Marie Marvingt. Die Mutter der Luftambulanz


Fachbuch, 2010
71 Seiten

Leseprobe

Als „Mutter der Luftambulanz“ kann man guten Ge- wissens die französische Krankenschwester, Sport- lerin und Pilotin Marie Marvingt (1875-1963) be- zeichnen. Sie hatte als Erste die Idee zur Rettung und medizinischen Versorgung von Verwundeten und Kranken aus der Luft. Allerdings musste sie lange dafür kämpfen, bis ihr Vorschlag endlich verwirklicht wurde. Ihr gebührt auch die Ehre, als erste Frau mit einem Ballon von Frankreich über die Nordsee nach England geflogen zu sein.

Marie Félicie Élisabeth Marvingt kam am 20. Februar 1875 gegen 18.30 Uhr in Aurillac in der Auvergne (Département Cantal) zur Welt. Ihr Vater Félix Constant Marvingt war damals 48 Jahre alt, ihre Mutter Élisabeth Brusquin 32. Ihre Eltern hatten am 16. Juli 1861 in Metz an der Mosel geheiratet. Der Vater arbeitete als Postmeister in Metz, verließ diese Stadt aber 1870 nach der deutschen Besetzung.

Der sehr sportliche Vater versuchte erfolglos, mit seinem Sohn Eugène (1878-1897), dem drei Jahre jüngeren Bruder von Marie, seine Leidenschaft für den Sport zu teilen. Doch Eugène kränkelte seit seiner Geburt, weswegen der Vater immer mehr seine Tochter Marie sportlich förderte.

Von 1880 bis 1889 lebte die Familie Marvingt wieder in Metz (Lothringen), das damals zu Deutschland gehörte. Es heißt, Marie sei als Kind ein wahrer Wildfang gewesen. Bereits im Alter von fünf Jahren konnte sie 4.000 Meter weit schwimmen. Mit elf Jahren nahm sie an Radrennen teil. In Metz besuchte sie die Privatschule „Sainte-Chrétienne“.

Im Alter von 14 Jahren betrauerte Marie den Tod ihrer Mutter. Danach verließ sie die Privatschule in Metz, zog mit ihrem Vater und ihrem Bruder nach Nancy ins Département Meur- the-et-Moselle (Lothringen) und versorgte deren Haushalt. In

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Marie Marvingt bezwang als erste Frau den 4.013 Meter hohen Berg Dent du Géant („Zahn des Riesen“). Foto: Bertubertu / CC-BY-SA3.0 (via Wikimedia Commons), lizensiert unter Creative Commons-Lizenz by-sa-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode ihrer Freizeit las sie begeistert Bücher über Entdecker und Forscher. Dank ihres sportlichen Vaters betätigte sich die attraktive Marie in erstaunlich vielen Sportarten.

Als der „Circus Rancy“ 1890 in Nancy gastierte, bettelte die 15-jährige Marie ihren Vater, er solle ihr erlauben, einige Kunststücke der Artisten zu erlernen. Mit Zustimmung ihres Vaters übte sie dann Jonglieren, Seiltanzen, Trapezturnen und Kunststücke auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes. Direktor Alphonse Rancy, ein gefeierter Kunstreiter, brachte ihr persönlich so manches bei.

1890 fuhr Marie mit einem Boot auf der Meurthe, einem Nebenfluss der Mosel, und der Mosel selbst rund 400 Kilo- meter weit von Nancy nach Koblenz am Rhein in Deutsch- land. Ihr Bruder Eugène starb 1897 in jungen Jahren. 1899 erwarb sie den Führerschein für Automobile. Von Heirat und Hausarbeit wollte die junge Frau mit kurzen Haaren und markanter Nase nichts wissen. Sie sei mehr an Bergsteigen interessiert als an Geschirrspülen, erklärte sie. Auf Fotos machte sie - sei es in Fliegermontur, in hellem Pullover und dunkler Hose auf Skiern im Schnee oder mondäne Dame im Pelzmantel mit Perlenkette - immer eine gute Figur.

Mit 25 Jahren wurde Marie Marvingt 1900 französische Schieß- meisterin. 1901 flog sie erstmals in einem Freiluft-Ballon mit. Zwischen 1903 und 1910 entwickelte sie sich zur Weltklasse- Bergsteigerin. Sie bezwang die meisten Gipfel in den franzö- sischen und schweizerischen Alpen sowie als erste Frau den 3.096 Meter hohen Buet und den 4.013 Meter hohen Dent du Géant („Zahn des Riesen“). An einem Tag unternahm sie zusammen mit Bergführern der Familie Payot aus Chamonix sogar zwei Aufstiege. Einer davon führte sie zum 3.445 Meter hohen Berg Aiguille des Grands Charmoz im Mont-Blanc-

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Französischer Flieger Roger Sommer (1877-1965), Foto: Library of Congress, Washington, Prints and Photographs Division, Urheber: Bain News Service Massiv und der andere zum Grépon Pass. Für das Klettern erfand sie die praktische Rockhose.

