Vergleich der germanistischen und der soziologischen Sicht über Außenseiter anhand ausgewählter Literaturbeispiele


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG – AUSSENSEITER = AUSSENSEITER?

2. HAUPTTEIL – DER VERGLEICH
2.1 DIE GERMANISTISCHE SICHT
2.1.1 Das Problem fiktiver Texte
2.1.2 Was macht einen Außenseiter aus?
2.2 DIE SOZIOLOGISCHE SICHT
2.2.1 Devianz/abweichendes Verhalten
2.2.2 Howard Beckers Außenseiter und der labeling-approach
2.3 EINE VERSCHMELZUNG IN MAX FRISCHS ANDORRA

3 ZUSAMMENFASSUNG – AUSSENSEITER ¹ AUSSENSEITER!

4 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung – Außenseiter = Außenseiter?

Sucht man im Duden, dem Nachschlagewerk nicht nur für Germanisten, sondern für alle, die sich der richtigen Schreibung eines Wortes versichern und eine wirklich kurze Definition von einem Begriff haben wollen, nach dem Wort >Außenseiter<, findet man folgenden Eintrag:

„1 Person, die abseits einer Gruppe steht, einer Gruppe nicht angehört
2 a) Person, Mannschaft, die nur geringe Chancen auf den Sieg hat.“[1]

Und in einem soziologischen Wörterbuch wird ein Außenseiter beschrieben als:

„Personen, die sich im Rahmen u. in der soz. Struktur einer Gruppe oder Organisation regelmäßig durch abweichendes Verhalten auszeichnen und bewusst oder unbewusst aufgrund eigener Entscheidung, fremder Einwirkung oder objektiver Zwänge die als normal u. allg. verbindl. geltenden Normen verletzen bzw. die Verhaltenserwartungen der anderen enttäuschen.“[2]

Die Brockhaus-Enzyklopädie, ein universelles Nachschlagewerk, definiert Außenseiter als

„Randpersönlichkeit, engl. Outsider [...], Individuen oder soziale Gruppen, die aufgrund ihres von den allgemeinen Normen abweichenden Verhaltens oder bestimmter [...] sonstiger Merkmale als am Rande der Gesellschaft stehend angesehen werden. Neben Personen und Gruppen, die die Integration in die gesellschaftl. Ordnung verweigern, gibt es solche, die [...] in diese Position gedrängt werden.“[3]

Man findet also gewisse Überschneidungen in den drei verschiedenen Definitionen der Nachschlagewerke:

Es handelt sich immer um Individuen oder Gruppen.

Sie stehen abseits von der Gesellschaft, weil sie sich von anderen Gruppen abheben bzw. nicht zu ihnen gehören, da sie die als von der Gesellschaft allgemein anerkannt oder verbindlich angesehene Normen nicht erfüllen.

Dieses Nicht-Erfüllen ist entweder beabsichtigt oder nicht beabsichtigt.

Ich möchte in meiner Hausarbeit der Frage nachgehen, ob – wie nach oben zitierten Textabschnitten zu erwarten ist – die Soziologie und die Germanistik einem Außenseiter tatsächlich ähnliche Merkmale zuschreiben und damit das gleiche unter einem >Außenseiter< verstehen, oder ob es in den beiden Disziplinen größere Unterschiede bezüglich der Definition dieses Begriffes gibt.

Dafür werde ich unter Punkt 2.1 zuerst die germanistische Sicht beleuchten und anhand zweier literarischer Beispiele – Demian von Hermann Hesse und Tonio Kröger von Thomas Mann – herausarbeiten, was aus der Perspektive eines Germanisten einen echten Außenseiter ausmacht.

Danach werde ich in 2.2 untersuchen, was man in der Soziologie unter einem Außenseiter versteht und nach einem Beispiel aus dem Literaturkanon des Fachbereichs Germanistik an der Universität Kassel suchen, in dem ein ähnlicher Außenseiter, wie man ihn nach soziologischen Gesichtspunkten definiert, auftritt.

Punkt 3 stellt einen abschließenden Vergleich der germanistischen und soziologischen Sicht bezüglich des Begriffes des Außenseiters dar und soll in verkürzter Form die Erkenntnisse aus Punkt 2 zusammenfassen.

2 Hauptteil – Der Vergleich

2.1 Die germanistische Sicht

Colin Wilson bemerkt gleich in dem ersten Satz seines Buches Der Outsider sehr richtig: „Der Outsider ist zunächst ein soziologisches Problem.“[4] In diesem Abschnitt soll es aber um den Bereich der Germanistik und nicht den der Soziologie gehen. Korrelierend mit Wilsons Aussage musste ich feststellen, dass es keine zufriedenstellende Auswahl an Literatur bezüglich der germanistischen Sicht des Begriffes Außenseiter gibt, wie man sie als Analysen und Untersuchungen zu diesem Thema von Soziologen kennt. Die Literatur, die zu finden ist, bezieht sich immer auf bestimmte Werke bekannter Autoren und befasst sich zudem oft mit einer speziellen Art von Außenseitern, nämlich den Wahnsinnigen, die jedoch nicht Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit sein sollen.

Trotzdem werde ich versuchen, aus der vorhandenen Literatur, die zum größten Teil auf bestimmte Werke referiert, einige allgemeingültige Merkmale herauszufiltern, die Außenseitern zugeschrieben werden.

