Sozialplanung, soziale Planung oder Planung des Sozialen - Ein Verfahren unter Einfluss von Staat, Markt, Politik und moralischer Grundhaltung


Magisterarbeit, 2009
116 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann
2.1. Die funktional-strukturelle Methode
2.2. Die Theorie sozialer Systeme
2.2.1. Allgemeines zur Theorie sozialer Systeme
2.2.2. Systemklassifizierungen
2.3. Das Verfahren als soziales System

3. Sozialplanung als soziales System I
3.1. Planung in systemtheoretischer Perspektive
3.2. Erste Ansätze auf dem Weg zur Bestimmung als soziales System
3.3. Sozialplanungsprozesse
3.4. Sozialplanung als Verfahren

4. Strukturelle Kopplung zu und zwischen den Funktionssystemen

5. Strukturelle Kopplung zu Politik
5.1. Politik zwischen Staat und Bürger
5.2. Politische Theorie und Wohlfahrtsstaat
5.3. Politische Planung
5.4. Politik, Verwaltung, Publikum im Kontext von Sozialplanung
5.5. Sozialplanung und das politische System

6. Strukturelle Kopplung zum Recht
6.1. Gesetzliche Bestimmungen
6.2. Positives Recht
6.3. Subjektive Rechte
6.4. Sozialplanung und das Recht

7. Strukturelle Kopplung zur Wirtschaft
7.1. Das Knappheitsparadox
7.2. Der Markt
7.3. Organisationen
7.4. Kontraktmanagement
7.5. Sozialplanung und Wirtschaft

8. Strukturelle Kopplung zur Wissenschaft
8.1. Technologie
8.2. Sozialberichterstattung
8.2.1. Kommunale Sozialberichterstattung
8.2.2. Quantitative Erhebungen
8.2.3. Qualitative Erhebungen
8.3. Sozialplanung und die Wissenschaft

9. Strukturelle Kopplung zur sozialen Hilfe
9.1. Soziale Hilfe als Funktionssystem
9.2. Soziale Integrationsarbeit und professionelles Handeln
9.3. Sozialplanung und soziale Hilfe

10. Strukturelle Kopplung zum Bewusstsein

11. Die Moral
11.1. Das Moralische
11.2. Die Kultur der Professionalität

12. Das soziale Systems Sozialplanung II
12.1. Systemreferenz
12.2. Das organisierte Sozialsystem Sozialplanung
12.3. Die Methoden der sozialen Arbeit als Reflexion der Differenz
12.4. Sozialplanung und sozialer Wandel

13. Schluss

14. Literaturverzeichnis

15. Internetquellen

1. Einleitung

Der Titel dieser Arbeit lautet: „Sozialplanung, soziale Planung oder Planung des Sozialen - ein Verfahren unter Einfluss von Staat, Markt, Politik und moralischer Grundhaltung.“ Diese Betitelung ist Resultat von Vorüberlegungen. Aufgrund temporärer Fristen war der Autor gezwungen, die Titulierung zu einem Zeitpunkt festzulegen, an dem der Erkenntnisstand nicht der letztlich bis zum Ende gedachten Position entsprach. Er ist ein reiner Arbeitstitel, der aufgrund der angewandten Methode und der theoretischen Aufarbeitung anders bestimmt werden müsste. Da wir diesen Text in seiner Funktion als Sinn vermittelndes Medium betrachten und die Erkenntnis nicht zum damaligen Zeitpunkt voraussetzen konnten, sondern sie uns erst erarbeiteten, ist der eigentliche Titel am Ende zu finden.

Die Betrachtung und Analyse der Gesellschaft, der Menschen, der Organisationen kann auf vielfältige Weise vollzogen werden. Der Beobachter wählt einzelne Elemente aus, betrachtet Handlungsvollzüge, Fallbeispiele oder etwa Strukturen, die sich im Laufe der Geschichte durchgesetzt haben. Gleichzeitig interessieren ihn Mechanismen der Konstruktion von Reali- tät, Motive der Prioritätensetzung, Krisensituation. Je nach dem was als Analysefeld dient - der Wissenschaftler übt sich in einer objektiven Perspektive. Es interessieren ihn Was- und/oder Wie-Fragen.

In dieser Schrift wird ein soziales System beschrieben. Sozialplanung, wie es aus dem vorangestellten Zitat hervorgeht, ist mit vielerlei Akteuren, Perspektiven und Prioritäten konfrontiert. Die Beobachtung von Planenden könnte Thema einer soziologischen Analyse sein. Ich wechsle die Perspektive und beobachte nicht die Planenden, sondern ein planendes System. Damit stelle ich in erster Linie die Wie-Frage. Eine Beobachtung von Planenden würde den Fokus zunächst auf die Was-Frage legen. Was ist denn hier der Fall und darauf folgend, wie stellt sich dieser dar. Mit dem Fokus auf die Wie-Frage wechselt der Beobachter seine Perspektive: Wie lässt es sich denn planen? Wie gestalten die verschiedenen Akteure eine Sinnwelt als planendes System? In der Folge lässt sich dann die Was-Frage beantworten, die aber eine eigene wissenschaftliche Aufbereitung verlangt.

Daher interessieren uns nicht in erster Linie die Subjekte. Jedes hat die Möglichkeit zu planen: seinen Tagesablauf, seinen Urlaub, seine Handlungen und Verhaltensweisen bei der Bewältigung der Anforderungen, welche die Gesellschaft, die Organisationen und letztlich es an sich selbst stellt. Es gibt, dies lässt sich aus der Praxis berichten, Sozialplaner.

In der deutschsprachigen Diskussion wird der Begriff “sozial“ bzw. das “Soziale“ mehrdeutig verstanden. Sozial meint gesellschaftlich, das Soziale meint Gesellschaft. Des Weiteren ist dieser Begriff mit einem Duktus besetzt, der mit einer normativen Konnotation gleichgesetzt werden kann. (vgl. Ortmann, 2002, S. 403). Das Begriffspaar “Planung“ und “sozial“, wel- ches bereits seit den 70er Jahren in der deutschsprachigen Debatte vielfältig diskutiert wird, kann nicht ohne Weiteres einer Stelle, einer Person oder einem sozialen System zugeordnet und eindeutig bestimmt werden. Der Text strebt eine Klärung dieses Begriffspaares an.

Als Grundlage der soziologischen Analyse dient Niklas Luhmanns “Theorie der sozialen Sys- teme“ sowie seine Gesellschaftstheorie. Eine angewandte Theorie ist aber nicht gleich Me- thode. Wir verwenden in dieser Tradition die funktionale Methode. Doch damit sind wir schon mitten in der Diskussion, die im Folgenden zunächst die Art und Weise der Betrach- tung vorstellt.

2. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann

2.1. Die funktional-strukturelle Methode

Niklas Luhmann versucht mit seiner Theorie, die beiden Klassifikationen Struktur und Funk- tion in eine Beziehung zu setzen, die auf den ersten Blick etwas unwirklich erscheint. Alltags- sprachlich gehen Beobachter davon aus, dass bestimmte Funktionseinheiten einer Gesell- schaft wiederum ihnen spezielle Funktionen übernehmen. Versicherungen versichern und tilgen entstanden Schaden, Polizisten sichern am Tatort Beweise, Ärzte kümmern sich um die Heilung erkrankter Lebewesen. Diese Betrachtung ist nicht falsch, sie übergeht nur, dass sich die Welt aus Kontingenten zusammensetzt. Wo wären wir denn heute, wenn die Dampfma- schine nicht erfunden wäre, der Buchdruck nicht zur Ausbreitung von Wissen geführt hätte, oder aber auf die obigen Beispiele bezogen, es keine Ausfallentschädigungen gäbe, keine Tatortprotokolle als Grundlage für die Rechtsprechung herangezogen werden könnten oder wir noch nicht die Möglichkeiten der aktiven Regulierungen lebensgefährdender Auswirkun- gen der Umwelt auf die Menschen steuern könnten. Es wird einem schnell klar, dass es be- sonderer Aufmerksamkeit verdient, sich von Was- auf Wie-Fragen umzustellen, um somit die Analyse der Gesellschaft voranzutreiben. So will die funktionale Analyse eben die Relationie- rungen aufbereiten, die sich aus Gegebenen herausfiltern lassen. Das Vorhandene ist kontin- gent und Verschiedenartiges lässt sich als vergleichbar auffassen. (vgl. Luhmann, 1984, S. 83 ff.) Der elementare Anhaltspunkt ist hierbei die zu analysierende und Erkenntnis unterstüt- zende Information, die dem Beobachteten entnommen wird, welche wiederum damit ihren eigenen Sinn erfährt. Nicht wie die Probleme gelöst werden ist von Interesse, sondern dass die Probleme gelöst werden können, auf welche Arten und Weisen, gilt es zu analysieren. Dabei wird der Versuch unternommen, Äquivalente aufzuzeigen und sie im Konkreten als aus- schließbar zu bestimmen, da sie eventuell der Funktion des Betrachteten wiedersprechen.

