Wikipedia: Weisheit der Vielen oder digitaler Maoismus?


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist die Wikipedia?

3. Wie schlägt sich die Wikipedia im Vergleich mit etablierten Enzyklopädien?

4. Warum funktioniert die Wikipedia und wer schreibt sie?

5. Welche Probleme hat die Wikipedia und wie können sie gelöst werden?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Aktueller Vergleich (Februar 08) der größten Enzyklopädien (Artikelanzahl)

1. Einleitung

Wikipedia: Weisheit der Vielen oder digitaler Maoismus? Der Titel dieser Arbeit spielt auf James Surowieckis Buch „The Wisdom of Crowds“ und Jaron Laniers Aufsatz „Digital Maoism“ an. Surowiecki beschäftigte sich allgemein mit dem Thema „kollektive Intelligenz“ und der damit verbundenen Frage, ob ein Kollektiv klüger sein kann, als das klügste Individuum darin (Die Begriffe Weisheit, Klugheit und Intelligenz werden hier und im Folgenden synonym verwendet). Gleich auf den ersten Seiten erfährt man, dass das unter bestimmten Umständen der Fall sein kann. Leider findet man die Wikipedia nicht unter seinen zahlreichen Fallbeispielen, die entweder die Weisheit oder die Dummheit des Kollektivs in bestimmten Situationen illustrieren sollen (vgl. Surowiecki, 2005). Lanier dagegen, ist beunruhigt über den aufkommenden Glauben an die Intelligenz des Kollektivs im Allgemeinen und an die Wikipedia im Speziellen und versucht auf eher philosophischem Weg zu zeigen, dass der Versuch, eine offene Enzyklopädie zu schaffen, im Desaster enden muss (vgl. Lanier, 2006).

Das Ziel dieser Arbeit ist die Beantwortung der Titelfrage. Auf dem Weg dahin werden aber auch folgende Teilfragen geklärt: Was genau ist die Wikipedia und welche Bedeutung hat sie? Ist die Online-Enzyklopädie glaubwürdig und kann sie in Sachen Qualität mit den etablierten Enzyklopädien mithalten? Wie funktioniert die Wikipedia und wer schreibt sie überhaupt? Welche Probleme gibt es dennoch und wie können sie gelöst werden? Abschließend wird ein kurzer Ausblick gegeben.

2. Was ist die Wikipedia?

Die Wikipedia ist ein Projekt zur gemeinschaftlichen Erstellung einer unzensierten und freien Online-Enzyklopädie. Frei ist sie, weil alle Texte und ein Großteil der Bilder kostenlos genutzt, verändert und verbreitet werden dürfen. Der Begriff „Wikipedia“ setzt sich aus dem hawaiischen Wort für „schnell“ („Wiki“) und „Encyclopedia“ zusammen. Die englischsprachige Version des Nachschlagewerks im World Wide Web wurde am 15. Januar 2001 von den US-Amerikanern Jimmy Wales und Larry Sanger ins Leben gerufen, nachdem sie mit dem Vorgänger „Nupedia“ erfolglos geblieben sind. Die Nupedia setzte noch auf konventionelle Redaktionsprozesse und wies nach einem Jahr kaum mehr als achtzig Beiträge auf. Die Wikipedia ist dagegen eine offene Enzyklopädie, das heißt, jeder kann an ihr mitschreiben und es gibt keine angestellten Fachleute, die redigieren, strukturieren und aufbereiten. (vgl. Schuler, 2007, S. 32; Wikipedia, 2008a).

Darüber hinaus ist die Wikipedia kein kommerzielles Projekt, wie die etablierten Enzyklopädien, sondern wird ausschließlich durch Spendengelder finanziert (Wikipedia, 2008a). Jimmy Wales, der „Diderot aus Alabama“ (faz.net, 2005), und ein Großteil der „Wikipedianer“, das sind die tausenden Freiwilligen, die am Projekt mitarbeiten, verfolgen hehre und gemeinnützige Ziele. Wie der echte Diderot, einer der Verfasser der ersten Enzyklopädie überhaupt, glauben sie an die Kraft des Wissens. Sie sind davon überzeugt, dass Menschen durch Wissenszuwachs nicht nur gebildeter, sondern auch tugendhafter und glücklicher werden (vgl. faz.net, 2005).

