Mythos Gewalt: dressierter Lernprozess oder monströse Gene?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschiedene Erklärungsansätze für Aggressionstheorien
2.1.1 Lorenz und seine Aggressions- und Frustrationshypothese
2.1.2 Freuds Aggressionstheorie
2.1.3 Soziobiologische Theorie
2.1.4. Die Frustrations- Aggressions- Hypothese (F- A- Theorie)
2.1.5. Die sozial-kognitive Lerntheorie

3. Das Böse ist gesellschaftsfähig

4. Das Gute, wie das Böse ernährt sich durch den Mitmenschen

5. Der Anfang des Bösen steckt in den Kinderschuhen

6. Erziehung nach dem Holocaust

7. Erziehung- die Wahrheit von heute ist der Irrtum von morgen

8. Der Mensch wird aggressiv geboren - gewalttätig wird er erst gemacht

9. Resümee

10. Literaturverzeichnis

Mythos Gewalt: dressierter Lernprozess oder monströse Gene?

„ich wünsche keinem Menschen etwas Böses. Ich kann das nicht, ich weis nicht, wie man das macht...“ Janusz Korczack (eine seiner letzten Tagebucheintragungen im Warschauer Getto, bevor er 1942 mit seinen Schützlingen in Treblinka umgebracht wurde.)

Denken wir an die Schießereien in den Schulen von Littleton (Colorado, USA) oder Erfurt, an die Menschenrechtsverletzungen der diversen Völker im ehemaligen Jugoslawien, an den Guatemaltekischen Bürgerkrieg von 1960 bis 1996, mit Opfern von 150 000 bis 250 000 Menschen, werden wir mit aggressiven Verhaltensweisen konfrontiert. Jene Verhaltensweisen spielen in allen Gesellschaften, sozialen Schichten und im Leben jedes einzelnen Menschen eine wichtige Rolle. Die Psychologen Gelles und Strauss (1995) führen sogar aus: "Sieht man einmal von der Polizei und dem Militär ab, ist die Familie vielleicht die aggressivste soziale Gruppe. “ Tatsächlich spielen sich die Mehrzahl der sexuellen Missbrauchs- sowie Tötungsdelikte im häuslichen Nahbereich ab. Der "unbekannte Fremde" als Täter ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Geschichte der Menschheit ist durchzogen von außerordentlicher Grausamkeit und der Mensch scheint im Gegensatz zu den meisten Tieren ein wahrer Killer zu sein. Scheinbar hilflos stehen wir den moralischen Abgründen unserer Bevölkerung gegenüber. Es scheint keine Lösungen mehr für solche Phänomene wie Erfolgsdruck, Beziehungsängste, Null-Bock-Mentalität, Gewalt und Terror zu geben. Unmut und Resignation nehmen immer weiter zu. Eine tägliche Massenschutzimpfung gegen falsche Meinungen wird uns in kleinen Dosen über Fernseh- Radio- und Printmedien verabreicht. Was richtig oder falsch ist, gilt es nicht selbst herauszufinden, sondern wird bereits geliefert. BILD dir deine Meinung! Es zählen nicht die Tatsachen, sondern die über die Tatsachen veröffentlichen Meinungen. Oder, mit Rudolf Augsteins Worten: „Das kapitalistische Pressesystem beruht auf dem unveräußerlichen Grundrecht jedes Kaufmanns, dumme Käufer auszusuchen und noch dümmer zu machen.“ (zit. nach: Der Gewerkschafter, 10/84). Schulen und Universitäten, staatlich überwacht und zensiert, sorgen für die angepasste Verwertbarkeit der Arbeitskraft. Gleichzeitig wird für eine Akzeptanz sozialer Ungleichheit gesorgt, da mehr und mehr auf Entertainment, statt auf kritische Hinterfragung gebaut wird. Die Werbeindustrie gibt ihr Bestes, auch noch den letzten hellen Kopf mit völligem Schund auszufüllen, sodass jeglicher Bezug zur Realität früher oder später verloren gehen muss. Vorschläge, mehr in Filme zu investieren, die aufklärend und weiterbringend wirken, stoßen schnell auf Entrüstung und werden nur allzu gern abgewiesen, mit dem Vorwurf, die „individuelle Freiheit“ einzuschränken. Es werden weder Kosten noch Mühen gescheut, ein Menschenbild zu konstruieren und von wissenschaftlichen Studien evaluieren zu lassen, um die aufgestellten Hypothesen zu vermarkten, warum es eben einfach von Natur aus böse Menschen gibt, die hin und wieder mal „austicken“. Zerstörungsdrang, Machtstreben, Geltungsdrang, Konkurrenzdenken, Eigennutzen, Brutalität, Feindseligkeit, Trägheit, Faulheit, Eifersucht, Rivalität, Missgunst, Verantwortungslosigkeit, Ungerechtigkeit, sind nur einige Beispiele. Moralisch furchteinflößend, jedoch erfolgsgarantiert, wenn man die Absicht hat in einer Konsum- und Leistungsgesellschaft nach oben zu streben. Aktueller denn je ist die Frage, wo die Ursprünge des Bösen im Menschen liegen. Verschiedene Meinungen treffen aufeinander, die Einen behaupten, es wäre Schicksal und suche die Menschen heim, um sie für ihre Sünden zu bestrafen. Ein Beispiel hierfür bildet die Annahme einer bösen Existenz in der Personifizierung des Teufels. Mit derlei Annahmen, wird schnell fatalistischen und absoluten Meinungen Raum geschaffen und die Fähigkeit genommen, eigenverantwortlich und selbstreflektiert zu handeln. Leichtfertig erstickt man so eine Weiterentwicklung des Menschen im Keim. Wie lässt sich diese überaus starke Gewaltbereitschaft gegenüber sich selbst und dem Mitmenschen erklären? Stammt diese aus derselben Quelle wie tierische Aggressionen? Resultiert dies aus einer lediglich kranken Gesellschaft als Ganzes oder ist es das Problem einzelner Individuen, die vor lauter „Unangepasstheit“ eines Tages Amok laufen und ihre von Mutter Natur aus angelegten sadistischen Phantasien ausleben?

