Die Familie gilt als Inbegriff des Privaten, als ein sozialer Raum, in dem es sich auf sehr persönliche Weise leben läßt. Allerdings bleibt auch beim Gegenstand der Familie die Gesellschaft nicht draußen. Nur deshalb ist es schließlich auch möglich, Familiensoziologie zu betreiben, die versucht, „ die Macht des Gesellschaftlichen aufzuspüren“ (Neidhardt 1975a, S. 7). Es gilt nun zu zeigen, daß die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Abhängigkeiten in den Raum der Familie hineinreichen. Zwar ist die Familie heute relativ privat, aber selbst diese Tatsache ist gesellschaftlich bedingt. So ist der einzelne in der Familie nicht frei von sozialen Normen und geregeltem Rollenspiel.
Erstens nehmen die Mitglieder der Familie soziale Positionen ein, die gesellschaftlich definiert sind und in einem bestimmten geregelten Zusammenhang stehen. Die Struktur, d.h. die Rechte und Pflichten der einzelnen Positionen, und wie sie gegeneinander abgegrenzt und aufeinander bezogen sind, stellen das System der Familie aus strukturanalytischer Sicht dar. Zweitens interessieren die Ursachen und Bedingungen verschiedener Familienstrukturen (Faktorenanalyse). Soziologisch bedeutsam sind die Einwirkungen der sozialen Umwelt. So verändert der gesellschaftliche Wandel auch die Stellung, Struktur und Leistung der Familie. Drittens stellt sich die Frage nach der Leistung der Familie für die Gesellschaft, also ihrer eigenen sozialen Wirkungen (Funktionsanalyse).
In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Familiensoziologie relativ früh etabliert, dennoch sind Umfang und Qualität der empirischen Sozialforschung noch nicht hinreichend ausgebildet. Auch die Familie selbst hat sich durch Industrialisierungs- und Demokatisierungsvorgänge und durch Kriegs- und Nachkriegswandlungen stark verändert. Die umfassendsten deutschen Familienuntersuchungen der 50er Jahre beschäftigen sich eben mit diesen Zuständen und Anpassungsvorgängen, die mittlerweile abgeschlossen sind. Heutige Tendenzen und Entwicklungen sind nur vereinzelt untersucht worden, so daß noch viel empirische Arbeit bzgl. innerfamilialer Beziehungen, Familienstörungen, Familienpolitik etc. zu tun ist.
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. DEFINITION UND THEORIE DER FAMILIE
1.1. EHE UND FAMILIE UND IHRE SOZIALE STRUKTUR
1.2. VERBREITUNG, BEDEUTUNG UND INSTITUTIONALISIERUNG DER FAMILIE
1.3. REGELN DER PARTNERWAHL UND FAMILIENGRÜNDUNG
1.4. FAMILIE, VERWANDTSCHAFT UND GESELLSCHAFT
2. PROBLEMFELDER UND PROBLEMBEDINGUNGEN FAMILIALER SOZIALISATION
2.1. GRUNDLEISTUNGEN DER FAMILIE IM SOZIALISATIONSPROZEß IHRER KINDER
2.2. DIE GESELLSCHAFTLICHE ISOLIERUNG DER FAMILIE
2.3. ROLLENPROBLEME DER MUTTER
2.4. SCHICHTUNGSPROBLEME FAMILIALER SOZIALISATION
2.4.1. FAMILIENEFFEKTE SOZIALER UNGLEICHHEIT
2.4.2. PROBLEME VON UNTERSCHICHTENKINDERN
3. FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den familiensoziologischen Theorien von Neidhardt auseinander, um die gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren und Problemfelder familialer Sozialisation in Deutschland zu analysieren und deren Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern in verschiedenen sozialen Schichten zu untersuchen.
- Theoretische Grundlagen und Definitionen von Ehe, Familie und Verwandtschaftsstrukturen.
- Die Rolle der Familie als Instanz für die Sozialisation von Kindern.
- Analyse der gesellschaftlichen Isolierung und Rollenproblematik innerhalb der Familie.
- Zusammenhang zwischen sozialer Schichtung, Familienstrukturen und Bildungs- sowie Entwicklungschancen von Kindern.
Auszug aus dem Buch
1.1. Ehe und Familie und ihre soziale Struktur
Die Gesellschaft beruht auf der Paarung der Geschlechter und deren dauerhafter Gemeinschaft, mit dem Vorsatz, die geborenen Kinder als die eigenen zu legitimieren. In diesem Fall spricht man von einer Ehe, die in den meisten Gesellschaften als eine Institution behandelt, als wertvoll anerkannt und geschützt, aber auch geregelt und oft erzwungen wird.