Außerdem ist die Wikipedia ein Projekt mit internationalem Anspruch. Es gibt die freie Enzyklopädie in über 250 Sprachversionen und es werden mehr. Dadurch könnten sich Wissensklüfte langfristig nicht nur innerhalb einzelner Länder, sondern auch zwischen diesen und vor allem zwischen Industrie- und Entwicklungsländern schließen. Trotz des Anspruchs, ist die Wikipedia zurzeit noch eine Veranstaltung der entwickelten Industrienationen (vgl. Wikipedia, 2008b).

Nach Schuler (2007, S. 41 ff.) machen drei Grundbestandteile die Wikipedia zu dem was sie ist – die Wiki-Software, der Neutral Point of View (NPOV) und die Wikiquette. Die Wiki-Software wurde von Ward Cunningham entwickelt und macht es Programmierlaien möglich, Webseiten direkt im Browser zu verändern. Die Artikel in der Wikipedia können von jedem editiert werden. Wichtig dabei ist, dass jede Beitragsversion gespeichert wird, wodurch jeder nachvollziehen kann, wann wer was geändert hat. Das wichtigste Prinzip, dass beim Schreiben eines Artikels beachtet werden muss, ist der NPOV. Die Forderung nach einer neutralen Betrachtungsweise bedeutet für die Autoren nicht, dass sie kontroverse Aspekte unterschlagen und keine eigene Meinung haben dürfen. Jede Perspektive muss aber als solche ausgewiesen und begründet werden. Die Wikiquette ist eine Übertragung der Netiquette, der Höflichkeitsregeln für Chats und Foren, auf die Wikipedia. Sie enthält einfache Regeln wie „Beleidige niemanden“ und kommt vor allem auf den Diskussionsseiten, auf denen sich Wikipedianer über den Zustand von Artikeln austauschen können, zur Anwendung.

Darüber hinaus sind die Artikel des Mitmach-Lexikons, wie auch die anderer elektronischer Nachschlagewerke, Hypertexte, das heißt, sie sind miteinander verlinkt. Diese vier Grundprinzipien haben die Wikipedia zu einem der erfolgreichsten Projekte des so genannten „Web 2.0“ gemacht. Heute ist www.wikipedia.org auf Platz sieben im Alexa Traffic Ranking für Deutschland (alexa.com, 2008). In nur sieben Jahren ist die englische Version mit über zwei Millionen Einträgen zur größten Enzyklopädie der Welt geworden. Die nicht einmal halb so umfangreiche deutsche Version kann mit über 700.000 Artikeln dennoch bereits mehr als doppelt so viele wie der Brockhaus aufweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Aktueller Vergleich (Februar 08) der größten Enzyklopädien (Artikelanzahl)

Eigene Grafik nach Wikipedia (2008c)

Kritiker behaupten allerdings, dass bei der Wikipedia Qualität mit Quantität verwechselt wird. Robert McHenry, der ehemalige Chefeditor der Encyclopaedia Britannica, schrieb sogar, es würde sich bei dem beliebten Mitmach-Lexikon gar nicht um eine Enzyklopädie handeln, denn eine solche müsste verlässlich sein (vgl. McHenry, 2005). Die Redakteure der BILD suchten nach Fehlern, fanden sie und titelten „Wiki-Fehlia. So unzuverlässig ist Deutschlands beliebtestes Internet-Lexikon“ (bild.de, 2006).

Das führt zu Fragen, die im Zusammenhang mit Wikipedia am häufigsten gestellt werden: Wie glaubwürdig ist die Online-Enzyklopädie überhaupt? Kann sie in Sachen Qualität mit etablierten Enzyklopädien mithalten?

3. Wie schlägt sich die Wikipedia im Vergleich mit etablierten Enzyklopädien?

Um diese Frage zu beantworten werden hier exemplarisch drei häufig zitierte Vergleichstests herangezogen.