2. Verschiedene Erklärungsansätze für Aggressionstheorien

Wenn auch der Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht gesprengt werden soll, möchte ich nicht darauf verzichten, einige Aggressionstheorien zu nennen und kurz zu erklären. Gegenwärtige Erkenntnisse zu verstehen, wird kaum möglich sein, wenn man die Anfänge nicht kennt. Auch wenn jede Wissenschaft ihren eigenen Forschungsgegenstand hat und ihre eigenen Methoden, die für sie richtungsweisend sind, so muss man jedoch erwarten können, dass trotz verschiedener Standpunkte und angestrebten Zielen, Unterstützung und Wissen ausgetauscht werden.

2.1.1 Lorenz und seine Aggressions- und Frustrationshypothese

„Verhaltensforscher wie Lorenz und Eibl- Eibesfeld sagen dagegen, das Böse käme von hinten. Der Mensch schleppe es aus seinen unlösbaren Instinktbindungen an seine tierischen Vorfahren in seinen Genen von Geschlecht zu Geschlecht mit sich herum.“ (Pilgrim, Dressur des Bösen, S.10). Unter den Psychologen findet das Böse oftmals die Bezeichnung Trieb, welcher in der Seele seinen Wohnsitz hat und von Geburt an da ist. Biologen hingegen erforschten die Zusammenstellung der menschlichen Chromosomen. „Weil man bei männlichen Verbrechern Schwankungen entdeckte und statt XY- wie bei normalen Männern, bei ihnen XYY- oder XXY- Einheiten vorfand“ (Pilgrim, Dressur des Bösen, S.10). Diese Erkenntnisse sind jedoch unzureichend, bedenkt man, dass es genügend Straftäter mit völlig normalen XY- Werten gibt. Diese Thematik in Hinblick auf derlei Konstellationen, welche Anomalien, sowie ungewöhnlich aggressives Potenzial verursachen, wurde auch von Erich Fromm aufgegriffen. In seinem Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ ging er bereits u.a. auf die Forschungsergebnisse von P.A. Jacobs 1965 ein. Hierbei ging es um Insassen einer speziellen „Sicherheitsverwahrungsanstalt“, welche wohl als geistig abnormal und besonders gefährlich angesehen wurden. Es stellte sich im Zuge der Untersuchungen heraus, dass 7 der 197 männlichen Insassen eine derartige XYY- Konstitution aufwiesen. (vgl. Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, S. 214). Bemerkenswert bei allen Vorstellungen und Vermutungen ist, dass „das Böse“ bereits vorhanden ist. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der in seinem klassischen Buch "Das sogenannte Böse" (1963) die arterhaltende Funktion aggressiver Verhaltensweisen herausarbeitete, hat sich im Zuge der Aggressionstheorie die Frage gestellt, was der Grund dafür sei, dass sich die Aggressivität bei dem einen Individuum so und beim anderen so „äußert“. „Offenbar“ muss es am Individuum liegen, lautete seine Schlussfolgerung. Resultat seiner Überlegungen war ein „Dampfkesselmodell“, auch unter dem Begriff „Karthasis Modell“ bekannt. Damit wollte er Menschen mit starkem und schwachem Überdruck unterscheiden und er formulierte folgendes Gesetz: “Wie lange ein Mensch einen Aggressionsstau ertragen kann, wird bestimmt durch die Stärke des Ventils.“ Demnach besitzt jemand ein „schwaches Ventil“, wenn er gleich zuschlägt und ein „starkes“, wenn er sich „beherrschen“ kann. Der Grund für die Wut ist Lorenz zufolge, kein unmittelbar aufgetretenes Ereignis, sondern die Tatsache, dass der angestaute spontane Aggressionstrieb entladen werden will. Die Wut öffnet somit nur das „Ventil“. Der Zusammenhang zwischen menschlichem Gefühlsleben und einem Dampfkessel erschließt sich möglicherweise nicht jedem. Lorenz seine Theorie basiert auf Tierversuchen, in denen er nachweisen konnte, dass die Aggressivität der untersuchten Tiere auch trotz Beseitigung der aggressionsauslösenden Schlüsselreize unverändert hoch blieb. Ein wichtiger Punkt ist jedoch, dass Tiere im Gegensatz zum Menschen keine Lust daran haben, anderen Tieren Lust und Schmerz zuzufügen. Tiere töten nicht aus sadistischen Gelüsten heraus. Der Mensch hingegen kann den Wunsch entwickeln, zu zerstören, um des Zerstörens willen. Der Mensch kann Lust daran empfinden, Leben grundlos zu vernichten. Er kann über das Ziel der Selbstverteidigung hinaus, Befriedigung und Lust empfinden am Ausüben von Grausamkeiten, sozusagen eine Art „Blutdurst“ entwickeln. Die Frage die sich immer wieder aufdrängt, ist, warum er das macht und zu welchem Zeitpunkt man genau diese Entwicklung von Lustempfinden oder Gefühlen von Befriedigung bei der Ausübung von Gewalt und Grausamkeiten umkehren kann bzw. verhindern kann. An der Lorenz'schen Aggressions- und Frustrationshypothese wird zudem vorwiegend kritisiert, dass sowohl die von ihm angenommene Analogie tierischer und kultureller Verhaltensmuster, als auch die spontanen Aggressionsimpulse empirisch nicht nachgewiesen und somit eher hypothetischer Natur seien.

