Fahren/Fahrzeug - Die Dromologie Paul Virilios


Seminararbeit, 2007

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Einleitung

„Dromologie“ nennt Paul Virilio seine wissenschaftliche Betrachtung der Geschwindigkeit. Dieser von ihm eingeführte Begriff umfasst sowohl Entstehen, als auch Wesen und Auswirkungen der Geschwindigkeit. Folgerichtig beschäftigt sich der 1932 geborene französische Philosoph, Urbanist und Medientheoretiker in seinem Werk „Fahren, fahren, fahren …“ auch mit dem Terminus des „Fahrzeugs“. Welche Funktionen und Bedeutungen er diesem Begriff zuschreibt, soll in der vorliegenden Arbeit erörtert werden.

Definition

Um das sich in Bewegung befindliche Fahrzeug verstehen zu können, liefert Virilio gleich zu Beginn seines Kapitels „Fahrzeug“ eine Definition über „Das Fahrzeug, das am Straßenrand steht (…)“.[1] Das ruhende Vehikel „ist nichts als ein Sofa mit vier oder fünf Plätzen …“.[2] Es stellt sozusagen lediglich ein Möbelstück dar, dem noch keine Bedeutung innewohnt. Interessanter wird es nun, wenn das Vehikel Geschwindigkeit aufnimmt. Der Mensch kann nämlich mit Hilfe der Schaltung das Tempo beeinflussen und geht somit von einem Bewegungszustand zum nächsten über. Das Bild, das wir aus dem Fenster des stehenden Autos heraus gesehen haben, wird durch die Bewegung nun kinetisch, es wird belebt[3]. Es verlässt die geografische Realität und geht in eine andere über. Virilio vergleicht dies mit einem Filmprojektor. Der Projektionsapparat beschleunigt einzelne Bilder so sehr, dass das menschliche Auge nicht mehr in der Lage ist, sie voneinander zu unterscheiden und sie als bewegten Film wahrnimmt. Ab 18 Bildern pro Sekunde ist dies der Fall. Auch beim Projektor lässt sich wie beim Automobil die Geschwindigkeit verändern. Es entsteht der Zeitraffer oder die Zeitlupe. Sowohl die filmische, als auch die motorisierte Beschleunigung „führen uns (…) von einer Realität in eine andere“.[4] Fahrzeug wie Projektor sind nach Virilio folglich „Autokommutatoren“, das heißt Übertragungsmittel.

Fahren, Fahrzeug und Geschwindigkeit

Virilio legt die Entwicklung der Fahrzeuge historisch an. Das erste Vehikel ist der Mensch selbst. Als Fußgänger bezeichnet er ihn als sogenanntes „metabolisches Fahrzeug“. Da das Individuum sich selbst kennt, ist es sich auch über seine Geschwindigkeit bewusst. Virilio führt weiterhin aus, dass auch das Leben und die Biografie Geschwindigkeiten sind. Es besteht folglich „eine Identität und Identifikation des Körpers mit seiner Geschwindigkeit (…)“.[5] Virilios weit gefasster Medienbegriff definiert nun die Frau als erstes menschliches Transportmittel und damit als Vehikel[6]. Denn „Auf den Wanderungen, bei Zusammenstößen trägt sie das Gepäck; lange vor dem Gebrauch des Hausesels ist sie das einzige 'Transportmittel'. (…) Die erste Freiheit ist die Bewegungsfreiheit, die die Last-Frau dem Jagd-Mann verschafft (…)“.[7] Wie auch im weiteren Verlauf deutlich werden wird, geht es schon zu Beginn der Geschichte der Fahrzeuge um die Überwindung räumlicher Distanz sowie den Faktor Zeit.

Eine erste Änderung des Tempos wird durch die Kopplung zweier metabolischer Fahrzeuge erreicht, des Reittieres und des Menschen. Dadurch entstehen laut Virilio die ersten „Medien der Bewegung“. Auch dem Schiff schreibt er diese Bedeutung zu. Schon zu diesem Zeitpunkt, so fordert er, hätte der Mensch erkennen müssen, dass „(…) die Geschwindigkeit (…) als eine Information anzusehen (…)“[8] ist. Die Folge ist unter anderem eine Entfremdung vom eigenen Körper. Das Reisen in einer Geschwindigkeit, die die des metabolischen Fahrzeugs übersteigt, führt dazu, dass uns der Zustand des Wartens und die Bewegung in dem uns eigenen Tempo lästig und störend langsam erscheinen. Weiterhin wird der menschliche Organismus seinen angestammten Funktionen durch die Entwicklung neuer „technischer Prothesen“, wie Fahrstühlen oder Automobilen, beraubt. Insbesondere in der Stadt wird er immer weiter in seinem Bewegungsraum beengt, und schließlich werden Seh- und Hörsinn durch die Telekommunikationstechnik nach und nach ersetzt. Virilio sieht aus diesen Gründen große Probleme auf die Menschheit zukommen, da er befürchtet, dass „Diese Dynamik der Fortbewegung [des Körpers] zu verlangsamen oder gar ganz zu beseitigen, Verhalten und Bewegungen aufs Äußerste zu fixieren, (…) zu schwersten Störungen der Person und zu Schädigungen ihrer Realitätstüchtigkeit“[9] führt.

[...]


[1] Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren ..., Berlin 1978: S. 19

[2] Ebd., S. 19

[3] Vgl., S. 20

[4] Ebd., S. 20

[5] Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren ..., Berlin 1978: S. 20

[6] Vgl.: Morisch, Claus: Technikphilosophie bei Paul Virilio – Dromologie, Würzburg 2002: S. 15

[7] Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren ..., Berlin 1978: S. 76

[8] Ebd., S. 21

[9] Virilio, Paul: Fahren, fahren, fahren ..., Berlin 1978: S. 39

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Fahren/Fahrzeug - Die Dromologie Paul Virilios
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Medienkultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V146893
ISBN (eBook)
9783640562244
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paul virilio, fahren, fahrzeug, geschwindigkeit, dromologie, krieg, kino, rausch, fortbewegung, körper, wahrnehmung, transportmittel, projektor, Autokommutatoren
Arbeit zitieren
Markus Stegmann (Autor), 2007, Fahren/Fahrzeug - Die Dromologie Paul Virilios, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146893

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fahren/Fahrzeug - Die Dromologie Paul Virilios



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden