Aurelius Augustinus von Hippo (354-430) ist wahrscheinlich der größte und einflussreichste Denker der christlichen Kirche. Er ließ kaum einen Bereich der christlichen Theologie unberührt. Seine Theologie und Philosophie prägte die christliche Kirche bis in die Neuzeit. Seine Tätigkeit als Prediger begeisterte schon zu seiner Lebzeit eine große Menge an Menschen. Das hat sich bis heute nicht verändert. Deswegen widmet sich diese Proseminararbeit seiner Tätigkeit als Prediger und seiner 36sten Predigt über das Johannesevangelium. Wie war Augustinus als Prediger? Was lernt man aus seiner Exegese? Und wie sieht er Jesus als Retter und Richter im Licht des Johannesevangeliums? Einen wichtigen Anhaltspunkt für die Erforschung bieten dabei In Iohannis Euangelium Tractatus, was frei übersetzt „Die Predigten über das Johannesevangelium“ heißen kann. Seine mächtige Wortwahl und eine lebendige Gemeinde, vor der Augustinus predigt, machen seine Predigten lebendig. Seelsorge, vermischt mit Ermahnung und Lehre, ergeben ein emotionales Hoch und Tief während des Hörens. Die starke Christologie und Rechtfertigungslehre in Io. eu. tr. 36 macht diese Predigt besonders. Im Folgenden soll es nun darum gehen, Io. eu. tr. 36,4 eingehender zu beleuchten, um – v. a. vor dem Hintergrund der zuvor aufgestellten Fragen – ein tieferes Verständnis hervorzubringen. Dabei bietet zunächst die Gliederung der Textstelle sowie deren Einordung in den Zusammenhang des Gesamtwerkes die Möglichkeit, diese inhaltlich und im Argumentationsgang Augustins zu erschließen. Durch die Erläuterung zum historischen Kontext wird außerdem ein Überblick zu der Entstehung der 36. Predigt über das Johannesevangelium ermöglicht. Der sich daran anschließende Kommentar analysiert den Text in Hinblick auf seine Sprache, Argumentation und etwaige Verweise auf andere Schriften oder Ereignisse. Eine gebündelte Zusammenschau der erarbeiteten Erkenntnisse bildet den Abschluss dieser Proseminararbeit.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Übersetzung von Io. eu. tr. 36,4
III. Gliederung
A. Einordnung von Io. eu. tr. 36 in das Gesamtwerk
B. Makrogliederung von Io. eu. tr. 36
C. Einordnung von Io. eu. tr. 36,4 in Io. eu. tr. 36
D. Mikrogliederung von Io. eu. tr. 36,4
IV. Historischer Kontext
A. Augustinus von Hippo
1. Augustin als Prediger
B. Zum Gesamtwerk Ioannis euangelium tractatus
C. Io. eu. tr. 36
V. Textanalyse Io. eu. tr. 36,4
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die homiletische Exegese des Aurelius Augustinus in seinem 36. Traktat über das Johannesevangelium, wobei der Fokus insbesondere auf dem Abschnitt 36,4 liegt, um Augustinus' Verständnis von Christus als Barmherzigkeit und Richter zu ergründen.
- Augustinus von Hippo als Prediger und Theologe
- Strukturanalyse des 36. Traktats über das Johannesevangelium
- Die christologische Deutung der Barmherzigkeit Christi
- Hermeneutik und Wirkungsgeschichte der augustinischen Predigten
- Das Spannungsfeld zwischen göttlichem Gericht und menschlicher Erlösung
Auszug aus dem Buch
II. Übersetzung von Io. eu. tr. 36,4
„Ich richte niemanden“ (Joh 8,15). Also richtet der Herr Jesus Christus niemanden? Ist es nicht der, von dem wir bekennen, dass er am dritten Tag auferstanden ist, dass er in den Himmel aufgefahren ist, dort sitzt zur Rechten des Vaters, von dort wird er kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten? Ist das nicht unser Glaube, vom welchem der Apostel redet: „Mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber geschieht das Bekenntnis zum Heil (Röm 10,10)?“ Wenn wir also dies bekennen, reden wir dann gegen den Herrn? Wir sagen, er wird kommen als Richter der Lebenden und der Toten, er selbst aber sagt: „Ich richte niemanden (Joh 8,15).“ Diese Frage kann auf zwei Arten gelöst werden, entweder so, dass wir dahin begreifen: „Ich richte niemanden (Joh 8,15).“, das heißt, gerade jetzt, wie er an anderer Stelle sagt: „Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt heil zu machen (Joh 12,47).“, wobei er sein Gericht nicht leugnet, aber verschiebt. Oder weil er sicher gesagt hatte: „Ihr richtet nach dem Fleisch (Joh 8,15).“, so fügte er hinzu: „Ich richte niemanden (Joh 8,15).“, dass man darunter verstehe, nach dem Fleisch. Es soll uns also gegen den Glauben, den wir von dem Richter Christus festhalten und verkünden, kein Bedenken eines Zweifels im Herzen zurückbleiben. Christus kam, aber zuerst, um zu retten, infolgedessen zu richten: Diejenigen in Strafe zu richten, die sich nicht retten lassen wollten; diejenigen zum Leben zu führen, die glaubend das Heil nicht ablehnen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die Person Augustinus, seine Predigttätigkeit und die Relevanz des 36. Johannes-Traktats für das christologische Verständnis.