„In diesem Sinne ist die funktionale Methode eine vergleichende Methode, und ihre Einführung in die Realität dient dazu, das Vorhandene für den Seitenblick auf andere Möglichkeiten zu eröffnen.“(Luhmann, 1997a, S. 85)

Eine funktionale Analyse lässt sich den Ausführungen folgend in das System der Wissen- schaften verorten. Bezogen auf die Realität bzw. auf die Gesellschaft ist sie aber keineswegs nur innerhalb wissenschaftlicher Selbstreferenz möglich. Ihrem Anspruch nach lässt sie eine Analyse sozialer Systeme zu, wobei sie sich gleichzeitig mit den Systemen koppelt, um ihre Ergebnis für die Systeme handhabbar zu machen. Dabei wird das beobachtete System mit einer vielfältigen Kontingenz analysiert, welche ihrem eigenen Umstand nach sich nicht für das System auf den ersten Blick darstellt, und sich wohl auch auf den zweiten Blick nicht er- schließen lässt, es sei den eine Person die sich im System befindet, prüft und vergleicht ihre ihr ihm gegebene Umwelt mit der Aufmerksamkeit, die der einer wissenschaftlichen Analyse- fähigkeit gleich kommt.1 Der Vorteil eine funktionalen Analyse liegt im Vergleich zur Selbst- beobachtung des Systems dahingehend begründet, dass einerseits Relationen beobachtet wer- den, die sich dem System selbst nicht ergeben, zum anderen rückt sie andere Möglichkeiten, eben Äquivalente, in den Blick der Aufmerksamkeit. (vgl. Luhmann 1984, S. 89)

Der Soziologe ist aber in Folge dessen zu einer Beobachtungsebene gezwungen, die ein hohes Explorationsniveau verlangt. Er interessiert sich nicht für die Menschen, die handeln, planen oder etwa steuern, sondern ihn interessiert ein Unterscheiden und Bezeichnen einer bereits vollzogenen Unterscheidung und Bezeichnung. (vgl. Luhmann 1997b, S. 101) Dies lässt sich mit der Maskierung und Blickrichtung auf den Beobachter zweiter Ordnung bestimmen. (vgl. Luhmann 1997a, S. 151) Der Beobachter nimmt hierbei eine Relationierung vor, welche sich in der Darstellung von Ereignis und Prozess herausbildet. Es geht in einer zeitlichen Dimensi- on um ein Vorher und Nachher. Ziel hierbei ist es, zu vermeiden, dass die Realität nicht durch eine Realitätsillusion ersetzt wird. Dabei richtet er seinen Blick auf die operativen Bestim- mungsmöglichkeiten des Systems, welchem er seine Aufmerksamkeit widmet. Die System- elemente, hier Personen, nehmen ihrerseits eine Beobachtung erster Ordnung vor. Sie ent- scheiden sich, sie handeln, sie planen. Der Beobachter zweiter Ordnung setzt seine Beobach- tung auf einer “höheren“ Ebene an. Es könnte ja auch ganz anders sein. Eben an dieser Stelle erlangt die Suche nach Äquivalenten ihren analytischen, theoretischen aber auch praktischen Gehalt.

Damit haben wir schon auf den zentralen Begriff hingewiesen, der in der Benennung der hier dargestellten Methode seine Anwendung findet. Niklas Luhmann geht davon aus, dass es Sys- teme gibt. (vgl. Luhmann, 1984, S. 16) Diese Annahme zielt auf einen in erster Linie einfa- chen Sachverhalt, der jedoch bei genauerer Analyse die Komplexität der Betrachtung auf ein hohes elaboriertes Niveau hebt, dessen Anspruch sich diese Arbeit stellt. So denkt man etwa zunächst an Computersysteme, Systemkreisläufe oder etwa an das Gesundheitssystem. Das analytische Substrat ist genauer zu erläutern. Für die angewandte Methode gibt es ein System, welches über allem steht bzw. aus dem sich Untereinheiten entwickeln können. Diese Ausdif- ferenzierung, welche als Kernannahme der Systemtheorie Luhmannscher Prominienz anzuse- hen ist, auf die jedoch nicht im Allgemeinen eingegangen wird, lässt einen Mechanismus zu Tage treten, welcher wie folgt beschrieben werden kann. Systeme bilden sich demnach im Zuge einer wiedeholten Differenz von System und Umwelt im System heraus. Rein analytisch ist es somit vorstellbar, dass zahlreiche Subsysteme der Gesellschaft, die wiederum Subsys- teme erzeugen, sich herausbilden können bzw. bereits herausgebildet haben, wenn man die rein analytische Theoriebetrachtung verlässt und sie auf den Kern der Betrachtung, die Ge- sellschaft, anwendet. Damit wird deutlich, dass sich die Subsysteme der Gesellschaft nur in einer Unterscheidung zum Gesamtsystem definieren können. Diese Unterscheidung ist aber in der Umwelt nicht vorhanden, sondern sie wird durch selbstreferentielles Verhalten erzeugt. (vgl. Luhmann 1997a, S.120 bzw. 1984, S. 25) Es geht somit um die Differenz von System und Umwelt, welche jedoch nur vom System beobachtet und in Folge beschrieben werden kann. Daher ist die Gesellschaft eine übergeordnete Umwelt, was jedoch nicht gleichzeitig bedeutet, dass sie die einzig relevante Umwelt ist. Es erleichtert die Orientierung bzw. macht sie erst möglich. Ein System schließt sich von der Umwelt ab, gleichzeitig öffnet es sich zur Umwelt, da Umweltvariablen zu eigenen, systemerzeugenden Komponenten gemacht werden können. Allgemein kann somit für das Folgende angenommen werden, dass Systeme eine Beziehung zu sich selbst herstellen können, welche sich von der Beziehung zur Umwelt un- terscheidet.

Somit erhebt die Form der Betrachtung einen Universalitätsanspruch. Da die System/Umwelt- Grenze Voraussetzung für die Konstitution des Systems ist, lässt sich Grenzerhaltung und die aus ihr resultierende Selbstreferenz des Systems als generelles Moment benennen. Die Analy- se von Systemen erfordert eine stetige Orientierung an dieser Differenz, und eben nicht eine reine Systembeschreibung, welche die Umwelt nicht in Betracht nimmt. Bei der Analyse ist die Relation beider Komponenten (zueinander) von Interesse. Das Universelle wird durch den Umstand markiert, dass egal welches System einer Analyse unterzogen wird, es sich an dieser Differenz messen muss und dies, so ist die hier vertretene Annahme, auch kann.

Des Weiteren ist hinzuzufügen, dass der Beobachter stets zwischen der Umwelt eines Systems und Systemen in der Umwelt des Systems unterscheiden muss. (vgl. Luhmann, 1984, S. 36 f.) Die Umwelt ist somit immer relativ zum System. Es beobachtet die Umwelt selektiv. Wech- selseitige System/Umwelt-Beziehungen sind immanent für die Betrachtung und das System, gleichzeitig reduzieren Systeme dadurch Komplexität. Wenn die Gesellschaft als komplexes- tes System bestimmt werden kann, da in ihr alle Prozesse und Strukturen geben sind, und Teilsysteme nur einen Ausschnitt abbilden bzw. für sich als relevant identifizieren, reduzieren sie die Komplexität der Welt scheinbar und steigern ihre eigene. Durch diese Differenz zur Umwelt gewinn das System Identität. Deren Einheiten sind selbst differenzierte Formen, die als Gesamtheit das System bilden. Die Art und Weise, wie die Elemente in Beziehung gesetzt werden, kann somit als konstituierender Sachverhalt verstanden werden. So lässt sich diesbe- züglich der die Komplexität steigernde Moment zum Einen in der Relationierung der Elemen- te der Umwelt und zum Anderen durch die Relationierung eigener Elemente bestimmen. Da- bei kann nicht generell davon ausgegangen werden, dass die aufzunehmenden und konstituie- renden Elemente in ihrem Zugang sich dem System erschließen. Zusätzliche Kontrollmecha- nismen sind von Nöten. Wie gelangt das System an Information, wie kann es die Elemente der Umwelt zu eigenen erheben, welche eigenen Mechanismen sind hierfür notwendig? Es drückt sich eine Komplexität aus, die eine Kontingenz als Einflussgröße ausweist. Die Komp- lexität wird kommunizierbar.

