Russlands Gasreserven - Garant der Dominanz im postsowjetischen Raum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Russland - „virtuelle“ oder reelle Großmacht?
2.1 Die Leitlinien russischer Außenpolitik
2.2 Russland, die „virtuelle“ Großmacht
2.3 Russlands Machtambitionen im postsowjetischen Raum

3. Das Machtpotenzial des russischen Erdgases
3.1 Der russisch-ukrainische Gasstreit 2005/2006
3.1.1 Chronologie des Gasstreits
3.1.2 Wirtschaftliches Kalkül oder politische Instrumentalisierung der Energie?
3.2 Der russisch-weißrussische Gasstreit 2006/2007
3.2.1 Der Ablauf des Gasstreits
3.2.2 Interpretation des Gasstreits
3.3 Der russisch-ukrainische Gasstreit 2008/2009
3.3.1 Die Ereignisse im Überblick
3.3.2 Das gleiche Konfliktmuster wie vor drei Jahren?
3.4 Russland, die Energiemacht

4. Die russischen Erdgasreserven
4.1 Zweifel an der zukünftigen Versorgungsfähigkeit Russlands
4.2 Die Hoffnung auf neue Reserven
4.2.1 Tauwetter und Eiszeit am Nordpol
4.2.2 Die Gasfelder Shtokman und Yamal
4.2.3 Das Sparpotenzial und die zentralasiatischen Reserven
4.3 Optimistische Szenarien

5. Fazit

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Die Koordinaten der Weltpolitik verschieben sich nicht immer durch Bomben und Bajonette, durch Kriegstriumphe oder Kapitulationen.“1 Während zu Zeiten des Kalten Krieges die Außenbeziehungen durch militärische Logik dominiert waren, geht die Tendenz zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der Schlagkraft der Armeen zur Importanz von Energieressourcen über. In den letzten beiden Jahrzehnten stieg der globale Ressourcenbedarf signifikant an, wobei in Anbetracht aufstrebender Wirtschaftsmächte wie China und Indien zu erwarten ist, dass dies ein sich potenzierender Trend ist.

Die internationale Politik wird in zunehmendem Maße von Fragen der Energiesicherheit dominiert werden. In einem derartigen Strukturgefüge sind die Staaten begünstigt, welche über große Quantitäten an Energieressourcen verfügen, denn diese können auf jene Weise zu einem politischen Machtmittel im Streben nach internationalem Einfluss werden. Besonders hervorzuheben ist darüber hinaus das ökonomische Machtpotenzial der Energieressourcen, denn aufgrund stetig steigender Weltmarktpreise entwickelt sich der Export dringend benötigter Energieträger wie Erdöl und Erdgas zu einem immer lukrativer werdenden Geschäft mit besten Gewinnaussichten.

Beide Faktoren - politische und besonders ökonomische Macht - werden in der gesamten Arbeit die Hauptindikatoren der Leitfrage sein, ob Russlands Gasreserven der Garant der Dominanz im postsowjetischen Raum sind. Zur Evaluation dieser Leitfrage soll analysiert werden, in welchem Ausmaß Russland über das Potenzial verfügt, sein Erdgas als politisches und/oder ökonomisches Machtmittel einzusetzen.

