Die phantastischen Erzählformen im Kapitel "Landeskunde" in Uwe Timms Werk “Morenga”


Seminararbeit, 2010
10 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2.1 Gegenüberstellung Deutsche und Eingeborene
2.2 Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umgebung

3. Das Scheitern der Einzelnen

4. Fazit

Bibliographie:

1. Einleitung

Uwe Timms Roman “Morenga” war bei seiner Publikation im Jahre 1987 der erste Roman, der sich kritisch mit der deutschen Kolonialherrschaft beschäftigte und damit zu Beginn der Achtzigerjahre eine zögerliche und zudem längst überfällige Auseinandersetzung mit diesem Aspekt der deutschen Geschichte einläutete (vgl. Wilke, 335). Der Roman bietet jedoch nicht nur inhaltlich etwas zur damaligen Zeit völlig neues, sondern zeichnet sich auch durch seinen Montagecharakter aus, den Hielscher in seinem Essay durch die Verknüpfung als auch Konfrontation folgender drei Erzählformen definiert: „der psychologische Entwicklungs-roman, der Dokumentarroman im engeren Sinne und die phantastischen Erzählformen der oralen Erzähltradition und des lateinamerikanischen Romans“ (Hielscher, 463). Gerade auf die letzte der genannten Erzählformen, welche vor allem in den mit „Landeskunde“ betitelten Kapiteln zum Ausdruck kommt, soll in der vorliegenden Arbeit eingegangen werden. Insbesondere soll sich in diesem Zusammenhang dem Thema gewidmet werden, inwiefern es den deutschen Neuankömmlingen wie Gorth, Klügge und Treptow gelingt, sich in der für sie neuen Umgebung zurechtzufinden und welche Rolle Timm dabei dem Land an sich zuweist.

In einem ersten Schritt soll dazu eine kurze Gegenüberstellung von den Deutschen zu den Eingeborenen und der jeweiligen Beziehung zum Ort des Geschehens erstellt werden um zu verdeutlichen wie diese Verhältnisse im Buch dargestellt werden. Im Anschluss werden die drei in den Landeskunde-Kapiteln beschriebenen Personen und ihr Werdegang im Verlauf des Buches genauer analysiert, wobei sowohl ihre persönliche Einstellung gegenüber der neuen Kultur als auch die darauf folgende Gegenwirkung in Betracht gezogen werden. Schließlich wird in einem Fazit zusammengefasst, welche Rolle die Deutschen mit ihrem Schaffen in Afrika einnehmen und wie ihr Scheitern zu erklären ist.

2.1 Gegenüberstellung Deutsche und Eingeborene

Timm leistet durch seinen Roman eine “Gegenüberstellung der kolonialistisch instrumentierten Herrschaftsgesten […] mit einem ‚Anderen’“ (Hielscher, 464), wobei das „Andere“ vor allem das Handeln und Denken der Eingeborenen, sowie andere Aspekte des Landes an sich bezeichnet. Diese Gegenüberstellung erfasst die Deutschen auf den ersten Blick als die Kolonisatoren, die meist abhängig von Hierarchieverhältnissen und langen Dienstwegen sind. Die Eingeborenen dagegen sind in ihren Stämmen meist gleichberechtigt, abgesehen vielleicht von Stammesführern. Auch Frauen haben bei ihnen Rechte, wie den Deutschen auffällt. Während die Deutschen Konkurrenzverhalten als „de[n] Antrieb jeder wirtschaftlichen Entwicklung“ (Timm, 359) bezeichnen, kennen die Nama so etwas nicht und verlassen sich stattdessen auf das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Nächstenliebe. Auch in der Kriegsführung sind die Deutschen und die Eingeborenen oppositioniert. Die Deutschen zählen auf große Manöver, die vorher lange geplant werden und mit großer Maschinerie und Menscheneinsatz ausgeführt werden. Fast immer sind sie dabei aber kleinen Gruppen von Eingeborenen unterlegen, die sich in der Landschaft auskennen und durch ihre Guerilla-Kriegsführung erfolgreicher sind. Zudem scheinen die Nama das Land, in dem sie leben, mehr zu achten und dadurch offen zu sein für ein fast schon magisches Verhältnis zum Land, Tieren und anderem Übernatürlichen. So können sie an den Wolken das Wetter ablesen, aber auch mit Ochsen reden und Geister beschwören (zumindest eine ältere Frau ist dazu in der Lage). Hielscher geht in seinem Essay insgesamt so weit zu sagen, dass der „Code“ der Nama für eine „andere Erzähltradition und eine sinnlich geprägte Weltauffassung steht“. Dieser und der rationalistische Code der Kolonisation kreuzten sich in Gottschalk, der als der wichtigste Charakter der Romans eine Entwicklung durchmacht bei der er sich immer weiter von seinen Landsleuten und deren Kultur entfernt und sich immer mehr zu den Eingeborenen hingezogen fühlt. Er möchte die beiden Diskurse jedoch nicht austauschen, sondern den eigenen durch den neuen, anderen erweitern. Am Ende gelingt ihm dies laut Hielscher aber nicht. Dafür hat er seinen eigenen Diskurs verändert (vgl. Hielscher, 464 f.).