2.2. Die Theorie sozialer Systeme

2.2.1. Allgemeines zur Theorie sozialer Systeme

Wir hatten angemerkt, dass es bei der Beobachtung von Systemen nicht um eine Analyse in Form der Beobachtung erster Ordnung sich handelt, sondern die Beobachtung zweiter Ord- nung gewählt wird. Diese Form der Betrachtung rekrutiert Sinndimensionen in den Fokus der Aufmerksamkeit, die nicht allein auf Handeln reduzierbar sind. Denn Handlung bzw. han- delnde Personen sind zwar elementare Voraussetzung für soziale Systeme, sie sind bei der Analyse nicht auschlaggebend für die Funktion. Denn es ist festzustellen, dass vielmehr Kommunikation, und damit meinen wir nicht bloß die sprachliche Kommunikation, konstituierend auf die sozialen Systeme wirkt.

„Sozialität ist kein besonderer Fall von Handlung, sondern Handlung wird in sozialen Systemen über Kommunikation und Attribution konstituiert, als eine Reduktion der Komplexität, als unerlässliche Selbstimplifikation des Systems.“ (Luhmann 1984, S. 191)

Wenn Kommunikation das Soziale konstituiert, wird gleichzeitig Handlung nicht ausge- schlossen bzw. in ihrer Bedeutung vernachlässigt. Vielmehr sind beide Formen des Austau- sches zwischen Elementen, oder zwischen System und Umwelten, möglich und auch nötig. Sinnverarbeitende Prozesse sind beiden Vorgängen immanent, ihr analytisches Substrat diffe- renziert sich. Soziale Systeme werden durch Handlungen in ihrer Funktion gebildet, aber Handlungen lassen wiederum sich anschließende Prozesse zu. Sie erzeugen somit Potentiale für eine Evolution sinnhafter Strukturen, und dieser Sinn wird über die Kommunikation stetig reproduziert. Da die hier angewandte Theorie nicht den Menschen als Gegenstand der Unter- suchung auffasst, sondern soziale Systeme herausarbeitet, löst sie sich vom Menschen, vom Subjekt. Menschen handeln in sozialen Systemen, aber diese bilden sich eben durch die Handhabung von Sinn, und damit rückt der Mensch aus dem Fokus der Aufmerksamkeit. Sei- ne Motive, Ziele und Verhaltensweisen beeinflussen das System, jedoch entsteht innerhalb der Systeme eine eigene Dynamik.

Kommunikation lässt sich von Handlung besser unterscheiden, wenn man die drei Elemente von Kommunikation benennt. Nach Luhmann besteht Kommunikation immer aus Informati- on, Mitteilung und Verstehen. Information ist dabei als Ereignis zu betrachten. Systemzustän- de werden ausgewählt. Die Informationsweitergabe, der Informationsfluss verlangt eine Struktur, dass heißt mindestens zwei Elemente, zwischen denen die Information ausgetauscht wird. Dieser Austausch lässt sich als Ereignis bestimmen, bei dem zwischen Alter und Ego ein Informationsfluss geschieht. Diese verständigen sich mittels Sprache. Die Kommunikation wird so zum Handlungsprogramm der Sprache. Die mitgeteilte Information lässt in einem prozesshaften Verständnis Systemzustände unterscheiden, die aus einem Zusammenspiel von selbst- und fremdreferentiellen, aber stets systemintern prozessierten Einheiten bestehen. (vgl. Luhmann 1997a, S. 194) Damit lässt sich aber auch hinzufügen, dass die Information eigent- lich an sich schon besteht. So könnte sie als Zustand beschrieben werden, der jedoch durch die kommunizierenden Einheiten seinen Bestand relativiert und ihn in einen Prozess erhebt. Die Auswahl und deren Vermittlung lassen sich dann als Mitteilung verstehen. Es ist ein selbstreferentieller Prozess, der durch die Mitteilung fremdreferentiell wirkt. Diese Auswahl und die anschließend stattfindende Unterscheidung kann als systemeigene Unterscheidung verstanden werden, die sich im Folgenden reflektiert.

„Wir können auch sagen: sie ist eine Konstruktion des Systems.“ (ebd., S. 87)

Das handelnde Subjekt kann die Gesellschaft bzw. soziale Systeme beobachten. Die Kommu- nikation ermöglicht aber erst Folgewirkungen und Relationverschiebungen. Es findet ein Se- lektionsvorgang statt. Das Ausgewählte entstammt systemintern einem geschlossen Horizont von Möglichkeiten, der aber in Abgrenzung zur Umwelt aus einer Öffnung hervorgeht. Die Information überträgt Sinn. Der Selektionsvorgang hebt sich auf eine dritte Ebene, die sich aus der Selektion ergibt. Nicht nur der Sender als auch der Empfang erlangt Bedeutung, son- dern die Mitteilung erfährt ihren Sinn, vor allem für den Empfänger der Information. So lässt sich auch eine Umkehrung von Alter/Ego zu Ego/Alter vornehmen. Denn der Kommunikati- onsprozess ist ein gerichteter Verlauf, da für Ego die Mitteilung als Information angesehen werden kann. Alter ist der Kommunikant, Ego wird zum Empfänger für Information und kann diese als solche erst deuten. Damit durchläuft Ego einen Verständnisprozess, welcher als drit- tes Glied der Bestandteile von Kommunikation anzuführen ist. Die Kommunikation lässt sich als Ereignis differenziert betrachten, welche aber um eine Wirkung und Fortgang von Kom- munikation eine Annahme oder Ablehnung dieses Selektionsvorganges benötigt. Die Annah- me oder Ablehnung der Information lässt Folgeereignisse zu, schließt sie aber mitunter auch ab. Kommunikation als eigenständiger, System voraussetzender Prozess, lässt, vorausgesetzt der Informationswert hat ein Verstehen nach sich gezogen, die Differenz auf beiden Seiten relevant erscheinen. Etwaige Anschlussoperationen können auf dieser kommunizierten Diffe- renz beruhen.

„Kommunikation ist danach ein völlig eigenständiger, autonomer, selbstreferentiell- geschlossener Vorgang des Prozessierens von Selektionen, die ihren Charakter als Selektio- nen nie verlieren; ein Vorgang der laufenden Formveränderung von Sinnmaterialien, der Umformung von Freiheit in Freiheit unter wechselnden Konditionierungen, wobei unter der Voraussetzung, dass die Umwelt komplex genug und nicht rein beliebig geordnet ist, nach und nach Bewährungserfahrungen anfallen und in den Prozess zurück übernommen werden.“ (Luhmann 1984, S. 204 f.)

Kommunikative Akte lassen sich als Beiträge verstehen. Diese sind im Kontext von Sinner- fahrungen als Themen zusammenzuschließen. Der Kommunikator lässt sich durch einen Beo- bachter, ja sogar durch die Beobachtung seiner selbst, in Austauschfunktion eines erlebenden, handelnden und gestaltenenden Subjektes verstehen. Selbstdarstellung und Vermittlerfunktion können zusammenfallen. Alle Beiträge bilden in sinnhafter Kommunikation ein Themenfeld. Diese lassen sich getrennt von ablaufenden Kommunikationsvorgängen benennen und somit lässt sich Kommunikation als themengesteuerter Prozess verstehen, der vom Subjekt losgelöst betrachtet werden kann. (vgl. ebd., S. 116) Das Bewusstsein von Kommunikanten kann als Umwelt des sozialen Systems beschrieben werden, da durch Kommunikationsprozesse die Themen eine ihnen eigene Gestalt annehmen. So können Soziale Systeme, die ihnen eigene Themen im Kommunikationskreislauf halten, als analytische Größe bestimmt werden. Das der Mensch bzw. Bewusstsein darauf und in den Systemen agiert, ist ein interessanter Unter- suchungsschwerpunkt, er bringt einen systemtheoretischen Beobachter jedoch schnell an nicht zu klärende Fragen, da eben dann nur eine Möglichkeit unter allen Möglichkeiten als Unter- suchungsfeld dient. Vielmehr sind die Sinneinheit, der Informationsinhalt von Interesse und nicht die Informationsverarbeitung, die u.a. zum Handeln führen kann.