Dazu wird im zweiten Punkt zunächst der generelle außenpolitische Rahmen Russlands abgesteckt. Eine konzise Analyse der außenpolitischen Leitlinien soll in diesem Zusammenhang aufzeigen, dass die Strategie der russischen Führung darauf abzielt, die Energieressourcen als einen bedeutenden Faktor für die internationale Machtposition einzusetzen, was sich somit optimal in den neuen globalen Trend einfügt. Des Weiteren wird aufgezeigt, dass eine Diskrepanz zwischen dem russischen Großmachtanspruch und den tatsächlichen Machtfaktoren besteht. Russlands Machtanspruch kann sich aus diesem Grund weniger auf eine Weltmachtstellung als vielmehr auf die Wiedererlangung der in den 90er Jahren verlorenen Macht im postsowjetischen Raum fokussieren. Als postsowjetischer Raum wird im Folgenden das Gebiet verstanden, welches die Staaten umfasst, die nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 entstanden. Der nächste Hauptpunkt thematisiert dann jenen Raum näher, indem die wichtigsten Versuche der Einflussnahme seitens Russlands in dieser Region unter die Lupe genommen werden. Weil die Leitfrage der Arbeit die Gasreserven in den Blick nimmt, werden folglich die Konflikte Russlands mit der Ukraine und Weißrussland als den wichtigsten postsowjetischen Ländern unter dem Aspekt analysiert, ob es dem Kreml gelang, das Erdgas als Machtfaktor einzusetzen. In diesem Zusammenhang erfolgen eine Darstellung und Interpretation des russisch-ukrainischen Gasstreits 2005/2006 ebenso wie Analysen zum Konflikt mit Weißrussland 2006/2007 und zuletzt dem Gasstreit mit der Ukraine zur Jahreswende 2009. Für eine komplette Evaluation der Frage, ob die Gasreserven ein russischer Machtgarant sind, muss noch eine Analyse der Erdgasreserven in zukünftiger quantitativer Hinsicht erfolgen. Das Ziel dabei ist die Eruierung des Exportpotenzials des Landes in den nächsten Dekaden, was Aufschluss darüber bringen soll, ob sich die russische Energieaußenpolitik auf eine langfristige Strategie zur Nutzung der Energieressourcen als Machtinstrument fokussieren kann. Wenn dieser Fall zutreffen sollte, können die Gasreserven als Machtgarant bewertet werden. Eine Erkenntnis darüber ist sehr wichtig für ein profundes Verständnis und eine verlässliche Analysemöglichkeit der russischen Außen- und Energiepolitik in naher und ferner Zukunft. Zwecks dieser Analyse werden neben einem Abriss über die wichtigsten geologischen Reservengebiete schwerpunktmäßig pessimistische gegen optimistische Prognosen abgewogen, um zu einer möglichst reliablen Aussage bezüglich des Gasexportpotenzials bis 2030 zu gelangen.

Eine besondere methodische Diffizilität resultiert aus dem Umgang mit Werturteilen, die in Anlehnung an Max Weber vom Autor strikt abgelehnt werden, „Denn praktisch­politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellungen ist zweierlei.“2 Die Feststellung von Fakten und deren Wertung sind zwei verschiedene Dinge3, die zur Wahrung einer Objektivität, die zwar nicht vollständig erreicht werden kann (jeder hat eine spezifisch-subjektive Weltsicht), aber trotzdem angestrebt werden soll, getrennt werden müssen. In diesem Sinne soll zum Beispiel kein Urteil darüber gefällt werden, ob die Praxis Gasproms, der Ukraine den Gashahn abzudrehen, als gut oder schlecht zu bewerten ist, denn statt tagespolitische Äußerungen zu tätigen, sollen die Strukturmerkmale russischer Politik analysiert werden.

Diese Klarstellung ist vor allem auch im Hinblick auf die grundlegende methodische Herangehensweise von Bedeutung, die nicht normativ, sondern in empirisch-analytischer Weise erfolgen soll.

Der weitere theoretische Referenzrahmen wird akteurstheoretisch sein, weil Russland als der dominante Akteur in diesem Gebiet zu charakterisieren ist.

Um die Interessen dieses dominierenden Akteurs treffend analysieren zu können, wird zum einen ein gouvernementaler Politikbegriff verwendet, mit dem vor allem die Machtverhältnisse und spezifische Interessenlagen innerhalb des politischen Systems Russlands untersucht werden. Darüber hinaus wird in Bezug auf Handlungspotenziale und Interessendurchsetzung zur Analyse der politics-Dimension aber auch ein eher konfliktorientierter Politikbegriff zur Anwendung kommen.

Um diesen zu untermauern, orientiert sich der theoretische Rahmen an der Konflikttheorie des Realismus, wobei vor allem dessen Prämisse des Machterwerbs als Ziel der Staaten übernommen wird. Dies gilt gleichfalls für eine der Kernaussagen, gemäß der die Zweckrationalität, nicht jedoch Moral das Handeln bestimmt. Des Weiteren wird ein interessanter Ansatz des Neorealismus übernommen, der besonders in ökonomischer Hinsicht die Vorstellung von Macht als einem Nullsummenspiel vertritt, denn wie sich zeigen wird, trifft dies für die Machtrelation Russlands zu seinen postsowjetischen Nachbarn zu.