Bereits im Oktober 2004 verglich die Computerzeitschrift c’t (computing today) die deutsche Wikipedia mit Microsofts „Encarta 2005 Professional“ und der CD-ROM/DVD-Version des Brockhaus (Kurzidim, 2004). Zu diesem Zeitpunkt hatte die freie Enzyklopädie noch nicht mehr als 140.000 Artikel. Encarta und Brockhaus wiesen einen Umfang von etwa 50.000 beziehungsweise 240.000 Einträgen auf. Die c’t-Redakteure wählten aus 22 Fachgebieten jeweils ein leichtes, ein mittelschweres und ein schweres Schlagwort. Die gefundenen Artikel wurden dann von Fachwissenschaftlern bewertet. Es kam eine Notenskala zum Einsatz, die von fünf Punkten (sehr gut) bis zu einem Punkt (sehr schlecht) reicht. Fand man in einem Lexikon nichts zum gesuchten Schlagwort, gab es null Punkte. Kriterien für die Bewertung waren die fachliche Korrektheit, Vollständigkeit und Verständlichkeit. Das überraschende Ergebnis: Obwohl die Wikipedia noch in den Kinderschuhen steckte, wurde sie mit durchschnittlich 3,6 Punkten pro Artikel zum Testsieger erklärt. Der Brockhaus erreichte 3,3, die Encarta 3,1 Punkte. In Sachen Vollständigkeit war die freie Enzyklopädie damals schon ungeschlagen, in der Kategorie Verlässlichkeit lag die freie Enzyklopädie mit ihren Konkurrenten etwa gleichauf. Eine Schwäche lag bei der Verständlichkeit, denn vor allen wissenschaftliche Artikel sind oft nicht für Laien geschrieben. Auch im Bereich Multimedia hinkte die Wikipedia hinterher, da sie zwar Fotos und Abbildungen aufweisen konnte, aber kaum Tonaufnahmen und keine Videos.

Die naturwissenschaftliche Fachzeitschrift Nature veröffentlichte im Dezember 2005 den Test, der für den meisten Wirbel sorgte (Giles, 2005). Diesmal wurden die englische Wikipedia, die zu diesem Zeitpunkt aus ungefähr 750.000 Einträgen bestand, und die Onlineversion der renommierten Encyclopaedia Britannica, die nur ein Zehntel der Artikelmenge der freien Enzyklopädie vorzuweisen hatte, miteinander verglichen. Die Redakteure der Zeitschrift interessierten sich ausschließlich für die Verlässlichkeit beider Nachschlagewerke. Sie suchten Artikel zu naturwissenschaftlichen Schlagwörtern und sortierten diejenigen heraus, zu denen die Britannica nichts beizusteuern hatte (in der Wikipedia wurden die Redakteure bei allen Schlagwörtern fündig), und diejenigen, zu denen sich die Längen der Einträge deutlich voneinander unterschieden. Die Artikel zu den übrig gebliebenen 50 Schlagwörtern wurden anonymisiert und Fachwissenschaftlern zur Überprüfung vorgelegt. 42 verwendbare Beurteilungen hat die Nature-Redaktion zurückgeschickt bekommen. Als Fehler wurden faktische Fehler, kritische Auslassungen und irreführende Aussagen gewertet. Im Durchschnitt enthielt jeder Wikipediaeintrag vier dieser Fehler, jeder Eintrag in der Britannica drei. Das war der „Ritterschlag als vollwertige Enzyklopädie“ (Schuler, 2007, S. 50) für die Wikipedia, da sie ja kaum weniger verlässlich war, als das für Qualität stehende britische Nachschlagewerk. Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass das Mitmach-Lexikon höchstwahrscheinlich strahlender Sieger geworden wäre, wenn die Vollständigkeit eine Rolle gespielt hätte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wikipedia: Weisheit der Vielen oder digitaler Maoismus?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Internet und Neue Medien
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V146745
ISBN (eBook)
9783640576845
ISBN (Buch)
9783640580156
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Web 2.0, Wikipedia, Kommunikationswissenschaft, Jaron Lanier, James Surowiecki, kollektive Intelligenz, Schwarmintelligenz
Arbeit zitieren
Paul Thierbach (Autor), 2008, Wikipedia: Weisheit der Vielen oder digitaler Maoismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146745

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