Sinn wird zu einer nicht zu vernachlässigenden Größe bzw. Variable bei der Analyse und Be- obachtung von sozialen Systemen. Die bereits angesprochene Alter/Ego-Konstruktion erfüllt ihrerseits nur die Sozialdimension eines sozialen Systems. Diese ist um eine Zeit- und eine Sachdimension von Sinn vermittelnden Systemen zu erweitern. Das herauszuarbeitende Komplexitätsniveau ergibt sich aus einer Differenz zwischen Gegebenem und Möglichem. (vgl. ebd., S. 111) Kontingente Sachverhalte verweisen dadurch, dass sie jeweils nur einen Ausschnitt der Möglichkeiten transportieren, auf einen Informationswert, der Differenzen verknüpft. Dies lässt sich als analytische Trennung zwischen Vergangenheit/Zukunft, zwi- schen Innen/Außen und, wie bereits angesprochen, zwischen Alter/Ego verstehen. Um für den weiteren Gebrauch dieser Unterscheidungen eine aufgearbeitete und rekonstruierte Betrach- tungsweise bereit zu stellen, werden zunächst die einzelnen Dimensionen näher beleuchtet.

Sachdimension: Themen sinnhafter Kommunikation bilden die Elemente dieser Dimension. Diese ist universal möglich, d.h. es geht nicht darum was kommuniziert wird, sondern allein dass eine Kommunikation stattfindet, ist Ausgangspunkt der Unterscheidung. Sie bezieht sich immer auf System/Umwelt - Differenzen. Externale und internale Attribution lassen sich dar- aus explizieren. Werden die Selektionen der Umwelt zugeordnet bzw. in ihr beobachtet, so ist von Erleben die Rede, beziehen sie sich auf interne Systemmechanismen, so lässt sich vom Handeln sprechen. Erstgenannte sind Ausdruck von selbstreferentieller Sinnattribution. Zwei- tes bezieht auf die Selbstreferenz von sozialen Systemen. So erfährt die Differenz zur Umwelt ihre eigene Dynamik, da Abgrenzungsleistungen den Moment der Unterscheidung von Innen und Außen ermöglichen, des Weiteren wird somit die Evolution des sozialen Systems voran- getrieben. Beide Mechanismen schalten sich aber nicht gegenseitig aus, sondern lassen Ver- weisungszusammenhänge offen zu Tage treten. Es ist sowohl vorstellbar, dass Erlebtes zum Handeln führt und umgekehrt. (ebd., S. 124) Eine Person wird zum Beispiel Zeuge eines Un- falles. In Folge stellt sie sich für eine Zeugenaussage bereit. Oder einer Person widerfährt ein Autounfall und in Folge verursacht sie einen Verkehrsstau. So lässt sich die gegenseitig mög- liche Bezugnahme veranschaulichen.

Zeitdimension: Mit der Unterscheidung wird es möglich Erleben und Handeln von dem Mo- ment der Erfahrung zu trennen und auf eine (ihrer) eigens zurechenbare Unterscheidung zu- rück zu führen. Betrachtet man sie als an und für sich, so ist An-und Abwesenheit bzw. Erleb- bares und Handelndes nicht von Relevanz, da es allein um das Wann der vollzogenen Diffe- renz geht.

„Zeit ist demnach für Sinnsysteme die Interpretation der Realität im Hinblick auf eine Differenz von Vergangenheit und Zukunft.“ (ebd., S. 116)

Da sich nicht in der Vergangenheit bzw. in der Zukunft handeln oder erleben lässt, d.h. dass nur im Vorgriff oder in der Rückschau ein solches beschrieben werden kann, ist die Differenz von Vergangenheit und Zukunft ein universelles Charakteristikum sozialer Systeme.

Sozialdimension: Ego erlebt, was Alter ebenfalls ihm gleich tun kann. Ob beide Erfahrungen ihrerseits mit gleichem Sinn ausgestattet werden, ist eine ganz andere Frage. Daher ist es not- wendig, bei der Analyse sozialer Systeme sich von Mensch loszulösen und das Soziale als eigenständige Dimension zu begreifen. Wie Welt erfahren und begriffen wird, lässt sich dem- nach als kontingente Reduplizierung von Auffassungsmöglichleiten verstehen. (vgl. ebd., S. 119) Dissens, zum Beispiel, verweist auf die Möglichkeit von Möglichkeiten und ist damit ein zu erfahrender Sachverhalt. Bei der Herausarbeitung dieser Dimension werden die Akteure etwa mit Identitäten oder Namen ausgestattet. Ihre Möglichkeiten der Verarbeitung und Über- tragung von Sinn lässt sie zunächst als Sach-relevante Elemente begreifen, da aber verschie- dene Möglichkeiten der Interpretation auf Kontingenzen in dieser Sachdimension zurückzu- führen sind, lässt sich eine Distanz zur Sachdimension einnehmen und mittels sozialer Dimension beschreiben.

„Schematisierung bedeutet hier, dass die soziale Zurechnung über einer feststehenden Sachwelt in der Schwebe gehalten und selbstreferentiell prozessiert werden kann und das Dissens auf dieser Ebene nicht notwendig sogleich auf Dinge, Personen oder Ereignisse der Sachdimension auflöst.“ (ebd., S. 126)

Eine Hervorhebung der Dimensionen sozialer Systeme bezieht sich immer auf Möglichkeiten unter dem Möglichen. In der Sachdimension wird dies an Alter/Ego gebunden, in der Zeitdi- mension an vorher/nachher und in der Sozialdimension an Konsens/Dissens. Oder anders formuliert ist es durchaus von entscheidender Relevanz, wer handelt und erlebt, wann dies geschieht bzw. wie dies gehandhabt wird. Somit erfährt die Kontingenz eine Verdopplung. Diese doppelte Kontingenz ist elementare Voraussetzung für die Bildung sozialer Systeme. Nicht die Akteure und ihre psychischen und sozialen Dispositionen entscheiden aus system- theoretischer Sicht über die Verständigungsinhalte, sondern wie sie sich verständigen wird zum Sinnbaustein sozialer Systeme. Wie oben ausgearbeitet sind auch immer andere Mög- lichkeiten vorhanden bzw. elementare Voraussetzung für den Fortgang der Autopoiesis sozia- ler Systeme. Doppelt kontingent wird es dadurch, dass beide Partner, beide Personen oder etwa beide Systeme auch immer andere Möglichkeiten haben bzw. nie vorausgesetzt werden kann, dass etwas so und nicht anders geschieht. Jedes Ereignis, jede Kommunikation ist kon- tingent und dies für beide Seiten.

Soziale Systeme erhalten diesen Zustand stetig. Ihre elementare Voraussetzung ist die Auto- poiesis, d.h. sie erzeugen stetig eine Differenz, eben die gerade angesprochene, und diese ist zugleich notwendige Voraussetzung für Anschlussoperation, sprich für die Fortführung von Kommunikation. Dadurch lässt sie sich nicht nur als Strukturbildungsprozess begreifen, son- dern Systeme erfahren ihren Sinn durch Produktion der Elemente, aus denen sie bestehen und dies stetig und immer wieder neu. Selbstreproduktion wird zum konstituierenden Ereignis. Elementare Operationen werden zum sinnerhaltenden Moment sozialer Systeme. (vgl. Luh- mann 1997a, S. 752) Dabei ist zwischen autopoetischer Reproduktion und Selbstbeobachtung zu unterscheiden. Handelnde sind gleichzeitig Beobachtende und umgekehrt. Doppelte Kon- tingenz ermöglicht dies in ihrer eigenen Funktion.

Soziale Systeme lassen sich unterscheiden. Charakteristische Momente im Umgang mit Auto- poiesis und doppelter Kontingenz können verschiedenartig auf das System wirken und es in ihrer je eigenen Sinnadäquation bestimmen. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sie sich allein im Lichte des Gesellschaftssystems bestimmen lassen. Sie erhalten eine eigene Dynamik und interner funktioneller Orientierung. Es ist eine Unterteilung in Interaktion-, Organisations- und Gesellschaftssysteme möglich.

