Acht Jahre nach dem Einmarsch internationaler Truppen ist Afghanistan immer noch nicht befriedet, geschweige denn demokratisiert. Im Jahr 2009 starben so viele Menschen,
wie seit Beginn der Intervention nicht. Doch während hohe Opferzahlen auch schon während der afghanischen Kriege im 19. Jhd. allgegenwärtig waren, hat sich eines grundlegend
verändert: Nicht die afghanische Armee oder ein bestimmter Staat wird bekämpft – der Gegner ist gesellschaftlich integriert und agiert nach unbekanntem Muster. Die hochgerüsteten Armeen und bewährten Sicherheitsstrategien westlicher Militärmächte
bleiben nahezu wirkungslos. Der Charakter des Krieges scheint sich grundlegend verändert zu haben.
In diesem Zusammenhang trat in der Wissenschaftsdebatte der vergangenen Jahre vermehrt der Begriff der „neuen Kriege“ auf. Darüber hinaus wurde in vielen Krisengebieten der Erde eine „Ökonomie der Gewalt“ festgestellt. Was es mit dieser
Entwicklung auf sich hat und inwieweit diese auch auf den Afghanistan-Konflikt zutrifft, ist wesentlicher Gegenstand dieser Arbeit. Die zentrale Fragestellung, der nachgegangen wird, lautet daher: Inwieweit lässt sich das Konzept der „neuen Kriege“ auf Afghanistan anwenden und liegt in einer „Ökonomie der Gewalt“ ein Grund für die Entstehung bzw. Länge des Konflikts?
Da der Afghanistan-Konflikt von kulturellen, politisch-historischen, ökonomischen sowie natürlichen Bedingungen abhängt, werden ihm monokausale Erklärungsansätze kaum gerecht. Um alle wesentlichen Faktoren zu berücksichtigen, die die aktuelle
Situation des Landes beeinflussen, liegt der Fokus der Arbeit daher zunächst auf der kulturgeographischen Betrachtung Afghanistans (Kapitel 2). Der Einstieg in die theoretische Analyse erfolgt dann mit der allgemeinen Vorstellung des Konzepts der „neuen Kriege“ (Kapitel 3), welches im weiteren Verlauf auf den Afghanistan-Konflikt angewandt wird (Kapitel 4).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kulturgeographische Analyse Afghanistans
2.1 Geopolitische Entwicklung
2.2 Kulturelle Identität
2.2.1 Territorium
2.2.2 Ethnizität
2.3 Zwischenfazit
3 Das Konzept der „neuen Kriege“
3.1 Zum Wandel des Krieges
3.2 Was ist neu am „neuen Krieg“?
3.3 Die „Ökonomie der Gewalt“
4 Afghanistan – ein „neuer Krieg“?
4.1 „Warlords“ und „Gewaltmärkte“
4.2 Privatisierung, Asymmetrierung, Autonomisierung
5 Fazit und Aussicht
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern das theoretische Konzept der „neuen Kriege“ auf den Afghanistan-Konflikt übertragbar ist und ob eine daraus resultierende „Ökonomie der Gewalt“ maßgeblich zur Entstehung und Dauer des Konflikts beiträgt.
