Die Novelle als Lektüreschlüssel in Goethes Wahlverwandtschaften


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Zum reinen Inhalt der Novelle
II.1 Kurzzusammenfassung
II.2 Anmerkung zur Zusammenfassung

III Theorie zur Novelle und der Spiegelung
III.1 Die Novelle bei Goethe
III.2 Lucien Dällenbach in „Le recit spéculaire“

IV „Die wunderlichen Nachbarskinder“ einfach nur als Positiv des Romans?

V Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Verliebten in der Novelle mit den Protagonisten des Romans
V.1 Eduard und Charlotte: nur auf den ersten Blick die Nachbarskinder
V.2 Der Hauptmann als Retter in Novelle und Roman – mit entscheidenden Unterschieden

VI Was die Novelle über Thematiken des Romans aussagen kann
VI.1 Zum Erzähler der Novelle
VI.2 Der Nachbarsjunge ohne freien Willen?
VI.3 Die Novelle zur Ehe

VII Ergebnisse & Fazit

VIII Literaturverzeichnis

I Einleitung

Diese Hausarbeit im Rahmen des Goethe-Proseminars im Sommersemester 2008 bei Dr. Nils Reschke befasst sich mit der Novelle Die wunderlichen Schulkinder in Goethes Ro­man Die Wahlverwandtschaften aus dem Jahr 1805.

Neben einer kurzen Darstellung der Struktur und des Inhalts der Novelle, welche sich im zehnten Kapitel des zweiten Teils befindet, soll zunächst geklärt werden, inwiefern es sich hierbei um eine mise en abyme handelt, und wie diese im Bezug zum Haupttext steht. Es soll ferner überprüft werden, inwiefern sie mit dem Roman als solchem, seiner Handlung, interagiert.

Im weiteren Verlauf wird primär darauf hin gearbeitet, zu entschlüsseln, inwiefern Goe­the dem Leser mit der Novelle eine Interpretationshilfe an die Hand geben will. Insbe­sondere soll gezeigt werden, dass gerade durch die von anderen Literaturwissenschaft­lern wie Benjamin oder Wiethäuser oftmals als Antithese dargestellte Novelle, die Hauptfiguren in den Wahlverwandtschaften noch wesentlich genauer charakterisiert werden und außerdem bestimmte Thematiken, wie die der Ehe oder des freien Willens umgedeutet oder erweitert werden können.

II Zum reinen Inhalt der Novelle

II.1 Kurzzusammenfassung

Die Novelle erzählt die Geschichte zweier Nachbarn, die in der Kindheit eine enge Be­ziehung pflegen, sich dann aber in einer Hassliebe gegenseitig so starken Schaden zufü­gen, dass die Eltern einvernehmlich beschließen, sie dem gegenseitigen Einfluss zu ent­ziehen. Getrennt aufwachsend, verlobt sich das Mädchen mit einem angesehenen Mann, während der Junge zum allseits geachteten und erfolgreichen Herrn heranwächst. Bei ei­nem Wiedersehen erkennt die inzwischen Verlobte, dass sie ihren ehemaligen Nachbarn immer noch liebt, muss aber feststellen, dass er mit sich im Reinen ist und auch auf Grund seines guten Verhältnisses zum Ehemann nicht auf ihre Andeutungen eingeht.

Sie beschließt daher, sich auf einer Schifffahrt vor seinen Augen das Leben zu nehmen, um „den ehemals Gehassten und nun so heftig Geliebten seine Unteilnahme zu strafen und sich, indem sie ihn nicht besitzen sollte, wenigstens mit seiner Einbildungskraft, seiner Reue auf ewig zu vermählen“(S. 475). Als sie sich tatsächlich in den Fluss stürzt, rettet er sie mit Hilfe eines jungen Ehepaares. Während die ohnmächtige Nachbarin wieder erwacht, schwört er, sie nie wieder gehen zu lassen. In die alten Hochzeitskleider des Ehepaares gekleidet, treten sie vor die Schiffsbesatzung, bestehend aus der näheren Verwandtschaft und dem Bräutigam und erbitten deren Segen.