Putins autoritäres Herrschaftssystem, in dem Außenpolitik und außenwirtschaftliche Beziehungen eng verflochten sind, wird noch fundierter dargestellt. Vor diesem Hintergrund werden vor allem die Tätigkeiten der Regierung und Gasproms als dem führenden Wirtschaftsunternehmen den Schwerpunkt der Analyse auf staatlicher Ebene bilden, während hingegen die Gesellschaft, INGOs und IGOs außen vor gelassen werden.

2. Russland - „virtuelle“ oder reelle Großmacht?

Der Begriff der „virtuellen Großmacht“4 verdeutlicht eine grundlegende Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der russischen Führung als Träger einer der führenden Weltmächte und der Fremdwahrnehmung Russlands als einem Land, das in internationaler Dimension eine eher inferiore Position einnimmt.

Im Folgenden werden vor diesem Hintergrund die Determinanten jener Perzeptionsdifferenz sowie deren Konsequenzen für die russische Außenpolitik unter die Lupe genommen.

2.1 Die Leitlinien russischer Außenpolitik

Im Zuge des Kalten Krieges stieg die Sowjetunion zu einer der zwei führenden Weltmächte auf. Erst mit den unvermeidlichen Reformen Gorbatschows, aus denen letztendlich das Ende der Sowjetunion resultierte, ging die Weltmachtstellung verloren. Dieser Bedeutungsverlust setzte sich in der Jelzin-Ära fort, wobei er durch die enormen wirtschaftlichen und sozialen Probleme jener Zeit sogar noch zunahm.

Grundlegende Determinanten russischer Politik änderten sich erst mit dem Amtsantritt Wladimir Putins. Eines seiner außenpolitischen Ziele bestand darin, Russland wieder als Großmacht auf der internationalen Bühne zu etablieren.5 In der ersten Phase seiner Außenpolitik äußerte sich dies vor allem in der Solidarität mit den USA im Kampf gegen den Terrorismus. Im Zuge des Irak-Krieges 2003 kam es allerdings zum Bruch der neuen Anlehnung an den Westen, wobei jener nur der offensichtliche Grund für die Differenzen war. Ein weiterer, strukturell tiefer liegender latenter Grund waren steigende Ölpreise auf dem Weltmarkt, die in Verbindung mit boomender russischer Produktion einen Wirtschaftsaufschwung versprachen.6 Die Koppelung des Gaspreises an den Ölpreis stellte auch auf diesem Gebiet steigende Einnahmen in Aussicht, sodass ökonomische Faktoren als Machtgaranten in das primäre Blickfeld rückten. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Strategiewechsel Putins, welcher darauf zielte, statt einer relativ engen Anlehnung an den Westen und besonders die USA „Russland wieder zu einem starken unabhängigen Spieler in der Weltpolitik zu machen.“7 Das Machtmittel dazu sieht er nicht mehr, wie es im Kalten Krieg der Fall war, im Militär, sondern in den riesigen Energieressourcen des Landes.8 Dieses Kalkül hatte er bereits in seiner Dissertation 1999 entworfen.9 Seine Aussage vom Juli 2006, in der es hieß „Russland muss danach streben, die Weltführung auf dem Gebiet der Energie zu übernehmen“,10 fügt sich nahtlos in diese Strategie ein.

2.2 Russland, die „virtuelle Großmacht“

Dabei stellt sich allerdings die Frage, inwiefern in Bezug auf die Weltmachtstellung Russlands Anspruch und Realität kompatibel sind.

Ein bedeutender Faktor für die Stellung eines Staates im internationalen Machtgefüge ist die Wirtschaftskraft, ein Indikator dafür ist das BIP. Anhand dessen Analyse bis 2000 wird evident, dass Russland in den 90er Jahren mit Ausnahme von 1997 einen stetigen Rückgang zu verzeichnen hat, sodass 1999 das BIP nur noch 59,9% des Wertes von 1989 erreichte.11 Seit dem Jahr 2000 jedoch indiziert sich ein stetiger Zuwachs, der beispielsweise 2003 und 2004 bei circa 7% lag.12