Trotz dieser, auf den ersten Blick eindeutigen Gegensätzlichkeit von Invasierenden und Invasierten muss jedoch betont werden, dass die Rollen in diesem Buch nicht ganz so klar verteilt sind, wie man es vielleicht von einem kritischen Roman erwarten würde. Timm macht zwar deutlich, dass es sich um einen „unbarmherzige[n] Raub- und Vernichtungskrieg der weißen Eindringlinge“, sowie um einen bewusst inszenierten Krieg handelt „um endlich ihren Siedlern mehr Land zu verschaffen“ (Hermand, 55) handelt. Trotzdem wird dies nicht so radikal dargestellt, wie es hätte erwartet werden können, sondern vielmehr im Sinne eines „kritischen Realismus“ (ebd., 55), der die Leser zu Eigenengagement auffordern soll. So hat der Roman also trotz aller Sympathien für die eingeborene Bevölkerung nichts wirklich Appellatives (vgl. ebd., 55). Stattdessen kann man bei näherer Betrachtung feststellen, dass die Grenzen zwischen den beiden verschiedenen Gemeinschaften nicht so eng sind, wie man annahm. So sind die Eingeborenen nicht fehlerfrei, sondern verfallen immer wieder dem Alkohol, beuten für Geld auch ihr eigenes Land aus (töten sogar den letzten Vogel Strauss für seine Federn, nur um vom Erlös wieder Branntwein kaufen zu können) und missachten das Eigentum anderer. Zudem können sie auch sehr hinterhältig sein und auch wenn Hielscher behauptet, dass die Kolonisatoren bei der Kriegsführung als „die deutlich Barbarischeren“ erscheinen, gibt es auch Situationen, in denen die Schwarzen im Krieg nicht gerade vor Niedertracht zurückschrecken; so z.B. bei der ersten Großoffensive, bei der die Deutschen in einem Tal eingekreist werden und die Hottentotten sie durch Versprechungen ins Feuer locken (vgl. Timm, 93). Die Deutschen sind im Gegenzug auch nicht ausnahmslos niederträchtig. Viele von ihnen finden zwar nur Spott für die Sprache der Eingeborenen, doch dienen gerade Figuren wie Gottschalk und Wenstrup dem Beweis, dass es auch andere Ansichten gibt. Beide geben sich Mühe, die Sprache der Nama zu lernen (wenn auch aus verschiedenen Beweggründen) und gerade Gottschalk bemüht sich immer wieder, den Eingeborenen zu helfen. Viele der anderen Deutschen verfallen wie auch die Eingeborenen dem Alkohol, da sie mit den neuen Lebensumständen nicht zurecht kommen. Insgesamt herrscht also eine Hybridität, durch die die Grenzen zwischen Invasierenden und Invasierten immer unklarer werden. Dem Leser wird also vermittelt, dass reines Schwarzweiß-Sehen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen muss.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die phantastischen Erzählformen im Kapitel "Landeskunde" in Uwe Timms Werk “Morenga”
Hochschule
National University of Ireland, Maynooth  (Department of German)
Veranstaltung
M.A. course "New Trends in German Literature"
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V146518
ISBN (eBook)
9783640559565
ISBN (Buch)
9783640559206
Dateigröße
1005 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Morenga, Uwe Timm, Timm, Afrika, Kolonialliteratur, Gorth, Klügge, Treptow, Kolonien, Landeskunde
Arbeit zitieren
Ilona Sontag (Autor), 2010, Die phantastischen Erzählformen im Kapitel "Landeskunde" in Uwe Timms Werk “Morenga”, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146518

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