Ihre Besonderheit ist der öffentliche, rituelle und kultische Vorgang der Eheschließung. Aus der Ehe wird eine Familie, wenn die Ehepartner biologisch abstammende oder adoptierte Kinder als eigene anerkennen und bei sich aufnehmen. Die Kernfamilie besteht aus den Eltern, die mit ihren eigenen Kindern zusammenleben. Vollständig ist sie, wenn beide Elternteile vertreten sind. Fehlt aufgrund von nichtehelicher Geburt, Trennung oder Verwitwung einer der beiden, handelt es sich um eine unvollständige Kernfamilie.
Die Kernfamilie als Zentralbegriff ist im folgenden auch gemeint, wenn nur von Familie die Rede ist. Sie unterscheidet sich von anderen Gruppen durch die besondere Art ihrer Mitglieder. Die sozialen Positionen heißen: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Sie weichen im Hinblick auf ihr Geschlecht und ihre Generation voneinander ab. Diese Differenzierungen sind immer vorhanden und für die Familie konstitutiv. Sie ist geprägt durch typische Begegnungen von Geschlechtern und Generationen. Diese beiden primären Elemente sind biologisch begründet. Das Geschlecht der Ehepartner, die Gebärfreudigkeit der Frau und die hilflosen Kinder sind natürliche Vorgegebenheiten. Sozialkulturelle Einwirkungen, wie die moralische Regulierung der Geschlechterbeziehung, die Bedeutung der Mutterschaft oder die Elternabhängigkeit der Kinder, verdrängt nicht die biologischen Tatsachen der Familie. Man spricht von einer biologisch- sozialen Doppelnatur der Familie.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Familiensoziologie ein und erläutert die Relevanz der Untersuchung gesellschaftlicher Einflüsse auf die Familie als sozialen Raum.
1. DEFINITION UND THEORIE DER FAMILIE: Dieses Kapitel behandelt die theoretischen Grundlagen, die soziale Struktur der Kernfamilie und die Regeln, die deren Bestand und die Partnerwahl definieren.
2. PROBLEMFELDER UND PROBLEMBEDINGUNGEN FAMILIALER SOZIALISATION: Hier werden die Herausforderungen der familialen Erziehung, wie Isolation und Rollenkonflikte, sowie die schichtspezifischen Benachteiligungen für die Entwicklung von Kindern analysiert.
3. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Rolle der Familie als Garant sozialer Ungleichheit sowie die Notwendigkeit einer aktiven Gesellschaftspolitik.
Schlüsselwörter
Familiensoziologie, Kernfamilie, Sozialisation, soziale Ungleichheit, Schichtung, Rollenproblematik, gesellschaftliche Isolierung, Familienpolitik, Inzesttabu, Sozialisationsprozess, Bildungschancen, Unterschichtenfamilien, Elternrolle, institutionelle Einbettung, Gesellschaftswandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen der Familie in der modernen Gesellschaft und den damit verbundenen Sozialisationsbedingungen unter besonderer Berücksichtigung gesellschaftlicher Einflüsse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Struktur der Familie, die Regeln zur Familiengründung, die gesellschaftliche Isolierung der Familie, Rollenprobleme der Mutter sowie schichtspezifische Sozialisationsprobleme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf die Familie einwirken und warum die Familie in ihrer gegenwärtigen Form das bestehende System sozialer Ungleichheit stabilisieren oder reproduzieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär auf der Auseinandersetzung mit familiensoziologischen Texten (insbesondere von Neidhardt) und ergänzender Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Familienbegriffe und eine detaillierte Analyse der Problemfelder familialer Sozialisation, inklusive der Auswirkungen von Schichtzugehörigkeit und unvollständigen Familienstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Familiensoziologie, Sozialisation, soziale Ungleichheit, Schichtung, Rollenproblematik und die gesellschaftliche Isolierung der Familie.
Wie beeinflusst die soziale Schicht laut der Arbeit die Entwicklung der Kinder?
Die Arbeit zeigt, dass die soziale Schicht den Zugang zu Ressourcen wie Geld und Bildung sowie das Erziehungsverhalten beeinflusst, was oft zu einer Reproduktion von Ungleichheit führt, da Kinder aus unteren Schichten strukturell benachteiligt werden.
Welche Rolle spielt die Politik bei den untersuchten Problemen?
Die Arbeit betont, dass Familienpolitik zwingend auch Gesellschaftspolitik sein muss, um durch den Abbau von Schichtbarrieren und den Ausbau öffentlicher Unterstützungssysteme tatsächliche Chancengleichheit zu fördern.
- Citation du texte
- Laura Dahm (Auteur), 1997, Die Familie in Deutschland nach Neidhardt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14698