Sophie Blanchard. Die erste professionelle Luftschifferin


Fachbuch, 2010
61 Seiten

Leseprobe

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Sophie Blanchard (1778—1819) Bild: Reproduktion eines Kupferstiches von Jules Porreau aus dem Jahre 1859, der nach ihrem Tod entstand

Als tollkühne Ballonfahrerin begeisterte die Französin Madeleine Sophie Blanchard (1778—1819), geborene Madeleine Sophie Armant, in Frankreich, Belgien, Italien und Deutschland die Massen. Zuerst trat sie mit ihrem Mann und später alleine auf. Wegen der Form der Gondel ihres Ballons bezeichnet man sie auch als „Luftschifferin“, obwohl das erste richtige Luftschiff erst 1852 aufstieg. Die erste professionelle „Luftschifferin“ und „Kaiserliche Aeronautin“ von Napoleon I. stürzte über Paris bei ihrer 67. Ballonfahrt in den Tod. Sie gilt als die erste Frau, die bei einem Flugunfall starb.

Madeleine Sophie Armant wurde 1778 in Trois-Canons im französischen Departement Charente Maritime geboren. Es heißt über sie, sie sei wohlbehütet in ihrem bescheidenen Elternhaus in Trois-Canons aufgewachsen.

1804 heiratete Madeleine Sophie Armant im Alter von 26 Jahren den berühmten französischen Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard (1753—1809), der aus Les Andelys stammte. Ihr Ehegatte war damals etwa doppelt so alt wie sie.

Jean-Pierre Blanchard hatte sich bereits als Ballonfahrer in Europa einen Namen gemacht. Am 2. März 1784 startete er auf dem Marsfeld in Paris mit einem wasserstoffgefüllten Ballon zu seiner ersten Ballonfahrt, bei der er die Seine überflog. Einige Monate später landete er nach einer erfolgreichen Ballonfahrt zusammen mit einem Begleiter in der Normandie. Laut Anekdote wurden die beiden Ballonfahrer von Scharen wild gestikulierender herbeilaufender Bauern ungläubig in Empfang genommen. Einige Augenzeugen fielen auf die Knie, falteten die Hände zum Gebet, andere rannten entsetzt davon. Ein Bauer soll zu den Ballonfahrern nach oben gerufen haben, ob sie Menschen oder Götter seien und sie sollten sich zu erkennen geben. Daraufhin sollen die Ballonfahrer geantwortet haben, sie seien Menschen und zum Beweis ihre Mäntel abgeworfen haben.

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Jean-Pierre Blanchard (1753—1809) Bild: Reproduktion eines Porträts

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Sophie Blanchard (1778—1819) Bild: Library of Congress, Prints and Photographs Dirsion, Washington

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Jean-Pierre Blanchard bei seiner Ballonfahrt am 3. Oktober 1785 vor großem Publikum auf der Bornheimer Heide in Frankfurt am Main Bild: Zeitgenössischer Stich aus dem 18. Jahrhundert, Urheber unbekannt.

Am 7. Januar 1785 überflog Jean-Pierre Blanchard zusammen mit dem aus Boston (Massachusetts) stammenden amerika­nischen Physiker Dr. JohnJeffries (1744—1819), der in England lebte, erstmals mit einem gasgefüllten Ballon von England (Dover) über den Ärmelkanal nach Frankreich. Weil Blanchard den Ruhm, der Erste zu sein, der den Ärmelkanal mit dem Ballon überquerte, nicht teilen wollte, versuchte er, seinen Geldgeber Jeffries mit üblen Tricks an der Mitfahrt zu hindern, was ihm aber nicht gelang. Die abenteuerliche Fahrt dauerte 2 Stunden 25 Minuten. Zuletzt warfen die beiden Ballonfahrer allen Ballast (Seile, Anker, Sitze, wissenschaftliche Instrumente) ab, um nicht abzustürzen, zogen sich bis auf ihre Unterwäsche aus, entleerten sogar ihre Blasen in den Ärmelkanal und kletterten von der Gondel in die Halteseile. Als die Küste von Frankreich näher kam, wurde der Ballon von einem warmen Aufwind erfasst und erreichte das Festland.

