Der Eichmann-Prozess im Spiegel der bundesdeutschen Presse

Ein Vergleich der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der ZEIT


Seminararbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verlauf der Berichterstattung deutscher Zeitungen über den Prozess

3. Vergleich der beiden Zeitungen
3.1. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung
3.2 Die Zeit

4. Zusammenfassung der Analyseergebnisse

5. Fazit

6. Quellen - und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„An dieser Stelle, an der ich vor Sie trete, Richter in Israel, stehe ich nicht allein. Mit mir treten zu dieser Stunde sechs Millionen Kläger auf. Aber sie können sich nicht mehr erheben. (…). Denn ihre Asche liegt verstreut auf den Hügeln von Auschwitz, auf den Feldern Treblinkas. (…). Ihre Gräber sind verstreut über alle Länder Europas. (…). In ihrem Namen werde ich die furchtbare Anklage erheben.“[1]

Mit diesen Worten des israelischen Generalstaatsanwalts Gideon Hausner begann im April 1961 der Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der in entscheidender Schlüsselrolle für die Ausrottung des jüdischen Volkes im Dritten Reich verantwortlich war. Als Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt war er zwar am direkten Tötungsprozess nicht beteiligt, allerdings organisierte er die Transporte in die Vernichtungslager, arbeitete die Fahrpläne aus und sorgte für die ausreichende Nutzung der Gaskammern.[2] Nach seiner Entführung durch den israelischen Geheimdienst wurde er 1961 vor Gericht gestellt und die ganze Welt schaute zu. 500 Journalisten berichteten vom Prozess, die israelischen Rundfunksender übertrugen wichtige Teile aus dem Gerichtssaal und das Deutsche Fernsehen informierte die Zuschauer nicht nur in den Tagesnachrichten, sondern auch zweimal wöchentlich in Sondersendungen unter dem Titel „Eine Epoche vor Gericht“ über die Geschehnisse in Jerusalem.[3] Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, wie die Verbrechen Adolf Eichmanns und der Prozess gegen ihn in der bundesdeutschen Presse thematisiert wurden. Dazu sollen die Berichterstattungen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Zeit genauer untersucht werden, wobei sich die Untersuchung auf den Zeitraum von April bis Juli 1961 konzentriert. Auch soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die deutsche Öffentlichkeit den Prozess nutzte, um die nationalsozialistischen Verbrechen zu verarbeiten. Wurde der Prozess zum Anlass genommen, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen oder forderte man einen „Schlussstrich“? Galt Eichmann als Ausnahme, die nichts mit den Moralvorstellungen des „normalen“ Deutschen gemein hatte oder wurde angenommen, dass sich jeder in seiner Situation und Stellung so verhalten hätte? Wie verlief die Berichterstattung und wo lag ihr zeitlicher Höhepunkt? Welche thematischen Schwerpunkte wurden jeweils gesetzt?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist mit einer Auflage von 471.445 Exemplaren[4] die drittälteste überregionale deutsche Tageszeitung und erschien erstmalig am 1.November 1949. Schon von Anfang an gab es bei der FAZ keinen Verleger und keinen Chefredakteur, sondern die Zeitung wird heute noch von fünf gleichberechtigten Herausgebern geleitet. Das Profil der Zeitung beschrieb ein ehemaliger Herausgeber Friedrich Karl Fromme mit den deutschen Nationalfarben „schwarz-rot-gold“. „Schwarz steht für die konservative Politiksicht, Rot für das links tendierende Feuilleton und Gold für das liberale Wirtschaftsverständnis“.[5]

Die Wochenzeitung die Zeit erschien zum ersten Mal am 21.Februar 1946 und machte damals durch zahlreiche Attacken gegen die britische Besatzungsmacht auf sich aufmerksam.[6] Mit einer Auflage von 480 000 Exemplaren erscheint sie jeden Donnerstag und wird vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, sowie Josef Joffe und Michael Naumann herausgegeben.[7] Hinsichtlich der Meinungen lässt sich keine einheitliche Linie feststellen, denn gerade die unterschiedlichen Akzente führten zum Erfolg der Zeitung. Sie möchte dem Leser keine Meinung aufdrängen, sondern viele Facetten der Themen darstellen[8] und „(…) ungeschminkt die Wahrheit sagen, auch wenn sie schmerzlich ist und das wird sie leider häufig sein(…)[9] “.

2. Verlauf der Berichterstattung deutscher Zeitungen über den Prozess

Die gesamte Berichterstattung über den Eichmann-Prozess deutscher Zeitungen lässt sich in vier Phasen unterteilen. Die erste Phase begann mit der Nachricht von der spektakulären Festnahme Eichmanns am 23.Mai 1960. In den Wochen und Monaten danach wurde vor allem die Frage diskutiert, wo Eichmann vor Gericht gestellt werden sollte. Die zweite Phase, die wenige Tage vor dem 11.April 1961, dem Tag des Prozessauftaktes, begann und erst nach den Schlussplädoyers im August 1961 endete, soll Mittelpunkt dieser Arbeit sein.

