte unserer Geschichte, fassen und ergreifen, diese ideale Krone, nach welcher schon so manche Hände und die frevelhaftesten sich gestreckt haben![10]

Pescara selbst gibt deutlich zu erkennen, dass er der Treue zu seinem Herrn verpflichtet ist. Ein Zeichen, warum Pescara zu einem großen Feldherrn wurde, ist seine Gewissenhaftigkeit, die sich selbst zeigt, als er die Folgen eines etwaigen Verrates bedenkt. „Pescara zählte an den Fingern“[11] und errechnet, wer alles sterben müsse, um die ihm vorgeschlagenen Ziele zu erreichen. Ebenfalls zeichnet Pescara aus, dass er selbst seine Feinde achtet, denn „er hatte eine Art Zärtlichkeit für die Schweizer [...] obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß´einer Schweizerlanze verdankte“[12]. Dieser Aspekt seines Charakters zeigt auch auf die Heiligkeit des Pescara – am Ende vergibt er seinem Mörder, schenkt ihm sogar sein Geld. Dieser Großmut erhebt ihn jedoch über Soldatentum und zeigt seine erhabene Stellung. Ein einfacher Soldat erkennt im Falle seines Todes wohl eher die Notwendigkeit, seine Sachen den Kameraden zu hinterlassen, als den Gegnern, von denen er wohl weiß, was sie empfinden, zu helfen.

Pescara wird durch seine Treue zu seinem Kaiser ausgezeichnet. Zwar könnte „ein Feldherr [...] sich zum Vater einer Nation machen, müßte aber den Treueschwur zu seinem Kaiser brechen“[13]. Da jedoch Pescara das Ethos des Soldaten ernst nimmt und nur durch Standfestigkeit zu seinem Ruhm gelangt ist, bleibt er treu. Aber er gibt sich auch als Feldherr mit Weitsicht zu erkennen: „Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend ist die Gerechtigkeit.“[14] Er will Mailand nicht schleifen. Durch diese Gerechtigkeit zeigt Pescara, warum er nicht nur ein Soldat, sondern auch ein Feldherr, der Soldaten befehligt, geworden ist!

[...]


[1] Brown, David: Walter Scott and the historical imagination. London, Boston, Henley: Routledge and Kegan Paul 1979, S. 6.

[2] Scott, Walter: Waverley; or, ’tis sixty years since. repr. London: Penguin 1985 (=Penguin Classics), S. 57.

[3] Ibd., S. 53.

[4] Bestek, Andreas: Geschichte als Roman. Narrative Techniken der Epochendarstellung im englischen historischen Roman des 19. Jahrhunderts: Walter Scott, Edward Bulwer-Lytton und George Eliot. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 1992 (=Horizonte 11), S. 19.

[5] Scott, Walter: Waverley, S. 295.

[6] Bestek, Andreas: Geschichte als Roman, S. 19.

[7] Ibd, S. 20.

[8] Scott, Watler: Waverley, S. 336.

[9] Meyer, Conrad Ferdinand: Die Versuchung des Pescara. Stuttgart: Reclam 1998, S. 23.

[10] Meyer: Pescara, S. 24.

[11] Ibd., S. 68.

[12] Ibd., s. 69.

[13] Simon, Ralf: Dekonstruktiver Formalismus des Heiligen. Zu C.F. Meyers Novellen „Der Heilige“ und „Die Versuchung des Pescara“. in: Zeitschrift für Deutsche Philologie, 116 (2) 1997, S. 243.

[14] Meyer: Pescara, 100.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Soldatenmotiv in Walter Scotts 'Waverley; or, 'tis sixty years since' und Conrad Ferdinand Meyers 'Die Versuchung des Pescara'
Hochschule
Universität Trier  (FB II Germanistik)
Veranstaltung
Historisches Erzählen in der deutsch- und englischsprachigen Literatur
Note
3,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V146429
ISBN (eBook)
9783640579211
ISBN (Buch)
9783640579174
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Sie arbeiten einige Unterschiede zwischen Edward Waverley und Pescara heraus [...]"
Schlagworte
Conrad Ferdinand Meyer, Walter Scott, Waverley, Die Versuchung des Pescara, Historisches Erzählen, Soldatenmotiv, Kulturflucht
Arbeit zitieren
Christoph Höbel (Autor), 2005, Das Soldatenmotiv in Walter Scotts 'Waverley; or, 'tis sixty years since' und Conrad Ferdinand Meyers 'Die Versuchung des Pescara', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146429

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