2.1.2 Freuds Aggressionstheorie

Freuds Beitrag zur Aggressionstheorie ist wiederum bezeichnend für das volkstümliche Urteil „der Mensch sei schlecht“. Als Angehöriger einer Kriegsgeneration beschäftigte er sich mit folgender Theorie: „Als Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, Zeuge unvorstellbarer Grausamkeiten während des 1. Weltkrieges wurde, schrieb er an Albert Einstein, die Ursache für diese Geschehnisse läge darin, daß der Mensch aktive Kräfte zum Töten und Zerstören in sich trage. Freud sah in den aggressiven Handlungen einen Ausdruck des von ihm behaupteten ,Todestriebes’, den nach seiner Überzeugung alle Lebewesen, Mensch und Tier, besäßen. Die Kräfte dieses Triebes, so meinte er, können (nach innen gerichtet) z.B. als Selbstbestrafung, möglicherweise sogar als Selbstmord, in Erscheinung treten. Wenn sie sich dagegen nach außen richten, ist mit ihrer Äußerung als aggressive, feindliche Verhaltensweise zu rechnen.“ Um 1920 lokalisierte Freud im Es einen Dualismus zweier Primärtriebe, die alles bestimmen würden: den Lebenstrieb (Eros) und den Todestrieb ( Thanatos). Die Wirkung der Primärtriebe wird durch eine Triebenergie bestimmt und Freud bezeichnet diese für den Eros als Libido, hatte jedoch keine entsprechende Bezeichnung für den Thanatos eingeführt. Je größer eine Triebenergie, umso stärker kann sich der Trieb entfalten und seine Wirkung nach außen abgeben. Ist die Triebenergie des Thanatos sehr groß, erzwingt, so Freud, der lebenserhaltende Eros eine Ableitung nach außen. Andernfalls richtet sich die Energie gegen das Subjekt und zerstöre damit seine Existenz. Für Freud entsteht daraus ein Sekundärtrieb: der Aggressionstrieb. Folglich ist Aggression für Freud lediglich eine „Notwehrreaktion“ des Eros (zur Selbsterhaltung) und von der Natur gegeben. Zu bedenken ist jedoch bei dieser Annahme vom Todestrieb im Menschen, dass die aufgestellten Theorien von Freud auch ein Resultat der vorherrschenden Moral seiner Zeit waren. Somit sind jene Auffassungen immer im Zusammenhang zum damaligen Gesellschaftsbild zu setzen. Weitere Kritik an Freuds Aggressionstheorie basiert einerseits auf die fehlende empirische Belegbarkeit, womit sie spekulativ bleibt. Andererseits erscheint die Erklärung für sämtliche Arten von Aggressionen und Gewalteinwirkung mit einem im Menschen angelegten Trieb für die Komplexität dieser Materie unzureichend und fragwürdig.

2.1.3 Soziobiologische Theorie

Hingegen will die Soziobiologie systematisch die biologischen Grundlagen des Sozialverhaltens von Lebewesen erforschen. Es wird angenommen, dass Individuen solche Verhaltensweisen wählen, durch die eine größtmögliche Verbreitung ihrer eigenen Gene gewährleistet ist. Hierbei hat die Weitergabe der Allele oberste Priorität und nicht das individuelle Überleben. Aggression wird hierbei als natürliche Verhaltensweise im Rahmen der Fortpflanzungsstrategie gesehen: Der Auftrag des Mannes heißt demnach, die Weitergabe seiner Gene an möglichst viele Sexualpartnerinnen, während die Frau, sobald sie schwanger und damit die Weitergabe seiner Gene gewährleistet ist, nicht mehr an einer Fortpflanzung interessiert sein könne. Folglich müsse sich der

Mann ihrer mittels Aggressionen bemächtigen. Deutlich wird hier, dass in diesem Kontext Aggressionen als etwas primär Männliches und die Frau als von Natur aus friedliebend angesehen wird. Dem soziobiologischen Aggressionskonzept ist vorzuwerfen, dass es eine unzulässige Vermischung von menschlichen Ethikvorstellungen und biologischen Tatsachen beinhaltet. Zudem stellt es eine ideale Grundlage dar zur Legitimation patriarchaler Gesellschaftsverhältnisse und Rechtfertigung von Gewaltanwendung gegenüber Frauen, da diese ja „von Natur aus gegeben“ erscheint! Man bedenke, welchen Sinn sollte ein feindseliges, dem weiblichen Partner schädliches Verhalten haben? Wenn doch dieser gleichzeitig die Aufgabe haben soll, die Nachkommen zu gebären und aufzuziehen. Folglich würde doch aufgrund des hier angedachten primär männlichen aggressiven Verhaltens die Frau in permanenter Gefahr schweben. Warum eine Ausbeutung und Legitimation der Unterdrückung gegenüber der Frau in Folge patriarchaler Dominanz und somit eine Feindschaft zwischen den Geschlechtern sich entwickeln sollte, wäre vom biologischen Standpunkt her aus äußerst fragwürdig und unsinnig. Zumal es auch ausschließt, dass Frauen dazu befähigt werden können, Grausamkeiten auszuüben und Gewalt anzuwenden, was wiederum deutlich in der Geschichte des Menschen widerlegt wurde.