Die dritte Phase erstreckte sich über den Zeitraum vor, während und kurz nach der Urteilsverkündung am 11.Dezember 1961. Die vierte und letzte Phase umfasste die Berufungsverhandlungen im März 1962 bis zur Hinrichtung Eichmanns am 1.Juni 1962.[10]

Bei der Analyse des zeitlichen Höhepunktes wird deutlich, dass die deutschen Zeitungen im April 1961 am meisten über den Prozess berichteten, da zu diesem Zeitpunkt die Verhandlung begann und somit ein hohes Informationsbedürfnis seitens der Leser bestand. Nachdem am 14.August 1961 das Hauptverfahren abgeschlossen war, ging auch der Umfang der Berichterstattung zurück.[11] Der in dieser Seminararbeit analysierte Zeitraum von April 1961 bis Juli 1961 liegt somit genau im zeitlichen Höhepunkt der Berichterstattung.

3. Vergleich der beiden Zeitungen

3.1. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte zum Zeitpunkt des Prozesses eine Auflage von 327.000 Exemplaren[12]. Hinsichtlich der zeitlichen Gewichtung der Berichterstattung fügte sie sich nahtlos in das oben vorgestellte Gesamtbild. So berichtete die FAZ im Mai 1961 mit fast 60 Beiträgen am häufigsten über die Gerichtsverhandlung. Im September 1961, also einen Monat nach Ende des Prozesses, lediglich mit zwei Artikeln.[13]

Betrachtet man den Untersuchungszeitraum, so wird deutlich, dass die Art der Berichterstattung in zwei Teile aufgeteilt wurde. Zum einen berichtete die FAZ gemäß ihrer Funktion als Tageszeitung in sachlichen Artikeln über das Prozessgeschehen. So thematisierte sie zum Beispiel auch die Stimmen bundesdeutscher Politiker, wie Bundeskanzler Adenauer, wie im Artikel „Adenauer dankt Ben Gurion“[14]. Zum anderen berichtete der nach Israel entsandte Journalist Joachim Schwelien in sehr ausführlichen Berichten über den Prozess, wobei er nicht nur rein sachliche und informierende Artikel lieferte, sondern auch solche, die sich mit Nebenthemen des Eichmann-Prozesses beschäftigten. So widmete er sich im Artikel „Hinter der Glaswand“[15] ausführlich der Person Eichmanns, dessen Verstrickung in die Verbrechen und verknüpfte dies mit der Frage nach der Schuld der Deutschen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass der sachliche Teil der Berichterstattung bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung deutlich dominierte. In diesem Teil ging es um die Wiedergabe des Prozessverlaufs, welche durch Darstellung von Zeugenaussagen und juristischen Vorgehensweisen dazu diente, den Leser auf den neuesten Informationsstand zu bringen. Diese Beschreibungen waren teils sehr detailliert und vermittelten somit ein genaues Bild des Prozesses. So schilderte Schwelien auch den Auftritt des Anwalts Friedrich Kaul vor Gericht, der als Zeuge den damaligen Staatssekretär Hans Globke zu belasten versuchte.[16] In den Artikeln, in denen Schwelien nicht direkt über das Prozessgeschehen, sondern über die Person Eichmanns berichtete, bediente er sich einer metaphernreichen Sprache, indem er Eichmann zum Beispiel als „Herrn der Finsternis“[17] beschrieb. Auch den Begriff der „Glaswand“, hinter der Eichmann saß, metaphorisierte er, indem er sagte, die Deutschen sollen nicht „(…) hinter der Glaswand von Ausflüchten und Beschönigungen [vor ihrer Vergangenheit] flüchten.“[18]

Hinsichtlich der Art und der Funktion des Prozesses lässt sich bei den Artikeln von Joachim Schwelien feststellen, dass er vor allem die Wahrheitsfindung als einen wichtigen Punkt des Prozesses sah. Er stellte also nicht nur die Verurteilung Eichmanns ins Zentrum, sondern sah bei allen Beteiligten die Pflicht, die Wahrheit über die Verbrechen der Nazi-Diktatur mit diesem Prozess ans Licht zu bringen. Zudem hielt er es für sehr wichtig, dass der Prozess „(…) sauber und exakt geführt [werde, damit] an seinem Ende auch nicht die Spur eines Zweifels offen bleiben kann.“[19] In dem Artikel „Ein Mahnmal für die Jugend“[20] wird schon an der Überschrift deutlich, was Schwelien über den oben genannten Punkt hinaus über die Art und die Funktion des Prozesses dachte. Er beschrieb darin das Verhältnis der jüngeren Generation zum Prozess und die dadurch wieder aufgelebte Vergangenheit. Für Schwelien hatte die Verhandlung die positive Folge, dass sich die ältere Opfergeneration und die jüngere Generation wieder annäherten und das gegenseitige Verständnis stärkten. Die israelische Jugend konnte sich nun in ihre Eltern und Großeltern hineinversetzen und vielleicht verstehen, was damals passiert war. Schwelien betitelte die wieder geweckte Erinnerung als ein „Band“, das sich um die junge und die ältere Generation der Juden gelegt hatte.[21]