II.2 Anmerkung zur Zusammenfassung

Von einem Gast Charlottes erzählt, wird später deutlich, dass es sich beim Nachbarn der Novelle um den Hauptmann handelt. Die Novelle ist also in zweierlei Hinsicht zu be­trachten: einerseits, als Anekdote aus dem Leben des Hauptmanns, in die Realität des Romans eingeflochten, und andererseits als separat stehende Geschichte, die sozusagen als moralische Alternative dasteht.

III Theorie zur Novelle und der Spiegelung

III.1 Die Novelle bei Goethe

„Was ist eine Novelle anderes als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit[...]. In je­nem ursprünglichen Sinne einer unerhörten Begebenheit kommt auch die Novelle in den Wahlverwandtschaften vor.“[1] So klar äußert Goethe in den Gesprächen mit Eckermann am 29.1.1827 seine Definition von einer Novelle. Einerseits macht er damit auf die Tat­sache aufmerksam, dass sich die Erzählung ereignet hat oder zumindest so ereignet ha­ben könnte, andererseits drückt die Bezeichnung des unerhörten aus, dass es sich dabei um etwas Neues handelt, dabei aber auch besonders, unglaublich und merkwürdig.[2] All diese Eigenschaften sind auf die wunderlichen Nachbarskinder anwendbar, allerdings ist sie nur für den Leser neu, zumindest Charlotte und der Hauptmann kennen sie schon vorher.

Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang aber, dass die Geschichte für wirklich mög­lich angenommen wird: Einmal wirkt die Tatsache, dass das Nachbarspaar in Brautklei­dern vor die Verwandten und den Bräutigam tritt, fast wie ein Stilbruch. Trotzdem sich dieser Umstand daraus ergibt, dass die beiden in einer Notlage sind, ist es doch schwer vorstellbar, dass ein noch so armes Pärchen nichts anderes im Hause hat, als die Braut­kleider ihrer eigenen Hochzeit. Die andere Komponente, deren Möglichkeit man theore­tisch in Frage stellen kann, ist der unten näher besprochene Umstand, dass sich die Nachbarn über das Eheversprechen und damit über die Regeln der Gesellschaft hinweg­setzen, um ihr eigenes Glück zu verwirklichen. Dieses Element, welches im Roman vom Grafen und der Baronin vertreten wird, wird also durch Goethes Kommentar zur Novelle im Allgemeinen klar als möglich bewertet, oder wenigstens, wie es bei von Wilpert heißt: „hätte zumindest geschehen können.“

III.2 Lucien Dällenbach in „Le recit spéculaire“

Neben den augenscheinlichen, unten näher erläuterten inhaltlichen Beweisen für einen direkten Zusammenhang der Novelle zum Roman, lassen sich in der Literaturwissen­schaft unterschiedliche Namen zitieren, die die Spiegelung im Text untersucht haben: Der von André Gide eingeführte Begriff der mise en abyme bedeutet die Wiederholung eines Bildes im Bild, später ausgedehnt auf die Literatur. Dazu schreibt Lucien Dällen­bach: „[...]the fictional mise en abyme, which aims, by anology, to relate two series of events to each other[...]“[3] Er geht hier also von einer (inhaltlichen) Analogie aus, ge­stützt von der Tatsache, dass der ganze Roman, welcher ursprünglich eine Novelle in Willhelm Meisters Wanderjahre sein sollte[4], nun seinerseits ein Text ist, der eine Novel­le beinhaltet. Außerdem betont er, dass der Roman den Titel Die Wahlverwandtschaften – Ein Roman trägt, so wie die Novelle ebenfalls ihr literarisches Genre im Titel trägt. Somit spiegeln sich in der Novelle nicht nur inhaltliche Fakten, sondern auch formale Komponenten wider.[5]

[...]


[1] Eckermann; S. 221

[2] v. Wilpert, S. 776

[3] Dällenbach, S. 71

[4] Siehe dazu: Wiethäuser, S. 973 ff.

[5] Dazu auch: Benjamin, S. 169

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Novelle als Lektüreschlüssel in Goethes Wahlverwandtschaften
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar "Goethe"
Note
3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V147014
ISBN (eBook)
9783640578344
ISBN (Buch)
9783640578634
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novelle, Lektüreschlüssel, Goethes, Wahlverwandtschaften
Arbeit zitieren
Philipp Kracht (Autor), 2008, Die Novelle als Lektüreschlüssel in Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147014

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