2.1.4. Die Frustrations- Aggressions- Hypothese (F- A- Theorie)

1939 wurde die Frustrations- Aggressions- Hypothese (F- A- Theorie) von der sog. Yale- Gruppe, einem Forscherkollektiv um John Dollard in ihrer ersten Fassung publiziert. Sie bildet den Grundstein der experimentellen Aggressionsforschung. Die Yale-Gruppe lehnte Freuds Thanatos- Theorie ab. Stattdessen legte sie Wert auf eine behavioristische Methodologie und ihr Ziel war eine Entwicklung operationalisierbarer Konzepte zur Aggressionsprävention. Sie verstanden Aggression als eine Handlung, welche absichtlich einen Organismus verletzt. Frustration trat demnach bei Blockierung einer gewünschten Zielreaktion auf. Es wurden zwei Axiome aufgestellt: 1. Frustration führt stets zu einer Form von Aggression, 2. Aggression ist immer eine Folge von Frustration. Kern der Theorie bildet demnach die Annahme einer exogenen Ursache (Frustration) für Aggressionen, statt eines inneren Triebes, wie in Freuds Theorie. Wenn diese Aggression jedoch nicht ausgelebt werden kann, kommt es zum „Aggressionsstau“, der auf andere Weise an Ersatzzielen ausgelebt werden muss. Ist kein Ersatzziel vorhanden, wäre Autoaggression die Folge. Kritisch zu hinterfragen wäre, ob es denn tatsächlich der Fall sei, dass auf jede Frustration eine Aggression folgen muss, oder nicht auch andere Reaktionsweisen (Bsp. Rückzug) eintreten können? Es scheint auch zu global formuliert, wenn man die Meinung vertritt, dass Reaktionsweisen von Personen nicht individuell verschieden sein können, da jeder Mensch eine andere Bewertung von Situationen vornimmt. Wobei gerade an dieser Stelle, interessant wäre, mehr Energie darauf zu verwenden, herauszufinden wie diese unterschiedlichen Bewertungen konkret wahrgenommen werden und wie man die Bewertungen beeinflussen kann, bevor diese gewaltbereites Verhalten auslösen.

