Das Problem der Sprachenvielfalt aus soziolinguistischer Perspektive


Seminararbeit, 2009
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachenvielfalt
2.1 Die Europäische Union und ihre Sprachenvielfalt
2.2 Historischer Blickwinkel: Einführung des Standard-Italienisch in Italien

3 Sprache als Ideologie
3.1 Das Beispiel Irland
3.2 Spracherhalt ja, Spracherweckung nein?

4 Englisch als Weltsprache
4.1 Historische Gründe
4.2 Folgen für Minority Languages

5 Künstliche Sprache als Mittel der Wahl?
5.1 Das Esperanto und der Vater des Gedanken
5.2 Probleme des Esperanto und voraussichtlich auch anderer künstlicher Weltsprachen

6 Fazit

7 Quellenverzeichnis
7.1 Literatur
7.2 Internetquellen

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Sprachenvielfalt, woraus sie resultiert und warum sie in Teilen der Welt verschwindet. Bei der Untersuchung regionaler, nationaler und internationaler Besonderheiten versuche ich zu zeigen, dass Sprache nicht einfach nur Verständigungsmittel ist, sondern einen Kontext von ideologischen und ökonomischen Fragen einschließt. Sowohl auf regionaler[1], auf nationaler[2] als auch auf internationaler Ebene[3] gab und gibt es gibt es private wie institutionelle, teilweise staatlich geförderte Maßnahmen (von Vereinen, Gesellschaften etc.), die darauf ausgerichtet sind, eine bestehende Sprache zu stärken oder aber Sprache zu vereinheitlichen.

Die unterschiedlichen Interessen, die dabei eine Rolle spielen, die Mechanismen die dabei greifen und die Vor- und Nachteile, die hierbei für die Beteiligten (als private Individuen, als ethnische oder nationale Gruppen oder einfach als - beispielsweise wirtschaftliche - Zweckgemeinschaften) entstehen, sollen dabei beleuchtet werden.

2 Sprachenvielfalt

2.1 Die Europäische Union und ihre Sprachenvielfalt

Die Europäische Union fasst auf ihrer Homepage[4] die gesetzlich festgelegte Haltung zur Sprachenvielfalt zusammen. Bei EU-Beitritt meldet der neu hinzugekommene Staat eine oder mehrere Amtssprachen an, die dann von der EU aufgenommen werden.

Entgegen der allgemeinen Annahme, es handle sich bei der EU vorwiegend um eine Wirtschaftsallianz, weist die Homepage die hohe kulturelle Differenzierung (und damit einhergehend die Sprachenvielfalt) als einen „Trumpf“[5] aus: „Die EU gründet sich auf das Prinzip der Vielfalt in Kultur, Bräuchen und Glauben. Dies schließt auch die Sprachen mit ein.“

Interessanterweise ist hier nun zu beobachten, dass gerade durch die hohe Anzahl der in einer Gemeinschaft gesprochenen Sprachen eine Identifikation, ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt werden soll. Hier geht es also um die entgegengesetzte Form dessen, was in Kapitel 3 am Beispiel der irischen Republik erörtert wird.

Das Nebeneinander der verschiedenen Sprachen wurde 2007 im Vertrag von Lissabon festgehalten. Darüber hinaus verweist die EU darauf, dass sie Regional- und Minderheitssprachen fördert, sie seien „(...)ein wichtiger Ausdruck der Vielfalt in der EU(...)“[6]

Um die Kommunikation innerhalb der Staatengemeinschaft zu fördern, unterstützt die Europäische Kommission Projekte und Aktivitäten, die Mehrsprachigkeit fördern. Dies ist für sie von politischem und wirtschaftlichem Interesse, da mehrsprachige Kompetenz bei Abwesenheit einer Einheitssprache Grundlage zur Aufrechterhaltung und zum Ausbau der EU-Handelszone wie zur Positionierung gegenüber den konkurrierenden politökonomischn Blöcken ist. Auch ein stetiger wissenschaftlicher Austausch und technologischer Fortschritt innerhalb der EU-Staaten haben zur Grundlage, dass der Kommunikation nichts im Wege steht.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die EU die Sprachenvielfalt zumindest nicht behindert und also für deren Erhalt in Form von sprachfördernden Projekten Mittel zur Verfügung stellt, die bei Einführung einer Einheitssprache aus ökonomischer Sicht nicht mehr notwendig wären, sondern „nur noch“ zum Erhalt eines kulturellen Gutes beitragen würden. Somit leistet sich die EU auf den ersten Blick vom wirtschaftlichen Standpunkt aus einen Luxus. Diese Sichtweise verkennt jedoch, dass das ursprünglich anscheinend nur als ökonomisches Projekt begonnene Vorhaben der Einigung Europas eine politische und damit kulturell-ideologische Dimension aufweist. Diese Erkenntnis ist für sich gestellt nicht relevant, könnte es aber werden, wenn man die Lage von weniger finanzstarken Regionen beleuchtet oder aber einen Blick auf die Geschichte wirft:

2.2 Historischer Blickwinkel: Einführung des Standard-Italienisch in Italien

Italien ist auch nach der Einung 1840 immer noch ein Land mit extrem vielen dialektal unterschiedlich geprägten Regionen. Tatsächlich spielen die Dialekte auch heute noch eine gewaltige Rolle im gesprochenen Italienisch.[7] Allerdings ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass das Standarditalienisch inzwischen in allen Teilen des Landes angekommen ist. Radtke verortet „dieses Bewusstsein einer unumstrittenen Vorherrschaft der Standardsprache“[8] ins Cinquecento, die Verdrängung der Dialekte dann ins letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Interessant ist für die hier behandelte Fragestellung, warum sich Italien bis heute zu einer Standardsprache[9] hinbewegt und es nicht, wie es heute die EU tut, bei der Dialektvielfalt belässt.

Zum Einen gibt es einen grundlegenden Unterschied: Während die italienischen Dialekte tendenziell die selbe Basis haben und alle unter dem Einfluß des Lateinischen stehen, sind die 23 offiziellen EU-Amtssprachen (Stand 2009) Teil von drei unterschiedlichen Sprachfamilien, der indoeuropäischen, der finnougrischen und der semitischen.[10] Das Erlernen der Einheitssprache ist für die italienische Bevölkerung also auf Grund der Nähe des Dialekts zum „Standard“ einfacher, als es für EU-Bürger heute wäre.

Auf den zweiten Blick war zu der Zeit, als die sprachliche Einheit Italiens der politischen folgen sollte besonders im Süden das Bildungssystem mangels allgemeiner Schulpflicht rückständig. Die Standardsprache war lange Zeit „nicht mehr“ als eine literarisch relevante Sprache. Auch mit Einführung der Schulpflicht änderte sich das in nur in Maßen, es wurden vielmehr die erheblichen Defizite deutlich, die bei vielen der Grundschüler in der Beherrschung beziehungsweise im Verständnis der Standardsprache vorhanden waren. Einen regionalen Dialekt zu sprechen wurde mit der fortschreitenden Industrialisierung und den verbundenen Zuwanderungsströmen aus dem Süden in den Norden ein Problem der Diskriminierung: Der Zugang zu Ausbildungs-, allgemein zu akademischen Berufen war behindert, und noch heute werden Südländer an Hand ihrer Sprache erkannt und diffamiert, eine Entwicklung, deren Beginn de Mauro ins 16. Jahrhundert verankert.[11] Weiterhin weist de Mauro die Einführung des nationalen Fernsehens als entscheidendes Moment der Vereinheitlichung der Sprache aus.

[...]


[1] Wie zum Beispiel beim rheinischen Dialekt, wo es die Akademie för uns kölsche Sproch gibt.

[2] Verein deutsche Sprache e.V.

[3] Siehe das Beispiel des Esperanto unten

[4] http://europa.eu/languages/de/home

[5] http://europa.eu/languages/de/chapter/5

[6] http://ec.europa.eu/education/languages/eu-language-policy/index_de.htm

[7] Näheres zum Varietätengefüge in Italien bei Radtke

[8] Radtke, S 1794

[9] Einheitssprache wird mehr oder weniger die florentinische Mundart, die unter starkem Einfluss der wichtigsten italienischen Dichter (Dante, Petrarca, Boccaccio) steht. Deren Vorlagen hat sich wiederum schon Manzoni in seinem wichtigsten Werk I promessi sposi bedient, dem populärsten italienischen Buch des 19. Jahrhunderts. Die Nähe des Florentiner Dialekts zum Lateinischen, welches die Römer fast auf der gesamten Halbinsel verbreiteten, unterstützte dessen Verbreitung außerdem entscheidend. (de Mauro, S. 32 ff.)

[10] Http://europa.eu/languages/de/chapter/5

[11] De Mauro 1978, S. 38: “Abbiamo cioè due fatti convergenti: le classi economicamente e culturalmente meglio dotate passano dal dialetto all'uso della lingua letteraria, mentre le classi più disagiate cominciano ad attenuare le caratteristiche meridionali del loro dialetto sostituendole con molti tratti toscaneggianti“ (Wir haben also zwei konvergente Tatsachen: Die ökonomisch und kulturell höher gestellten Klassen verändern sich vom Gebrauch des Dialekts zum Umgang mit der Literatur-Sprache, während die ärmeren Klassen beginnen, Aspekte ihres regionalen Dialekts mit diversen Charakteristiken des Florentinischen zu ersetzen.)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Sprachenvielfalt aus soziolinguistischer Perspektive
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar "Sprachgeographie und Migration"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V147016
ISBN (eBook)
9783640579334
ISBN (Buch)
9783640580040
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Sprachenvielfalt, Perspektive
Arbeit zitieren
Philipp Kracht (Autor), 2009, Das Problem der Sprachenvielfalt aus soziolinguistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147016

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