Bei der Betrachtung dieser Wachstumsraten muss allerdings konzediert werden, dass die Wirtschaftskraft Russlands im Vergleich zu den statistisch führenden Ländern gering ist.13

Während die USA 2003 einen Wert von circa 10,9 Billionen US-Dollar erreichten und Großbritannien circa 1,8 Billionen, kam Russland nur auf 433,49 Milliarden US-Dollar.14 Im Jahr 2008 hat sich der russische Wert zwar deutlich auf 1,6 Billionen US-Dollar erhöht, liegt aber in Relation zu den USA (14,2 Billionen US-Dollar) und Deutschland (3,65 Billionen US- Dollar) immer noch wesentlich niedriger.15

Somit lässt sich festhalten, dass die Wirtschaftskraft Russlands gegenüber westlichen Ländern gering ist, was explizit gegen eine Weltmachtstellung des Landes spricht. Einzig die ständige Vetomacht im Sicherheitsrat der UN16 stellt ein aussagekräftiges Kriterium zur Position Russlands als Weltmacht dar.

Insgesamt gesehen kann Russland, auch wenn die politische Führung es selbst so betrachtet, nicht als Weltmacht bezeichnet werden, weil die Wirtschaftskraft dazu zu gering ist. Treffender erweist sich die Charakterisierung als „Energiegroßmacht“17 in Verbindung mit regionaler Prädominanz, für die das Etikett der „virtuellen Weltmacht“ durchaus passt. Die regionale Prädominanz ist besonders, wie im Folgenden analysiert werden soll, auf den postsowjetischen Raum zu beziehen.

2.3 Russlands Machtambitionen im postsowjetischen Raum

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 fokussierte sich die russische Außenpolitik vor allem auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, welche als „nahes Ausland“18 angesehen wurden, was den Wunsch Russlands nach großem Einfluss in jenen Ländern unterstreicht.

Letztendlich jedoch konnte das Politikziel der umfassenden Reintegration des postsowjetischen Raumes nicht erreicht werden. Ein wesentlicher Faktor dafür liegt in der überschätzten Integrationskraft der Wirtschaft, denn die ökonomischen Ressourcen erwiesen sich als nicht ausreichend: eine seit 1994 angestrebte Zoll- und Wirtschaftsunion wurde nach wie vor nicht umfassend errichtet und zudem ist die Außenhandelsverflechtung mit den GUS- Staaten stark rückläufig.19 Während 1990 der Anteil jener Staaten am Handelsvolumen Russlands 63% betrog, sank er zur Jahrtausendwende auf circa 18%, bei denen er stagnierte.20

Eine starke Wirtschaftsverflechtung zum gegenseitigen Vorteil, wie es einem Leitbild europäischer Integration entspricht, konnte daher nicht als Integrationsanreiz Russlands für die GUS-Staaten praktiziert werden. Da die russische Führung an ihrem Ziel der Dominanz im postsowjetischen Raum jedoch festhielt, blieb nur eine machtpolitische Methode übrig: statt einem sanften Integrationskonzept für alle postsowjetischen Länder lag die einzig verbleibende Option darin, durch Drohungen in Verbindung mit ökonomischem Druck wie zum Beispiel die Einstellung von Energielieferungen einzelne Länder zu einer kooperativen und für Russland vorteilhaften Haltung zu bewegen.21

Exemplarisch manifestierte sich ein solches Vorgehen am Verhalten gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Kutschma im Jahre 2001. Als dieser im Zuge der Gongadse-Affäre unter starken innenpolitischen Druck geraten war, wandte er sich an Putin als einen „friend in need“.22 Putin versprach seine Hilfe im Gegenzug für politische, ökonomische und militärische Kooperation der Ukraine mit Russland.23 Des Weiteren sagte er in Bezug auf den künftigen Gaspreis, es werde einen niedrigen Gaspreis geben, falls die Ukraine der russisch- belarussischen Union beitrete, einen mittleren Preis, wenn sie der Zollunion beitrete oder einen hohen Preis, wenn sie sich wie ein westeuropäisches Land verhalte.24 An diesem Verhaltensmuster wird deutlich, dass die russische Führung um Präsident Putin mit einer Politik der Stärke und des energiepolitischen Drucks versuchte, in ehemaligen sowjetischen Ländern den eigenen Einfluss erheblich auszudehnen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist die Intervention in den ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf im Herbst 2004, der aufgrund der Polarisierung zwischen dem prowestlich geltenden Juschtschenko und dem prorussisch geltenden Janukowitsch als richtungsweisende Wahl eingestuft wurde.25 Putin unterstützte offen den für sein Reintegrationskonzept wahrscheinlich kooperativeren Janukowitsch26, von dem sich Putin ein starkes Entgegenkommen in Wirtschaftsfragen erhoffte und zudem glaubte, dass er durch die Ähnlichkeit mit Putins Regierungsstil ein Übergreifen der Demokratisierung auf den GUS- Raum verhindern würde.27 Aufgrund dieser großen Hoffnungen in seinen Wunschkandidaten unterstützte Putin Janukowitsch zum einen durch ihm nahe stehende PR-Berater und Wahlkampfmanager und zum anderen durch persönliche Parteinahme im Fernsehen sowie der Öffentlichkeit.28 Des Weiteren wurden etwa 300 Millionen Dollar - die Hälfte von Janukowitschs Wahlkampfbudget - von russischen Firmen gestellt.29 Indem sich im Zuge der Orangenen Revolution Juschtschenko durchsetzte, scheiterte zwar die russische Einflussnahme, was als arge Niederlage für die russische Außenpolitik gewertet wurde.30 Dennoch ist jene Intervention aufschlussreich für die neue Strategie Russlands, eine Integration des gesamten postsowjetischen Raumes zugunsten gezielter bi- und multilateraler Beziehungen zu den wichtigsten Ländern aufzugeben.31 Als besonders wichtig wird dabei neben Kasachstan der Einfluss in der Ukraine und Weißrussland gesehen, den Ländern, mit denen Russland 2003 einen „Einheitlichen Wirtschaftsraum“ bildete.32

Mit dem Ziel der Einflussnahme in jenen Staaten ergibt sich ein expliziter Beweis für die russischen Machtambitionen im postsowjetischen Raum. Diese wurden nochmals von Putin in einer Rede vor dem Parlament im April 2005 untermauert, in der er den Zerfall der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“33 bezeichnete, was implizit auf den Wunsch verweist, die ehemaligen sowjetischen Staaten unter russischer Hegemonie halten zu können.

Um diesen Anspruch durchsetzen zu können, muss die russische Führung die erforderlichen Machtmittel besitzen. Wie zuvor bereits angedeutet, ist seit dem Strategiewechsel Putins den enorm umfangreichen Energieressourcen Erdöl und Erdgas jene Rolle zugedacht, wobei den Gasreserven, weil sie die weltweit größten sind, die wichtigste strategische Position zukommt. Der folgende Abschnitt wird sich aus diesem Grund mit dem Machtpotenzial des russischen Erdgases auseinandersetzen. Dafür werden Fallbeispiele von Gaskonflikten auf mögliche politische sowie ökonomische Machtmotive unter die Lupe genommen.

3. Das Machtpotenzial des russischen Erdgases

3.1 Der russisch-ukrainische Gasstreit 2005/2006

3.1.1 Chronologie des Gasstreits

Im Juni 2005 kündigte der russische Gaskonzern Gasprom an, dass ab 2006 von der Ukraine Gaspreise auf europäischem Niveau verlangt werden.34 Der erste Preisvor schlag belief sich auf 120 US-Dollar je 1000 Kubikmeter, was eine drastische Erhöhung um mehr als das Doppelte bedeutete, weil die Ukraine bisher nur 50 US-Dollar zahlen musste.35 Als die Ukraine die Forderung jedoch ablehnte, erhöhte Gasprom seinen Anspruch im Herbst auf 160 US-Dollar, was die Ukraine zunächst veranlasste, ihren einzigen Trumpf in den Verhandlungen auszuspielen, nämlich einen höheren Preis für den Gastransit nach Westeuropa zu verlangen.36 Gasprom wies dies allerdings zurück und setzte weiter auf Härte, sodass eine neue Forderung nun sogar auf 230 US-Dollar zielte.37 Da sich beide Seiten bis Anfang 2006 nicht einigen konnten, stellte der russische Konzern am 1. Januar des Jahres die Lieferungen ein.38