Im Sommer 1906 schwamm Marie Marvingt bei einem Wettbewerb in der Seine rund 12,5 Kilometer weit innerhalb von vier Stunden elf Minuten 23 Sekunden durch Paris. Wegen der roten Farbe ihres Badeanzuges bezeichnete man sie in Zeitungen als „l’amphibie rouge“. Im Folgejahr 1907 schwamm sie bei einem Wettbewerb in Toulouse etwa 20 Kilometer weit im Meer und wurde Siegerin. Damals galt sie als beste Schwimmerin in Frankreich.

Mit einem französischen Armee-Karabiner beteiligte sich Ma- rie Marvingt 1907 an einem internationalen militärischen Wett- schießen und ging als Sieger hervor. Sie war die einzige Frau, die jemals den Preis „Palms du Premier Tireur“ („First Gunner Palms“) des französischen Kriegsministers erhalten hat. Am 19. Juli 1907 steuerte Marie Marvingt erstmals allein einen Freiluft-Ballon. Als 23-Jährige radelte sie 1908 bei der „Tour de France“ mit, obwohl dies Frauen damals nicht erlaubt war. In Chamonix (Frankreich) gewann sie von 1908 bis 1910 mehr als 20 Preise in verschiedenen Wintersportarten.

Nach einem Besuch der Flugzeugfabrik der Brüder Gabriel Voisin (1880-1973) und Charles Voisin (1882-1912) in Châ- lons interessiert sich Marie Marvingt für den Motorflug. Wäh- rend eines Einsatzes als Journalistin bei einer Luftfahrt-Veran- staltung begegnete sie im September 1909 dem französischen Luftfahrtpionier Roger Sommer (1877-1965). Mit ihm zusam- men wagte Marie ihren ersten Motorflug. Danach gehörte sie zu den ersten Frauen in Frankreich, die Flugstunden nahmen. Für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit sorgte Marie Mar- vingt am 26. Oktober 1909. Damals fuhr sie - zusammen mit Émile Garnier - als erste Frau mit dem Freiluft-Ballon „Létoile filante“ („Shooting Star“) über die Nordsee nach England. Darüber veröffentlichte sie 1910 in der „Deutschen Zeitschrift für Luftfahrt“ einen spannenden Bericht mit dem Titel „Sturmfahrt im Ballon über die Nordsee“.

Bei dieser abenteuerlichen Luftreise fiel plötzlich die Tempe- ratur und es fing an, wie im Winter zu schneien und zu stürmen. Teile des Ballons vereisten und die beiden Insassen zitterten trotz ihrer dicken Pelze vor Kälte. Immer wieder erfolgten steile Abstiege des Ballons, bei denen das tobende Meer gefährlich nahe kam, und steile Aufstiege. Schließlich wasserte der Korb des Ballons sogar. Gleich nach dem Aufsetzen schlug eine schätzungsweise zehn Meter hohe Wasserwand an den Korb und zischend ergoss sich das Meerwasser über die beiden Insassen. Während dieser bangen Momente erinnerte sich Marie an ihren Beinamen „Braut der Gefahr“, den ein alter Freund von ihr geprägt hatte.

Der jäh aus der Dunkelheit auftauchende Ballon jagte der Besatzung eines Fischerbootes in der Nordsee regelrecht Todesangst ein. Später zog in unmittelbarer Nähe des Ballons der Umriss eines Schiffes vorbei. Stundenlang wurden die beiden Ballonfahrer auf den Wellen hin und her geworfen. Plötzlich erblickten sie Bojen und am Horizont das Feuer eines Leuchtturms. Die Rettung schien nahe. Nur noch steile Klippen versperrten den Weg an Land. Wie durch ein Wunder wurde der Ballon mitsamt Korb von einer heftigen Windböe erfasst und über den felsigen Uferrand getragen. Bei der Landung wurde Marie aus dem Korb in ein Gebüsch geschleudert. Danach gewann der leichter gewordene Ballon mitsamt Passagier wieder an Höhe, blieb dann aber doch an einer Eiche hängen. Nach einem Kilometer Fußmarsch kam Marie durchnässt, frierend und verdreckt im nächsten Ort an. Später traf auch ihr Passagier dort ein.

Am 25. Januar 1910 gewann Marie Marvingt bei der Damen- Bob-Weltmeisterschaft den „Coupe Léon Auscher“ („Leon Auscher Cup“). Der frühere Wagenbauer und Autorennfahrer Léon Auscher (1866-1942) widmete sich damals bereits der Schriftstellerei und der Entwicklung des Berg- und Winter- tourismus.