In der Folgezeit trat Jean-Pierre Blanchard öffentlich als Ballonschausteller auf. Zur ersten Luftreise in Deutschland startete er am 3. Oktober 1785 anlässlich der Herbstmesse in Frankfurt am Main, das deswegen als Wiege der deutschen Luftfahrt gilt. Zuvor hatten zwei geplante Starts am 25. und 27. September wegen stürmischem Wetter nicht geklappt. Erst am 3. Oktober 1785 gelang der Start auf der Bornheimer Heide vor angeblich 100.000 Zuschauern/innen. Frankfurt zählte damals nur etwa 35.000 Einwohner. Blanchard hatte eine Flasche Wein und zwei Milchbrote als Proviant an Bord. Erstmals ließ er seinen Hund mit einem Fallschirm zur Erde herunterschweben. Seine Fahrt ging von der Bornheimer Heide nach Weilburg an der Lahn, wo erst der dritte Landeversuch gelang. Zuerst wollte Blanchard auf einer Wiese landen, warf den Anker aus, aber ein Kind knüpfte den Ballon wieder los. Am zweiten vorgesehenen Landeplatz, einem Gestrüpp, machte ein Schäfer die Stricke wieder los. Das deutsche Kind und der Schäfer hatten wohl nicht verstanden, was der Franzose ihnen zuschrie. Beim drit]ten Versuch setzte Blanchard den Anker in das Wasser der Lahn und der Ballon landete am Ufer. Im Schloss von Weilburg wurde der französische Luftpionier, der mit dem Fürsten Carl von Nassau befreundet war, mit einem Festmahl gefeiert. Mit einem Wagen brachte man ihn später nach Frankfurt am Main, wo man ein Festspiel arrangiert hatte, in dessen Mittelpunkt Blanchard und sein Ballon standen. Es folgten ein Gelage mit vornehmen Herr­schaften im „Römischen Kaiser“ und ein Empfang im Römer, wo ihm der Rat „50 Stück doppelte Krönungsstücke in Gold von der Krönung Kaiser Josephs II. von 1764, hundert Dukaten im Wert“ überreichte.

Jean-Pierre Blanchard nahm für sich die Erfindung des Fallschirms in Anspruch. Sein Fallschirm rettete ihm am 21. November 1785 das Leben. Als sein Ballon wegen Überdrucks zu platzen drohte, stieß er einige Löcher in die Hülle, um dies zu verhindern. Weil das Gas nun so schnell ausströmte, dass ein Absturz unmittelbar bevorstand, musste er sich mit seinem Fallschirm retten. Dabei handelte es sich um den ersten verbürgten, wenngleich unfreiwilligen Fallschirmabsprung eines Menschen und die erste Luftrettung in der Luft­fahrtgeschichte.

Eine weitere Ballonfahrt in Deutschland unternahm Jean­Pierre Blanchard am 23. Juli 1786 in Hamburg. Auch dort begeisterte er das Publikum.

Vor den Stadttoren von Nürnberg bewunderten am 12. November 1787 schätzungsweise mehr als 50.000 Zuschauer/ innen einen Ballonstart von Jean-Pierre Blanchard. Einem Gerücht zufolge hatte er die letzte Beichte für den Fall abgelegt, dass ihm etwas zustoßen sollte. 240 Stadtsoldaten sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Das Füllen der Ballonhülle wurde durch Böllerschüsse verkündet. Nach dem durch Hände­klatschen und Vivarufe begleiteten Aufstieg um 11.26 Uhr in der Gegend des heutigen Stadtparks liefen Tausende von Menschen über abgeerntete Felder dem Ballon hinterher, kamen aber wegen dessen Schnelligkeit nicht nach. Bis heute hat sich in Nürnberg die Redensart „No schau’ ner hie, der rennt wie beim Blenscherd“ erhalten. Der Ballon flog angeblich bis zu 1.600 Meter hoch und landete um 12.15 Uhr bei Braunsbach im Knoblauchsland. Unter dem Jubel der Bevölkerung geleitete man Blanchard zurück in die Stadt, wo neben mehrtägigen Feierlichkeiten weitere Flugexperimente abgehalten wurden.