2.2.2. Systemklassifizierungen Interaktionssysteme:

„Interaktionssysteme bilden sich nicht außerhalb der Gesellschaft, um dann als fertige Gebilde in die Gesellschaft einzugehen.“ (Luhmann 1997a, S. 814)

Es wird dem Problem der doppelten Kontingenz begegnet, indem die Beteiligten sich gegen- seitig wahrnehmen und deren Verständigungsprozess als strukturell an die Bewusstseinspro- zesse gekoppelt verstanden wird. Die Anwesenden bilden ein soziales System, welches durch alle Nicht-Anwesenden gleichzeitig eine System/Umwelt-Differenz erfährt. Die Anwesenden haben gleichzeitig auch andere Rollen und Funktionen in anderen Systemen, so dass diese personellen Eigenschaften ebenfalls als Umwelt begriffen werden können. Interaktion ist aber immer auch gesellschaftliche Aktion. So bilden sich in der Gesellschaft Grenzen heraus. Die- se bestehen in Folge zwischen dem Interaktionssystem und der gesellschaftsinternen Umwelt. Gesellschaft macht Interaktion erst möglich, gleichzeitig beeinflusst sie etwaige Interaktions- systeme, ohne Anfang und Ende selbst herbeizuführen. Dies geschieht im Interaktionssystem selbst.

Organisationssysteme: Organisationen verdanken ihre Existenz ebenfalls dem Umgang mit doppelter Kontingenz. Allerdings handeln die Mitglieder nicht nach diesem Prinzip. Ihnen wird eine bestimmte Art und Weise des Verhaltens anerkannt. Sie erhalten ihren Status durch handeln in bestimmten Rollen und Verhaltensabläufen. Dabei werden sie konditioniert. Dop- pelte Kontingenz entsteht durch das Beitreten einer Organisation und in Folge durch das Auf- rechterhalten des Status. (vgl. ebd., S. 829) Die Zugehörigkeit und auch die Aufrechterhaltung der Position sind dementsprechend kontingent. Organisationen erhalten eine ihnen eigene Struktur. Diese basiert auf Kohärenz und Integration auf der Innenseite im System. Zur Um- welt disponiert sich ein organisiertes Sozialsysteme mittels der Mitgliedschaft. Es beobachtet und reagiert auf die Umwelt, mittels systemeigener Strukturen und Prozesse. Diese bilden sich und dauern durch die Kommunikation von Entscheidungen fort. Die Autopoiesis verhilft dem System zu einer andauernden Produktion von Entscheidungen durch Entscheidungen. (vgl. ebd., S. 830) Sie erzeugt selbst Unsicherheiten. Die Strukturen bilden sich als Folgen von Entscheidungen heraus. Prozess und Struktur nehmen gegenseitig Bezug aufeinander. Gleichzeitig können Organisationen mit anderen Systemen kommunizieren, was sie deutlich von den Interaktionssystemen abgrenzt. Jede Organisation nutzt dabei ihre eigene Hierarchie und ihre Art und Weise der Unsicherheitsabsorption. Ihre ihnen eigene Strukturalität begüns- tigt diesen Effekt.

Gesellschaft: Gesellschaft hat keine Umwelt. Sie ist vollkommen geschlossen. Zwar kann sie über sie kommunizieren, aber nicht mit ihr. Sie kann sich nur selbst beobachten und beschrei- ben. Es liegt nahe, Gesellschaft als Gesamtheit aller Interaktionen und Organisationen zu be- greifen. Dem ist aber nicht so. Gesellschaft ermöglicht mittels Differenzierung erst die Bil- dung von Organisation und Interaktion. Diese bedienen sich einem eigenen Umgang mit dop- pelter Kontingenz. So können die Interaktion und die Organisation nicht alle Kontingenzen in sich aufnehmen und verarbeiten. Sie vollziehen einen selektiven Umgang mit Möglichkeiten. Die Gesellschaft vollzieht in diesem Sinne eigene Systemdifferenzierungen. Dabei sind die Unterschiede von Interaktions- und Organisationstypen zwar vorhanden, sie haben aber keine Relevanz, die den Umstand der Differenzierung nährt. Diese ist ihr eigener konstituierender Wert. Sie macht Rollen und Programme erst möglich, welche folgend in den Subsystemen angewendet werden können.

Die Gesellschaft als allumfassendes soziales System hat in ihrer Evolution eine weitere Un- terscheidung hinsichtlich Funktionen hervorgebracht. Ähnlich wie wir mittels funktionaler Methode vorgehen und die Beobachtung auf zweiter Ebene anstellen, ist diese Operation auch in der Umwelt aller Systeme vollzogen worden. Im Sinne der Ausdifferenzierung der Gesell- schaft, die sich von segmentärer Differenzierung über die Zentrum/Peripherie Differenzierung und weiter im Sinne einer stratifizierenden Differenzierung evolutioniert hat, ist die moderne Gesellschaft durch die Differenzierung in Funktionssysteme gekennzeichnet. (vgl. Luhmann 1997a, S. 634 ff.) Merkmal dieser Umstellung ist eine Konzentration der Universalzuständig- keit. Kommunikationsmedien wie Geld und Macht werden auf Teilsysteme konzentriert. Die- se verfügen über einen binären Code. Es bilden sich Funktionssysteme wie Politik, Wirt- schaft, Recht, Kunst heraus. Funktionale Differenzierung lässt sich als operative Schließung der Funktionssysteme unter Einfluss von Selbstreferenz bestimmen, wobei sich die Systeme ihre eigene Identität bilden. Da diese durch die Differenzen zwischen System und Umwelt bestimmt werden kann und die Funktion sich monopolisiert, bezieht sich jede Funktion auf eine gesellschaftsinterne Umwelt. Ihre eigene Komplexität, mit der sie im Sinne des Systembildungsprozess die Komplexität der Gesellschaft reduzieren, erzeugen sie durch Referenzen und Codierungen. Selbstbeobachtungen dienen der Realitätserzeugung. Die eigene Komplexität erzeugt Entlastungseffekte auf der Ebene von Gesellschaft.

Die Ausdifferenzierung der Funktionssysteme und die vorhandenen Sozialsysteme bilden den Ausführungen folgend elementare Bedingungen für den Umgang mit doppelter Kontingenz. Es etablieren sich Verweisungszusammenhänge.

„Die moderne Gesellschaft ist überintegriert und dadurch gefährdet. Sie hat in der Autopoiesis ihrer Funktionssysteme zwar eine Stabilität ohne gleichen, denn alles geht, was mit dieser Autopoiesis verträglich ist. Zugleich ist sie aber auch in einem Maße durch sie selbst irritierbar wie keine Gesellschaft zuvor. Eine Vielzahl struktureller und operativer Kopplungen sorgen für wechselseitige Irritation der Teilsysteme, und das Gesamtsystem hat, das liegt in der Form der funktionalen Differenzierung begründet, darauf verzichtet, regulierend in dieses Geschehen einzugreifen.“ (ebd., S.618)

Störungen werden als Irritationen auf die Funktionssysteme verteilt. Diese werden mittels Transformation der Irritation in Information, also in Sinn, einer Ungewissheit ausgesetzt. Durch systemeigene Operationen werden die Irritationen in eigene Kommunikationen über- setzt. Die Evolution der Gesellschaft hat zu einem generativen Teilnahmepotential der Indivi- duen an allen Funktionssystemen geführt. Dennoch gibt es Exklusionseffekte, die sich aber vor allem auf der Ebene von Interaktion und Organisation bearbeiten lassen. Was dann zu Tage tritt, ist die Möglichkeit der Konditionierung von Systemoperationen in Funktionssys- temen und in sozialen Systemen.