2.1.1 Das Problem fiktiver Texte

Das o.g. Zitat von Colin Wilson zeigt die Problematik des Begriffs des Außenseiters in der Germanistik auf. Er sagt, dass der Außenseiter ein soziologisches Problem sei. Soziologen analysieren soziales Handeln, sprich die Wechselwirkungen zwischen Subjekten in sozialen Kontexten, und die Integration – bzw. in Bezug auf den Außenseiter die misslungene Integration – dieser Subjekte in jene Kontexte und in die Gesellschaft[5]. Hierbei geht es um eine reale Lebenswelt, eine reale Gesellschaft und reale Individuen. Betrachtet man einen Außenseiter in einem literarischen Werk, egal ob Drama, Prosa oder Lyrik, handelt es sich immer um Dichtung. Egal wie eng sich ein literarischer Text auch an tatsächlich geschehene Ereignissen hält, es wird stets ein Teil davon Dichtung bleiben. Meistens hat man es sogar mit erfundenen Subjekten in erfundenen und dramatisch stilisierten sozialen Kontexten zu tun.

Man muss also bedenken, dass es sich bei einem Außenseiter nicht um einen objektiv beschriebenen Außenseiter aus der Realität handelt, sondern immer um eine fiktive Person in fiktiven gesellschaftlichen Zusammenhängen. Dies legt den Schluss nahe, dass dem >erfunden< Außenseiter durch den Autor Eigenschaften zugeschrieben werden, die ein Soziologe nicht in Zusammenhang mit einen >realen< Außenseiter bringen würde.

Ich möchte im Folgenden untersuchen, ob dieser Schluss haltbar ist.

2.1.2 Was macht einen Außenseiter aus?

Kommen wir zu einigen Aspekten, die einen typischen Außenseiter in fiktiven Texten ausmachen.

Ein erster wichtiger Begriff ist in diesem Zusammenhang der Begriff der Bohème, die

„einen bewussten Ausstieg aus der Gesellschaft bedeutet. [... und] deren Mitglieder sich selbst als Außenseiter der Gesellschaft sehen wollen und sich auch als solche inszenieren. [...] In dieser Position des selbstgewählten Außenseitertums sympathisiert man mit gesellschaftlichen Randgruppen, da man sich mit ihnen als Träger einer freieren Moral verwandt wähnt.“[6]

Die Menschen, die sich in die Bohème flüchteten, waren Künstler, und als Paradebeispiel lässt sich hier Tonio Kröger, der Protagonist in Thomas Manns gleichnamiger Künstlernovelle, nennen, der erfahren muss, dass sich ein Künstlerleben – das Tonio führt – nicht mit dem >normalen Leben< des Bürgertums – das sein Schwarm Hans Hansen oder seine Liebe Ingeborg Holm führen – vereinbaren lässt. Denn Tonio Kröger sagt selbst, der Künstler stelle das Menschliche dar, ohne selbst am Menschlichen teilzuhaben.[7]

Ein Leben jenseits der Kunst bedeutet für ihn:

„Frei vom Fluch der Erkenntnis und der schöpferischen Qual leben, lieben und loben in seliger Gewöhnlichkeit! ... Noch einmal anfangen? Aber es hülfe nichts. Er würde wieder so werden, - alles würde wieder so kommen, wie es gekommen ist. Denn etliche gehen mit Notwendigkeit in die Irre, weil es einen rechten Weg für sie überhaupt nicht gibt.“[8]

Hier wird noch einmal der bewusste Ausstieg aus der Gesellschaft betont, den der Künstler wählen muss, weil es aufgrund seines Naturells für ihn kein bürgerliches Leben in eben jener geben kann, nur „das Gefühl der Separation und Unzugehörigkeit“[9]. Die einzigen Freunde, die Tonio Kröger hat, sind ebenfalls Literaten und gehören damit ebenso der Gruppe von Außenseitern an[10].

Und Tonio Kröger vereint in sich noch mehr Merkmale, die Wilson nennt, um einen Outsider zu beschreiben:

[...]


[1] Deutsches Wörterbuch, 1996. S. 126.

[2] Wörterbuch der Soziologie, 1976. S. 46f.

[3] Brockhaus-Enzyklopädie, 1987. S. 367.

[4] Wilson, 1956. S. 23.

[5] Vgl. Luedtke: Was ist Soziologie?. 2005.

[6] Gronau, 1999. S. 32.

[7] Vgl. Mann, Tonio Kröger, 2000 . S. 32.

[8] Ebd. S. 67f.

[9] Ebd. S. 33.

[10] Vgl. ebd.. S. 38f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vergleich der germanistischen und der soziologischen Sicht über Außenseiter anhand ausgewählter Literaturbeispiele
Hochschule
Universität Kassel  (FB5)
Veranstaltung
Regeln und Abweichler
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V146919
ISBN (eBook)
9783640577361
ISBN (Buch)
9783640577262
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Becker, outsider, Außenseiter, labeling approach, Etikettierungstheorie
Arbeit zitieren
Anika Weller (Autor), 2008, Vergleich der germanistischen und der soziologischen Sicht über Außenseiter anhand ausgewählter Literaturbeispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146919

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