- Kulturgeographische Analyse des afghanischen Staatsraums
- Wissenschaftliche Herleitung des Konzepts der „neuen Kriege“
- Untersuchung von Gewaltmärkten und Warlord-Strukturen
- Analyse der Privatisierung und Autonomisierung von Kampfhandlungen
- Diskussion von Lösungsansätzen jenseits militärischer Strategien
Auszug aus dem Buch
Die „Ökonomie der Gewalt“
Eine Kriegsökonomie definiert sich als bestimmte Form des Wirtschaftens, die dazu dient, Kriegshandlungen zu finanzieren und zu organisieren. Dabei wird zwischen geschlossenen und offenen Kriegswirtschaften unterschieden: Eine geschlossene Kriegsökonomie ist durch eine gewisse Autarkie gekennzeichnet – die innerhalb eines Staatsgebietes handelnden Akteure verfügen also über eine unabhängige Selbstversorgung. Dagegen ist die offene Form in die globalen Waren- und Finanzmärkte eingebunden. Dabei wird bspw. durch Menschenhandel oder den Verkauf illegaler Güter – sei es durch Drogen- bzw. Waffenhandel oder die Ausbeutung von Bodenschätzen – eine finanzielle Versorgung sichergestellt, über die ein stetiger Nachschub an benötigten Ressourcen erreicht werden kann. Bedingt durch die Entstaatlichung des Gewaltmonopols liegt in der Schaffung dieser transnationalen „Gewaltmärkte“ auch der Grund, warum das Kriegführen für „Warlords“ oder Milizenführer (wieder) so lukrativ geworden ist. Während die „billige“ Gewaltanwendung kurzfristig positive Gewinne verspricht, können die „teuren“ langfristigen Kosten externalisiert werden. Weil sich mit dieser „Form des Wirtschaftens“ relativ schnell und günstig gewinnbringende „Geschäftsmodelle“ etablieren lassen, werden die „Gewaltmärkte“ von den involvierten Akteuren dazu genutzt, den Krieg (und somit ihr Geschäft) andauern zu lassen. Ein wesentliches Problem dieser ökonomischen Komponente liegt also darin, dass sich die Konflikte selbst reproduzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt den Afghanistan-Konflikt in den historischen Kontext und formuliert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der Anwendbarkeit des Konzepts der „neuen Kriege“.
2 Kulturgeographische Analyse Afghanistans: Dieses Kapitel beleuchtet die geographischen, geschichtlichen und ethnischen Rahmenbedingungen des Landes, die für das Verständnis des Machtvakuums essenziell sind.
3 Das Konzept der „neuen Kriege“: Hier erfolgt eine theoretische Fundierung des Begriffs „neue Kriege“ unter Berücksichtigung von Wandel, Privatisierung und der Entstehung von Gewaltökonomien.
4 Afghanistan – ein „neuer Krieg“?: Die theoretischen Erkenntnisse werden auf den Afghanistan-Konflikt angewandt, wobei die Rolle von Warlords und die Mechanismen der Kriegsfinanzierung detailliert analysiert werden.
5 Fazit und Aussicht: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass eine Beendigung des Konflikts zwingend einen dreistufigen Ansatz (Sicherheit, Ökonomie, Politik) erfordert.
Schlüsselwörter
Afghanistan, neue Kriege, Ökonomie der Gewalt, Warlords, Gewaltmärkte, Privatisierung, Kulturgeographie, Kriegsökonomie, Staatlichkeit, Konfliktanalyse, Paschtunen, ethnische Identität, Friedensökonomie, Sicherheitsstrategie, Asymmetrierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Strukturen des Afghanistan-Konflikts unter der theoretischen Perspektive der sogenannten „neuen Kriege“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kulturgeographischen Grundlagen Afghanistans, die Entstehung von Kriegsökonomien und die Rolle nicht-staatlicher Akteure.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwiefern das Konzept der „neuen Kriege“ auf Afghanistan zutrifft und ob die „Ökonomie der Gewalt“ den Konflikt dauerhaft verlängert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine kulturgeographische Analyse in Kombination mit einer politikwissenschaftlichen Theorieanwendung und der Auswertung ökonomischer Daten zur Konfliktfinanzierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der kulturellen Identität Afghanistans, die theoretische Definition „neuer Kriege“ und die empirische Anwendung auf afghanische Machtstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Afghanistan, neue Kriege, Warlords, Kriegsökonomie und Gewaltmärkte.
Warum ist das Paschtunwali für das Verständnis wichtig?
Das Paschtunwali ist ein Ehrenkodex, der das soziale und politische Handeln der Paschtunen prägt und oft schwerer wiegt als staatliche Gesetze, was die staatliche Ordnung erschwert.
Welche Rolle spielen „Gewaltmärkte“ im Konflikt?
Gewaltmärkte, wie etwa der Opiumanbau oder Schutzgelder, bieten den Akteuren finanzielle Anreize, den Krieg aufrechtzuerhalten, anstatt ihn zu beenden.
Warum ist eine rein militärische Lösung laut dem Autor nicht ausreichend?
Da der Konflikt ökonomisch durch Gewaltmärkte finanziert wird, kann eine rein militärische Bekämpfung die strukturellen Ursachen nicht beheben.
- Quote paper
- Bojan Jurczyk (Author), 2009, Das Konzept der „neuen Kriege“ und die „Ökonomie der Gewalt“ am Beispiel des Afghanistan-Konflikts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146952