II. Übersetzung von Io. eu. tr. 36,4: Präsentation des Quelltextes zur Analyse der christologischen Argumentation Augustinus' bezüglich des Nicht-Richtens.
III. Gliederung: Einbettung der Textstelle in den Gesamtkontext des 36. Traktats und feine Gliederung des analysierten Abschnitts.
IV. Historischer Kontext: Darstellung des Lebens und Wirkens des Augustinus von Hippo sowie der Entstehungsbedingungen seiner Predigten vor der Gemeinde.
V. Textanalyse Io. eu. tr. 36,4: Detaillierte philologische und theologische Untersuchung des gewählten Textabschnitts hinsichtlich Sprache, Stil und Inhalt.
VI. Fazit: Synthese der gewonnenen Erkenntnisse über Augustinus' Predigtstil und seine theologische Lehre von Christus als barmherzigem Retter.
Schlüsselwörter
Augustinus von Hippo, Johannesevangelium, Christologie, Barmherzigkeit, Gericht, Ioannis euangelium tractatus, Predigt, Exegese, Rettung, Kirchenvater, Fleischwerdung, Gnadenlehre, Homiletik, Rechtfertigung, Heil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert eine ausgewählte Predigt des Kirchenvaters Augustinus von Hippo, konkret den 36. Traktat über das Johannesevangelium, um dessen Verständnis von Christus als Barmherzigkeit und Richter zu erhellen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Zentral sind die augustinische Christologie, seine Hermeneutik der Heiligen Schrift, die Spannung zwischen göttlichem Erbarmen und Gericht sowie die Lebenswirklichkeit der Gemeinde in Hippo.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Augustinus scheinbare Widersprüche im Evangelium, etwa zwischen dem Auftrag zu richten und dem Verzicht darauf, dogmatisch und seelsorgerlich auflöst.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit kombiniert eine historische Kontextualisierung des Autors mit einer textnahen philologischen Analyse und theologischen Interpretation der ausgewählten Predigtpassagen.
Was ist der Inhalt des umfassenden Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Verortung Augustinus', eine Analyse des Gesamtwerks der Johannes-Traktate sowie eine tiefgehende Exegese des spezifischen Abschnitts 36,4.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Barmherzigkeit (misericordia), Gericht (iudicium), Fleischwerdung (Inkarnation) und die spezifisch augustinische Gnadenlehre innerhalb seines theologischen Systems.
Wie erklärt Augustinus den scheinbaren Widerspruch bezüglich Jesu Richturteil?
Augustinus unterscheidet zwischen dem Richten "nach dem Fleisch" und dem Richten im eschatologischen Sinne, wobei er betont, dass Jesu erste Ankunft der Rettung galt, während das endgültige Gericht erst später erfolgt.
Welche Rolle spielt die rhetorische Gestaltung in Augustinus' Predigten?
Augustinus benutzt rhetorische Strategien wie Antithesen, Paradoxa und direkte Ansprachen der Gemeinde, um den biblischen Text lebendig zu machen und die Hörer persönlich in den heilsgeschichtlichen Prozess einzubinden.
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- Emanuel Krampez (Autor:in), 2023, Augustinus als Prediger und seine Joh 8,15-18 Exegese in Io. eu. tr. 36,4, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1470290