3.1.2 Wirtschaftliches Kalkül oder politische Instrumentalisierung der Energie?

In der Interpretation ist zunächst zu betonen, dass Gasprom grundsätzlich ein Recht auf Weltmarktpreise hat, weil Geschäftsbeziehungen durch rationale Kalkulierungen geprägt sind. Gasprom wollte sicherlich wie im Prinzip jedes andere Unternehmen gewinnorientiert wirtschaften, sodass das Ziel der Preiserhöhungen im ökonomischen Kalkül der Gewinnmaximierung lag. Aus diesem Grund existiert kein plausibles Motiv dafür, dass die Ukraine 2005 nur 50 US-Dollar zahlen musste, während hingegen der westeuropäische Durchschnittspreis bei 174 US-Dollar lag.39 Zudem wollte Russland der WTO beitreten, weshalb gemäß deren marktwirtschaftlichen Prinzipien die erheblichen Preisnachlässe für GUS-Länder abgeschafft werden mussten.40 Darüber hinaus musste aufgrund der Koppelung der Gas- an die Erdölpreise in absehbarer Zeit eine Erhöhung ersterer erfolgen, weil die Erdölpreise beständig stiegen.41

Die Sichtweise Gasproms als gewinnorientiertes Unternehmen setzt dieses als eigenständig agierenden Akteur voraus. Diese Annahme ist jedoch unwahrscheinlich, weil unter Putin der staatliche Anteil am Konzern auf über 50% erhöht wurde42, was eine faktische Kontrolle der Regierung über den Konzern bedeuten kann, der somit zum politischen Instrument des Kreml wird. Eine solche Interpretation wird durch einen Analogieschluss von Putins Herrschaftssystem und Regierungsstil auf seine Haltung Gasprom plausibel. Zur Charakterisierung seiner Machtausübung bietet sich vor allem der Begriff der „gelenkten Demokratie“43 an.

[...]


1 Follath, Erich: Der neue Kalte Krieg. In: Follath, Erich und Jung, Alexander (Hrsg): Der neue Kalte Krieg. Kampf um die Rohstoffe. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2007, Schriftenreihe Band 654, S. 9

2 Weber, Max: Wissenschaft als Beruf. In: ders.: Politik und Gesellschaft. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt/Main 2006, S. 1030

3 Vgl. ebd., S. 1031

4 Mommsen, Margareta: Russland - nur virtuelle Großmacht in einer multipolaren Welt? In: Piazolo, Michael (Hrsg.): Macht und Mächte in einer multipolaren Welt. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006,

5 79

6 Vgl. Rahr, Alexander: Die neue Opec. Wie Russland zur globalen Energie-Supermacht werden will. DGAP, 2010. Unter: http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/2006/februar2006/die-neue-opec--wie-russland-zur-globalen-energie-supermacht-werden-will.html ; Zugriff am 22.2.2010 um ca. 16 Uhr

7 Vgl. Mommsen, Russland - nur virtuelle Großmacht in einer multipolaren Welt?, S. 96

8 ebd.

9 Vgl. Rahr, Die neue Opec, unter http://www.internationalepolitik.de/ip/archiv/2006/februar2006/die-neue- opec--wie-russland-zur-globalen-energie-supermacht-werden-will.html

10 Vgl. Wipperfürth, Christian: Russland und seine GUS-Nachbarn. Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und Konflikte in einer ressourcenreichen Region. Ibidem-Verlag, Stuttgart 2007, S. 146

11 Follath, Erich: Der Treibstoff des Krieges. In: Follath / Jung (Hrsg.), Der neue Kalte Krieg. Kampf um die Rohstoffe, S. 45

12 Vgl. Mangott, Gerhard: Russlands Außenpolitik. Fähigkeiten und Optionen. In: Mangott, Gerhard et alias: Russlands Rückkehr. Außenpolitik unter Vladimir Putin. = Wiener Schriften zur Internationalen Politik Band 7. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2005, S. 23, siehe auch Grafik 1 im Anhang