Diese kurzen Bestimmungen von sozialen Systemen und Funktionssystemen werden derer Komplexität nicht gerecht. Weitere Merkmalsbeschreibungen und detaillierte Analysen sind von Nöten. Dies soll jedoch im Kontext des zu behandelnden sozialen Systems „Sozialpla- nung“ geschehen. Das Abstraktionsniveau würde in dieser Art der Betrachtungen an dieser Stelle nicht zwingend Erkenntnis vermitteln. So brechen wir an dieser Stelle die Unterschei- dung ab und widmen uns einem sozialen System: dem Verfahren. Es soll dabei nicht der Ein- druck entstehen, Verfahren wäre eine weitere ausdifferenzierte Form von sozialen Systemen, im Vergleich zu den eben kurz beschriebenen. Dass dieses von Luhmann so benannt wurde, geht auf die evolutionäre Entwicklung seiner Theorie der Gesellschaft zurück. Wie schnell ersichtlich wird, bedient das Verfahren typische Momente der Prozess- und Strukturqualifizie- rungen. Interaktion, Organisation und Gesellschaft spielen eine Rolle.

2.3. Das Verfahren als soziales System

Niklas Luhmann will mit seiner Schrift „Legitimation durch Verfahren“ eine soziologische Theorie des Zustandekommens und Wirkens politischer Steuerung zu begründen. Dabei nimmt er Abstand von einer zweckgebundenen Methode, die auf Wahrheit und Gerechtigkeit abzielt. Seine Annahme, der er eine Begründung folgen lässt, ist, dass Verfahren sich als eine von den Machthabern unabhängige Methode bestimmen lassen, welche ihrem ur-eigenen Sinn nahekommt. Dabei ist die Wahrheit als sozialer Mechanismus zu begreifen, dem eine Be- stimmung der Leistung zugesprochen werden kann, der eine angebbare Funktion erfüllt und so mit anderen Mechanismen verglichen werden kann, ganz im Sinne der oben beschriebenen Suche nach Äquivalenten. Es gilt dementsprechend herauszufinden, wie sich Legitimität durch ein Verfahren erreichen lässt, ohne dabei eine personelle Reduktion vorzunehmen.

Die Legitimität der Verfahrensproduktion und Anwendung erfährt ihre Inanspruchnahme durch das politische System. Diese kann als generalisierte Bereitschaft verstanden werden, unbestimmte Entscheidungen innerhalb gewisser Toleranzgrenzen hinzunehmen und zu ak- zeptieren. (vgl. Luhmann 1989, S. 28) Diese Entscheidungsgenerierung und deren Anwen- dung lassen sich als Verhaltensprämissen begreifen, die ausgearbeitet und kommuniziert wer- den. Sie verhelfen zu einer Legitimität der Verfahrensanwendung und suggerieren eine Chan- cengleichheit. Dabei treten mitunter Entscheidungsprämissen hinter vollzogenen Entschei- dungen zurück, gleichzeitig sind diese Wert- und Entscheidungsprämissen aber mitunter Grundlage für das Zustandekommen bindender Entscheidungen. So lässt sich auch sagen, dass Entscheidungen von Entscheidungsprämissen beeinflusst werden, letztgenannte aber an anderer Stelle bestimmt werden. (vgl. ebd., S. 31 f.)

Luhmann beschreibt drei Verfahrenstypen. Gesetze, Verwaltungsakte und Urteile führen zur Bestimmung dieser Kategorie. Sie gelten verbindlich und ziehen eine bestimmte Art und Wei- se des Verhaltens nach sich. Es sind die Wirkungen und Bestimmungen der Verfahren zu ak- zeptieren und anzuerkennen. Mitunter werden neue Umwelten für die eigene Persönlichkeit relevant. Daraus ergibt sich ein Lernprozess, der die Bindung des Verfahrens institutionali- siert und sie als Folge der amtlichen Entscheidung geltend wirken lässt. Da sich die Verfah- rensakte immer auf ein Publikum beziehen, sie gleichzeitig die parlamentarische, bürokrati- sche und justiziable Entscheidungspraxis legitimieren, kann von einem sozialen System gesprochen werden, in dem ein Lernprozess stattfindet, der zwar für die damit konfrontierten Personen wirksam ist, aber gleichzeitig als verbindliche Akzeptanz das Lernen im sozialen System notwendig macht. (vgl. ebd., S. 35)

Ein Verfahren ist keine vorgegebene feste Abfolge von Handlungen, vielmehr entwickeln Verfahren eine interne Matrix, die auf eine funktionale Perspektive ausgerichtet werden kann. In evolutionärer Perspektive kann auch von einer Konklusion von Handlungsmöglichkeiten bei der Bestimmung eines Verfahrens gesprochen werden. Die Beteiligten und Betroffenen werden mit einer Verlagerung der Bestimmtheitsmomente in Bezug auf etwaige Rollen konf- rontiert. Es löst sich der gesellschaftliche Wirkungsgrad auf in eine Verhaltens- und Rollen- ebene. Der Sinn der Maßnahme, das Herstellen und Anwenden eines Werkzeuges zur Konf- rontation der Gesellschaft mit bindenden Entscheidungen, erfährt seine Wirkung als soziales System durch eine Generalisierung der Ergebnisse. Kooperative Wahrheitssuche und das Aushandeln von Konflikten ist möglich. Es lässt sich ein Ergebnis produzieren, eine Ent- scheidung fixieren, die von den Beteiligten und ihren Rollen abhängig ist, aber im Zuge des Herstellens der Entscheidung eine eigene Relevanz annimmt. (vgl. ebd., S. 50) Dennoch ha- ben die Beteiligten eine Einflussmacht auf den Fortgang und Verlauf des Geschehens. Da der Ausgang zunächst ungewiss ist, kann die Rolle als beeinflusste Größe bestimmt werden, so- lange die Entscheidung nicht hergestellt ist.

Innerhalb der Politik werden die Wege der Verarbeitung durch Macht und ressortspezifische Motive verzerrt. Dies hängt mit der bereits angesprochenen Rollenübernahme zusammen. Gleichzeitig beziehen sich Verfahren auf eine Vielzahl von Verfahren und Programmen. Sie sind der Einzelfallhilfe ausgesetzt, sie führen politische Entscheidungen aus, sie müssen sich an gesetzliche Vorgaben der Verfahrensabläufe halten.

„Je höher die Komplexität eines Systems ist, die durch innere Prozesse abgearbeitet werden muss, desto zwingender wird eine systemimmanente Eigengesetzlichkeit, die in Organisationsform und Verfahrensweisen Berücksichtigung findet.“ (ebd., S. 207)

Demnach ist eine Trennung von Legitimität und Effizienz notwendig. Dies wird mittels der Unterscheidung zwischen Konditional- und Zweckprogrammen versucht. Zweckprogramme dienen hauptsächlich der internen Regulierung. Sie übernehmen keine politische Funktion. Sie sind lediglich Instrumente des ausdifferenzierten politischen Systems. Sie benötigt keinen Konsens. Ihre Arbeitsabläufe und Methoden sind rein zweckgerichteter Natur. Konditional- programmierung hingegen veranlasst die Verwaltung, auf eine entscheidende Instanz zu ver- zichten und diese selbst dessen selbst herbei zu führen. Hierfür können sowohl systeminterne als auch externe Informationen ausschlaggebend für die Bearbeitung sein. Nicht die Zwecke bedienen die Verantwortung und Prozesse, sondern es handelt sich um die Prüfung und Kont- rolle.

„Der Vorteil festgelegter Verfahren ist jedoch, dass man trotz einer ungewissen Zukunft beginnen und sich im weiteren Verlauf retrospektiv an den bereits erreichten Resultaten orientieren kann.“ (Luhmann 1997a, S. 176)

Zusammenfassend kann ein Verfahren dahingehend bestimmt werden, dass es in zeitlicher Dimension auf eine Evolution von Verhaltenserwartungen abzielt. Eine Bindung an amtliche Entscheidungen ist Voraussetzung, insofern Verfahren auf eine Legitimation von Handlungs- vollzügen abzielen. Sachlich bezieht sich ein Verfahren auf die Entscheidungsprämissen, die zur Herstellung der Entscheidung herangezogen werden. Sie bedienen bürokratische, justi- ziable und parlamentarische Gremien und die ihnen zugrunde liegenden Maßstäbe der Ent- scheidungsgenerierung. Die soziale Dimension bezieht sich einmal auf die Inanspruchnahme von Rollen sowie in der Wirkung des Verfahrensvollzugs auf das damit konfrontierte Publikum.