Erstaunliches vollbrachte Marie Marvingt auch mit dem Fahrrad. Einmal fuhr sie mit dem Rad von Nancy (Frankreich) nach Neapel (Italien), um dort einen Ausbruch des Vulkans Vesuv zu bewundern.

Mitte März 1910 erhielt Marie Marvingt von der französischen „Académie des Sports“ eine Medaille „pour tous les sports“ (für alle Sportarten). Eine solche Medaille konnte vor und nach ihr kein anderer Sportler in Frankreich entgegenneh- men.

Am 10. Juni 1910 erwarb Marie Marvingt die Ballonfahrer- Lizenz (Lizenz Nr. 145 des „Aéro-Club de France“). Der französische Pilot Hubert Latham (1883-1912) brachte ihr in einem schwer zu fliegenden Eindecker des Typs „Antoinette“ das Fliegen mit einem Motorflugzeug bei. Ihre Prüfung legte sie bei Châlons in der Champagne ab. Als weltweit dritte Frau erhielt sie am 8. November 1910 in Frankreich die Piloten- lizenz (Lizenz Nr. 281 des „Aéro-Club de France“). Vor ihr hatten 1910 - ebenfalls in Frankreich - Raymonde de Laroche (1884-1919) die Lizenz Nr. 36 und Marthe Niel (1878-1928) die Lizenz Nr. 226 erworben. Bereits 1910 trug Marie erstmals französischen Behörden ihre Idee einer Luftambulanz vor.

1910, 1911 und 1912 galt Marie Marvingt zeitweise als An- wärterin auf den Gewinn des „Coupe Fémina“ („Fémina- Erste Fliegerin in Frankreich:

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Raymonde de Laroche (1884-1919). Sie erhielt ihre Pilotenlizenz am 8. März 1910. Foto: Library of Congress, Washington, Prints and Photographs Division, Urheber: Bain News Service

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Zweite Fliegerin in Frankreich: Marthe Niel (1878-1928). Sie erwarb ihre Pilotenlizenz am 19. September 1910. Foto: Archiv Dr. Dave Lam, Everberg, Belgien

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Hélène Dutrieu (1877-1961) Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Bain News Service Pokal“). Dieser Pokal war von Pierre Lafitte (1872-1938), dem Herausgeber der französischen Frauenzeitschrift „Fémina“, zu Ehren weiblicher Piloten gestiftet und mit 2.000 Francs dotiert worden. Er sollte jeweils der französischen Fliegerin zugesprochen werden, die bis zum Jahresende in Frankreich die weiteste Flugstrecke ohne Zwischenlandung schaffte. Am 27. November 1910 flog Marie in Mourmelon 53 Kilometer weit in 53 Minuten. Doch Hélène Dutrieu (1877-1961) übertrumpfte sie am 22. Dezember 1910 mit 167,2 Kilometern in 2 Stunden 35 Minuten und am 31. Dezember 1910 sogar mit 254 Kilometern. In Turin (Italien) stellte Marie 1911 mit einer Flugstrecke von 40 Kilometern den Damen-Weltrekord im Weitfliegen auf. Entgegen verschiedener Aussagen in der Literatur hat sie aber nie den „Coupe Féminia“ gewonnen. Der Pokal ging auch 1911 an Hélène Dutrieu und 1913 an Raymonde de Laroche. Im Jahre 1912 wurde dieser Pokal nicht vergeben.

Die französische Armee-Führung hielt zunächst nichts von dem Vorschlag von Marie Marvingt, man solle verletzte und kranke Soldaten aus der Luft versorgen. 1912 ließ Marie in der Flugzeugfabrik „Société de Production des Aéroplanes Deperdussin“ („SPAD“) von Armand Deperdussin (1860- 1924) ein Flugzeug nach ihren Plänen bauen und ausrüsten. Doch diese Maschine ist nie ausgeliefert worden. Denn Mitte August 1913 wurden betrügerische Praktiken von Deperdussin bekannt. 1917 verurteilte man den Unternehmer zu fünf Jahren Gefängnis. Deswegen geriet Deperdussin in Finan- zierungsprobleme. Er musste nicht nur die in Konkurs geratene Firma „SPAD“ verkaufen“, sondern verlor auch seinen Wohnsitz auf Château des Barilliers in Chambray-lès- Tours. Die Flugzeugwerke „SPAD“ wurden 1921 vom

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Marie Marvingt (1875 -1963), Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, Urheber: Bain News Service

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Details

Titel
Marie Marvingt. Die Mutter der Luftambulanz
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V146463
ISBN (eBook)
9783640573561
ISBN (Buch)
9783656869184
Dateigröße
3094 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Marie Marvingt, David Lam, Ernst Probst, Fliegerin, Pilotin, Fliegerinnen, Pilotinnen, Fliegerei, Luftfahrt, Frauenbiografien, Biografien, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Marie Marvingt. Die Mutter der Luftambulanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146463

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