Den größten Teil seiner Artikel außerhalb der rein sachlichen Berichterstattung widmete Schwelien der Ergründung der Person Eichmanns. In sehr detaillierten Berichten erläuterte der Journalist das Auftreten Eichmanns im Gerichtssaal und seine Wirkung auf die Anwesenden. Er beobachtete die Mimik und Gestik des Angeklagten genau, um seine Beweggründe für die Verbrechen zu erfassen. So schrieb Schwelien in einem Artikel: „Aus seinem Glaskasten starrt der Angeklagte bewegungslos, blicklos hinter der großen Hornbrille auf den Staatsanwalt (…).“[22] Auf die Frage nach den Ursachen für Eichmanns Beteiligung an der Organisation der „Endlösung“ kam Schwelien zu dem Schluss, dass Eichmann kein blutrünstiger Mörder war, sondern, um es mit den Worten der Publizistin Hannah Arendt zu verdeutlichen, „(…) sich einfach nie vorgestellt hatte, was er eigentlich anstellte.“[23] Auch Schwelien war, wie viele seiner Kollegen, von der Widersprüchlichkeit zwischen den Verbrechen, die Eichmann begangen hatte und der eher unscheinbaren Person im Glaskasten irritiert. In einem Artikel beschrieb er ihn als ein „Nichts“ das „(…) an irgendeiner Stelle von Dämonen getrieben [worden war].“[24] Eine weitere Parallele zwischen Schwelien und Hannah Arendt wird zudem deutlich, als der FAZ -Journalist Eichmann als einen „Hanswurst“[25] bezeichnete. Schweliens Erkenntnis über die Mittelmäßigkeit Eichmanns bedeutete allerdings nicht, dass er ihn für weniger schuldig und gefährlich hielt. Denn diesen Aspekt hielt Schwelien für die Gefahr, die von Eichmann ausging: „Sie wussten worum es ging, die großen und die kleinen Eichmanns.“[26]

[...]


[1] Nellessen, Bernd, Der Prozess von Jerusalem: Ein Dokument, Düsseldorf [u.a.] 1964, S. 15.

[2] Lang, Jochen von, Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre, Wien 2001.

[3] Lamm, Hans, Der Eichmann-Prozess in der deutschen öffentlichen Meinung. Eine

Dokumentensammlung, Frankfurt am Main 1961, S.71.

[4] nach Angaben der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. (IVW), http://www.ivw.eu/index.php, 09.08.2008 [Internet].

[5] Stahl, Klaus, Das wichtigste konservative Presseorgan Deutschlands – Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, August 2005, Goethe-Institut,

http://www.goethe.de/wis/med/thm/prs/de865965.htm, 09.08.2008 [Internet].

[6] Maaßen, Ludwig, Die Zeitung. S.106.

[7] ZEIT-Verlag, Das redaktionelle Profil, auf ZEIT – ONLINE,

http://www.zeit.de/zeitverlag/profil_verlag, 09.08.2008 [Internet].

[8] Maaßen, Ludwig. Die Zeitung, S.107-109.

[9] Die Zeit 1 (1946), S.1.

[10] Krause, Peter, Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse, Frankfurt/New York 2002, S.143-145.

[11] Wilke J[ürgen] [u.a.], Holocaust und NS-Prozesse. Die Presseberichterstattung in Israel und Deutschland zwischen Aneignung und Abwehr, Köln [u.a.] 1995 (Medien in Geschichte und

Gegenwart; Bd.3), S. 75f.

[12] Ebenda, S.48.

[13] Wilke, S. 192.

[14] Adenauer dankt Ben Gurion, in: FAZ (11.April 1961), S.1.

[15] Schwelien, Hinter der Glaswand, in: FAZ (11.4.1961), S.3.

[16] Ders., Jetzt auch eine westdeutsche Pressekonferenz in Jerusalem, in: FAZ (8.5.1961), S.2.

[17] Ders., Der Amtsgehilfe des Todes, in: FAZ (21.4.1961), S.2.

[18] Ders., Hinter der Glaswand, S.3.

[19] Schwelien, Hinter der Glaswand, S.3.

[20] Ders., Ein Mahnmal für die Jugend, in: FAZ (12.5.1961), S.5.

[21] Ebenda, S.5.

[22] Ders., Die Stunden des Grauens, in: FAZ (19.4.1961), S.3.

[23] Arendt, Hannah, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2007, S.56.

[24] Schwelien, Die Stunden des Grauens, S.3.

[25] Ders., Der Amtsgehilfe des Todes, S.2.

[26] Ders., Die Stunden des Grauens, S.3.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Eichmann-Prozess im Spiegel der bundesdeutschen Presse
Untertitel
Ein Vergleich der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der ZEIT
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Geteilte Vergangenheit - Zum Umgang mit Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V146701
ISBN (eBook)
9783640576210
ISBN (Buch)
9783640575992
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eichmann, Presse, Öffentlichkeit, Die Zeit, Nachkriegszeit, Vergangenheitsbewältigung, FAZ, Holocaust
Arbeit zitieren
Carolin Gadinger (Autor), 2008, Der Eichmann-Prozess im Spiegel der bundesdeutschen Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146701

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