Verfahren zielen auf Lernmechanismen der Beteiligten. Sie sind Bestandteil der Herstellung von sozialer Ordnung sowie Einfallsspeicher für neuartige Handhabungen von sozialen Pro- zessen und Mechanismen. Gleichzeitig tendieren sie zu Stetigkeit. Sie bedienen eine geregelte Praxis, in der Rollen Zuständigkeiten und Akzeptanzen generieren. Verfahren sind somit Ga- ranten für die Herstellung bindender Entscheidungen und verführen zu einem geregelten Um- gang mit Autorität, Wahrheit und Macht. Wenden wir diesen Typus nun auf Sozialplanung an, so sind eben die dargestellten Dimensionen zu übertragen. Dies soll im Folgenden geschehen.

3. Sozialplanung als soziales System I

3.1. Planung in systemtheoretischer Perspektive

Da Sozialplanung als soziales System analysiert werden soll, ist es zu nächst notwendig, den Planungsbegriff in systemtheoretischer Perspektive zu bestimmen. Können soziale Systeme sich selbst planen? Wie ist der Sinn eines sozialen Systems zu bestimmen, wenn seine ursäch- liche Funktion mit Planung bestimmt werden kann? Dieser Frage geht diese Erörterung nach und versucht Ansätze aufzuzeigen, wie sich die Evolutionen planender Systeme vollziehen können, wobei zunächst anzumerken ist, dass Planung immer Selbstbeobachtung ist. (vgl. Luhmann 1984, S. 635) Diese ist dabei ein Prozess neben anderen, denn wenn alles Planung wäre, so würde sich damit die Funktion erübrigen. Planung erzeugt damit sogleich Irritationen in andere Prozesse und Bereiche. Sie übergeht Wünsche und Werte, sie erzeugt Vollzug und Widerstand. Es gibt Benachteiligte, dahingehend dass ihre eigenen Positionen keine Beachtung erzeugen. Diesen ist dabei in der Planentwicklung und Steuerung aber ein Mitspracherechtzugewiesen um ihren Positionen eine Beachtung zu ermöglichen.

Planung reguliert Verhaltenserwartungen für die Zukunft und bezieht die Komplexität des Systems mit in den Planungsprozess ein. Ein Modell ist anzufertigen, was die ureigene Sys- temkomplexität relativiert und auf ein einfacheres elaboriertes Niveau erhebt. Die Komplexi- tät wird relationiert. Aber neuartigen Handlungsmöglichkeiten und Kommunikationen kann ein Weg geebnet werden, der sich durch die Zukunftsbezogenheit im Ungewissen bewegt. So ist ein Modell nur der Versuch einer Reduktion von Komplexität. Es ist durch aus vorstellbar, dass Beteiligte anhand des Modells andersartige Reaktionen vollziehen, die sie einerseits auf die Anforderungen der Modellexplikation beziehen, aber andererseits sich einer Beachtung bei der Modellbildung verwehren, da sie zu diesem Zeitpunkt nicht in den Kommunikations- prozess integriert werden. Sie bilden sich erst als Folge. Damit ist Planung als doppelt kontin- gent zu begreifen und erfüllt sogleich dieses spezifische Merkmal eines sozialen Systems. Diese Erkenntnis wird ihrem Standpunkt bei der Bestimmung von Sozialplanung als soziales System gerecht werden müssen. Erste Hinweise seien hiermit gegeben.

Um eine wirkungsvolle Planung zu generieren, ist Planung um Konsensbeschaffung bemüht. Es wird versucht mögliche Irritationen durch eine Bindung an Verständnisse und Einver- ständnisse zu reduzieren. Denn erst so erfährt Planung ihre Wirkung als Selbstbeschreibung. Konsensförmige Selbstbeobachtung als reduzierte Komplexität des Systems im System kann als Sinn angesehen werden. Aber Sinn vollzieht sich in sozialen Systemen als Evolution. Be- obachtet man soziale Systeme, die Planung zu ihrem Zweck auserkoren, dann gilt es eben die evolutionären Ordnungskategorien zu analysieren. Dies soll nun im Folgenden für das soziale System Sozialplanung geschehen. Dabei wird zunächst der Sinn bzw. die Evolution der He- rausbildung bestimmt, um dann im Folgenden zweckdienliche Mittel dieses Sozialsystems zu bestimmen. Es wird also zunächst eine funktionale Perspektive eingenommen, um darauf fol- gend evolutionäre Bedingungen der Entwicklung von Systemeinheiten innerhalb des Systems zu bestimmen.

3.2. Erste Ansätze auf dem Weg zur Bestimmung als soziales System

Die Beobachtung von Sozialplanung bezieht sich auf die Bundesrepublik Deutschland. Somit wird eine Eingrenzung vorgenommen. Einer Analyse von Sozialplanung in dieser Hinsicht, könnten empirische Beispiele folgen. Dies wäre nützlich und praktisch. Diese Arbeit verfolgt aber eine andere Konnotation. Es soll dargestellt werden, wie sich das soziale System Sozial- planung bestimmen lässt, wenn der Beobachter sich auf die funktionsbezogenen Überschnei- dungen zu Funktionssystemen und Subsystemen bezieht. Die Einordnung innerhalb der Bun- desrepublik dient dann nicht als empirischer Ansatz, sondern als Veranschaulichung des Fal- les, wobei damit noch nicht geklärt ist, wie der Fall im Konkreten beschaffen ist. Dies soll im Folgenden geschehen.

Sozialplanungen beziehen sich auf verschiedene Felder der Kompensation von nachteiligen Entwicklungen. Im Arbeitsrecht findet Sozialplanung ihren Wirkungsbereich bei Massenent- lassungen in Betrieben. Das Städtebauförderungsgesetz versucht durch sozialplanerische Maßnahmen negative Auswirkungen durch spezielle Sanierungs- und Modernisierungsmaß- nahmen zu mindern. Sozialplanung findet ebenfalls Anwendung bei der Planung sozialer und infrastruktureller Arrangements. Allgemein lässt sich ein Determinismus in Bezug auf konk- rete Entscheidungen sozialpolitischer Maßnahmen bestimmen. Es besteht eine Zukunftsbezo- genheit, die sich aus aktuellen Anlässen ergibt.2 Ein weiteres Feld der Sozialplanung bezieht sich auf den Dienstleistungssektor (vgl. Spielberg 1984, S. 10 ff.), auf den diese Arbeit ihr Hauptaugenmerk richtet.

Die Entwicklung und Planung sozialer Dienstleistungen geschieht in Abhängigkeit von den Bedürfnissen einer sich stets verändernden Umwelt. Dies geschieht zur Organisation des “Dienstleistungssystems“, welches u.a. Hilfebedürfnisse bedient. Sie wird notwendig, da die Gefahr sozialer Exklusion auch als Legitimationskrise des Staates zu verstehen ist. Sozialpla- nung legitimiert und erzeugt die Konzeption des Sozialstaates, der wohlfahrtssichernde Ele- mente bereithält. Damit wird er in seinem Wesen legitimiert. Sozialplanung versucht neben der Kompensation von individuellen Krisen gleichzeitig staatliche Krisen zu kompensieren. Es handelt sich um eine administrative Öffentlichkeitsarbeit sowie um eine staatliche Konf- liktvermeidungsstrategie. Das Bild des Sozialstaates wird aufrecht erhalten, bei dem Sozial- planung Bedürfnisse antizipiert und die Maßnahmen zur Kompensation vorbereitet. Indivi- dualinteressen und Gesamtinteressen werden vereint.

Sozialplanung bewegt sich zwischen den gesellschaftlichen Herausforderungen individueller sowie institutioneller Natur. Da Sozialplanung aber die Bereitstellung institutioneller und programmatischer Einheiten plant und ihr Wirken sozialen Wandel hervorruft, trägt sie aktiv zur Gestaltung und Veränderung gesellschaftlicher Arrangements bei. Doch dieser Wandel ist kein sozialer Wandel, sondern eigentlich nur ein Strukturwandel. Denn:

„Strukturen garantieren trotz der Irreversibilität der Ereignisse eine gewisse Reversibilität der Verhältnisse.“(Luhmann, 1984, S.472)

Soziale Systeme können auf der Ebene der Erwartungen lernen. Diese beziehen sich auf die Strukturen. Da Handlungen in der Systemtheorie luhmannscher Prominenz lediglich als Ereignisse in einem sozialen System vorkommen, kann nicht ohne Weiteres von sozialem Wandel gesprochen werden. Einzuräumen ist dennoch, dass vor allem Strukturen die Auto- poiesis sozialer Systeme ermöglichen. Ändern sie sich, ändern sich mitunter auch gewisse Handlungsvollzüge. Diese Relativierung des Begriffes „Sozialer Wandel“ ist für das Folgende markant.