2.1.5. Die sozial-kognitive Lerntheorie

Zu guter Letzt, soll auch die sozial- kognitive Lerntheorie Berücksichtigung finden, da sie an anderer Stelle dieser Arbeit noch mal Erwähnung findet. Die sozial-kognitive Lerntheorie wurde in den 1960er Jahren von Albert Bandura begründet. Hierbei wird Lernen als eine aktive, kognitiv gesteuerte Verarbeitung von Erfahrungen verstanden ('Beobachtungslernen') und Verhalten nicht länger als bloße vorhersehbare Reaktion auf determinierende Umwelteinflüsse. Die Imitation eines Verhaltensmodells ist Bandura zufolge abhängig von vier Faktoren seitens des Beobachters innerhalb eines Beobachtungslernprozesses: (1). Die Aufmerksamkeit des Beobachters; (2). Die Fähigkeit, modellierte Ereignisse geeignet zu kodieren, so dass sie im Gedächtnis abrufbar sind; (3). Die Fähigkeit entsprechender motorischer Reproduktion des Modells, und (4). Der motivationale Gehalt eines Modells (Grad der subjektiv mit der modellierten Verhaltensweise verbundenen Erfolgsaussicht, etc.) Sofern eine Verhaltensweise wenig erfolgsversprechend zu sein scheint oder mit ihr ein hohes Bestrafungsrisiko verbunden ist, wird der Beobachter sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht imitieren, auch wenn er sie dennoch gelernt hat. Bezogen auf aggressive Verhaltensmodelle bedeutet dies: kann sich eine aggressiv verhaltende Person durchsetzen und wird dieses Verhalten vom Beobachter zudem als moralisch gerechtfertigt empfunden, wird er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer ähnlichen Ausgangssituation ebenfalls aggressiv verhalten. Motivational können auch sogenannte. „stellvertretende Bekräftigungen“ (z.B. aggressives Fernsehen). Setzt man sich nun mit all diesen Theorien auseinander und versucht sie im Verhältnis zu ihrem Entstehungskontext zu begreifen, sollte man sich fragen, ob es nicht schlicht und ergreifend überholt ist, anzunehmen der Mensch wäre von Natur aus entweder gut oder böse oder völlig berechenbar wie eine Maschine. Sind böse Handlungen gleichzusetzen mit bösen, absoluten, natürlichen Gegebenheiten? Der Begriff Natur würde in diesem Sinne freiwilliges Handeln ausschließen und Ursachenforschung somit erübrigen. Begriffe wie „Gut“ oder „Böse“ könnten daher auch als moralische Prädikate abgetan werden. Doch wie sieht es aus mit dem subjektiven Grund, unsere individuelle Freiheit zu gebrauchen? Bereits in den 60er und 70er Jahren analysierte und kritisierte der deutsche Philosoph Dr. Arno Plack die Gesellschaft und auch heute noch erfreuen sich seine Erkenntnisse und Lösungsansätze großer Aktualität. "Der Mensch muss seine - weithin verdrängte - Triebnatur akzeptieren, wenn er aufhören will, an sich selber zu leiden. Zuerst jedoch muss sein Leiden ein Bewusstsein bekommen." Plack spricht von wissenschaftlicher Erhellung, um den Menschen wieder in Einklang mit dem, was er in seinem Wesen nach ist, zu bringen. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern verschiedener Gebiete wurden Gegenforschungen unternommen zu Lorenz Vorstellungen vom Bösen. Herausgegeben wurden diese Forschungen in seinem Buch „ Der Mythos vom Aggressionstrieb“. Die Vorstellung von Lorenz, es gäbe einen angeborenen Aggressionstrieb wurde als Glaube enttarnt. Es gäbe keine Beweise dafür, dass der Mensch anlagebedingt zum Bösesein verpflichtet wäre oder geboren wurde. Fakt ist jedoch, dass der Mensch Böses tut, sich selbst gegenüber oder in Form von Fremdschädigung. Arno Placks Analysen machen auf die Unaufrichtigkeit in vielen Lebensbereichen aufmerksam und stellen sie als konkrete Ursache gesellschaftlicher Probleme dar: täuschender Idealismus und fragwürdige Definitionen von Niveau. Moralische Heuchelei, Selbstbetrug, Lebenslügen, Fiktionen, und Arroganz. Könnte es sein, dass die moderne Zivilisation es nicht fertig bringt, die tiefen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen? "Wer nicht mit anderen zu genießen versteht, verliert jede ihn weitertragende Gemeinschaft. Und wer nur still für sich zu genießen sucht, dem wird jeder Genuss zuletzt schal und leer." (Arno Plack)

3. Das Böse ist gesellschaftsfähig

„Der Mensch von heute gleicht scheinbar im Handeln und Fühlen einem Automaten, der niemals etwas erlebt, was wirklich zu ihm gehört, der sich als die Person erlebt, der er seiner Ansicht nach sein sollte, dessen künstliches Lächeln an die Stelle eines echten Lachens getreten ist, dessen sinnloses Geschwätz die der Mitteilung dienende Sprache ersetzt, dessen dumpfe Verzweiflung den Platz eines echten Schmerzes einnimmt.“ ( Erich Fromm, Wege aus einer kranken Gesellschaft, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH& Co. KG, München, 2004, S. 21). Jedes Neugeborene bedarf der menschlichen Fürsorge und Gemeinschaft. "Der Mensch ist durch seine Natur auf die Gemeinschaft mit anderen angelegt" - schrieb Aristoteles. Der Anfang alles Bösen ist für die meisten von uns nur schwer oder gar nicht zu verstehen. Der Mensch kann gut oder böse werden, muss aber nicht. Er verfügt nicht über einen angeborenen Trieb, sich aus reiner Willkür an seinen Mitmenschen zu vergehen. Nicht zu leugnen ist jedoch die Tatsache einer Art Entwicklungsgeschichte böser Handlungen. Ein Prozess, der sich von Generation zu Generation zu wiederholen scheint. Leider ist selbst die unmenschlichste Gesellschaft eine menschliche. Das Wesen des Menschen hat sich individuell und gesellschaftlich entwickelt.

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mythos Gewalt: dressierter Lernprozess oder monströse Gene?
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V146879
ISBN (eBook)
9783640581146
ISBN (Buch)
9783640581801
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
monströse Gene, Mythos vom Bösen, Gewalt, Lernprozess, Gesellschaft und Gewalt
Arbeit zitieren
Yvonne Kohl (Autor), 2009, Mythos Gewalt: dressierter Lernprozess oder monströse Gene?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146879

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