In Berlin erinnert noch heute der Ballonplatz in Karow-Nord an eine Landung von Jean-Pierre Blanchard nach einer Ballonfahrt. Dazu war er am 27. September 1788 auf dem Exerzierplatz im Tiergarten gestartet.

Der Magistrat von Hannover ernannte Jean-Pierre Blanchard nach einer Flugvorführung 1790 in der Stadt an der Leine zum Ehrenbürger.

In Wien führte Jean-Pierre Blanchard am 6. Juli 1791 eine Ballonfahrt vom Prater zum Vorort Groß-Enzersdorf durch. Bei einer Tournee durch Österreich verhaftete man ihn 1792, weil man den Verdacht hatte, er würde die radikalen Ideen der „Französischen Revolution“ verbreiten. Wegen fehlender Beweise ließ man ihn wieder frei.

In der Neuen Welt hat Jean-Pierre Blanchard die erste Bal­lonfahrt unternommen. Am 9. Januar 1793 stieg er aus dem Washington Prison Yard (Philadelphia) mit seinem Ballon in die Luft, wobei ihm kein Geringerer als Präsident George Was­hington (1732—1799) zusah. Die Landung erfolgte in Deptford, Gloucester County (New Jersey). Im September 1796 fegte ein Tornado durch New York, wobei Blanchards 16-jähriger Sohn aus der Ehe mit seiner ersten Frau Victorie getötet und die Ballonhalle zerstört wurde, in der sich die gesamte Ausrüstung befand. Im Mai 1797 floh Blanchard wegen seiner Schulden mit seiner Frau Victorie und drei Töchtern aus Amerika. Irgendwann danach kam es zur Trennung.

Was Madeleine Sophie Armant bewog, die zweite Ehefrau von Jean-Pierre Blanchard zu werden, ist eigentlich verwunderlich. Denn ihr Gatte war merklich älter als sie und wurde von Zeitgenossen als sehr kein (nicht viele Inches größer als fünf Fuß), spindeldürr, nicht besonders temperamentvoll, unan­genehme Kreatur, humorlos und verdrießlich beschrieben. Vielleicht war es die Begeisterung für die Luftfahrt, welche die beiden zusammenschweißte? Zusammen mit ihrem Gatten Jean-Pierre schwebte Sophie mit einem Ballon in zweieinhalb Stunden von Frankreich (Calais) über den Ärmelkanal nach England (Dover). Bald unternahm sie alleine Ballonfahrten. Außerdem sah man das Ehepaar Blanchard bei Ballon­aufstiegen in vielen europäischen Großstädten.

Während seiner 60. Ballonfahrt über dem niederländischen Den Haag erlitt erlitt Jean-Pierre Blanchard einen Schlaganfall. Er konnte zwar noch sicher landen, starb aber kurz darauf am 7. März 1809 im Alter von 55 Jahren in Paris. Später hat man einen Mondkrater mit einem Durchmesser von 40 Kilometern nach ihm benannt.

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Absturz von Sophie Blanchard am 16. Juli 1819 in der Rue de Provence in Paris Bild: Reproduktion einer Gravierung aus dem Buch „Album of science famous scientist discoveries“ 1899

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Details

Titel
Sophie Blanchard. Die erste professionelle Luftschifferin
Autor
Jahr
2010
Seiten
61
Katalognummer
V147102
ISBN (eBook)
9783640574551
ISBN (Buch)
9783656848080
Dateigröße
2852 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Sophie Blanchard, Ernst Probst, Luftfahrt, Luftschifferin, Ballonfahrerin, Frauenbiografien, Biografien, Kurzbiografien
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2010, Sophie Blanchard. Die erste professionelle Luftschifferin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147102

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