Eine veränderte Umwelt bewirkt eine Veränderung der Rezipienten. Planung lässt sich als Steuerung des sozialen Wandels verstehen, welche jedoch als gerichtete Veränderung der Strukturen begriffen werden kann. Es wird versucht, unabhängige Variablen durch Regelung in veränderte Formen zu transformieren, wobei Annahmen über kausale Prozesse eine gewünschte Entwicklung versprechen. (vgl. Ridder, 1973, S. 65) Es findet eine Planung sozialer Tatsachen nach technologischen Prinzipien statt. Als Beispiel hierfür kann die Bereitstellung von Obdachlosenheimen benannt werden.

Der Wohlfahrtsstaat bzw. Sozialstaat versteht sich in seiner Funktion als eine sichernde und absichernde hoheitliche Gestaltungskraft im Sinne eines normativen, gleichwertigen und ab- gesicherten Zusammenlebens der Bürger innerhalb seiner Bezugsgrenzen. Da im Sinne des Normativen auch immer Abweichungen vom Idealzustand auftreten und die Wohlfahrt als Zukunftsprojekt anzusehen ist, regulieren verwaltende Instanzen die Produktion sozialer Aus- gleichspraktiken, wie etwa soziale Dienstleistungen. Durch Gesetze, die gleichzeitig Bestim- mungen enthalten und Aufgabenzuweisungen bedienen, werden die Bürger einer Normie- rungsfunktion ausgesetzt bzw. es werden Regularien zum Vollzug von Dienstleistungen be- stimmt. Dabei ist nicht ein Allmachtsanspruch sinngebend, sondern es wird eine Ausdifferen- zierung von Funktionseinheiten verfolgt. So sichert der Staat, die Kommune bietet, freie Trä- ger übernehmen und letztendlich hilft der bzw. helfen die Bürger sich selbst.3 Da sich die Teilsysteme im Sinne der Differenzierung durch spezielle Sach-, Zeit- und Sozialdimensionen bestimmen, sind koordinierende, sich abstimmende und aufeinander bezogene Verfahren nützlich. Diese dienen der Vermeidung von Überschneidung, sie vergewissern sich über die Kompensationsfelder und Problemlagen, sie koordinieren. In der luhmannschen Semantik lässt sich sagen, durch die Komplexität der Welt als allumfassendes System, gibt es komplexi- tätsreduzierende Teilsysteme, die sich selbst Sinn verleihen, indem sie Funktionen für sich bestimmen. Damit wird die eigene Komplexität erhöht, gleichzeitig reduziert sich die Um- weltkomplexität.

Je nach Bedarfsgruppen regulieren einzelne gesetzliche Bestimmungen den Umgang mit Not- lagen und Koordinationsbestimmungen. Sie beziehen sich auf Kinder, Jugendliche oder etwa alte Menschen, also soziale Gruppen einer zivilisierten Gesellschaft. Die einzelnen Systeme sind einer selbstverantwortlichen Gestaltungskraft ausgesetzt, die in direktem Kontakt und Bezug aufeinander stehen. So ist zu fragen: Wie konstituiert sich die Sozialstaatlichkeit und weiter, wie verspricht sie ein wirksames Gelingen? Ein Gelingen in dem Sinne, dass nicht Überschneidungen Effektivität begrenzen oder aber dass Lücken des fehlenden Erkennens, Exklusionsverläufe produzieren. Dies vollzieht sich vor dem Hintergrund der Vielzahl von Teilnehmern, der Vielfältigkeit von Aufgaben, der unterschiedlichen Ebenen gesellschaftli- cher Wirklichkeit, sei es Arbeit, Wohnen, Freizeit oder aber Ehe und Familie. Und noch wei- ter lässt sich die Komplexität einer Sozialstaatlichkeit spannen. Leere Kassen, verschiedene Parteien und Politiken, neuartige Segregationen, wie etwa die >>Exkludierten<<. Alles in allem, die Sozialstaatlichkeit muss sich, will sie in ihrer Funktion wirksam sein, einer koordi- nierenden Instanz bedienen. Und in dieser Rolle sehe ich u.a. Sozialplanung.

Sozialplanung zielt auf die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen sozialen Einrichtun- gen und den Bedürfnislagen der Inanspruchnehmer. Maßnahmen sind zu koordinieren und unter Berücksichtigung der Interessen der Bevölkerungsgruppen zu regulieren bzw. den He- rausforderungen einer sich dynamisch4 wandelnden Gesellschaft anzupassen. (vgl. Mayer/Quer, 1975, S. 36) Damit werden auf der gesellschaftlichen Ebene Ziele verfolgt, die aus regierender Perspektive gesellschaftliche Normvorstellungen betreffen, die wiederum Zielprogramm zur Entwicklung der Gesellschaft sind. Soziale Hilfen werden hierfür bereit- gestellt und in und von Institutionen und deren Mitarbeitern, in Krankenhäusern, Heimen, Pflegediensten, sozialpädagogischen Familienhilfen, aber auch in Schusterbetrieben und im Handwerk erbracht. Das Individuum verliert zunächst dabei seine Bedeutung für die Planung, da zunächst den gesellschaftlichen und sozialen Bedürfnissen entsprechende Umwelten ge- schaffen werden. Die Behandlung, Betreuung und Beratung der Individuen wirkt folgenlich im Erbringen sozialer Dienstleistungen durch die entsprechend geplanten Programme und Institutionen. So zielt Sozialplanung als Verfahren, auf infrastrukturelle Maßnahmen ab, die wiederum auf individuelle Anforderungen reagieren, wobei die spezifische (professionelle) Arbeit sich dann jeweils in den entsprechend aufgebauten Struktureinheiten abspielt.

Es lässt sich eine Trennung im Wirkungsbereich von Sozialplanung feststellen. Infrastrukturelle Maßnahmen zielen auf die Regulierung und Verwendung von Ressourcen, der individuelle Aspekt bezieht sich auf die Bereitstellung von Programmen, mit denen den Bedarfen entgegengetreten wird. Anders formuliert:

„In der Ressourcenplanung werden inhaltliche Zielprobleme in ressourcenbezogene Knap- pheitsrelationen transformiert, während bei Programmplanungen Probleme und Ressourcen instrumentalistisch verkürzt werden.“ (Naschhold, zitiert in Langenbach/Widmaier, 1976, S. 168)

Damit wird eine Unterscheidung notwendig, die an dieser Stelle zunächst benannt wird. So zielt die Bereitstellung institutioneller Arrangements auf die verschiedenen Interessen betei- ligter Akteure, bei denen interne Mechanismen des Sozialmarktes wirken. Hingegen zielt die Programmplanung in ihrer Wirkung auf die zu organisierende soziale Dienstleistungserbrin- gung, die wiederum vom empfangenen Subjekt beeinflusst wird. Objektive gesellschaftliche Einheiten und subjektive Handlungsanforderungen und -aufforderungen stehen sich gegenü- ber.

[...]


1 Wir kommen auf diesen Sachverhalt erneut bei der Analyse des hier untersuchten sozialen Systems zu spre- chen.

2 Wobei damit nicht gemeint ist, dass die aktuellen Anlässe tatsächlich aktuell sind. Lediglich das Erkennen und die Inszenierung von Deregulierungsmaßnahmen erfüllen das aktuelle Moment.

3 Diese Dezentralisierung des Dienstleistungssektors ist auf das Subsidiaritätsprinzip zurückzuführen.

4 Auch wenn Luhmann dem Begriff der Dynamik eine Absage erteilt (vgl. Luhmann, 1984, S. 471), halte ich an dem Begriff fest.

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Sozialplanung, soziale Planung oder Planung des Sozialen - Ein Verfahren unter Einfluss von Staat, Markt, Politik und moralischer Grundhaltung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie/Erziehungswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
116
Katalognummer
V146555
ISBN (eBook)
9783640574834
ISBN (Buch)
9783640575046
Dateigröße
898 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialplanung, Planung, Sozialen, Verfahren, Einfluss, Staat, Markt, Politik, Grundhaltung
Arbeit zitieren
Oliver Schubert (Autor), 2009, Sozialplanung, soziale Planung oder Planung des Sozialen - Ein Verfahren unter Einfluss von Staat, Markt, Politik und moralischer Grundhaltung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146555

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