13 Vgl. ebd., siehe auch Grafik 1 im Anhang

14 Vgl. Mangott, Russlands Außenpolitik. Fähigkeiten und Optionen, S. 24

15 Vgl. ebd., S. 25

16 Vgl. Autor unbekannt: Key Development Data & statistics. The World Bank, 2010. Unter: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/DATASTATISTICS/0„contentMDK:20535285~menuPK:119 2694~pagePK:64133150~piPK:64133175~theSitePK:239419,00.html ; Zugriff am 22.2.2010 um ca. 16.25 Uhr (Anmerkung: in der Schaltfläche „Russian Federation“ auswählen)

17 Vgl. ebd.

18 Mommsen, Russland - nur virtuelle Großmacht in einer multipolaren Welt?, S. 105

19 Donaldson, Robert H. und Nocee, Joseph L.: The Foreign Policy of Russia. Changing Systems, Enduring Interests. 3. Auflage, M.E. Sharpe Verlag, London / New York 2005, S. 179

20 Vgl. Mangott, Russlands Außenpolitik. Fähigkeiten und Optionen, S. 76-77

21 Vgl. ebd., S. 77

22 Vgl. Mangott, Russlands Außenpolitik. Fähigkeiten und Optionen, S. 73

23 Donaldson / Nocee, The Foreign Policy of Russia. Changing Systems, Enduring Interests, S. 190

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. Donaldson / Nocee, The Foreign Policy of Russia. Changing Systems, Enduring Interests, S. 190

26 Vgl. Timmermann, Heinz: Die Beziehungen zwischen Russland und der EU. In: Mangott, Gerhard et alias: Russlands Rückkehr. Außenpolitik unter Vladimir Putin, S. 244

27 Vgl. Donaldson / Nocee, The Foreign Policy of Russia. Changing Systems, Enduring Interests, S. 191

28 Vgl. Timmermann, Die Beziehungen zwischen Russland und der EU, S. 245

29 Vgl. Saurenbach, Christoph: Russische Einflussnahme bei den ukrainischen Präsidentenwahlen. In: Pleines, Heiko und Schröder, Hans-Henning (Hrsg.): Die russische Außenpolitik unter Putin. Forschungsstelle Osteuropa Bremen, Nr. 73/2005, Bremen 2005, S. 96

30 Vgl. Saurenbach, Russische Einflussnahme bei den ukrainischen Präsidentenwahlen, S. 96

31 Vgl. Timmermann, Die Beziehungen zwischen Russland und der EU, S. 244

32 Vgl. ebd., S. 242

33 Vgl. ebd.

34 Rossijskaja Gazeta vom 26. April 2005, zitiert bei Mommsen, Russland - nur virtuelle Großmacht in einer multipolaren Welt?, S. 97

35 Vgl. Wipperfürth, Russland und seine GUS-Nachbarn. Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und Konflikte in einer ressourcenreichen Region, S. 136

36 Da bei allen Gaspreisverhandlungen die Berechnungseinheit 1000 Kubikmeter sind, wird im Folgenden zwecks besseren Leseflusses auf die Nennung der Einheit verzichtet.

37 Vgl. Wipperfürth, Russland und seine GUS-Nachbarn. Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und Konflikte in einer ressourcenreichen Region, S. 136-137

38 Vgl. ebd., S. 137

39 Vgl. ebd., S. 137-138

40 Vgl. Götz, Roland: Nach dem Gaskonflikt. SWP-Aktuell 3, Berlin 2006, S. 1

41 Vgl. Wipperfürth, Russland und seine GUS-Nachbarn. Hintergründe, aktuelle Entwicklungen und Konflikte in einer ressourcenreichen Region, S. 144

42 Vgl. ebd.

43 Vgl. Klußmann, Uwe: Russland - Putin und der Pipeline-Poker. In: Follath / Jung (Hrsg.), Der neue Kalte Krieg. Kampf um die Rohstoffe, S. 151

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Russlands Gasreserven - Garant der Dominanz im postsowjetischen Raum
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
38
Katalognummer
V146935
ISBN (eBook)
9783640559800
ISBN (Buch)
9783640560127
Dateigröße
1153 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Gasreserven, Erdgas, postsowjetischer Raum, Dominanz
Arbeit zitieren
Steffen Radtke (Autor), 2010, Russlands Gasreserven - Garant der Dominanz im postsowjetischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146935

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Russlands Gasreserven - Garant der Dominanz im postsowjetischen Raum



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden