Komiktheoretische Annäherungen an Leander Haußmanns „Sonnenallee“

Darf man das? Lachen über den Osten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Leander Haußmanns Sonnenallee
2.1 Sonnenallee innerhalb der Kritik

3. Die Komödie Sonnenallee
3.1 Dauerlacher im Film: Running Gags
3.2 Komiktheoretische Annäherungen an Sonnenallee
3.2.1 Nach Henri Bergson
3.2.2 Nach Michail Bachtin
3.3 Komödie oder Dokumentation?

4. Fazit

5. Bibliografie
5.1 Filme
5.2 Literatur
5.3 Internetquellen

1. Einleitung

„Ich lebe in der DDR. Ansonsten hab ich keine Probleme."[1]

Nostalgie im Umgang mit der ehemaligen DDR oder auf neudeutsch Ostalgie[2] war eines, wenn nicht sogar das Thema im deutschen Kino in den letzten Jahren. Filme wie Goodbye Lenin, NVA, Der rote Kakadu und Neuruppin forever zeigten die ehemalige DDR aus einem ganz anderen Blickwinkel[3] und beäugten ihre Geschichte mit einen Augenzwinkern. Der Auslöser für diese Flut von „Mauerkomödien“[4] ist sicherlich Thomas Brussig[5] und Leander Haußmann[6] zuzuschreiben, die im Jahr 1999 ihren Film Sonnenallee in die Kinos brachten. Das, was vielen Menschen bislang nur als Straße im ehemaligen Berliner Osten bekannt war, wurde zum Titel und Schauplatz eines der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre.

Trotz seines Erfolges blieb der Film jedoch nicht unumstritten. Zwar ist Sonnenallee als Komödie deklariert, man warf ihm zum Teil jedoch überzogene Darstellungen des DDR-Alltags vor und sprach im gleichen Kontext von Lächerlichkeit.

Inwiefern der Titel Komödie gerechtfertigt ist und warum man über den Osten lacht und ob man es darf, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Nach einem kurzen Überblick zur Entstehung von Sonnenallee und dessen Wahrnehmung innerhalb der (Presse-)Kritik wird im vierten Kapitel die Komik im Film näher erläutert werden. Welche spezifischen komischen Merkmale besitzt der Film und wie lassen sich die Komiktheorien von Henri Bergson und Michail Bachtin auf den Film anwenden. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Szenen analysiert. Aufgrund des Umfangs der Arbeit kann leider nicht auf jeden einzelnen Handlungsstrang und jede komische Szene eingegangen werden. Darüber hinaus wird kurz die Frage beantwortet werden müssen, ob Sonnenallee einen dokumentarischen Charakter hat, der es eventuell sogar verbietet über die DDR zu lachen.

2. Leander Haußmanns Sonnenallee

Sieben Jahre nach dem Fall der Mauer rief Thomas Brussig den damals noch weitgehend unbekannten Leander Haußmann an und fragte ihn, ob dieser nicht Lust hätte einen Film über den Osten mit dem Titel Am kürzeren Ende der Sonnenallee mit ihm zu machen. Dazu äußerte sich Brussig in einem Interview wie folgt:

Ich hatte mal ein Interview mit ihm gelesen und fand es klasse, wie er dort über den Osten geredet hat. Er sagte in etwa: „Die DDR war die totale Hippie-Republik, wir haben auf Matratzen gelegen und gesoffen und uns ständig krankschreiben lassen.“ Das war so unverkrampft. Ich mochte es, daß er nicht die typische Geschichte vom totalitaristischen System gebracht hat. Deshalb dachte ich: der ist der Richtige. Ich finde es außerdem gut, daß ein Regisseur auch biographisch auf den Stoff reagiert, nicht nur ästhetisch.[7]

Nur drei Jahre später, im Jahr 1999, genauer am 7. Oktober lief der Film unter dem Titel „Sonnenallee“ in den deutschen Kinos an.

„Sonnenallee“ ist der Name einer Straße, dessen kürzeres Ende, in den Zeiten der Teilung im Osten Berlins lag, während sich der größere Teil in Westberlin befand. Zur Zeit in der der Film spielt, in den siebziger Jahren, ist die Bevölkerung in Massenorganisationen eingebunden. So sind die Jugendlichen beispielsweise in der „Freien deutschen Jugend“, kurz „FDJ“ organisiert. So auch Micha und seine Freunde im Film. Eine Mitgliedschaft in der Partei und Einsatz für das Land sind dabei entscheidend, wenn es um die Zukunft er Jugendlichen und deren Ausbildung geht.[8] Mehr als mit der Politik des totalitären Staates in dem sie leben, beschäftigen sich Micha und seine Clique aber mit Musik, Popkultur, Drogenexperimenten, der ersten Liebe und der Suche nach sich selbst, eben den Dingen, mit denen sich Jugendliche auf der ganzen Welt beschäftigen.[9]

Wie die an sich unspektakuläre Ausgangssituation des Films den Film zur Komödie macht und wie die Kritik auf den Film reagierte soll im folgenden Teil der Arbeit näher erläutert werden.

2.1 Sonnenallee innerhalb der Kritik

Über zwei Millionen Besucher sahen den Film Sonnenallee im Kino und machten ihn so zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Jahre. Dennoch gehen die Meinungen über den Film stark auseinander. Allein ein Blick auf die Kritiken, bzw. Käuferrezesionen beim großen Onlinehändler Amazon zeigt dies, von „Oberflächlich und Schablonenhaft“ und „Wenn Fleischer über Brote reden“ bis zu „Traumhaft“, „geile Persiflage auf die DDR, ein echter Hammer“ und „Super Film; selten so gelacht“ sind alle Standpunkte vertreten.[10] Kritisiert wird zumeist, dass Haußmann und Brussig sich der Oberflächlichkeit in ihrer Darstellung der DDR bedient haben. Von Verklärung wird dabei oftmals gesprochen und dass sie das Leben in der DDR und dessen Bewohner in die Lächerlichkeit ziehen. Christiane Peitz spricht in ihrer Kritik zum Film[11] davon, dass der Osten zur Puppenstube wird: „Der Osten als Puppenstube: verstellter Horizont, vernagelter Blick.“[12] Sie geht sogar soweit, das Kino im Fall von „Sonnenallee“ als Lügner zu bezeichnen. Haußmann und Brussig spekulieren nach Peitz mehr auf ein Lachen der Verdrängung, denn der Befreiung:

„Doch Helden wie wir spekuliert, ebenso wie Sonnenallee, am Ende doch auf das Lachen: auf ein

Gelächter indes nicht der befreienden, sondern der Verdrängenden Art, mit dessen Hilfe die Mauer in den Köpfen weggerückt werden soll. Das hat nicht funktioniert. […]“[13]

[...]


[1] Micha Ehrenreich (Alexander Scheer) zu Beginn des Films Sonnenallee, Minute 1:37. Im Folgenden wird der Film mit der Sigle S und der entsprechenden Minutenzahl zitiert.

[2] Der Begriff der Ostalgie kann hier ohne Anführungszeichen gebraucht werden, da er heute selbst im Duden als Beschreibung für die „Sehnsucht nach der DDR“ genutzt wird.

[3] Im Gegensatz zu z.B. Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen (2006).

[4] Als „Mauerkomödie“ wird „Sonnenallee“ von Leander Haußmann im Vorwort von Sonnenallee- Das Buch zum Film bezeichnet.

[5] Der am 19. Dezember 1965 geborene Thomas Brussig wuchs, wie auch seine Film- und Buchhelden aus „Sonnenallee“, im Osten Berlins auf. Brussig ist Film- und Drehbuchautor. Während er noch 1991 seinen Erstlingsroman „Wasserfarben“ unter einem Pseudonym veröffentliche, wurde Brussig 1995 mit dem Roman „Helden wie wir“ unter seinem richtigen Namen schließlich bekannt. Der Durchbruch folgte mit dem Drehbuch zu „Sonnenallee“ und dem daraus resultierenden Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“. Weitere Romane von ihm sind „Leben bis Männer“ (2001), „Wie es leuchtet“ (2004), „Berlin Orgie“ (2007) und „Schiedsrichter Fertig“ (2007).

[6] Leander Haußmann wurde am 26. Juni 1956 in Quedlinburg in der ehemaligen DDR geboren. Er ist deutscher Film- und Theaterregisseur, sowie Schauspieler. Neben zahlreichen Theaterinszenierungen und Fernsehfilmen drehte Haußmann neben „Sonnenallee“, im Jahr 1999, unter anderem „Herr Lehmann“ (2003), NVA (2005). Auch in diesen beiden Filmen spielte die DDR, bzw. das Leben in einem geteilten Deutschland eine wichtige Rolle. Sein letzter Kinofilm war „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ im Jahr 2007. Für das Skript zu „Sonnenallee“ erhielt Haußmann zusammen mit Brussig 1999 den Deutschen Drehbuchpreis.

[7] Leander Haußmann (Hrsg.): Sonnenallee. Das Buch zum Film. Berlin: Quadriga Verlag 1999. S. 9.

[8] Vgl.: Volker Krischel: Thomas Brussig. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. 2. Auflage. Hollfeld: C. Bange 2002. S. 10 ff.

[9] Vgl.:Heinz-B. Heller; Matthias Steinle (Hrsg.): Filmgenres. Komödie. Stuttgart: Reclam 2005. S. 492.

[10] Siehe dazu auf: http://www.amazon.de/review/product/B00004XN7T/ref=cm_cr_dp_all_summary?_encoding=UTF8&showViewpoints=1&sortBy=bySubmissionDateDescending. Gesehen am: 13.09.2008. Man kann diese Kritiken nur als Meinungsbild betrachten, nicht aber als repräsentativ, da jeder seine Meinung abgeben kann.

[11] Christiane Peitz: „Alles so schön grau hier. Leander Haußmanns „Sonnenallee“, Sebastian Petersons „Helden wie wir“: Der Osten ist Kult- jetzt auch im Kino .“ Die Zeit , 45/1999. Auf: http://www.zeit.de/1999/45/199945.sonnenallee.etc..xml. Gesehen am: 13.09.2008. Peitz spricht in ihrer Kritik neben „Sonnenallee“ auch von „Helden wie wir“.

[12] Peitz (1999): „Alles so schön grau hier“.

[13] Peitz (1999): „Alles so schön grau hier“.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Komiktheoretische Annäherungen an Leander Haußmanns „Sonnenallee“
Untertitel
Darf man das? Lachen über den Osten
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,0
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V147034
ISBN (eBook)
9783640561421
ISBN (Buch)
9783640561636
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sonnenallee, Komik, Komiktheorie, Bachtin, Bergson, Lachen, DDR, Film, Filmanalyse, Brussig, Haußmann
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Komiktheoretische Annäherungen an Leander Haußmanns „Sonnenallee“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147034

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